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Türkische Community gespalten: Erdogan-Putschversuch sät Zwietracht

Türkische Community gespalten  

Putschversuch sät in Deutschland Zwietracht

18.07.2018, 12:18 Uhr | ark, t-online.de

Türkische Community gespalten: Erdogan-Putschversuch sät Zwietracht. Ein Wahlplakat der 2016 gegründeten "Allianz Deutscher Demokraten" in Köln: Die Wählervereinigung steht dem türkischen Präsidenten Erdogan nahe und richtet sich an türkischstämmige Wähler in Deutschland. (Quelle: dpa/Henning Kaiser)

Ein Wahlplakat der 2016 gegründeten "Allianz Deutscher Demokraten" in Köln: Die Wählervereinigung steht dem türkischen Präsidenten Erdogan nahe und richtet sich an türkischstämmige Wähler in Deutschland. (Quelle: Henning Kaiser/dpa)

Der Putschversuch von 2016 hat die türkische Community in Deutschland gespalten. Vor allem Erdogan-Anhänger verstehen es als "Dienst am Vaterland", "Volksverräter" zu denunzieren. Dennoch bleibt das Konfliktpotenzial gering.

Wenn Murat T. morgens um 8 Uhr seine Wohnung nahe Köln verlässt, blickt er zurück zu seinen winkenden Kindern und oft genug in den Himmel über seinem Kopf. Diese Freiheit wurde ihm in seiner Heimat, der Türkei, geraubt. Heute ist sie ihm in Deutschland umso wichtiger, genauso wie endlich wieder mit seiner Familie zusammen sein zu können.

Murat T. saß ohne genaue Anschuldigungen sechs Monate in einem türkischen Gefängnis in Untersuchungshaft, teilte mit Tausenden unschuldiger Menschen dasselbe Schicksal. Nur mit Glück kam er frei. 

Sechs Monate in Untersuchungshaft

"Als ich sah, dass meine Freiheit nicht mehr in meiner Hand lag, sondern von der Laune eines Richters abhing, konnte ich mich selbst nach meiner Entlassung nicht frei fühlen", erinnert sich der Jurist. Vor wenigen Monaten ist er über die gefährliche Grenze zu Griechenland zu Fuß geflohen. Der Weg führt über Berge und den wilden Fluss Evros. Der reißende Strom kostete bereits Familien das Leben. Nicht so Murats Familie: Er schaffte es, mit viel Glück, sie nach Deutschland zu holen.

Der 43-Jährige ist nicht der einzige türkische Flüchtling, der trotz der Gefahren im Winter nach Deutschland aufbrach. Nach dem Putschversuch 2016 stieg die Zahl der Asylbewerber aus der Türkei stetig. Während den deutschen Behörden 2016 noch 5742 Asylanträge aus der Türkei vorlagen, stieg diese Zahl im Jahr 2017 auf 8483. Im Januar und Februar 2018 stellten bereits 1429 türkische Staatsbürger einen Antrag auf Asyl. Zugleich stieg auch die Schutzquote möglicherweise deutlich an. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden in den ersten Monaten 2018 bereits 42,3 Prozent der Anträge positiv entschieden. Im Jahr 2017 lag die Gesamtschutzquote bei 28,1 Prozent.

Freundschaften haben Grenzen

Auch das derzeitige diplomatische Tauwetter zwischen Berlin und Ankara hat offenbar bislang keine negativen Auswirkungen auf den politischen Schutz gehabt. Zwar fährt Deutschland keinen harten Kurs gegenüber der Türkei. Der völkerrechtlich bedenkliche Militäreinsatz im nordsyrischen Afrin wird mit Rüstungsgütern indirekt unterstützt. Dennoch ist die Haltung in der Flüchtlingsfrage ein klares Statement an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: Wir sind Freunde, aber auch Freundschaften haben ihre Grenzen.

Alles andere würde Erdogan in die Karten spielen. Denn genau das ist es, was Erdogan in Staaten erreicht hat, die wenig bis kaum Respekt gegenüber ihrer eigenen Verfassung zeigen und Gesetze für diplomatische und wirtschaftliche Interessen brechen. In anderen Ländern erreichte er zum Beispiel, dass türkische Oppositionelle abgelehnt und abgeschoben wurden. So beispielsweise in Malaysia, Kasachstan und Pakistan.

Flucht nach Deutschland

Doch warum kommen Türken, die vor Erdogan flüchten, ausgerechnet in das Land, in dem die meisten Türkeistämmigen außerhalb der Türkei leben? Trotz Organisationen wie der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD)  oder der "Osmanen Germania BC", deren Vertreter, wie in anderen Medien bereits berichtet, hier in Deutschland Personen ausspähen, denunzieren und bedrohen?

Auch das hat einerseits mit dem intakten Rechtssystem der Bundesrepublik zu tun. Die Verfolgten wissen, dass Deutschland sie nicht einfach zurück in Erdogans Hände übergeben würde. Andererseits wollen die Geflüchteten, die in ihrer Heimat eine akademische oder unternehmerische Karrieren begonnen hatten, ihre Ambitionen in Deutschland verwirklichen. Für viele ist es das erste Ziel, schnellstmöglich Deutsch zu lernen und eine Arbeit zu finden.

Das heißt auch: Viele der türkischen Geflüchteten sind potenzielle Steuerzahler. Als Starthilfe benötigen sie zum einen selbst finanzielle und strukturelle Unterstützung. Zum anderen haben sie in Deutschland bereits Netzwerke, die sie in Anspruch nehmen und auf dessen Unterstützung sie im Alltag zählen können.

Vertrauen kommt für sie an erster Stelle. Denn: Wer genau vom türkischen Geheimdienst MIT als Quelle angezapft wurde oder wird, ist angesichts der antidemokratischen Situation in der Türkei schlicht unüberschaubar. Dies gilt gleichermaßen für verfolgte Kurden als auch für Anhänger Fethullah Gülens. Dem Prediger, der im US-amerikanischen Exil lebt, wird seitens der türkischen Regierung vorgeworfen, der Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 zu sein. Bislang fehlen hierfür jegliche Belege, was westliche Geheimdienst-Experten immer wieder unterstreichen. Während die Gülen-nahe Stiftung Dialog und Bildung in Berlin von rund 60.000 bis 80.000 Anhängern in Deutschland ausgeht, schätzt die Kurdische Gemeinde die Zahl der Kurden in Deutschland auf etwa eine Million.

Auf der kurdischen Seite gibt es eine ähnliche Unterstützungswelle: "Ich kannte hier niemanden. Über Freunde habe ich dann vertrauenswürdige Kontakte gefunden", sagt Sahin Ceylan, der in Köln lebt. Auch er ist wie Murat über den Grenzfluss Evros geflohen. Seine Kinder hat er Zuhause zurückgelassen: "Ich möchte sie so schnell wie möglich zurückholen", sagt er mit leichten Tränen in den Augen. Bevor das geschieht, muss er aber noch auf einen positiven Asylbescheid warten.

Eskalation unwahrscheinlich

Selbst wenn die Geflüchteten aus den eigenen Reihen Rückendeckung bekommen, besteht bei ihnen dennoch die Furcht vor den zahlreichen Erdogan-Fans in Deutschland. "Wir treten nur mit Menschen in Kontakt, die uns von Vertrauten vermittelt werden. Wir meiden die türkische Community, die hier seit langem lebt. Es wäre sonst wohl nicht zu verhindern, dass uns jemand an die Regierung verrät", glaubt Murat T.

Die Geflüchteten meiden indes Kulturvereine, Hochzeitsfeiern oder türkische Geschäfte. Dort ist der türkische Geheimdienst aktiv und nutzt viele Helfer und Helfershelfer, um an Informationen über geflüchtete Zivilisten zu kommen. Solchen Problemen und Unannehmlichkeiten wollen die Exil-Türken aus dem Weg gehen, um ihr neues Leben in Deutschland nicht zu gefährden. Der Familienvater Murat T. möchte ohnehin, dass seine Kinder eher mit deutschen Kindern befreundet sind, damit sie die Sprache schnell lernen und sich integrieren können. Er weiß: "Wir wollen uns nicht wie die Gastarbeitergeneration und ihre Kinder isolieren lassen."

Genau diese isolierte und in Ghettos in der Peripherie großer Städte verteilte deutsch-türkische Community war immer wieder Ziel der Indoktrination und Propaganda türkischer Regierungen, ihrer deutschen Lobbyorganisationen und der Fake-News-produzierenden Medien. Daraus ein generelles Integrationsproblem der Türken in Deutschland abzuleiten, greift indes zu kurz. Die Türken sind heute die am besten integrierte Minderheit Deutschlands und leisteten einen erheblichen Beitrag zur wirtschaftlichen Kraft der heutigen Bundesrepublik.

Konflikte prägen nicht die Öffentlichkeit

Bei vielen Erdogan-Fans ist mittlerweile eine Einsicht eingekehrt: Sie wissen, dass ihr Lebensmittelpunkt in Deutschland ist. In die Türkei würden nur die Wenigsten auswandern. "Klar stehe ich hinter Erdogan. Er hat die Türkei weit vorangebracht", meint der Düsseldorfer Yilmaz Yanar, der für ein Düsseldorfer Gastronomieunternehmen arbeitet: "Aber ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe eigentlich nicht vor, in die Türkei zu ziehen."

Auch Yilmaz Yanar zeigt, dass jeder in der Community eine politische Meinung hat und ja, der Großteil steht hinter den Handlungen von Staatspräsident Erdogan, aber sie tragen die politischen Konflikte eher nicht in die Öffentlichkeit. Es sind vereinzelte Fanatiker und Radikale die Konflikte provozieren und medienwirksam auffallen.

Die ruhige und besonnene Reaktion der Deutsch-Türken auf die aktuelle Anschlagsserie auf türkische Läden und Moscheen in Deutschland zeigt paradoxerweise: Diese Community ist insgesamt friedfertig. Die Türken in Deutschland stellen keine Gefahr für die innere Sicherheit dar. Übrigens: Das haben sie noch nie.

Der 29-jährige Yilmaz ist gleichzeitig in seinem örtlichen Moscheeverein aktiv: "Wir leisten gute ehrenamtliche Arbeit und das schon seit Jahren. Das lassen wir uns von ein paar Radikalen auch nicht kaputtmachen."

Mit Gülen-Anhängern oder Öcalan-Fans würde Yilmaz aber keinen Tee trinken. Dennoch: "Mir ist es egal, wenn sie mal in unsere Moschee kommen oder wenn wir mal im selben Lokal sitzen. Aber befreundet sein möchte ich mit ihnen nicht."

Ja, es gibt sie, die Parallelwelt zwischen Deutsch-Türken und Geflücheteten. Sie ist allerdings vielschichtig und teilt sich auf in die individuellen Lebensrealitäten von Kurden, Laizistisch-Konservativen, Erdogan-, Gülen- und Öcalan-Fans. Die Liste ist endlos. Denn so gespalten wie heute war die türkische Community in Deutschland noch nie. Auch das ist eine Folge von Erdogans kontrollierter Eskalationspolitik.

Verwendete Quellen:
  • eigene Recherchen

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