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Corona-Lage in Deutschland: Wann die RKI-Zahlen wieder aussagekräftig sind

Trügerische Corona-Lage  

Wann die RKI-Zahlen wieder aussagekräftig sind

09.04.2021, 12:48 Uhr | lw, dpa, rtr

"Welle rasch brechen": Spahn skizziert dramatische Corona-Intensivlage in Deutschland

Jens Spahn äußert sich zu einer möglichen Überlastung des deutschen Gesundheitssystems durch die grassierende dritte Corona-Welle. Er fordert bundeseinheitliche Maßnahmen und kritisiert Kollegen.

"Welle rasch brechen": Gesundheitsminister Spahn erklärt die dramatische Corona-Intensivlage in Deutschland und wundert sich über Kollegen. (Quelle: Reuters)


Derzeit sind die Infektionszahlen weniger aussagekräftig. Um die Lage einzuschätzen, ist jedoch nur ein spezifischer Wert entscheidend, betont RKI-Chef Wieler. Wann sind die Fallzahlen wieder belastbar?

Nach dem Verzug bei Tests und Meldungen auf das Coronavirus rund um Ostern rechnet das Robert Koch-Institut (RKI) ab Mitte nächster Woche wieder mit verlässlicheren Daten zur Pandemie. Das sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag in Berlin. "Die Fallzahlen und auch die Sieben-Tage-Inzidenzen sind im Moment nicht so zuverlässig, wie wir es gerne hätten." Das liege hauptsächlich daran, dass es über die Feiertage weniger Arztbesuche gegeben habe. Zudem geht das RKI davon aus, dass sich in den Ferien meist weniger Menschen testen lassen, was zu einer geringeren Meldezahl an die Gesundheitsämter führe.

Wieler betonte, es gebe aber ausreichend weitere Daten, die Aufschluss über die tatsächliche Situation gäben. "Diese Entwicklung zeigt leider, dass die Lage sehr, sehr ernst ist." Nach Daten aus rund 70 Kliniken bundesweit müssten immer mehr und auch immer jüngere Menschen wegen schweren Atemwegsinfektionen in Krankenhäusern behandelt werden. Die Intensivstationen füllten sich rasant.

"Es braucht einen Lockdown"

"Wir befinden uns in der dritten Welle, ausgelöst durch die Variante B.1.1.7.", so Wieler. Diese sei noch ansteckender, noch gefährlicher und dadurch schwer einzudämmen. Es würden zwar immer mehr Menschen geimpft, aber es werde noch dauern, bis die Impfungen einen Effekt auf der Bevölkerungsebene zeigten. Er rief dazu auf, Impfangebote wahrzunehmen. 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach sich derweil für nächtliche Ausgangssperren aus. "Es braucht einen Lockdown", so Spahn. Nur so könne die dritte Infektionswelle gebrochen werden. Es gebe schon wieder fast 4.500 Patienten auf Intensivstationen. "Wenn es so weitergeht, sind es zu viele für unser Gesundheitssystem." Wieler unterstützte den Vorstoß, er hält einen Lockdown von zwei bis vier Wochen für nötig, um die dritte Welle zu brechen. Sollte die Mobilität nicht eingeschränkt werden, würden die Infektionszahlen ansteigen. "Jeden Tag, den wir nicht handeln, verlieren wir Menschenleben."

"Umso wichtiger ist es, dass wir uns alle schützen"

Wieler kritisierte regionale Lockerungen der Maßnahmen trotz hoher Fallzahlen. "In einigen Regionen wird aktuell bei Sieben-Tage-Inzidenzen um 100 gelockert", sagte der RKI-Chef. Angesichts der sich zuspitzenden Lage in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen sei das "bedenklich – zumindest solange wirksame zusätzliche Konzepte der Pandemie-Eindämmung fehlen".
 

 
Wieler sagte in Richtung der Bürger: "Denken Sie daran: Unter diesen Umständen bedeuten Lockerungen nicht, dass die Menschen nun einem niedrigeren Infektionsrisiko ausgesetzt sind." Es bedeute vielmehr, dass die Verantwortung der Pandemiebewältigung an den Einzelnen abgegeben werde. "Umso wichtiger ist es, dass wir uns alle schützen." Wieler sagte zunächst nicht, auf welche Regionen sich seine Kritik bezieht.

"Wir können das Virus nicht wegtesten"

Spahn rief Beschäftigte dazu auf, sich in ihren Unternehmen häufiger auf das Coronavirus testen zu lassen. Es sei wichtig, dass die Firmen kostenlose Tests anböten – aber mindestens ebenso wichtig sei, dass die Mitarbeiter diese auch nutzten. Derzeit nutzten nur etwa 20 bis 40 Prozent der Beschäftigten regelmäßig die Möglichkeit, "auch in Unternehmen, die das sehr großzügig anbieten".

RKI-Chef Wieler betonte, durch Tests könnten Infizierte früher erkannt werden. "Das geht aber nur, wenn die Tests in einer bestimmten Frequenz sind." Schutzmaßnahmen dürften trotz der Tests aber nicht aufgegeben werden. "Wir können das Virus nicht wegtesten", sagte er.

Spahn forderte für die Umsetzung der Maßnahmen ein einheitliches Vorgehen von Bund und Ländern. Der Bundesgesundheitsminister schloss sich damit einer Forderung von CDU-Chef Armin Laschet an. Spahn sprach sich zugleich für rasche Bund-Länder-Beratungen aus. "Eine kurze Rücksprache reicht auf jeden Fall nicht aus", sagte Spahn mit Blick auf eine entsprechende Äußerung von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er könne sich über manche Meinungsäußerung "nur wundern", fügte der CDU-Politiker hinzu.

"Beim Impfen sind wir auf einem guten Weg"

Zur Entwicklung der Impfungen in den Arztpraxen zeigte sich Spahn hingegen optimistisch: "Beim Impfen sind wir auf einem guten Weg. In den vergangenen Tagen wurden so viele Menschen geimpft, wie nie zuvor." Demnach habe es am Donnerstag mit 719.000 Impfungen an einem Tag einen weiteren Rekord gegeben.

Dieser Anstieg in den vergangenen Tagen sei darauf zurückzuführen, dass einerseits mehr Impfstoffe verfügbar gewesen seien und auch die Hausärzte in die Corona-Impfungen eingestiegen seien. Demnach hätten Stand Freitagmorgen 14,7 Prozent der Deutschen eine erste Impfung erhalten. Insgesamt verabreicht wurden laut Spahn seit dem Start der Impfkampagne im Dezember damit rund 17 Millionen Impfdosen.

"Jeder kann sich kostenlos testen lassen"

In den ersten zwei Wochen würden die Arztpraxen mit dem Impfstoff von Biontech beliefert, bekräftigte Spahn. Ab Mitte April gebe es etwa zur Hälfte Biontech und zur Hälfte Astrazeneca, später auch den Impfstoff von Johnson & Johnson. Biontech liefere bisher sehr verlässlich und auf den Wochentag genau. Das habe man bei den anderen Herstellern noch nicht erreicht, hier sei teils nur die Lieferwoche bekannt, nicht aber der Tag.

Spahn bekräftigte außerdem, dass das Risiko, dass vollständig Geimpfte das Virus weitergeben, noch geringer ist als bei negativ Getesteten. "Das heißt, wir können jeden, der die zweite Dosis erhalten hat zwei Wochen später so behandeln, als hätte er gerade aktuell einen negativen Test gemacht." Das sei kein Privileg oder Sonderrecht. "Jeder kann sich kostenlos testen lassen."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen dpa und Reuters

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