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Michael Müller: "Außer einem Lockdown bleiben nicht viele Möglichkeiten"

INTERVIEWBerlins Regierungschef Müller  

"Außer einem Lockdown bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten"

Von Sven Böll, Nicolas Lindken

23.10.2020, 19:08 Uhr
Interview mit Berlins regierendem Bürgermeister Michael Müller

Die Corona-Lage ist nicht nur ernst, sondern sehr ernst – sagt der Regierende Bürgermeister von Berlin. Auch die Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff ist nach Meinung von Michael Müller trügerisch.

"Man kann nicht ein Bundesland isolieren": Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erklärt im Video-Interview, warum er im Fall der Fälle für eine bundesweite Lösung plädiert. (Quelle: t-online)


Die Corona-Lage ist nicht nur ernst, sondern sehr ernst – sagt der Regierende Bürgermeister von Berlin. Deutschland solle bloß nicht glauben, der "letzte Hort der Seligen" zu sein. Auch die Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff ist nach Meinung von Michael Müller trügerisch. 

Corona ist nicht nur in Berlin mit aller Wucht zurück, aber dort ganz besonders: Allein am Freitag meldete das Landesamt für Gesundheit und Soziales fast 900 Neuinfektionen. Damit sind in der Hauptstadt derzeit mehr als 7000 Menschen offiziell mit dem Virus infiziert. Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt inzwischen bei 115 – also deutlich über jenem Wert von 50, ab dem eine Region als Risikogebiet gilt.

Vor wenigen Tagen äußerte der Regierende Bürgermeister Michael Müller die Sorge, dass sich einige auch noch "das letzte Stückchen Egoismus" einklagten und "bis zum Äußersten ignorant (...) reagieren" würden, bis alle wieder von Einschränkungen betroffen seien. Mit Blick auf die Kurve der Neuinfektionen fragte er rhetorisch, was es eigentlich noch zu diskutieren und interpretieren gebe.

Seither hat sich die Lage weiter zugespitzt. Wie ernst ist die Lage in Berlin und Deutschland also? Kommt es wieder zu einem bundesweiten Lockdown? Und besteht nicht auch ein wenig Hoffnung, weil es schon bald erste Impfstoffe geben könnte?

Die wichtigsten Ausschnitte des Interviews können Sie im Video oben sehen – oder hier lesen: 


Die immer schwierigere Lage

Wie ernst ist die Situation in Berlin?

"Die Lage wird immer ernster, und es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod, und für unsere Wirtschaft geht es ums Überleben."

Auf einer Skala von 1 (= völlig entspannt) bis 10 (= ernster geht es nicht): Welche Zahl trifft es am ehesten? 

"Das ist auf jeden Fall eine 8." Auch wenn es noch Möglichkeiten gebe zu agieren und die Maßnahmen stärker zu kontrollieren. 

Wie ist die Situation in den Gesundheitsämtern? 

"In allen Großstädten kommen die Gesundheitsämter an ihre Grenzen. Wir stellen ständig neues Personal ein, aber so schnell können wir gar nicht einstellen."  

War es rückblickend ein Fehler, dass wir einen so unbeschwerten Sommer hatten? 

"Nein, weil die Zahlen wirklich sehr niedrig waren. Wir hatten wenig Infektionszahlen, wenig Schwersterkrankte und Todesopfer. Warum soll man dann nicht auch wieder Normalität ermöglichen? Jetzt müssen wir wieder achtsamer sein."

Der drohende Lockdown

In den ersten europäischen Ländern gibt es wieder Lockdowns. In welcher Situation wird sich Deutschland in einem Monat befinden?

"Ich hoffe, in einer besseren Situation." Aber es gelte: "Wir sind hier nicht der letzte Hort der Seligen. Was in unseren europäischen Nachbarländern passieren kann, kann auch bei uns passieren. Wir sind nicht besser oder schlechter als alle anderen, aber wir können schneller sein: mit den Maßnahmen, mit der Umsetzung und der Durchsetzung, um die große Infektionsdynamik abzufangen. Aber es gibt da keine absolute Sicherheit."

Welche Optionen außer einem Lockdown gibt es für die Politik noch?

In den Bereichen, in denen geordnete Verfahren existierten, laufe es sehr gut: "Es gibt keine große Infektionsdynamik bei einem Theaterbesuch oder im Fitnessstudio. Das eigentliche Problem bleiben die privaten Kontakte." Da habe es Einschränkungen gegeben, es werde aber zunehmend schwierig, diese zu kontrollieren. "Es bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten jenseits eines Lockdowns." Entscheidend sei aber, wie die Gesundheitseinrichtungen mit der Lage umgehen könnten, also ob etwa die Kapazitäten des Fachpersonals und der Intensivbetten reichten. "Wenn wir merken sollten, wir kommen in einen Bereich, dass das nicht mehr geht, muss entschiedener eingegriffen werden."

Gibt es regionale Lockdowns oder wieder einen bundesweiten?

Es müsse wieder eine bundesweite Verständigung geben: "Man kann nicht ein Bundesland isolieren und sagen, dass es dort einen Lockdown gibt."

Können wir uns einen weitgehenden Stillstand des Lebens finanziell noch einmal leisten?

"Was wäre denn der Umkehrschluss? Weil ich mir etwas finanziell nicht leisten kann, lasse ich Menschen sterben? Ich glaube, die Frage stellt sich so nicht. Sondern das Menschenleben steht im Vordergrund. Natürlich wäre es schmerzlich, wenn wir noch einmal Einschnitte im Wirtschaftsleben hätten."


Die trügerische Hoffnung auf einen Impfstoff

Können wir uns darüber freuen, dass Impfstoffe möglicherweise schneller zugelassen werden als gedacht? 

Selbst wenn es sehr schnell einen Impfstoff gebe, dauere es noch, bis er millionenfach verabreicht werden könne. Deshalb: "Wir können uns überhaupt nicht zurücklehnen und sagen: Wird schon gut gehen, in ein paar Wochen haben wir einen Impfstoff. Sondern es werden Monate vergehen, bis davon alle profitieren können."

 

Die wachsende Kritik an der Politik

Die Bürger kritisieren zusehends das Krisenmanagement. Was haben Sie als Regierungschef denn an den Bürgern auszusetzen?

"Ich teile die Einschätzung nicht, dass die Bürger zunehmend kritisieren. Sondern aus der Erfahrung wird man einfach auch kritischer und hinterfragt, ob der Weg richtig ist." Trotzdem gebe es eine große Akzeptanz, weil 70 bis 80 Prozent der Bürger sagten, die Maßnahmen seien okay oder könnten sogar noch schärfer sein. 

Zugleich gelte: "Politik kommt auch an Grenzen. Wir können und wollen nicht vor jede Haustür einen Polizisten stellen. Wir können und wollen nicht jeden Abend in jeder Gaststätte mit dem Ordnungsamt einmarschieren. Das heißt: Jeder ist aufgefordert, sich selbst eigenverantwortlich zu verhalten. Jeder muss sich bewusst machen, was er anrichtet, wenn er sich selbst in Gefahr bringt und übermorgen seine Oma trifft. Da kann Politik nur appellieren und einen Rahmen setzen." 

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