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Corona | Impfstoffmangel: Karl Lauterbachs großes Rätsel – wo ist die Lücke?


Wo ist der Mangel?
Karl Lauterbachs großes Impfstoff-Rätsel


Aktualisiert am 16.12.2021Lesedauer: 5 Min.
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Impfstoff fehlt: Lauterbach erklärt, warum er sich Hilfe bei Christian Lindner erbeten hat und wie dadurch die Impfkampagne in Deutschland forciert werden soll. (Quelle: t-online)

Bald fehlt Impfstoff. Warnt zumindest Karl Lauterbach. Nur: Die Zahlen geben diese Lücke bislang nicht her. Der neue Gesundheitsminister wird schnell für Aufklärung sorgen müssen.

Wenn uns die Pandemie bisher eines gelehrt hat, dann das: Die deutsche Corona-Politik lässt sich ohne Weiteres als Endlosschleife der immer gleichen Diskussionen und Probleme beschreiben. Im Herbst kommt die Lockdowndebatte, im Frühjahr feiert man "Lockerungsdiskussions-Orgien" und im Sommer interessiert das Virus für einige Wochen niemanden mehr, wird schon gut gehen.

Am Dienstagabend hatte ein besonders unangenehmer Klassiker sein Comeback: die Impfstoffknappheit. "Wir haben zu wenig Impfstoff", sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach in den ARD-"Tagesthemen". Und zwar für das erste Quartal des nächsten Jahres.

Na, frohes Neues!

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Lauterbach, der Neue im Ministerium, hatte bei Amtsantritt eine Impfstoffinventur angekündigt. Das schien eine gute Idee zu sein, weil allein durch den komplizierten Weg des Impfstoffs, der vom Bund an die Länder und von dort an Impfzentren und Praxen verteilt wird, ein genauer Überblick schwerfällt.

Doch woher kommt nun plötzlich der Mangel? Und wie groß ist er?

Das herauszufinden ist komplizierter, als man meinen könnte. Minister, Ministerium und Fachpolitiker geben sich am Mittwoch zugeknöpft, neue Zahlen liefert keiner. Und aus den bisher vorliegenden, offiziellen Berechnungen lässt sich noch kein signifikanter Engpass ablesen. Bisher ist der Impfstoffmangel also streng genommen nur eine Behauptung.

Lauterbach: "Werde ausführlich Stellung nehmen"

Dabei wären konkrete Zahlen in der Tat hilfreich. Vor allem, um die Dimension des Problems zu verstehen. Ist es eine kleine, mittlere oder riesengroße Katastrophe? Inmitten der härtesten Welle der Pandemie ist das ja nicht ganz unwichtig.

Also eine Anfrage ans Bundesgesundheitsministerium. Antwort: "Für das kommende Jahr können noch keine aktualisierten Daten gegeben werden." In den ersten drei Monaten werde jedoch "die Zahl der auslieferbaren Impfstoffdosen stark zurückgehen und unterhalb der jetzt wöchentlich verimpften Mengen liegen".

Anruf im Büro der Parlamentarischen Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Sabine Dittmar von der SPD. Lauterbach hatte sie mit der Inventur beauftragt, sie müsste es also wissen. Antwort: Auch nichts, keine Zahlen, man verweist an den Minister.

SMS an Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister. Antwort: "Ich werde morgen in der Bundespressekonferenz dazu ausführlich Stellung nehmen."

Zahlenspiele mit den vorhandenen Daten

Verlässliche Zahlen zum angeblich knappen ersten Quartal 2022 sind also nicht zu bekommen. Was es allerdings gibt, sind offizielle Zahlen über die Impfstoffdosen, die bis Jahresende noch geliefert werden sollen, oder die schon da sind, aber noch nicht verbraucht. Und es lassen sich Annahmen darüber treffen, wie viele Menschen realistischerweise in den nächsten Monaten noch geimpft oder geboostert werden.

Die Kurzform dieser Zahlenspiele lautet: Den vorhanden Daten zufolge gibt es keine große Lücke bis zum Ende des ersten Quartals.

Die Langform geht so: Ende Oktober waren etwa 55,5 Millionen Deutsche zweimal geimpft. Mit einem halbwegs sinnvollen Zeitraum von rund fünf Monaten zwischen zweiter und dritter Impfung könnte man sie also bis Ende März boostern. Gut 21,5 Millionen von ihnen sind das jedoch schon. Das heißt: Rund 34 Millionen Booster-Impfungen sollte es im Optimalfall bis zum Ende des ersten Quartals noch geben.

Vom Moderna-Impfstoff braucht es dafür nur eine halbe Impfdosis. Davon sollen bis Jahresende laut Ministerium noch mehr als 30 Millionen geliefert werden. Und 16 Millionen Moderna-Boosterdosen sind den Daten zufolge bisher noch nicht verimpft worden. Geht man für diese Rechnung der Einfachheit halber davon aus, dass alle Menschen mit Moderna geboostert würden, wären also noch rund zwölf Millionen Boosterdosen übrig.

Aus diesen zwölf Millionen Moderna-Boosterdosen könnten somit weitere sechs Millionen komplette Dosen für Erst- und Zweitimpfungen werden. Hinzu käme der gesamte Biontech-Bestand: Noch rund 2,7 Millionen Impfdosen sind davon übrig, und bis Jahresende sollen weitere zehn Millionen Dosen für Erwachsene hinzukommen. Rechnet man beide Hersteller zusammen, ergeben sich also noch 18,7 Millionen Impfdosen für Erst- und Zweitimpfungen.

Eine schon eher optimistische Annahme dürfte sein, dass sich zusätzlich zu den bislang rund 60,5 Millionen Erstgeimpften bis Ende März weitere zehn Millionen für eine vollständige Immunisierung entscheiden. Das entspricht einem Bedarf von 20 Millionen Impfdosen. Hinzu kommen rund 2,5 Millionen Dosen für all jene, die bislang nur über eine Erstimpfung verfügen.

Auf dem Papier gäbe es dieser Rechnung zufolge also ein Defizit von rund 3,8 Millionen Impfdosen. Wobei dieses Defizit nur wirklich existierte, wenn im Januar, Februar und März keine einzige Impfdosis nach Deutschland geliefert würde. Und wenn die Impfbereitschaft tatsächlich so hoch ist, wie für die Rechnung angenommen.

Das sind zwei sehr große Wenns für eine sehr große Aufregung.

"Klassischer Fehlstart im Amt"

Konkreter als die Zahlen zur Impfstofflücke sind schon jetzt die politischen Schuldzuweisungen. Die SPD sieht den früheren Amtsinhaber und CDU-Politiker Jens Spahn in der Verantwortung. Die Union wiederum will davon nichts wissen – und macht dem SPD-Politiker Karl Lauterbach Vorwürfe.

Der Impfstoffmangel sei "schwer irritierend", wütete der alte und neue Arbeitsminister Hubertus Heil von der SPD im "Morgenmagazin". Da habe die Vorgängerregierung im Gesundheitsministerium offensichtlich "nicht klar Schiff gemacht", was nun die neue tun müsse.

Wumms.

Wenig überraschend wummste die Union sogleich zurück. "Karl Lauterbach ruft Feuer, um dann Feuerwehr zu spielen – obwohl er weiß, dass es gar nicht brennt", schrieb der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge, in einem Brief an die Unionsabgeordneten. Lauterbach fahre eine "Kampagne" gegen die Union. Und überhaupt und sowieso, so lautet der Tenor des restlichen Briefes, der t-online vorliegt: Der Impfstoff reicht.

"Dieses Ablenkungsmanöver ist durchschaubar", sagte der für Gesundheitspolitik zuständige Unionsfraktionsvize Sepp Müller t-online. Lauterbach tue so, als sei die SPD kein Teil der Regierung gewesen. Dabei habe Olaf Scholz selbst Anfang des Jahres den Impfstoffkoordinator Christoph Krupp durchgesetzt. "Hat dieser nicht genug gearbeitet?"

Müller findet: "Das war ein klassischer Fehlstart im Amt des Gesundheitsministers." Noch mal Wumms. "Anstatt Ängste zu schüren, sollte er das Land zusammenhalten."

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Und endlich "konkrete Zahlen" nennen.

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Wo ist also die Lücke?

Wo wir wieder bei der entscheidenden Frage angekommen wären: Wo ist denn nun die Impfstofflücke? Es gibt mehrere Erklärungen, die zumindest denkbar wären. Ein Teil der Impfdosen, die in der Statistik als "nicht verimpft" angegeben sind, könnten sich gar nicht mehr im Lager befinden – sondern auf dem Müll. Weil sie zum Beispiel als Restmenge weggeworfen worden sind.

Die geplanten Lieferungen für dieses Jahr könnten theoretisch auch noch einmal geringer ausfallen, als schon am Mittwoch publik geworden ist. Das wäre eine weitere mögliche Erklärung.

Die dritte wäre, dass das Gesundheitsministerium davon ausgeht, dass sich wesentlich mehr Leute nur noch mit Biontech impfen lassen wollen und nicht mehr mit Moderna.

Und eine vierte könnte sein, dass angesichts der geplanten allgemeinen Impfpflicht damit gerechnet wird, dass sich schon im ersten Quartal sehr viel mehr Ungeimpfte doch noch impfen lassen.

Möglicherweise spielen auch alle Erklärungen eine Rolle oder noch weitere.

Klar ist jedenfalls: Aus den bisherigen Daten und der Erklärung des Ministeriums, dass im ersten Quartal die Liefermengen "stark zurückgehen und unterhalb der jetzt wöchentlich verimpften Menge liegen", ergibt sich allein noch kein akuter Mangel.

Am Donnerstag um 15 Uhr wird Gesundheitsminister Karl Lauterbach selbst auf der Bühne der Bundespressekonferenz sitzen, am Schiffbauerdamm 40 in Berlin, unweit des Bundestages. Und dann wird er sie genauer erklären müssen, die von ihm entdeckte Impfstofflücke.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes gab es in der Langform der Rechnung einen Fehler. Wir bitten das zu entschuldigen. Die Passage wurde deshalb überarbeitet. Außerdem wurde nachträglich eine vierte mögliche Erklärung für die Lücke eingefügt.

Verwendete Quellen
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