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"Wenn das alles vorbei ist, wirst du an einem Baum hängen"

Von Nora Schiemann, Daniel MĂĽtzel

Aktualisiert am 30.12.2021Lesedauer: 4 Min.
Demonstration gegen die Anti-Corona-Maßnahmen in Leipzig im November 2020: Die Gewalt wächst.
Demonstration gegen die Anti-Corona-Maßnahmen in Leipzig im November 2020: Die Gewalt wächst. (Quelle: opokupix/imago-images-bilder)
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Beleidigungen, Drohungen, körperliche Angriffe –

Gewalt gegen Journalisten und Journalistinnen nimmt zu. Seit der Hashtag #AusgebranntePresse auf Twitter ins Leben gerufen wurde, berichten Medienschaffende von ihren dunkelsten Erlebnissen während der Arbeit. Es beginnt bei Beleidigungen im Netz und reicht bis zu physischer Gewalt.

Eine der Betroffenen, die unter dem Hashtag getwittert hat, ist Sophia Maier, Journalistin bei "Stern TV". Sie berichtet für die Sendung häufiger von Demonstrationen. Dort seien "verbale Beleidigungen wie 'Lügenpresse' oder 'Hau ab, du dumme Fotze' eigentlich Standard", erzählt sie t-online.

Besonders eine Demo in Berlin im September 2021 sei ihr im Kopf geblieben. "Ein Mann hat sich auf mich gestürzt, mir mein Handy aus der Hand gerissen und meinte wortwörtlich: 'Das nächste Mal bist du fällig'", so die Journalistin im Gespräch mit t-online.

Dadurch, dass sie im Fernsehen vor der Kamera agiere, seien die Beleidigungen viel persönlicher. "Teilweise sind sie auch auf mein Frausein gemünzt". Der antisemitische Verschwörungsideologe Attila Hildmann habe ihren Tweet zu #AusgebranntePresse sowie Videos von ihr auf Demos in Telegram-Gruppen geteilt. Einer der Kommentare lautete: "Diese Schlampe, noch nicht einmal ficken würde ich so eine Dreckshure, man sollte ihr richtig ihre Fresse einschlagen". Maier sieht darin einen enormen Unterschied, was die weibliche Berichterstattung angeht. "Da wirst du schnell mit Sexismus konfrontiert in der Art der verbalen Auswüchse".

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"Feinde des unabhängigen Journalismus"

Dass besonders Frauen im Medienbereich von sexualisierten Bedrohungen betroffen sind, bestätigt auch Lutz Kinkel, Direktor des European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF), im Gespräch mit t-online.

Neu seien die Übergriffe auf Journalisten und Journalistinnen allerdings nicht, so der Experte. Gewalttätige Angriffe gebe es verstärkt seit 2015, doch mit der Pandemie und den Corona-Maßnahmen haben die Angriffe gegen Medienschaffende 2021 erneut einen Höhepunkt erreicht.

69 gewalttätige Übergriffe habe es 2020 laut einer Recherche des ECPMF gegeben, das jeden Fall "sorgfältig" überprüfe, so Kinkel. 2021 zählt die Organisation insgesamt 106 Pressefreiheitsverletzungen (bis zum Stichtag 15. Dezember), darunter verbale Bedrohungen und körperliche Gewalt.

Medienaktivistin filmt mit ihrem Telefon eine Demonstration: Die Angriffe gegen Medienschaffende haben erneut einen Höhepunkt erreicht, sagt Lutz Kinkel.
Medienaktivistin filmt mit ihrem Telefon eine Demonstration: Die Angriffe gegen Medienschaffende haben erneut einen Höhepunkt erreicht, sagt Lutz Kinkel. (Quelle: Marius Schwarz/imago-images-bilder)

Die Zahlen seien nur vorläufig, gibt Kinkel zu bedenken, am Ende könnte die Zahl noch höher sein. Die Schlussfolgerung sei jedoch klar: "Es zeichnet sich ab, dass sich die Feinde des unabhängigen Journalismus im Jahr 2021 weiter radikalisiert haben."

Hass, Gewalt, Todeslisten – weil man seine Arbeit macht

Anfeindungen erlebte auch Julius Geiler, Journalist beim "Tagesspiegel", der ebenfalls unter dem Hashtag #AusgebranntePresse seine Erfahrungen teilte. Seit Beginn der Corona-Proteste habe er viel Hass abbekommen – auf Demos und vor allem im Netz.

Im Dezember wurde er zum ersten Mal auch körperlich attackiert, als er eine Neonazi-Gruppe bei einer Protestaktion gefilmt habe. "Kollegen, die versucht haben, mir zu helfen, wurden selbst angegriffen, einer davon wurde verletzt", sagt Geiler t-online.

Beleidigungen in sozialen Netzwerken treffen den Journalisten eigentlich gar nicht mehr, sagt er. Vor allem der Hass von Angesicht zu Angesicht schockiere ihn besonders. "Normalerweise haben viele nur im Netz den Mut und nicht auf der Straße. Doch auf einer Demonstration vor einem Jahr haben mir zwei Teilnehmer in einem Interview mitgeteilt: 'Wenn das alles vorbei ist, wirst du an einem Baum hängen'", so der "Tagesspiegel"-Redakteur.

Solche Vorfälle hinterlassen Spuren: "Das Sicherheitsgefühl nimmt kontinuierlich ab", sagt Geiler. Auch die Journalistin Maier von "Stern TV" räumt ein: "Man macht sich schon seine Gedanken. Es gibt Todeslisten, auf denen nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten stehen. Es ist eine Minderheit, die hat aber ein riesiges Gewaltpotenzial", sagt sie.

Pressefeindliche Einstellungen auch in der Polizei

Ist die verdeckte Recherche auf Demos eine Alternative? ECPMF-Direktor Kinkel vertritt dazu eine klare Meinung: "Es widerspricht der journalistischen Ethik, sich zu verstecken. Man sollte offen und geschützt sagen können, dass man Journalist ist".

Gleichwohl könne er es Journalisten nicht übel nehmen, wenn sie auf Demos ihren Presseausweis nicht mehr sichtbar über der Kleidung tragen oder statt einer Kamera ihre Smartphones nutzen, um nicht sofort erkennbar zu sein.

Demonstrationen gegen die Corona-Politik: Leider gebe es auch bei Polizisten vereinzelt "pressefeindliche Einstellungen", so Kinkel.
Demonstrationen gegen die Corona-Politik: Leider gebe es auch bei Polizisten vereinzelt "pressefeindliche Einstellungen", so Kinkel. (Quelle: Future Image)

Kinkel nennt die Erlebnisse, die Medienschaffende unter #AusgebranntePresse derzeit teilen, "verstörend" und zugleich "ärgerlich", denn: "Es gibt Instrumente, um Journalisten besser zu schützen." Dazu gehörten etwa eine bessere Vorbereitung durch die eigenen Medienhäuser oder Schulungen bei der Polizei, um den Beamten vor Ort klarzumachen, dass Pressevertreter "die Augen und Ohren der Öffentlichkeit" und damit besonders zu schützen seien. Leider gebe es auch bei Polizisten vereinzelt "pressefeindliche Einstellungen", so Kinkel.

Angriffe im Netz

Doch nicht nur die Angriffe vor Ort, sondern auch in sozialen Netzwerken nehmen zu. Journalisten von t-online sind ebenfalls davon betroffen: So wird Lars Wienand, Leitender Redakteur Recherche, von führenden Köpfen der "Querdenker"-Szene in Livestreams und Postings regelmäßig als Feindbild markiert.

Der Rechtsanwalt Ralf Ludwig, einer der engsten Vertrauten von "Querdenken"-Gründer Michael Ballweg, kündigte etwa mehrmals an, Wienand in Spanien wegen Volksverhetzung anklagen zu wollen, weil sich dort lebende Deutsche von dessen Berichterstattung angegriffen gefühlt hätten. In einem Telegram-Kanal postet zudem ein bekannter Schwindelarzt der "Querdenker"-Szene immer wieder Inhalte, die Wienand einschüchtern sollen. Etwa Musikvideos, in denen es etwa heißt: "Lars, du bist im Arsch."

In anderen Kanälen wird Wienand als "Verbrecher" verunglimpft. Was macht das mit einem, wenn radikale Corona-Leugner sich permanent an einem abarbeiten – stets mit dem Zungenschlag der Bedrohung, man könne auch Ernst machen? "Das ist natürlich Unsinn. Aber man grübelt schon manchmal darüber, weil Leute auch anderen Quatsch für bare Münzen genommen haben und durch die ständigen Wiederholungen in ihrem Hass weiter befeuert werden."

Journalistische Selbstzensur droht

Bedrohungen in sozialen Netzwerken oder auf Demonstrationen können erhebliche Folgen für die Berichterstattung haben. "Erfahrungen von Gewalt, manchmal bis hin zur Traumatisierung, können zur journalistischen Selbstzensur führen", sagt Kinkel vom ECPMF. "Wenn Journalisten nicht mehr auf Demos gehen und von dort berichten, dann entstehen blinde Flecken in der Berichterstattung". Auf lange Sicht gefährde das die Pressefreiheit in Deutschland.

"Wir müssen etwas tun, Demos sind der gefährlichste Arbeitsort für Journalisten", warnt Kinkel und meint damit auch die Politik, die es verschlafen hat, ein entsprechendes Konzept des Presserates für den besseren Schutz von Journalisten – die "Verhaltensgrundsätze für Medien und Polizei" – umzusetzen.

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