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Die Toten sind uns auf einmal ganz nah

Von Daniel Schreckenberg, Nathalie Rippich (Halle)

Aktualisiert am 11.10.2019Lesedauer: 3 Min.
Trauernde Menschen in Halle: In der Stadt herrscht nach dem Anschlag Sprachlosigkeit.
Trauernde Menschen in Halle: In der Stadt herrscht nach dem Anschlag Sprachlosigkeit. (Quelle: /Reuters-bilder)
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Zwei Menschen sind tot, viele weitere sollten es sein. Ein Rechtsterrorist hat Halle traumatisiert. Wie soll das Unfassbare in Worte gefasst werden? Ein Vor-Ort-Bericht ĂŒber die Sprachlosigkeit einer ganzen Stadt.

Dutzende Polizisten mit Schutzwesten, Waffen, starrem Blick. Sie warten. Ihnen gegenĂŒber stehen Dutzende Journalisten mit Kameras, Mikrofonen, DiktiergerĂ€ten, einige mit Zettel und Stift. Auch sie warten. Einen Tag, nach dem sich fĂŒr Halle an der Saale alles geĂ€ndert hat. Nachdem ein Terrorist sich in die Geschichte der Stadt einbrennt. AngekĂŒndigt sind der Landeschef, der Bundesinnenminister und das deutsche Staatsoberhaupt, der BundesprĂ€sident. Sie werden dort Blumen niederlegen, wo zwei Menschen ihr Leben verloren haben, werden das GesprĂ€ch mit den Vertretern der jĂŒdischen Gemeinde suchen und wieder fahren. ZurĂŒcklassen werden sie eine ratlose Stadt. Und auch wir sind ratlos. Was fĂŒr SĂ€tze erwarten wir auf unsere Fragen? Welche Antworten können die Menschen ĂŒberhaupt geben?

Minutenlang steht Frank-Walter Steinmeier mit gesenktem Blick vor dem Nebeneingang zur Synagoge im Paulusviertel. In dem Holztor sind deutlich Einschusslöcher zu sehen. Alles, was man hört, ist das Klicken der Kameras. Das Schnaufen der Journalisten, die sich strecken, um die Szene einzufangen. Lange spricht niemand. SpÀtestens jetzt wird auch dem Letzten klar, dass die Toten, die uns Journalisten tagtÀglich in den Nachrichten begleiten, auf einmal ganz nah sind. Hier in Halle. Keiner sagt es, alle denken es: Nicht auszumalen, was passiert wÀre, wenn Stephan B. in das Gotteshaus gelangt wÀre.

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"Das erfĂŒllt uns alle mit Entsetzen und Abscheu", sagt der BundesprĂ€sident dann. Er liefert Antworten auf die Frage, wie Deutschland mit Antisemitismus umgehen muss. Er sagt auch: "Wer jetzt noch einen Funken VerstĂ€ndnis zeigt fĂŒr Rechtsextremismus und Rassenhass (
), der macht sich mitschuldig." Es ist wichtig, dass der BundesprĂ€sident sich hinter unsere jĂŒdischen MitbĂŒrger stellt. Doch Stephan B. hatte nicht nur Juden im Visier: Vor der Synagoge fand der Angreifer ein zufĂ€lliges Opfer.

Mit Fan-Gesang gegen die Ohnmacht

Es hĂ€tte jeden treffen können, sagen die Anwohner. Fast jeder, mit dem wir sprechen, kennt jemanden, der in der NĂ€he war oder war selbst da. Wie tief diese Betroffenheit geht, zeigen die weinenden Gesichter, zeigen stumme Umarmungen. Vor dem Imbiss kann eine junge Frau im neongelben Sport-Shirt ihre TrĂ€nen nicht zurĂŒckhalten, zwei Handwerker stellen mit zittrigen HĂ€nden Kerzen an den Tatort. Eine Polizistin sticht aus der Masse der ausdruckslosen Uniformierten hervor. Sie hat TrĂ€nen in den Augen, ringt um Fassung. Und dann stimmt ein ganzer Fanclub des Fußball-Drittligisten Hallescher FC einen Fan-Gesang an, sie fallen sich in die Arme, weinen.

Ein Blumenmeer vor dem Imbiss, in dem ein junger Mann zu Tode kam: Ein Fanclub trauert um einen Freund.
Ein Blumenmeer vor dem Imbiss, in dem ein junger Mann zu Tode kam: Ein Fanclub trauert um einen Freund. (Quelle: /T-Online-bilder)

Das zweite Opfer des TodesschĂŒtzen war einer von ihnen. Am Samstag standen sie noch zusammen in der Kurve. Der Journalist in uns weiß: Hier mĂŒssen wir Fragen stellen. Der Mensch in uns mahnt: Das sollten wir nicht. Welche Antworten können uns die Trauernden geben? Sie erzĂ€hlen uns von dem 20-JĂ€hrigen, der wohl nur zur Mittagspause in dem Imbiss war, und schließen doch wieder mit einer Frage: Warum hier? Warum er?

Diese Fragen stellen wir uns auch. ZufÀllig treffen wir einen alten Freund. Selbst Journalist, heute ist er nur privat unterwegs. Es ist sein Viertel, in dem all das passiert ist. "Warum berichtest du denn nicht? Das wÀre doch eine einmalige Chance gewesen, sowas macht man nur einmal im Leben", sagt ein Kollege zu ihm, der auch in der Masse der Journalisten steht. Man kennt sich. Der alte Freund winkt ab: "Ich habe ein kleines Kind zu Hause, das ist alles, woran ich gedacht habe." Schweigen. Es hÀtte jeden treffen können.


Gemeinsam stehen wir einfach nur da und warten. Wissen nicht, worauf. Vielleicht auf ein Bild des gerĂŒhrten Horst Seehofers? Auf noch mehr Augenzeugenberichte? Auf noch mehr schockierende Details? All das wĂ€ren wieder keine Antworten. Es wĂŒrden sich nur wieder neue Fragen stellen. Wer soll das Unfassbare fassbar machen?

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