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Tagesanbruch: Gerechtigkeit – Der Preis für eine bessere Welt

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

24.01.2019, 00:50 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Christine Lagarde in Davos mit Paul Kagame links und Bono von U2. (Quelle: Reuters/Arnd Wiegmann )Christine Lagarde in Davos mit Paul Kagame links und Bono von U2. (Quelle: Arnd Wiegmann /Reuters)

Werfen Sie bitte einen kurzen Rundblick über den Globus: Bürgerkriege im Nahen Osten, Hunger in Afrika, Völkermorde in Südasien, obdachlose Kinder in Südamerika – und rund um den Erdball so viel Armut, Krankheiten und Unterdrückung, dass wir uns in Deutschland wie auf einer Insel der Seligen vorkommen dürfen.

Und nun versetzen Sie sich bitte gedanklich in das Jahr 2030: Auf der Welt gibt es keine Armut und keinen Hunger mehr, dafür allerorten gesunde und zufriedene Menschen, die Zugang zu frischem Wasser, guter Bildung und menschenwürdiger Arbeit haben und friedlich im Einklang mit der Natur leben. Eine Utopie?

Nein. Denn genau dieses Weltbild haben die Vereinten Nationen skizziert, als sie vor dreieinhalb Jahren ihre 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung definierten, auf die alle Staaten hinarbeiten sollen (hier die Übersicht). Es ist mitnichten so, dass der Weg dorthin vollkommen unrealistisch wäre. Die UN, aber auch viele Regierungen und Nichtregierungsorganisationen haben große Anstrengungen unternommen, um die Ziele anzustreben. Und tatsächlich ist unsere Welt in vielerlei Hinsicht eine bessere geworden. Sicher, das kapitalistische System produziert nach wie vor viele Verlierer, gegen die Klimakrise tun wir viel zu wenig, der Waffenhandel floriert, der Terrorismus zeigt immer wieder seine Fratze, und auf das Problem schwindender Ressourcen bei gleichzeitigem Wachstum der Weltbevölkerung hat noch niemand eine schlüssige Antwort gefunden. Aber in vielen Ländern und Regionen geht es aufwärts, wie der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling gezeigt hat, indem er nüchterne Zahlen in Relation setzte: "Vor 20 Jahren lebten noch 29 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute beträgt dieser Anteil neun Prozent." So könnte es weitergehen, sind wir geneigt zu denken, während wir uns behaglich zurücklehnen und uns noch ein Tässchen fair gehandelten Hochlandkaffee aus Nicaragua einschenken.

Und genau das ist der Fehler (die Vertrauensseligkeit, nicht der Kaffee). Denn trotz großer Anstrengungen tun wir alle noch viel zu wenig: Das ist der Kern des Alarmrufs, den Christine Lagarde gestern beim Weltwirtschaftsforum in Davos ausstieß. Machen wir weiter wie bisher, werden wir die ambitionierten Entwicklungsziele der Vereinten Nationen nicht nur knapp, sondern krachend verfehlen – mit gravierenden Folgen für Mensch und Natur, warnt die Chefin des Internationalen Währungsfonds und stellt klar: Es braucht ein viel größeres Engagement der Privatwirtschaft. "Wirtschaftswachstum ist die Grundlage", verkündet Lagarde (hier das Video ihres Auftritts).

In dasselbe Alarmhorn blasen die Autoren des Risikoberichts des Weltwirtschaftsforums. Sie sehen nicht nur wachsende Gefahren im Klimawandel und die Zunahme von Depressionen und Abstiegsängsten, sondern resümieren auch, dass der Wille, globale Probleme global zu lösen, schwächer geworden sei. "Schlafwandeln in die Katastrophe" werfen sie der Weltgemeinschaft vor.

Ich nehme diesen und den Appell von Frau Lagarde sehr ernst – bin aber in einem entscheidenden Punkt anderer Meinung: Permanentes Wirtschaftswachstum kann nicht die Lösung sein, sondern ist doch eher Teil des Problems. Wir werden die hochgesteckten Entwicklungsziele für unsere Welt nur dann erreichen können, wenn wir bereit sind zum Verzicht. Gerade auch wir Deutschen auf unserer Insel der Seligen.

Ein durchschnittlicher Europäer nennt 10.000 Gegenstände sein eigen, hat das Portal "Nachhaltig sein" ausgerechnet – und viele davon besitzen wir auf Kosten der Umwelt, der Gesundheit oder Unversehrtheit anderer Menschen: Plastikspielzeug, Billigklamotten, alle zwei Jahre ein neues Smartphone. Hinzu kommen Flugreisen, Autofahrten in Innenstädten, täglich Fleisch auf dem Teller und andere Annehmlichkeiten, über deren Folgen wir nur selten nachdenken. Kann man alles haben und kann man alles machen. Aber wir sollten uns im Klaren sein: Irgendjemand bezahlt dafür einen sehr hohen Preis. Vielleicht ein Kind in Asien, vielleicht eine Familie in Afrika. Und ziemlich wahrscheinlich auch unsere eigenen Enkel.

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Protest gegen Präsident Maduro in Venezuela. (Quelle: Reuters/Manaure Quintero)Protest gegen Präsident Maduro in Venezuela. (Quelle: Manaure Quintero/Reuters)

In Venezuela mangelt es an allem, nur nicht an Präsidenten. Da ist immer noch der alte, Nicolás Maduro, der sich erst im Mai letzten Jahres hat wiederwählen lassen. Dass es dabei auch nur ansatzweise demokratisch zugegangen ist, glaubt allerdings niemand. Angesichts horrender Kriminalität, einer Inflation von über einer Million Prozent und einer regierenden Kaste, die das Land über Jahre ausgenommen hat wie eine Weihnachtsgans, ist es ein kleines Wunder, dass Maduro überhaupt noch irgendwelche Anhänger hat. Aber die Profiteure haben schließlich ihre Netzwerke. Wie tief sie auch in die Armee noch hineinreichen, ist in den vergangenen Tagen zu einer brennenden Frage geworden.

Denn der zweite, gestern frisch ausgerufene Präsident Juan Guaidó hat sich in kurzer Zeit vom unbeschriebenen Blatt zum Hoffnungsträger der Opposition gemausert und die zerstrittenen Gegner Maduros hinter sich vereinigt. Als Präsident war Guaidó auch vorher schon kurz tätig: nämlich als der des Parlaments, der letzten Institution in Venezuela, die noch einen Rest demokratischer Legitimation aufzuweisen hat. Guaidó glaubt, vermutlich zu Recht, dass ihn die große Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Denn die hat bereits mit den Füßen abgestimmt – so, wie wir es in Deutschland aus den letzten Tagen der DDR kennen. Zehn Prozent der Bevölkerung sind inzwischen vor den unsäglichen Verhältnissen außer Landes geflohen. Auch in den unteren Rängen des Militärs kennt man den täglichen Überlebenskampf: Erst am Montag haben Soldaten in einer Kaserne der Hauptstadt gemeutert. Doch die Kommandeure sind weich gebettet, noch haben sie das Heft in der Hand.

Russland, China, Kuba, und Mexiko sind unter den Ländern, die das Regime Maduros mit Krediten, Geheimdienstunterstützung und Waffen stützen. US-Präsident Trump hingegen hat den neuen, selbst ernannten Interimspräsidenten gestern binnen Minuten anerkannt, dicht gefolgt von Kanada und zehn lateinamerikanischen Staaten. Das riecht mächtig nach Absprachen im Vorhinein. Am späten Abend stellte sich die Militärführung dann hinter Maduro. "Die Soldaten des Vaterlandes akzeptieren keinen Präsidenten, der von dunklen Mächten eingesetzt wird, oder sich abseits des Rechts selbst einsetzt", verkündete der Verteidigungsminister. Die Demonstranten auf den Straßen wird er damit kaum beschwichtigen können, im Gegenteil. Schon gestern gab es bei Massenprotesten Krawalle und Verletzte.

Die Fronten in Venezuela erinnern an den Kalten Krieg. Wenn ich mich recht erinnere, verheißt das für die Menschen nichts Gutes. Sie hätten es eigentlich dringend verdient.

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WAS STEHT AN?

Polizisten schützen den Aufgang zum Parlament in Athen gegen Demonstranten. (Quelle: dpa/Angelos Tzortzinis)Polizisten schützen den Aufgang zum Parlament in Athen gegen Demonstranten. (Quelle: Angelos Tzortzinis/dpa)

Monatelang kochte der Streit immer höher, heute Abend fällt die Entscheidung: Das griechische Parlament stimmt über das Abkommen zur Umbenennung seines nördlichen Nachbarstaates von Mazedonien in Nord-Mazedonien ab. Vordergründig geht es nur um einen Namen, in Wahrheit geht es um viel mehr: um Nationalstolz, Macht, Ressentiments – und die Zukunft Südosteuropas. Nur wenn das Abkommen von beiden Ländern ratifiziert wird, kann sich das künftige Nord-Mazedonien Hoffnungen auf einen Beitritt zur Nato oder irgendwann gar zur EU machen. Doch in Athen laufen Nationalisten und Extremisten Sturm gegen den Vertrag, die Polizei wappnet sich für heftige Krawalle. Mehr zu dem Thema habe ich kürzlich hier geschrieben.

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Seit dem 1. Januar sitzt Deutschland im UN-Sicherheitsrat, heute nimmt Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) zum ersten Mal an einer Sitzung des Gremiums in New York teil. Es geht um Frauen und – nahe liegend – Sicherheitspolitik.

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Die Haushaltssperre lähmt Washington. So kann das nicht weitergehen, finden sowohl Republikaner als auch Demokraten. Beim nächsten Gedanken endet die Einigkeit allerdings schon: Beide Seiten beharren auf ihren Maximalforderungen (Trump: Brauche Geld für meine Mauer! Demokraten-Chefin Pelosi: Kriegst kein Geld für deine Mauer!). Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass wir bei der heutigen Abstimmung über die konkurrierenden Budgetpläne im US-Senat eine Lösung sehen werden. Erst wenn eines der Lager 60 von 100 Stimmen bekommt, ist das Drama vorbei. Wird wohl noch ein Weilchen dauern.

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WAS LESEN?

Steve Bannon. (Quelle: Dan Anderson/imago)Steve Bannon. (Quelle: Dan Anderson/imago)

Länger nichts gehört von Steve Bannon, dem ehemaligen Wahlkampfstrategen Donald Trumps. Wollte er nicht in Europa ein Netzwerk von Gleichgesinnten aufbauen? Bislang scheint er nicht allzu weit gekommen zu sein – aber nun gibt es einen neuen Plan: Ein Kloster am Fuße des Apennins will er offenbar zur Kaderschmiede der Rechtspopulisten ausbauen, dort sollen Kämpfer gegen vermeintlich korrupte Eliten und die angebliche Islamisierung des Westens ausgebildet werden. "Gladiatoren für Bannon" hat die Korrespondentin der "Neuen Zürcher Zeitung" ihre Reportage genannt. 

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Apropos Populismus: Es heißt ja immer, der sei eine Gefahr für Europa und die Demokratie. Populisten seien Reaktionäre, die gegen Aufklärung, Fortschritt und gesellschaftlichen Ausgleich kämpfen. Man kann es aber auch anders sehen. So wie Daniel Dettling, der sich Zukunftsforscher nennt. Er sagt: Der Populismus kann auch dazu beitragen, dass die Zukunft besser wird. Drei Thesen stellt er auf, um seinen Gedanken zu untermauern – und am Ende steht das Idealbild eines neuen Politiker-Typs. Lesenswert.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Kennen Sie das? Man beobachtet eine Szene und denkt nach ein paar Sekunden: Alles klar, habe ich verstanden. Ist eher mäßig lustig, das Video – die übrigen 45 Sekunden kann ich mir schenken. Dann bleibt man aber doch noch kurz hängen. Warum eigentlich? Passiert ja nichts weiter. Und dann reicht's irgendwann aber auch – na okay, auf die letzten paar Sekunden kommt es jetzt auch nicht mehr an. So falsch kann man liegen! Es kommt drauf an. Denn Geduld wird fürstlich belohnt. 

Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Tag.


Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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