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Keine "Schurken am Werk": Lanz verärgert Kretschmann

Von Charlotte Zink

Aktualisiert am 27.01.2021Lesedauer: 3 Min.
Winfried Kretschmann bei der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" (Archivbild): Baden-Württemberg geht bei Schulöffnungen einen eigenen Weg.
Winfried Kretschmann bei der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" (Archivbild): Baden-Württemberg geht bei Schulöffnungen einen eigenen Weg. (Quelle: H.Hartmann/Future Image/imago-images-bilder)
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Baden-Württemberg will Grundschulen und Kitas zwei Wochen früher als vorgesehen öffnen. Kluge Entscheidung oder ein Risiko? Diese Frage stellt Lanz und fühlt dem Ministerpräsidenten dabei gründlich auf den Zahn.

Es war eine bizarre Veranstaltung: Noch während die Kanzlerin am 19. Januar die Details zum verlängerten Lockdown erklärte, scherte Baden-Württemberg in einem Punkt bereits aus: Grundschulen und Kitas sollten, wenn möglich, schon am 1. statt am 14. Februar wieder schrittweise öffnen, verkündete Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Was genau hinter diesem Alleingang steckte, wollte Markus Lanz am Dienstagabend von ihm wissen.

Von dem Grünen-Politiker eine klare Antwort zu bekommen, war dabei allerdings gar nicht so einfach. Denn Kretschmann betonte vor allem beharrlich, dass er sich mit seiner Regelung an die Beschlüsse von Bund und Ländern halte. Als Lanz weiter nachhakte, platzte ihm im Verlauf der Diskussion dann sogar der Kragen.

Kretschmann: "Nicht jede kleine Abweichung aufbauschen"

"Man muss nicht jede kleine Abweichung aufbauschen", so Kretschmann deutlich. Die Ministerkonferenz sei in der Regel mit der Kanzlerin einig geblieben. "Man muss nicht so tun, als seien da Schurken am Werk", so der Ministerpräsident weiter.

Die Entscheidung, Grundschulen und Kitas früher zu öffnen, habe er auf der Basis von Fakten getroffen und nicht etwa "freihändig", sagte Kretschmann. Er habe belastbare Zahlen, die zeigten, dass sich Kinder unter zehn Jahren weniger häufig mit dem Coronavirus ansteckten als Erwachsene. Auch sei ihm bewusst, dass die Kleinsten am meisten unter den sozialen Einschränkungen litten.

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Tatsächlich haben Forscher die Rolle, die Kinder bei der Verbreitung des Virus spielen, bisher noch nicht abschließend geklärt. Ein Problem ist dabei auch, dass Kinder, die mit dem Coronavirus infiziert sind, häufig keine Symptome zeigen. Über die Zahlen, auf die sich Kretschmann bei seiner Entscheidung beruft, wollte Lanz deswegen mehr wissen.


In diesem Zusammenhang stellte sich heraus, dass sich der Ministerpräsident auf eine Studie aus dem Frühjahr 2020 stützte. "Die Virus-Mutanten können da nicht berücksichtigt worden sein", gab Lanz zu bedenken. Das wollte Kretschmann so nicht stehen lassen. Ein Virologe aus Tübingen sei mehrere Studien durchgegangen und habe ihm zusammen mit anderen Experten die Grundlage für seine Entscheidung geliefert. "Das ist belastbar", so der Ministerpräsident.

Er räumte jedoch auch ein: Er "habe keine anderen Zahlen" als Merkel. Und außerdem: "Ich zieh mit der Kanzlerin an einem Strang, aber hab schon auch noch meinen eigenen Kopf." Lanz, der noch immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage "Warum Alleingang?" war, stellte fest: "Wir kommen des Pudels Kern näher."

Doch Kretschmanns Entscheidung warf nicht nur mit Blick auf die zugrunde liegenden Zahlen einige Zweifel auf. Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, verwies auch auf ein weiteres Problem. Untersuchungen hätten gezeigt, dass es für die Bevölkerung während der Pandemie schwer zu ertragen sei, wenn ein einhelliger Beschluss plötzlich ausfranse.

Buyx: "Das macht mir Sorgen"

"Ich kann nicht nachvollziehen, wieso man da nicht noch gewartet hat", so Buyx mit Blick auf die Öffnung von Grundschulen und Kitas in Baden-Württemberg. Hinzu komme, dass die Infektionszahlen in dem Bundesland noch nicht niedrig genug seien, um "mit verschiedenen Schaltern zu spielen", so die Medizinethikerin. "Das macht mir Sorgen."

Kritik an Kretschmanns Alleingang kam auch aus den eigenen Reihen: Grünen-Bundestagsabgeordneter Jürgen Trittin hatte jüngst bei Twitter gezetert: "Die Propagandisten einer baldigen Schulöffnung müssen nur eine Frage beantworten: Wie viele Tausend Tote sind ihnen die Vermeidung später behebbarer Lerndefizite wert?"

"Der meint Leute wie Sie", so Lanz zu Kretschmann. Doch der reagierte gelassen. Irgendwelche "martialischen" Aussagen könne man ja immer treffen, so der Grünen-Mann. "Bei den Kleinsten wiege ich mit der Goldwaage, das sind wir ihnen schuldig", verteidigte er seinen umstrittenen Beschluss. Im Gegensatz dazu sei es mit Blick auf Entscheidungen in der Pandemie sonst aber richtig "mit der Viehwaage zu wiegen".

Nach sechs Wochen Corona-Lockdown sollen Kitas und Grundschulen in Baden-Württemberg voraussichtlich am kommenden Montag wieder öffnen. Die finale Entscheidung darüber wird Kretschmann am Mittwochnachmittag zusammen mit CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann verkünden.

Eisenmann hatte Kitas und Grundschulen eigentlich schon nach den Weihnachtsferien öffnen wollen – "unabhängig von den Inzidenzen".

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