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Die h├Ąssliche Fratze des Kapitalismus

Ein Gastbeitrag von Carsten Schneider (SPD)

Aktualisiert am 05.10.2020Lesedauer: 5 Min.
Das Druck- und Verlagshaus der "Th├╝ringer Allgemeinen" (Archivbild): Das Ende des Zeitungsdrucks in Erfurt ist ein gef├Ąhrliches Signal, meint Carsten Schneider.
Das Druck- und Verlagshaus der "Th├╝ringer Allgemeinen" (Archivbild): Das Ende des Zeitungsdrucks in Erfurt ist ein gef├Ąhrliches Signal, meint Carsten Schneider. (Quelle: Karina Hessland/imago-images-bilder)
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Es ist eine lokale Nachricht, hat aber f├╝r Deutschland Bedeutung: In Erfurt will ein Medienkonzern eine Druckerei schlie├čen. Das Fundament der Demokratie ist ber├╝hrt, schreibt Carsten Schneider (SPD) im Gastbeitrag.

Was waren das f├╝r warme Worte am Wochenende! 30 Jahre Einheit. Vieles erreicht, einiges bleibt noch zu tun. Aber die Bilanz: Alles in allem positiv.
Und ja, es stimmt nat├╝rlich: Weite Teile Ostdeutschlands haben sich positiv entwickelt. Allerdings hat sich der wirtschaftliche Angleichungsprozess verlangsamt, nennenswerte Konzernzentralen gibt es kaum, und auch bei der gesellschaftlichen Repr├Ąsentation in Unternehmen, Justiz, Medien und Wissenschaft stimmen die Verh├Ąltnisse nicht. Das hat Auswirkungen auf die Stabilit├Ąt unserer Demokratie, die in den vergangenen Jahren und aktuell w├Ąhrend der Pandemie unter Druck geraten ist.

Eine funktionierende Demokratie hat viele Voraussetzungen. Eine besonders wichtige ist die freie und plurale Berichterstattung der Medien.

Rendite ist bisweilen wichtiger

Leider gibt es immer wieder Beispiele, dass Unternehmen die ├Âkonomische Rendite wichtiger ist als ihr demokratischer Beitrag.

Der j├╝ngste Fall: die Funke Mediengruppe aus Essen, die in Th├╝ringen drei Zeitungstitel und damit eine marktbeherrschende Stellung hat. Da lohnt es sich nat├╝rlich, auch eine eigene Druckerei zu betreiben. Oder besser gesagt: lohnte. Denn Funke will das traditionsreiche Druckzentrum in Erfurt, in dem 270 Mitarbeiter besch├Ąftigt sind, schlie├čen. K├╝nftig sollen die Zeitungen in Braunschweig gedruckt werden.

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Carsten Schneider ist Erster Parlamentarischer Gesch├Ąftsf├╝hrer der SPD-Fraktion im Bundestag. Er wurde 1976 in Erfurt geboren, wuchs in der N├Ąhe von Weimar auf und vertritt den Wahlkreis Erfurt ÔÇô Weimar ÔÇô Weimarer Land II im Bundestag.

Dem Konzern scheint die Verantwortung f├╝r die Leser, an denen man jahrzehntelang gut verdient hat, und der eigene Beitrag zur politischen Meinungsbildung egal zu sein. So egal, dass es wohl eher eine zuf├Ąllige bittere Pointe ist, dass dem ehemals stolzen Traditionshaus Funke gerade im 30. Jahr der Deutschen Einheit die Verantwortung aus der jungen Geschichte der demokratischen Selbsterm├Ąchtigung offenbar so wenig wert ist.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Damals zur Wendezeit.
Die Demonstrationen im Herbst 1989 f├╝hrten in Erfurt auch am Redaktionsgeb├Ąude der SED-Zeitung "Das Volk" vorbei. Die Menge skandierte damals "Schreibt die Wahrheit". Eine Gruppe Redakteure erkannte die Zeichen der Zeit. Als erste Bezirkszeitung sagte sie sich von der SED los und erschien am 13. Januar 1990 unter dem Titel "Th├╝ringer Allgemeine". Dieser in den Endtagen der DDR noch immer mutige Schritt w├Ąre verpufft, h├Ątten sich nicht die Drucker der Zeitung mit der Redaktion verb├╝ndet.

"Die ganzen alten Leser auch"

In der Anfangszeit machte das Team um den gew├Ąhlten Chefredakteur Sergej Lochthofen vieles richtig. Die Besch├Ąftigten gr├╝ndeten eine Mitarbeitergesellschaft und f├╝hrten Verhandlungen mit potenziellen Partnern. Gro├če westdeutsche Verlage gaben sich die Klinke in die Hand. Das Rennen machte schlie├člich die WAZ aus Essen. Der Konzern versprach redaktionelle Unabh├Ąngigkeit und gro├če Investitionen.

Die WAZ sicherte sich auch zwei weitere Titel im Land, die "Th├╝ringische Landeszeitung" und die "Ostth├╝ringer Zeitung". Im Osten wurde das WAZ-Modell kopiert ÔÇô autarke Redaktionen, die beim Anzeigengesch├Ąft, der Werbung oder beim Druck von gemeinsamen Service-Gesellschaften betreut wurden. Bei einem Besuch soll der damalige Bundeswirtschaftsminister G├╝nter Rexrodt den Chefredakteur gefragt haben: "Stimmt es, dass Sie noch die ganzen alten Redakteure haben?" Sergej Lochthofen antwortete: "Ja. Was noch schlimmer ist ÔÇô die ganzen alten Leser auch."

In der Tat hielt die Leserschaft ihrer Zeitung zun├Ąchst in gro├čer Zahl die Treue. Doch von Anfang an ging die Auflage zur├╝ck. Die gedruckte Auflage war bei etwa 340.000 Exemplaren gestartet und sackte Jahr f├╝r Jahr um einige Prozentpunkte ab. Heute ist nur noch ungef├Ąhr ein Drittel der urspr├╝nglichen Leseranzahl ├╝brig. Zur Wahrheit geh├Ârt aber auch, dass die Th├╝ringer Bev├Âlkerung geschrumpft ist. Heute lebt im Freistaat rund eine halbe Million Menschen weniger als vor 30 Jahren.

Die Auflagenverluste wurden in den Anfangsjahren durch steigende Abo-Preise mehr als ausgeglichen und die Redaktion konnte weitgehend unbehelligt arbeiten. Personell legte sie sogar leicht zu.

Erste Zombie-Zeitung der Republik

Nach der Jahrtausendwende tr├╝bte sich das Bild merklich ein und die Ausgaben wurden wie so oft zuerst beim Personal gek├╝rzt. Doch mit einer Stelle hier oder da war es bald nicht mehr getan. Im Druckzentrum wurde nachhaltig abgebaut, die ganze Vorstufe verschwand. Havarien geh├Ârten immer h├Ąufiger zum Alltag. Mit Geschick und Einfallsreichtum retteten die Drucker Nacht f├╝r Nacht die Auflage. Der Leiter des Druckhauses, der auf die Defizite hinwies, flog einfach raus. In Gera wurde die Druckerei schlie├člich ganz geschlossen.

Auch f├╝r den Mutterkonzern (heute Funke Mediengruppe) begannen h├Ąrtere Zeiten. Das vielgepriesene WAZ-Modell geriet an seine Grenzen. Im Jahr 2013 wurde bis auf den Chefredakteur die ganze Redaktion der "Westf├Ąlischen Rundschau" (WR) entlassen. Seitdem wird das Blatt mit Inhalten aus anderen Redaktionen gef├╝llt, die WR gilt damit als erste Zombie-Zeitung der Republik. Wichtige Entscheidungen, etwa eine Digital-Strategie zu verfolgen, wurden nicht oder nur sp├Ąt getroffen. Nach der Einf├╝hrung des Mindestlohns nutzte man zudem die einger├Ąumte ├ťbergangsfrist f├╝r die Zeitungszusteller nur zum Teil. Als es ├ťberlegungen gab, auf die Druckausgabe in den l├Ąndlichen Gebieten ganz zu verzichten, versuchte die Konzernzentrale schnell zu beschwichtigen.

Helmut Kohl: 1994 kam der damalige Bundeskanzler zur Er├Âffnung des neuen Druckhauses der WAZ-Gruppe bei Erfurt.
Helmut Kohl: 1994 kam der damalige Bundeskanzler zur Er├Âffnung des neuen Druckhauses der WAZ-Gruppe bei Erfurt. (Quelle: Ralf Hirschberger/dpa-bilder)

Doch nun straften die Funke-Verantwortlichen sich selbst L├╝gen und k├╝ndigten an, das Erfurter Druckzentrum zu schlie├čen. Die Begr├╝ndung: Investitionen in den Druckstandort Erfurt seien "aufgrund sinkender Druckauflagen" nicht zu verantworten. Das ist ein schlechtes Omen. Von der Schlie├čung der Druckerei ist es nicht mehr weit zur kompletten redaktionellen Gestaltung von Berlin oder Essen aus. Schon jetzt werden wesentliche redaktionelle Inhalte der Th├╝ringer Tageszeitungen andernorts produziert.

Journalismus muss vor Ort stattfinden

Das ist kein Einzelfall, viele gro├če Regionalzeitungsverlage arbeiten so. Und dass, obwohl es f├╝r die Leser-Blatt-Bindung und damit auch den wirtschaftlichen Erfolg entscheidend ist, die Empfindungen und Sichtweisen der Menschen im Verbreitungsgebiet einer Zeitung genau zu kennen. Dies gilt nicht nur f├╝r die Inhalte, sondern auch f├╝r die Priorit├Ąten bei der Themenauswahl. Wer eine regionale Tageszeitung abonniert, darf eine Berichterstattung mit regionalspezifischer Sach- und Kulturkenntnis erwarten.

Beispielsweise interessieren sich Leserinnen und Leser in den ostdeutschen L├Ąndern st├Ąrker f├╝r soziale Themen, was nat├╝rlich auch ├Âkonomische Gr├╝nde hat. Oder nehmen wir die internationale Politik: Wer Kommentare ver├Âffentlicht, die ohne Kenntnis der jeweiligen kulturellen Lebenserfahrungen verfasst sind, sollte sich ├╝ber eine wachsende Distanz zur Leserschaft und ├╝ber Abok├╝ndigungen nicht wundern.

Mit der Schlie├čung der Druckerei werden Erinnerungen an die Zerschlagung der Th├╝ringer Kali-Industrie wieder wach. Das Kali-Werk in Bischofferode war Anfang der Neunzigerjahre zum Symbol der Proteste gegen die Treuhandanstalt geworden. Die Welle der Solidarit├Ąt erfasste ganz Ostdeutschland. Der Slogan hie├č: "Bischofferode ist ├╝berall".

Im aktuellen Fall geht es aber um viel mehr als nur um die Arbeitspl├Ątze: Wer jetzt in Th├╝ringen diese Druckerei schlie├čt, nimmt gerade den ├Ąlteren Menschen eine wichtige Informationsquelle. F├╝r die Glaubw├╝rdigkeit in der Berichterstattung ist die regionale Verankerung entscheidend. Wie wichtig politische Wissensvermittlung ist, k├Ânnen wohl zuerst die erkl├Ąren, denen das Wahlverhalten der Ostdeutschen unverst├Ąndlich ist. Bei diesen Entscheidungen in einer westdeutschen Konzernzentrale geht es um nichts geringeres als die Stabilit├Ąt unseres demokratischen Gemeinwesens. Die Funke-Gruppe t├Ąte gut daran, sie zu ├╝berdenken.

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Die in Gastbeitr├Ągen ge├Ąu├čerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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