Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Die Politik hat die Alarmzeichen zu lange ignoriert

Ein Gastbeitrag von Meron Mendel

Aktualisiert am 11.10.2019Lesedauer: 3 Min.
Trauernde stellen Kerzen vor die Synagoge in Halle: Es reicht nicht aus, sich nur zum Ziel zu setzen, das j├╝dische Leben in Deutschland mit Polizei und Stacheldraht zu sch├╝tzen, meint unser Gastautor Dr. Meron Mendel.
Trauernde stellen Kerzen vor die Synagoge in Halle: Es reicht nicht aus, sich nur zum Ziel zu setzen, das j├╝dische Leben in Deutschland mit Polizei und Stacheldraht zu sch├╝tzen, meint unser Gastautor Dr. Meron Mendel. (Quelle: Hannibal Hanschke/Reuters-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Was muss geschehen nach dem Rechtsterror von Halle? Die Politik will den Schutz der j├╝dischen Gemeinden erh├Âhen. Das reicht l├Ąngst nicht, meint Meron Mendel.

Die Politik verspricht nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag von Halle, die Sicherheitsvorkehrungen f├╝r j├╝dische Gemeinden in Deutschland zu erh├Âhen. Dabei d├╝rfte eigentlich niemand ├╝berrascht sein ├╝ber die Gewalt, meint der Direktor der Bildungsst├Ątte Anne Frank, Meron Mendel. Es gebe eine Kontinuit├Ąt rechten Terrors in Deutschland. Und mehr Polizei und Stacheldraht l├Âse die eigentlichen Probleme nicht, schreibt Mendel in seinem Gastbeitrag f├╝r t-online.de.

Zwischenbilanz: Die Rechten haben gewonnen. Nicht nur auf der Stra├če, sondern auch und vor allem in unseren K├Âpfen. Ihre Logik hat gewonnen: die Logik, wonach Juden im normalen Alltag die Kippa verstecken, unter Polizeischutz und hinter Z├Ąunen leben sollen. Diese Logik werden wir nicht allein dadurch durchbrechen, dass wir h├Âhere Z├Ąune, st├Ąrkere T├╝ren und bessere Verstecke erhalten. Wir durchbrechen sie ausschlie├člich dann, wenn wir Verh├Ąltnisse schaffen, in denen dieser Schutz nicht mehr n├Âtig ist.

Das Entsetzen und die Trauer ├╝ber den Anschlag auf die Synagoge in Halle gehen durch alle Bev├Âlkerungsschichten. Inbr├╝nstig werden Solidarit├Ątsbekundungen mit Juden vorgetragen, von Politikern aller Parteien. Diese entsetzliche Tat kann aber niemanden ernsthaft ├╝berraschen, der sich in den vergangenen Jahren mit rechter, rassistischer und antisemitischer Hetze und Gewalt besch├Ąftigt hat.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
"Der Bundeskanzler will nicht, dass die Ukraine gewinnt"
Roderich Kiesewetter (CDU) bei "Anne Will": Isoliert sich Deutschland im Ukraine-Konflikt von der EU?


Eine Kontinuit├Ąt rechten Terrors

Der antisemitische und rassistische Anschlag von Halle steht in einer ungebrochenen Kontinuit├Ąt rechten Terrors in Deutschland. Seit dem Mauerfall, an den in diesem Herbst erinnert wird, sind in Deutschland rund 200 Menschen durch Rechtsextremisten get├Âtet worden, tausende Angriffe sind registriert. Sp├Ątestens seit Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) wissen wir, dass wir es mit gefestigten und hochorganisierten rechtsterroristischen Strukturen zu tun haben.

Der Autor Dr. Meron Mendel ist Direktor der Bildungsst├Ątte Anne Frank in Frankfurt. Sie engagiert sich unter anderem in der Extremismuspr├Ąvention. Mendel hat Erziehungswissenschaften und J├╝dische Geschichte in Israel und in Deutschland studiert.

Die Forderung nach besserem Polizeischutz f├╝r j├╝dische Einrichtungen wird von Juden und Nicht-Juden geteilt. Es ist nat├╝rlich verst├Ąndlich, dass die Frage gestellt wird, warum die Synagoge an Yom Kippur nicht von der Polizei bewacht wurde. Hinter dieser Frage steckt aber schon die Resignation: Es ist inzwischen unvorstellbar geworden, dass ein j├╝disches Gotteshaus ohne bewaffneten Schutz auskommt. Solche Angriffe werden zunehmend zur Normalit├Ąt. Zur Erinnerung: Als 2014 ein Brandanschlag auf eine Synagoge in Wuppertal ver├╝bt wurde, nahm die Politik und die ├ľffentlichkeit diesen ohne besondere Regung zur Kenntnis. Die Richter empfanden diese Tat sogar als "nicht judenfeindlich".

Mehr Polizei, mehr Stacheldr├Ąhte

Mehr Polizeischutz, Stacheldr├Ąhte und Metalldetektoren ÔÇô das wird in Zukunft noch st├Ąrker ein Teil des Alltags der Juden hierzulande sein. An dieser Feststellung kann inzwischen keiner zweifeln. Nachdem vor kurzem der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, Juden davon abriet, ├╝berall in Deutschland die Kippa zu tragen, liegt jetzt die Idee nah, alle Juden zu Selbstverteidigungskursen zu schicken.

Es ist kaum verwunderlich, dass die Perspektive eines Lebens unter st├Ąndiger Bedrohung ÔÇô von allt├Ąglichen Beschimpfungen bis hin zu Mordanschl├Ągen ÔÇô f├╝r viele Juden immer weniger attraktiv erscheint. Wir Juden stellen uns t├Ąglich die Frage, ob diese Bedingungen noch zumutbar sind oder nicht. Wann ist die Grenze ├╝berschritten, wann muss dies entschieden werden und wer entscheidet, was das bedeutet?

Viele Politiker versuchen gerade, sich mit Law-and-Order-Phrasen zu profilieren. Ich pers├Ânlich empfinde es aber nicht als Gewinn, nur unter hermetischen Sicherheitsbestimmungen am ├Âffentlichen Leben teilnehmen zu k├Ânnen. Ich kann mich ├╝ber das Versprechen sicherer T├╝ren und h├Âherer Mauern nicht freuen ÔÇô schon gar nicht als letztes Ziel einer Politik gegen Antisemitismus. Auch die st├Ąrksten Sicherheitsma├čnahmen sind ├╝berwindlich. Sie nutzen wenig, wenn die Saat des Hasses jeden Tag neu aufgeht.

Den N├Ąhrboden bek├Ąmpfen

Das Ziel muss es sein, dass Juden und andere Minderheiten nicht mehr st├Ąrker gef├Ąhrdet sind als andere Menschen. Wir m├╝ssen aus der Defensive in die Offensive gehen und konsequent gegen jegliche Form von Hass vorgehen, die den N├Ąhrboden f├╝r rechtsextreme Gewalt bereitet.

Statt jetzt den Hetzern von der AfD die B├╝hne zu bieten, wohlfeile Krokodilstr├Ąnen ├╝ber den Anschlag in Halle zu vergie├čen, muss ihre Mitschuld durch die Medien deutlich thematisiert werden. Nicht nur die Spitze des Eisbergs, wie der Attent├Ąter Stephan B., sondern die ganze Bandbreite von "gem├Ą├čigten" AfD-Politikern, ├╝ber den H├Âcke-Fl├╝gel bis hin zu White-Supremacy-Anh├Ąngern, muss effektiv bek├Ąmpft werden.

Daf├╝r sind Politik, Justiz und Bildung gefordert. Es nutzt nichts, mehr Polizei aufzustellen, wenn in rechten Internetforen die Ideologie des Attent├Ąters, das M├Ąrchen vom "Gro├čen Austausch", jeden Tag aufs Neue bedient wird ÔÇô und zwar auch unter "Gem├Ą├čigten".


Erst, wenn wir das ├ťbel an der Wurzel packen, werden Juden und andere Minderheiten wieder ein wenig sicherer in diesem Land leben k├Ânnen.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Bastian Brauns
Von Miriam Hollstein, Bastian Brauns
DeutschlandPolizei
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website