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All-Machtfantasien: Der Wettstreit um den Zugang zum Weltraum

Knallharte Wirtschaftsinteressen  

All-Machtfantasien: Der Wettstreit um den Zugang zum Weltraum

12.11.2019, 23:38 Uhr | Sonja Wurtscheid, dpa

All-Machtfantasien: Der Wettstreit um den Zugang zum Weltraum. Eine Rakete der europäischen Weltraumorganisation ESA startet im französischen Kourou: Wird es bald ein Raketenstartgelände in Deutschland geben? (Quelle: dpa)

Eine Rakete der europäischen Weltraumorganisation ESA startet im französischen Kourou: Wird es bald ein Raketenstartgelände in Deutschland geben? (Quelle: dpa)

Ein Weltraumbahnhof in Deutschland – ist das realistisch? Das All ist längst nicht mehr nur Ziel unserer Entdeckerfantasien. China, die USA, Russland ringen dort um die Vorherrschaft. Die EU will mitmachen.

Ein Weltraumbahnhof in Rostock-Laage oder in Nordholz bei Cuxhaven? Das klingt mehr nach "Captain Future" als nach Zukunftsplan. Doch hinter dieser Idee stecken knallharte Wirtschaftsinteressen. Längst ist unter den Supermächten China, USA und Russland ein Gerangel um die Vormacht im All entbrannt. Die EU will da mitmischen.

"Wir brauchen einen unabhängigen Zugang zum All", sagte Andreas Hammer vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie jüngst bei einer Veranstaltung in Berlin. "Ohne den Weltraum funktioniert unser normales Leben nicht mehr. Jeden Tag, den wir weiterleben, werden wir abhängiger von den Aktivitäten im Weltraum".

Im Weltall gibt es Rohstoffe

Satelliten im All füttern unsere Smartphones mit GPS-Daten oder der Wettervorhersage. Auch unsere Navis im Auto brauchen Daten von Satelliten. "Heutzutage hat keiner mehr den Faltplan im Auto und streitet sich mit seinem Partner, wenn man sich verfahren hat", sagte Hammer, der auch für die Rüstungs- und Raumfahrtsparte von Airbus (Defense & Space) tätig ist.

Im Weltraum geht es aber nicht allein um Smartphones und Navis. Im All lagern ungenutzte Geldberge – in Form von Rohstoffen. Bis diese auf Asteroiden oder Planeten gefördert werden könnten, sei es zwar noch etwas hin, heißt es in einem Grundsatzpapier des BDI. "Doch aufgrund rasanter technologischer Innovationen rückt die Förderung von Rohstoffen im Weltraum in den Bereich des Möglichen."

Deutsche Industrie soll vom All profitieren

"Auch wenn die Idee am Anfang idiotisch klingt – gebt ihr eine Chance", mahnte der Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, Johann-Dietrich Wörner, mit Blick auf frühere Missionen zum Mond. Dieser sei zunächst als "toter Stein" verschrien gewesen. Dank der Flüge dorthin wüssten wir, dass es Wasser nicht nur auf der Erde gebe, betonte Wörner. "Jetzt fliegen sie alle hin, Ost wie West."

Damit die deutsche Industrie am künftigen Geschäft im All mitverdienen kann, brauche es doppelt so viel Geld von der Bundesregierung wie bisher. Das zumindest fordert der Bundesverband Deutscher Industrie (BDI). Statt aktuell knapp 300 seien 700 Millionen Euro nötig. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vertröstete die Industrie zuletzt noch. Er könne nicht mehr Geld versprechen, sagte der CDU-Politiker beim "Weltraumkongress" in Berlin.

Infrastruktur im All könnte Ziel feindlicher Attacken werden

Anders als der Abbau von Rohstoffen ist das machtpolitische Gerangel um die All-Macht bereits in vollem Gange. Dabei geht es vor allem um den Schutz kritischer Infrastruktur. "Wenn Sie durch Berlin laufen, stehen vor jeder Botschaft Wachmänner", sagte Hammer. Auch Atomkraftwerke werden geschützt. Nur im All sei es anders: "Wir haben im Moment im Weltraum Infrastruktur, die vollkommen ungeschützt ist", betonte Hammer. Von dieser Infrastruktur hängen wir demnach auf der Erde ab. Und sie könne das Ziel feindlicher Attacken werden.

Die EU hat schon ein eigenes Navigationssystem namens Galileo entwickelt. Die USA etwa können in ihren GPS-Systemen ganze Regionen einfach ausblenden, sagte der CDU-Politiker Thomas Jarzombek, der die deutsche Luft- und Raumfahrt für die Bundesregierung koordiniert. Wenn die USA also nicht wollen, dass jemand ein bestimmtes Gebiet auf einer Karte sieht, dann sieht er es auch nicht. "Wenn man eine robuste Auseinandersetzung hat, braucht man ein eigenes System", ergänzte Jarzombek. Gemeint sind Krisen, Konflikte und Kriege.

Soll Weltraumpolitik weniger europäisch werden?

Statt mehr Geld für europäische Projekte dieser Art auszugeben, könnte es einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag) zufolge ab 2020 weniger Geld geben: Die Bundesregierung will demnach der europäischen Raumfahrtagentur Esa die Gelder kürzen. Die große Koalition setze verstärkt auf rein deutsche Vorhaben und weniger auf europäische Gemeinschaftsprojekte: Laut einem Antrag der Koalition sollten dem Bericht zufolge der Esa rund 80 Millionen Euro pro Jahr weggenommen und deutsche Raumfahrtprogramme mit etwa 12 Millionen Euro zusätzlich gefördert werden.

Das Bundeswirtschaftsministerium widerspricht dieser Darstellung. Auch andere Ministerien zahlten in das Esa-Budget ein; dieses werde auch 2020 ungefähr gleich bleiben. Der Bundestag soll nach SZ-Informationen am Donnerstag über den Antrag der großen Koalition entscheiden.

 

 
Zurück zum Weltraumbahnhof Rostock und einem Missverständnis: Dort sollen keine "Space-Shuttles" ins All geschossen werden, betonte eine Sprecherin des Energieministeriums. Es gehe um Starts von kleinen Trägerraketen, die ebenso kleine Satelliten transportierten. Ob der Flughafen Rostock-Laage dafür in Frage komme, solle ein Gutachten bis 2020 prüfen. Die Sprecherin betonte aber: "Es handelt sich keinesfalls um ein deutsches Cape Canaveral."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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