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Corona: "Zahlen wären auch ohne Ausgangssperre zurückgegangen"

INTERVIEWExperte zur Notbremse  

"Zahlen wären auch ohne Ausgangssperren zurückgegangen"

06.05.2021, 15:16 Uhr
Corona-Karte macht Hoffnung – doch diese Regionen scheren aus

Deutschland und die Corona-Pandemie – keine schier unendliche Geschichte mehr. Impfkampagne und sinkende Fallzahlen lassen hoffen auf absehbare Lockerungen der Corona-Maßnahmen.

Fallzahlen in der Entwicklung: t-online zeigt im Zeitraffer, wie sich die Lage verbessert hat – und wo es auffällige Ausnahmen gibt. (Quelle: t-online)


Die Coronazahlen sinken, und dass obwohl die Bundesnotbremse noch keine zwei Wochen in Kraft ist. Eine Ausgangssperre in der jetzigen Form war dafür nicht notwendig, glaubt Virologe Martin Stürmer.

Die wichtigsten Zahlen gehen wieder in die richtige Richtung: Während die Impfungen steigen, meldet das Robert Koch-Institut sinkende Corona-Infektionszahlen. Doch wie konnten die Zahlen so schnell nach der Einführung der Bundesnotbremse fallen? Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer glaubt, dass die Wirkung der Ausgangssperre für Deutschland überschätzt wird. Im Gespräch mit t-online erläutert er, warum er eine andere Regelung für deutlich effektiver hält.

t-online: Wir erleben gerade in Deutschland einen recht schnellen Rückgang der täglich gemeldeten Corona-Infektionszahlen. Woran liegt das?

Martin Stürmer: Es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Die bundeseinheitlichen Regeln führen jetzt dazu, dass überall Maßnahmen konsequenter umgesetzt werden. Allerdings haben viele Städte und Gemeinden schon davor auf die steigenden Zahlen reagiert. Auch bei den Impfungen sind wir durch die Hausärzte inzwischen deutlich schneller. Es sind zwar bisher nur acht Prozent vollständig geimpft, aber insgesamt kommen wir einen großen Schritt weiter. Diese drei Faktoren dürften in der Summe für den Rückgang sorgen.

Die Bundesnotbremse ist seit dem 24. April in Kraft. Bisher hieß es immer, dass eine solche Regelung zwei Wochen braucht, bis sich überhaupt ein Effekt einstellt. Kann die Notbremse also überhaupt schon einen Einfluss haben?

In den ersten Tagen hatte sie sicherlich noch keinen Einfluss. Wir müssen in der Tat immer mindestens anderthalb Wochen warten, bis wir die ersten Auswirkungen der Maßnahmen sehen. Aber allein durch die Diskussion über eine solche Notbremse haben schon viele Städte und Gemeinden erkannt, dass sie etwas tun müssen. Es ist nicht so, dass vorher gar nichts beim Infektionsschutz getan wurde. Der erste Abfall der Zahlen lässt sich also ohne die Wirkung der Bundesnotbremse erklären.

Häufig wird dann auch darauf hingewiesen, dass allein die Diskussion über solche Maßnahmen die Menschen dazu bringt, ihr Verhalten anzupassen.

Das lässt sich nicht beweisen. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Leute das Gegenteil von dem tun wollen, was gerade diskutiert wird. Aber ich denke, dass insgesamt ein Großteil der Bevölkerung die Maßnahmen unterstützt. Viele wissen, dass es noch nicht vorbei ist. Am besten lässt sich die Situation wohl auf den Intensivstationen greifen. Jeder, der jetzt hört, dass sein Krankenhaus Intensivpatienten verlegen muss, wird vermutlich wieder vorsichtiger sein. Diese Botschaft ist wohl in vielen Köpfen angekommen.

Dr. Martin Stürmer: "Ein Pandemiebrecher sind die Impfungen noch nicht." (Quelle: imago images/teutopress)Dr. Martin Stürmer: "Ein Pandemiebrecher sind die Impfungen noch nicht." (Quelle: teutopress/imago images)

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv und Notfallmedizin, Gernot Marx, sagte zuletzt, dass die Bundesnotbremse bereits viele tausend Menschenleben gerettet habe. Nachdem, was sie gesagt haben, wirkt diese Aussage verfrüht.

Es ist wie gesagt schwierig, den Trend auf eine Maßnahme zurückzuführen. Aber dadurch, dass die Infektionszahlen sinken, werden wir bald auch eine Wende auf den Intensivstationen erleben. 

Eine ähnliche statistische Entwicklung wie Deutschland nimmt gerade die Schweiz: Die Infektionsquoten liegen seit etwa zwei Wochen auf einem vergleichbaren Niveau, dort hat man aber auf eine Ausgangssperre verzichtet. Ist diese Regelung überhaupt notwendig?

Die Ausgangssperre hat in der beschlossenen Variante nur eine geringe Wirkung. Ich bin sicher, dass andere Regelungen deutlich mehr Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Die Zahlen wären auch ohne Ausgangssperre zurückgegangen. Familien sollten aus meiner Sicht etwa weiter spazieren dürfen, solange sie sich nicht mit zu vielen anderen Menschen treffen, auch abends. Denn dort ist das Risiko am niedrigsten. Für mich würde eine Sperre wie in Großbritannien Sinn machen: Dort sind durchgehend private Treffen mit Menschen aus anderen Hausständen in geschlossenen Räumen verboten. Aber das lässt sich nur schwer kontrollieren.

Inzwischen werden in Deutschland zum Teil mehr als eine Million Menschen am Tag gegen das Corona-Virus geimpft. Wie stark sorgen die Impfungen bereits für einen Rückgang der Infektionen?

Im Moment sind erst acht Prozent vollständig geimpft. Zusammen mit den Genesenen ergibt sich aber schon eine größere Gruppe, von der nur eine relativ niedrige Gefahr ausgeht. Der Effekt ist allerdings gering. Denn viele der bisher Geimpften leben etwa in Pflegeheimen und sind weniger mobil. Ein Pandemiebrecher sind die Impfungen noch nicht.

Für vollständig Geimpfte plant die Bundesregierung die schnellen Lockerungen von Corona-Maßnahmen. Besteht darin ein Risiko?

Noch hat nicht jeder die Möglichkeit für eine Impfung. Deshalb finde ich es schwierig, den Geimpften jetzt schon größere Erleichterungen einzuräumen. Der Großteil der Bevölkerung hat es ohne Murren akzeptiert, dass eine Impfreihenfolge beschlossen wurde, um die Risikogruppen zu schützen. Gerechter wäre es aus meiner Sicht, den vollständig Geimpften mehr Freiheiten zu geben, sobald es genug Impfstoff für alle gibt.

Besteht die Gefahr, dass es bald zu Mutationen kommt, gegen die die Impfungen nicht mehr helfen?

Grundsätzlich sind Mutationen ein Zufallsprodukt. Durch die Impfungen machen wir Druck auf das Virus und es gibt noch immer viele Infektionen. Deswegen ist es möglich, dass es zu einer impfresistenten Mutation kommen kann. Bis jetzt war das Virus aber nicht sehr mutationsfreudig, ganz anders als etwa HIV oder Influenza-Viren. Man sollte es aber trotzdem nicht unterschätzen. Das Virus hält sich weder an Impfungen noch an die Politik oder unsere Wünsche.

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Martin Stürmer am 5. Mai 2021

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