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TV-Kritik zur ZDF-Doku über Virologen: Die Nebenrolle des Herrn Streeck

TV-Kritik zur ZDF-Doku  

Die Nebenrolle des Herrn Streeck

Von Christian Bartels

17.03.2021, 11:13 Uhr
TV-Kritik zur ZDF-Doku über Virologen: Die Nebenrolle des Herrn Streeck. Hendrik Streeck in der ZDF-Doku "Corona – Pandemie ohne Ende": Obwohl so prominent mit ihm geworben wurde, spielt der Bonner Wissenschaftler nicht die Hauptrolle. (Quelle: Daniel Faigle/ZDF)

Hendrik Streeck in der ZDF-Doku "Corona – Pandemie ohne Ende": Obwohl so prominent mit ihm geworben wurde, spielt der Bonner Wissenschaftler nicht die Hauptrolle. (Quelle: Daniel Faigle/ZDF)

Die Doku "Corona – Pandemie ohne Ende?" hat prominent mit dem Virologen Hendrik Streeck geworben und damit Kritik auf sich gezogen. Dabei liegt der Schwerpunkt des Films ganz woanders.

Im vergangenen Jahr, in dem Corona alle Medien beherrschte, war Hendrik Streeck sozusagen ein Hansdampf in allen Gassen. 2020 gastierte der Virologie-Professor der Universität Bonn neunmal bei Markus Lanz und in sieben weiteren Talkshows. Scharf kritisiert wurde er für die Zusammenarbeit mit der PR-Firma des Ex-"Bild"-Zeitung-Chefs Kai Diekmann bei der schnellen – viele meinen zu schnellen – Veröffentlichung seiner Heinsberg-Studie, die andererseits früh wichtige Ergebnisse brachte.

Das Portal riffreporter.de zählte kürzlich "zwölf Corona-Irrtümer" auf, die Streeck immer wieder in den Medien verbreite. Dennoch startete die RTL-Gruppe gerade einen "Pandemie-Talk" mit ihm, der sozusagen ein Gegenstück zum Drosten-Podcast des NDR werden soll. Und am heutigen Dienstagabend zeigt das ZDF zur besten Sendezeit die Doku "Corona – Pandemie ohne Ende? Fakten mit Hendrik Streeck", was zu einem heftigen Twitter-Streit zwischen dem Virologen und Entertainer Jan Böhmermann führte (mehr dazu lesen Sie hier). Trifft die Kritik den ZDF-Film? 

Albern wirkende nachgestellte Szenen im "Terra X"-Stil

Streeck spielt – anders als es der Titel andeutet – keine Hauptrolle in der 45-minütigen Reportage. Sie will eher Rückblick auf die laufende Pandemie sowie Ausblick auf künftige sein. Dabei ist die Dokumentation, je nach Wissensstand, informativ, und dicht gepackt, was allerdings auch atemlos wirken kann. Produziert wurde mit allerhand Aufwand. Albern muten nachgestellte Szenen im Stil der ZDF-"Terra X"-Historienreportagen an: So wie sonst verkleidete Kleindarsteller römische Legionäre oder mittelalterliche Handwerker verkörpern, wird nun Karneval in Heinsberg anno 2020 rund um den dauerhustenden fiktiven Narren "Peter N." nachgestellt. Einige Szenen wurden mit so vielen "Alaaf" rufenden Komparsen versehen, dass man sich fragt, ob die Dreharbeiten tatsächlich Corona-konform abliefen.

Überflüssig sind die Szenen allemal, Zeitzeugen mit Corona-Erfahrung gibt es ja zur Genüge. Neben einem Bierzapfer, der nur mild erkrankte, berichtet etwa ein Karnevalspräsident, der im katholischen Rheinland bereits die letzte Ölung erhalten hatte, fünf Wochen im künstlichen Koma lag und jetzt froh ist, wieder Treppen steigen zu können.

Offenbar hat Streeck aus seinen Erfahrungen 2020 gelernt

Nur knapp werden Streecks Heinsberg-Studien vorgestellt. Nach der ersten aus dem Jahr 2020, zu deren wesentlichen Ergebnissen der Geschmacksverlust bei Infizierten gehörte, soll die zweite Heinsberg-Studie klären helfen, ob einmal Infizierte langfristig immun bleiben. Sie soll zwar voraussichtlich erst im Sommer veröffentlicht werden, das ZDF verrät aber schon erste Ergebnisse: Es wurde nur eine einzige Reinfektion festgestellt, jedoch eine im Laufe der Zeit abnehmende Anzahl von Antikörpern. Eine Interpretation dieser Ergebnisse liefert die Dokumentation nicht. Offenbar hat Streeck aus seinen Erfahrungen 2020 gelernt. Auch Aussagen zur aktuellen Corona-Lage und zu Impfstoffen macht er nicht.

Was macht er dann? Streeck steht in unterschiedlichen Kulissen, etwa im Dresdener Hygienemuseum, später in einem Labor und gestikuliert etwas unbeholfen. Während ihn die Kamera umkreist, sagt er Binsenweisheiten wie: "Die Virologie ist wie jede Wissenschaft ein nie abgeschlossener Erkenntnisprozess", "Was heute gilt, müssen wir morgen vielleicht wieder revidieren" und dass die Globalisierung zwar "viele Vorteile", aber eben auch Nachteile bietet. Das ist zweifellos richtig, aber großenteils so selbstverständlich, dass es nicht unbedingt gesagt hätte werden müssen.

Ausblick auf künftig mögliche Pandemien

Dabei enthält die Doku durchaus informative Anteile. Grafiken und Experimente etwa, die zeigen, wie sich Viren im Raum oder im menschlichen Körper verbreiten. Aufschlussreich sind auch Ausblicke auf mögliche künftige Pandemien. "Naturzerstörung, Klimawandel und Globalisierung" können Pandemien treiben, sagt der Umweltforschungs-Professor Josef Settele. Damit meint er, dass in derzeit zugefrorenen Böden Krankheitserreger schlummern, die durch Klimawandel freigesetzt werden könnten. Vom durch Stechmücken übertragenen West-Nil-Virus, an dem in Südeuropa bereits "mindestens 170 Menschen" starben, und gegen das es noch keine Impfstoffe gibt, berichtet mit Jonas Schmidt-Chanasit ein weiterer im Fernsehen bekannter Virologe. Und Curevac-Mitgründer Ingmar Hörr berichtet von der Hoffnung, dass künftig "RNA-Drucker" dezentral und weltweit Impfstoffe produzieren können.

Fazit: Wer im vergangenen Jahr halbwegs die Medien verfolgt hat, wird vieles, aber keineswegs alles, was "Corona – Pandemie ohne Ende?" zeigt, schon gesehen und gehört haben. Daher ist schade, wie unnötig atemlos sich die ZDF-Doku präsentiert, obwohl vieles Vertiefung verdient hätte. Die starke Fokussierung auf Streeck ist inhaltlich unnötig. Gut möglich, dass das ZDF den Prominenz-Bonus des Virologen mitnehmen wollte – den ZDF-Entertainer Böhmermann pünktlich zum Sendetermin ja auch mit angefacht hatte.

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