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Coronavirus: Ausgangssperren in Deutschland dürfen kein Tabu sein

MEINUNGCorona-Krise in Deutschland  

Jetzt ist nicht die Zeit zu diskutieren

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

19.03.2020, 12:06 Uhr
Exponentielle Coronavirus-Verbreitung: So wirken sich Sozial-Kontakte aus

Das Coronavirus verbreitet sich ohne in Quarantänemaßnahmen exponentiell. Eine Video-Animation zeigt, wie sich die Infektions-Geschwindigkeit verlangsamen lässt. (Quelle: t-online.de)

Video-Animation: So wirken sich Sozialkontakte auf die Verbreitung des Coronavirus aus. (Quelle: t-online.de)


Mehrere Länder in Europa haben bereits Ausgangssperren wegen des Coronavirus verhängt. In Deutschland darf das kein Tabu sein. Doch wenn sie hierzulande kommen sollen, dann bitte schnell!

Es kann einen schon beeindrucken, was die Gesellschaft derzeit bereit ist zu tun, um die Bedrohung durch das Coronavirus in den Griff zu kriegen. Schon erste Studienergebnisse besagen, dass "überraschend" viele Menschen bereit seien, sich so einzuschränken, dass der Ausbruch durch das deutsche Gesundheitssystem noch zu bewältigen ist. Noch höher ist demzufolge die Bereitschaft, wenn kommuniziert wird, dass so auch andere geschützt würden, die schwerer betroffen sein könnten.
 

 
Gerade angesichts der massiven Polarisierung der vergangenen Jahre dürfte das viele Menschen ebenso sehr verwundern wie beruhigen: Menschen vernetzen sich miteinander, kaufen füreinander ein, kümmern sich umeinander. Händler, Kneipiers, Restaurantbetreiber, Friseure und deren Kunden murren zwar, tragen es aber vielfach mit Fassung und wünschen einander bessere Zeiten in beiderseitiger Hoffnung, dass alle Betriebe diese Ausnahmesituation mit Hilfe des Staates auch wirtschaftlich überstehen mögen.

Religionsgemeinschaften zeigen ungeahnte Flexibilität

Die Einwilligung in das Notwendige im Angesicht existenzieller Probleme wird noch mal besonders deutlich beim Blick auf Religionsgemeinschaften. Wenn gläubige Menschen keinen Halt und Trost im Leben mehr finden, an wen können sie sich wenden außer an ihren Gott? Wenn ihnen ausgerechnet der Weg zur letzten Zuflucht verschlossen bleibt, ist es für sie ein besonders harter Einschnitt.

Der Petersplatz in Rom: In diesem Jahr werden die Osterfeierlichkeiten eingeschränkt.  (Quelle: imago images)Der Petersplatz in Rom: In diesem Jahr werden die Osterfeierlichkeiten eingeschränkt. (Quelle: imago images)

Für Christen steht bald das höchste religiöse Fest an: Ostern. Doch die traditionelle Ostermesse und der Segen Urbi et orbi dürfte dieses Jahr ohne Publikum stattfinden. Auch die Liturgien, Zeremonien und sonstigen päpstlichen Veranstaltungen in der vorangehenden Karwoche werden wohl größtenteils im stillen Kämmerlein erfolgen oder entfallen. Ostern ohne gemeinsame Versammlung mit dem Papst, das wird es vermutlich seit den Christenverfolgungen durch die Alten Römer nicht mehr gegeben haben. Der Petersdom in Rom ist geschlossen. Kirchentüren in vielen Ländern verrammelt. Gottesdienste verboten. Erstmals in der Geschichte ist der Wallfahrtsort Lourdes komplett gesperrt.

Juden verzichten auf das Purimfest, und die islamische Gemeinschaft, heute nicht unbedingt dafür berühmt, besonders progressiv zu sein, zeigt in der Coronakrise ungeahnte Flexibilität. Hätte man mich vor ein paar Wochen gefragt, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass konservative Gelehrte in Deutschland, aber vor allem in Ländern der islamischen Welt bereit wären, in eherne, Jahrhunderte alte Traditionen und religiöse Vorschriften einzugreifen.


Doch Freitagsgebete wurden absagt oder begrenzt. In Kuwait texteten die islamischen Behörden den Gebetsruf um von "Kommt zum Gebet [in die Moschee]", zu "Betet in euren Häusern". In Mekka herrschte gespenstische Leere, weil die Pilgerfahrten abgesagt und die Große Moschee geschlossen wurden; (könnten wir bitte etwas von dieser Flexibilität behalten nach der Coronakrise? Nicht nur die Muslime, alle Religionsgemeinschaften könnten durchaus etwas Schwung vertragen!).

Zahlreiche Menschen genießen den Sonnenschein trotz Corona-Epedemie in einem Berliner Park.  (Quelle: dpa)Zahlreiche Menschen genießen den Sonnenschein trotz Corona-Epedemie in einem Berliner Park. (Quelle: dpa)

Fake-News tun ihr Übriges

Aber es gibt halt auch die Unbelehrbaren, die weiterhin fröhlich in Eisdielen gehen, auf Münchens Viktualienmarkt flanieren, "Untergrund-Gottesdienste" oder "Corona-Partys" feiern – als seien Ferien. Am Wochenende waren in NRW die Spielplätze voll. Anfang der Woche war ich beim Arzt und dann kurz einkaufen, kaum jemand hielt Abstände ein oder minimierte seine Sozialkontakte. Alles so wie immer.

Eine Patientin brachte nicht nur ihr Kleinkind, sondern gleich ihre betagte Mutter zum Babysitten mit in die Arztpraxis. Zu all dem kommen die Verschwörungstheoretiker hinzu, die die Pandemie zur Strafe Gottes erklären, zur Folge eines Angriffes mit biologischen Waffen oder zur Erfindung der Pharmaindustrie. Fakenews und Panikmache auf WhatsApp und Facebook tun ihr Übriges.

Markus Söder: Im seiner Regierungserklärung hat der bayerische Ministerpräsident mit Ausgangssperren gedroht.  (Quelle: dpa)Markus Söder: Im seiner Regierungserklärung hat der bayerische Ministerpräsident mit Ausgangssperren gedroht. (Quelle: dpa)

Genau deshalb ist es absolut notwendig, Schutzmaßnahmen frühzeitig staatlich zu erlassen und mit Hilfe der Exekutive durchzusetzen. Auf die Vernunft der Menschen zu setzen, funktioniert leider nur bedingt. Der bayrische Weg scheint mir da der richtige zu sein. CSU-Chef Söder treibt die anderen Bundesländer vor sich her. Bayern hat den Weg oftmals vorgegeben. Zunächst was die Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen betrifft, über die Schulschließungen bis hin zum weitgehenden Shutdown und jetzt zur ersten verhängten Ausgangssperre im kleinen Mitterteich – die er sogar bereit ist, auf das ganze Land auszudehnen, wie er am Donnerstag in einer Regierungserklärung drohte. Und schließlich auch bei der Zusage von Finanzhilfen für kleine, mittelständische und große Unternehmen.

Jetzt zwei, drei Wochen die Luft anhalten

Womöglich sind flächendeckende Ausgangssperren in Deutschland nicht zu vermeiden. Entscheiden müssen das die Experten. Nur bitte schnell. Dass wir eine Corona-Pause zum Schutz unseres Gesundheitssystems, der Vorerkrankten und Älteren brauchen, ist völlig klar – aber vermutlich wird es sie eben nicht ohne Ausgangssperren gehen – ebenso wenig wie in Italien, Spanien, Frankreich, Belgien und Österreich. Denn die Menschen in Deutschland werden sich nicht in ausreichender Zahl an das von allen Virologen geforderte Social Distancing halten.

Sollten wir in 10 bis 14 Tagen oder noch später feststellen, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht den erforderlichen Effekt haben und die Infektionen nicht zurückgehen, wird die Regierung die Ausgangssperren nachschieben. Bundeskanzlerin Merkel hat sich genau diese Option in ihrer Fernsehansprache offen gehalten. In dem Fall werden die Einschränkungen unserer Freiheiten noch länger andauern – und die Risiken psychosozialer Probleme steigen. Deshalb lieber jetzt zwei, drei Wochen richtig die Luftanhalten und auf die Chance vertrauen, danach wieder etwas durchatmen zu können.  

Wer jetzt über dieses Vorgehen schimpfen will, dessen Zeit ist noch nicht gekommen. Es mag Alternativen zu Ausgangssperren geben, andere Mittel und Wege das Virus zu bekämpfen. Die gleiche Zurückhaltung bei der Kritik gilt für diejenigen, die der Politik vorwerfen, nicht früher gehandelt zu haben. Für Politik und Behörden weltweit ist das hier eine vollkommen neue Situation – so etwas gab es noch nicht. Nicht einmal die Virologie ist sich in allen Punkten immer einig.

Deutschlands "Chef-Virologe" Christian Drosten änderte seine Meinung über Schulschließungen binnen weniger Tage und auf Basis neugewonnener Erkenntnisse von "unangemessen" zu "sinnvoll". So ist das in einer dynamischen Situation für die es keine eigenen Erfahrungswerte gibt. Sich jetzt von der Seitenlinie besserwisserisch über Politik und Behörden zu erheben, ist weder fair noch hat es Hand und Fuß.

Natürlich muss man Maßnahmen kritisch hinterfragen, natürlich ist eine Manöverkritik nötig, um aus den Erfahrungen zu lernen. Aber frühestens in zwei, drei Wochen, wenn man weiß, ob die derzeitigen Maßnahmen wirken oder nicht. Im Krisenfall muss gehandelt werden – nach wissenschaftlichen Erwägungen und nach bestem Gewissen. Heute ist nicht die Zeit zu diskutieren. Heute ist allein die Zeit zu handeln.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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