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Terror in Halle – zwei Tote: Die Toten sind uns auf einmal ganz nah

Rechter Terror in Halle  

Die Toten sind uns auf einmal ganz nah

Von Daniel Schreckenberg, Nathalie Rippich (Halle)

11.10.2019, 09:01 Uhr
 (Quelle: t-online.de - Reuters)
Terroranschlag in Halle: Stephan B. hat gestanden

Der Todesschütze von Halle hat am Freitag die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. Nun befindet sich Stephan B. in Untersuchungshaft. (Quelle: t-online.de)

Terroranschlag in Halle: In einem mehrstündigen Verhör hat Stephan B. gestanden und auch sein Motiv benannt. (Quelle: t-online.de)


Zwei Menschen sind tot, viele weitere sollten es sein. Ein Rechtsterrorist hat Halle traumatisiert. Wie soll das Unfassbare in Worte gefasst werden? Ein Vor-Ort-Bericht über die Sprachlosigkeit einer ganzen Stadt. 

Dutzende Polizisten mit Schutzwesten, Waffen, starrem Blick. Sie warten. Ihnen gegenüber stehen Dutzende Journalisten mit Kameras, Mikrofonen, Diktiergeräten, einige mit Zettel und Stift. Auch sie warten. Einen Tag, nach dem sich für Halle an der Saale alles geändert hat. Nachdem ein Terrorist sich in die Geschichte der Stadt einbrennt. Angekündigt sind der Landeschef, der Bundesinnenminister und das deutsche Staatsoberhaupt, der Bundespräsident. Sie werden dort Blumen niederlegen, wo zwei Menschen ihr Leben verloren haben, werden das Gespräch mit den Vertretern der jüdischen Gemeinde suchen und wieder fahren. Zurücklassen werden sie eine ratlose Stadt. Und auch wir sind ratlos. Was für Sätze erwarten wir auf unsere Fragen? Welche Antworten können die Menschen überhaupt geben?

Minutenlang steht Frank-Walter Steinmeier mit gesenktem Blick vor dem Nebeneingang zur Synagoge im Paulusviertel. In dem Holztor sind deutlich Einschusslöcher zu sehen. Alles, was man hört, ist das Klicken der Kameras. Das Schnaufen der Journalisten, die sich strecken, um die Szene einzufangen. Lange spricht niemand. Spätestens jetzt wird auch dem Letzten klar, dass die Toten, die uns Journalisten tagtäglich in den Nachrichten begleiten, auf einmal ganz nah sind. Hier in Halle. Keiner sagt es, alle denken es: Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn Stephan B. in das Gotteshaus gelangt wäre.

"Das erfüllt uns alle mit Entsetzen und Abscheu", sagt der Bundespräsident dann. Er liefert Antworten auf die Frage, wie  Deutschland mit Antisemitismus umgehen muss. Er sagt auch: "Wer jetzt noch einen Funken Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass (…), der macht sich mitschuldig." Es ist wichtig, dass der Bundespräsident sich hinter unsere jüdischen Mitbürger stellt. Doch Stephan B. hatte nicht nur Juden im Visier: Vor der Synagoge fand der Angreifer ein zufälliges Opfer. 

Mit Fan-Gesang gegen die Ohnmacht 

Es hätte jeden treffen können, sagen die Anwohner. Fast jeder, mit dem wir sprechen, kennt jemanden, der in der Nähe war oder war selbst da. Wie tief diese Betroffenheit geht, zeigen die weinenden Gesichter, zeigen stumme Umarmungen. Vor dem Imbiss kann eine junge Frau im neongelben Sport-Shirt ihre Tränen nicht zurückhalten, zwei Handwerker stellen mit zittrigen Händen Kerzen an den Tatort. Eine Polizistin sticht aus der Masse der ausdruckslosen Uniformierten hervor. Sie hat Tränen in den Augen, ringt um Fassung. Und dann stimmt ein ganzer Fanclub des Fußball-Drittligisten Hallescher FC einen Fan-Gesang an, sie fallen sich in die Arme, weinen.

Ein Blumenmeer vor dem Imbiss, in dem ein junger Mann zu Tode kam: Ein Fanclub trauert um einen Freund.  (Quelle: t-online.de)Ein Blumenmeer vor dem Imbiss, in dem ein junger Mann zu Tode kam: Ein Fanclub trauert um einen Freund. (Quelle: t-online.de)

Das zweite Opfer des Todesschützen war einer von ihnen. Am Samstag standen sie noch zusammen in der Kurve. Der Journalist in uns weiß: Hier müssen wir Fragen stellen. Der Mensch in uns mahnt: Das sollten wir nicht. Welche Antworten können uns die Trauernden geben? Sie erzählen uns von dem 20-Jährigen, der wohl nur zur Mittagspause in dem Imbiss war, und schließen doch wieder mit einer Frage: Warum hier? Warum er?

Diese Fragen stellen wir uns auch. Zufällig treffen wir einen alten Freund. Selbst Journalist, heute ist er nur privat unterwegs. Es ist sein Viertel, in dem all das passiert ist. "Warum berichtest du denn nicht? Das wäre doch eine einmalige Chance gewesen, sowas macht man nur einmal im Leben", sagt ein Kollege zu ihm, der auch in der Masse der Journalisten steht. Man kennt sich. Der alte Freund winkt ab: "Ich habe ein kleines Kind zu Hause, das ist alles, woran ich gedacht habe." Schweigen. Es hätte jeden treffen können.
 

 
Gemeinsam stehen wir einfach nur da und warten. Wissen nicht, worauf. Vielleicht auf ein Bild des gerührten Horst Seehofers? Auf noch mehr Augenzeugenberichte? Auf noch mehr schockierende Details? All das wären wieder keine Antworten. Es würden sich nur wieder neue Fragen stellen. Wer soll das Unfassbare fassbar machen?

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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