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CSU-Parteitag: Horst Seehofers Abschied – Ein kalter letzter Tag

Horst Seehofers CSU-Abschied  

Ein kalter letzter Tag

Von Jonas Schaible, München

19.01.2019, 15:56 Uhr
 (Quelle: Reuters)
CSU wählt Söder zum Nachfolger von Parteichef Horst Seehofer

Bei einem Sonderparteitag am Samstag in München wählten die Delegierten Söder mit 87,4 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Horst Seehofer.

Seehofer-Nachfolger: Die CSU hat Markus Söder mit einem schwachen Ergebnis zum Parteivorsitzenden gewählt. (Quelle: Reuters)


Die CSU vollzieht den Machtwechsel. Horst Seehofer muss gehen. Der Abschied, der ihm bereitet wird, verrät viel über die Partei. 

Um 10.56 Uhr begannen die Delegierten in der Kleinen Olympiahalle in München den scheidenden CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zu beklatschen. Ging man in diesen Minuten durch die Reihen, sah man etliche, die gar nicht klatschten, und wenige, die wirklich kräftig applaudierten. Um 10.59 Uhr hörten sie wieder auf. Mehr als diesen müden Pflichtapplaus hatten die mehr als 800 Delegierten nicht übrig für einen Mann, der zehn Jahre Parteichef war. Länger als Edmund Stoiber. Ein letzter Gruß ohne Gnade.

Es fiel besonders auf, weil vor etwas mehr als einem Monat auch die CDU ihre Vorsitzende verabschiedet hatte. Angela Merkel war in der CDU hoch umstritten, viele waren froh, dass sie abtrat. Aber sie hielt eine fast liebevolle Rede. Der Applaus hielt damals rund acht Minuten an. Merkel wirkte gerührt. Viele der Delegierten auch.

In München wirkte kaum jemand gerührt. Das verrät einem etwas über Seehofer, mehr noch aber über die Partei und ihren neuen starken Mann Markus Söder, der jetzt nicht nur Ministerpräsident ist, sondern auch Parteichef; 87 Prozent bekam er. Christsoziale können so inbrünstig wie niemand sonst beteuern, so, wie es jetzt sei, habe es immer sein sollen. Aber es ist jetzt offensichtlich, dass das eine reine Behauptung ist.

Seehofers Abschied wirkte von Anfang an lieblos inszeniert, halbherzig durchgeführt, und selbst die Momente, die womöglich ehrlich warm gemeint waren, lassen Raum für giftige Doppeldeutigkeit.

Wie eine Familienfeier

Zum Einzug lief hinter Seehofer ein kleiner Mann, der leicht zitternd ein Schild über den Kopf hielt, darauf stand: "Danke Horst". Der Mann ist 83 Jahre alt, heißt Andreas Spreng und ist nur Gast auf dem Parteitag. Ein Mandat hat er nicht, sagt er, einen Auftrag auch nicht. Zu Merkels Abschied hatte die Frauenunion "Danke Chefin"-Schilder vorbereitet. Zu Seehofers Abschied kam gerade einer, der ihn noch als Lokalpolitiker kennt.

Die Dankesrede für Seehofer hielt Angelika Niebler. Sie ist Europaabgeordente, 15 Jahre jünger als Seehofer, weder als enge Weggefährtin noch als echte Vertraute bekannt. Sie dankte vor allem dafür, dass Seehofer sich auch für Frauen eingesetzt habe. Dann sagte Markus Blume, der sich frei auf der Bühne umherlaufend steif durch den Parteitag moderierte: "So leicht kommst du nicht davon." In diesem Moment hatte die Verabschiedung etwas von einer Geburtstagsfeier in einer Familie, die man sich nicht ausgesucht hat.

Er will nicht gehen, doch muss

Seehofer hatte da schon einen kleinen Film vorgeführt bekommen, winken, grüßen, Manuel Neuer herzen. Ein paar Bilder, Konservenmusik, was der Sohn am Computer eben so bastelt. Nun bekam er noch ein Geschenk. Er ist Liebhaber von Modelleisenbahnen, im Keller soll eine Bahn stehen. Nun bekam er ein Modell der CSU-Landesleitung überreicht. Womöglich einfach nur nett gemeint. Womöglich auch die Botschaft: Bleib im Keller, Horst. Und komm nicht wieder. Seehofer selbst sagte, die werde ihm sicher Sehnsucht machen, zurückzukommen. "Eine Bewerbung ist nie hoffnungslos."

Horst Seehofer, Dorothee Bär, Markus Blume und das Eisenbahn-Modell der CSU-Parteizentrale. (Quelle: Reuters/Andreas Gebert)Horst Seehofer, Dorothee Bär, Markus Blume und das Eisenbahn-Modell der CSU-Parteizentrale. (Quelle: Andreas Gebert/Reuters)

Überhaupt scherzte er mehrfach, er könne ja doch noch zurückkommen. Im Horoskop für heute stehe, wenn er eine Entscheidung rückgängig mache, werde er das nicht bereuen. Es klang nach einem Mann, der nicht wirklich loslassen will. Dass er muss, machte ihm Söder noch einmal deutlich klar.

Ehrenvorsitzender Seehofer

Söder selbst schlug vor, Seehofer zum Ehrenvorsitzenden zu machen. Bisher sind nur Theo Waigel und Edmund Stoiber Ehrenvorsitzende. Es ist eine große Auszeichnung. Aber natürlich ist es auch so, dass ein Ehrenvorsitzender nicht mehr aus der Ahnengalerie zurückkehrt. Wer wollte, konnte sich das denken. Söder sagte es. Ob nicht in der Satzung stehe, dass Seehofer jetzt nicht mehr Parteivorsitzender werden könne?

Seehofer und Söder, beide frotzeln sich seit Jahren so an, oft ist das amüsant, immer vermitteln sie, dass sie es genau so meinen, wie sie es vermeintlich im Scherz sagen. 

Schließlich war da noch Seehofers Rede, in der er die CSU immer wieder als "Familie" bezeichnete, in der er die Delegierten aber trotzdem mit "liebe Freunde" ansprach. Er habe, sagte er, "ein glühendes Herz" für die CSU. Noch einmal der Vergleich: Merkel hatte in ihrer Rückzugserklärung gesagt, sie gehe "frohen Herzens". Die eine wirkt im Reinen, der andere brennt noch. Sie endete mit ihren Worten: "Es war mir eine große Freude. Es war mir eine Ehre." Seehofer sagte: "Liebe Freunde, mein Werk ist getan."

Scheineinigkeit statt echter Geschlossenheit

Da ist offensichtlich allenfalls noch deklamierte Liebe zwischen dem Mann und der Partei, der er seit Jahrzehnten dient, durch die er aufgestiegen ist, die er in einer schwierigen Phase übernahm und die er wieder aufbaute. Umgekehrt standen gerade aus den altbayerischen Bezirksverbänden etliche Delegierte nach Söders Rede nicht auf. Dass er trotzdem 87 Prozent der Stimmen bekam und zu Seehofers Nachfolger gewählt wurde, sagt etwas über die CSU.

Seehofer rief das "Jahr der Geschlossenheit" aus. Söder rief zur Geschlossenheit auf. Die CDU schickte Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Rede sehr gut ankam, Fraktionschef Ralph Brinkhaus und Generalsekretär Paul Ziemiak nach München, wegen: Geschlossenheit.

Aber die Geschlossenheit ist nur noch behauptet, nicht empfunden. Zumindest im privaten Gespräch sagen das Christsoziale auch offen. Aber nach außen gilt weitgehend immer noch, dass man sich zusammenraufen müsse.

Ohne Versöhnung auseinander

Diese Scheineinigkeit erlaubt bissige Frotzeleien auf der Bühne, sie erlaubt trotziges Nicht-Klatschen und sie erlaubt es sogar, böse Gerüchte über Konkurrenten zu streuen. Aber eine offene Debatte erlaubt sie nicht. Das macht sie so dialektisch: Sie macht die CSU oft handlungsfähig, sie kann aber auch toxisch sein. Nur wegen dieser Scheineinigkeit konnte der Streit zwischen CDU und CSU über den richtigen Kurs und Ton in der Flüchtlingspolitik im vergangenen Sommer derart eskalieren. Weil viele zwar unzufrieden waren, aber es nicht sagten, öffentlich nicht, und oft genug auch in den Gremien nicht. 

Wie es aussieht, bleibt diese Scheineinigkeit einer Partei erhalten, die zurzeit vor allem die Macht liebt. Söder und Seehofer gehen ohne Versöhnung auseinander. Die Partei beklatscht den neuen starken Mann, beklatscht sogar die neue starke Frau der CDU, aber lässt den alten starken Mann fallen.
 

 
Einmal im Jahr kommen bayerische Politiker zum "Derblecken" auf den Nockherberg in München. Dort bekommen sie von Kabarettisten in einer Rede und einem Singspiel eins übergezogen. Im vergangenen Singspiel, vor einem knappen Jahr, in einem Western-Setting, sang die Figur Markus Söder: "Sieh es ein, alter Horst, du musst jetzt gehen!" Reite in den Sonnenuntergang, hieß das, schleich dich, gell? Horst sagte: ja. Im Singspiel entschied er sich dann doch noch um. Damit ist es jetzt vorbei. 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

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