Sie sind hier: Home > Politik > Tagesanbruch >

Diego Maradona (✝60): Ballkünstler, Tausendsassa und Teufelskerl

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Hier steht kein Bild von Donald Trump (aber etwas anderes…)

26.11.2020, 07:39 Uhr
Diego Maradona (✝60): Ballkünstler, Tausendsassa und Teufelskerl. Schwarzseher sehen hier ein Bild von Donald Trump. Alle anderen schauen weiter unten auf Erfreulicheres. (Quelle: F. Harms)

Schwarzseher sehen hier ein Bild von Donald Trump. Alle anderen schauen weiter unten auf Erfreulicheres. (Quelle: F. Harms)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

der liebe Gott hat ein Händchen für den richtigen Moment. Am 25. November 1953 verlor die englische Fußballnationalmannschaft zum ersten Mal ein Heimspiel gegen ein Team aus Kontinentaleuropa, die 3:6-Klatsche gegen Ungarn steht bis heute dreimal unterstrichen in den Annalen. Gestern, wieder an einem 25. November, rief der Herrgott jenen Mann zu sich, der 33 Jahre später gegen die englische Nationalelf das schönste Tor der Fußballgeschichte schoss: Ballannahme, Hackentrick, drei Gegner austanzen, 60-Meter-Sprint, noch einen Verteidiger stehen lassen, den Torwart umkurven – und rein die Pille! Damals, im Juni 1986, hielten die Kommentatoren das für einen schönen Treffer, heute wissen wir, dass es ein historischer Moment war, eine Sternstunde des Sports voller Eleganz, Akrobatik und Raffinesse. Heute können wir uns an der Kunst sattsehen, ohne uns über das andere Tor desselben Mannes drei Minuten zuvor zu echauffieren, als er den Ball mit der Faust ins Tor haute. Auch das war ein historischer Sportmoment. Es sei die Hand Gottes gewesen, sagte der Argentinier nach dem Spiel, aber wenn der Herrgott damit wirklich einverstanden war, muss er einen sehr relaxten Tag gehabt haben. Nun schaut er dem Schlitzohr vermutlich dabei zu, wie es über den Wolken seine Tricks vorführt. So wollen wir ihn in Erinnerung behalten, den Diego Maradona: Als Ballkünstler, Tausendsassa, Teufelskerl auf dem Platz, nicht als Wrack an der Spritze und Elend an der Flasche. "Es ist pietätvoll, an den genialen Fußballspieler zu erinnern und den Mantel des Schweigens gnädig über die Zeit danach auszubreiten", schreibt unser Kolumnist Gerhard Spörl, dessen Nachrufe so viel Empathie enthalten, dass man sie zweimal lesen möchte. So soll es sein. Droben bei den Göttern und auch drunten bei uns Sterblichen.

22. Juni 1986: Diego Maradona spielt im Viertelfinale der Fußball-WM die englische Nationalmannschaft schwindelig. (Quelle: imago images)22. Juni 1986: Diego Maradona spielt im Viertelfinale der Fußball-WM die englische Nationalmannschaft schwindelig. (Quelle: imago images)

So wollen wir ihn in Erinnerung behalten, den Fußballgott. (Quelle: imago images)So wollen wir ihn in Erinnerung behalten, den Fußballgott. (Quelle: imago images)

Genug der Vorrede, nun rasch zum "Was war?". Das beginnt heute mit einem großen DANKESCHÖN:

WAS WAR?

Das war: Seit mehr als drei Jahren gibt es den Tagesanbruch, seither ist die Zahl der Leserinnen und Leser kontinuierlich gewachsen, an manchen Wochentagen sind es mehr als 600.000, manchmal noch viel mehr. Und viele von Ihnen schicken uns Ihre Gedanken zu den Texten, die meine Kollegen und ich jeden Morgen veröffentlichen. Dafür herzlichen Dank! Längst kann ich nicht mehr alle E-Mails selbst beantworten, drei liebe Kolleginnen helfen mir dabei. Aber ich versuche alle zu lesen und bekomme so einen Eindruck davon, wie unsere redaktionelle Arbeit aufgenommen wird. Dabei sind uns kritische Stimmen ebenso wichtig wie Lob. Nur wer sich regelmäßig hinterfragt, behält einen klaren Blick. Sie wissen ja, dass ich gelegentlich zu scharfen Meinungen und saloppen Formulierungen neige, und wer austeilt, muss auch einstecken können.

Manche Zuschriften beschäftigen mich länger. Zum Beispiel die eines Tagesanbruch-Lesers aus dem niederbayerischen Kelheim, wo ich noch nie war, was bestimmt ein Fehler ist, wenn ich mir im Internet ansehe, was man dort alles Tolles machen kann, wenn nicht gerade Corona herrscht. Der liebe Leser schreibt, dass t-online seine Startseite sei (was eine gute Idee ist) und er der kommentierten Tagesanbruch-Ausgabe in allen Punkten zustimme (was ebenfalls prima ist), er habe allerdings eine Bitte: "Könnten Sie bitte Bilder von Trump weglassen?" Deshalb nämlich: "Ich erleide beim Anblick seines Konterfeis spontane Magenkrämpfe und Kopfschmerzen. Es fällt mir schwer, den Brechreiz zu überwinden." Wie ihm ein Freund aus dem Umfeld der US-Regierung berichtet habe, soll Herr Trump mehrere Personen angestellt haben, die ausschließlich damit beschäftigt seien, sämtliche Presseveröffentlichungen mit seinem Bild zu sammeln. "Es wäre also eine Strafe für Trump, wenn sein Gesicht auf t-online nicht mehr gezeigt wird", meint der Leser aus Kelheim listig.

Leider sind meine Kontakte ins Weiße Haus nicht so gut, dass ich diese Information bestätigen kann, und unseren vielbeschäftigten Korrespondenten Fabian Reinbold mag ich damit nicht behelligen. Der hatte drei Jahre lang von morgens bis abends mit dem Heini zu tun, da ist er bestimmt froh, wenn er jetzt mal wieder über halbwegs normale Leute berichten darf.

Trotzdem kann ich dem Leser aus Kelheim (und möglicherweise auch vielen anderen von Ihnen) eine frohe Botschaft kundtun: Der Donald ist bald weg vom Fenster. Nein, er wird natürlich nicht ganz weg sein, wenn sein Amt am 20. Januar weg ist, vielleicht macht er irgendwas mit Fernsehen oder mit noch mehr Twitterei. Bestimmt wird er auch weiter versuchen, unzufriedene Menschen aufzuwiegeln, und allzu viele werden ihm dabei leider applaudieren. Aber die Hebel der Macht wird er verlieren. Während er deshalb in den ersten Tagen nach seiner Wahlniederlage rumnölte wie ein beleidigter Zweitklässler, scheint er sich nun in sein Schicksal zu fügen. Zwar verbreitet er weiterhin die Lüge vom angeblichen "Wahlbetrug", aber er lässt die Machtübernahme seines Nachfolgers zu. Er hat die nötigen Zugänge und das Geld für den Regierungswechsel widerwillig freigegeben.

Und so hockt er nun bei Fastfood und Cola im Weißen Haus und grummelt seinem Abgang entgegen. Spaß hat ihm das Regieren ja offenkundig eh nie gemacht, mit Aktenstudium, Abwägen und Arbeiten hat er es nicht so. Ihm geht es um schöne Bilder, Annehmlichkeiten und Schmeicheleien. Deshalb scheint ihm der liebste Termin des Jahres die Begnadigung eines Truthahns zu sein, wie sie in den USA alljährlich an Thanksgiving zelebriert wird, das praktischerweise heute ist. Die Kollegen der "New York Times" haben in einem süffisanten Artikel beschrieben, wie viel Wert dieser Präsident auf Fassade legt und wie wenig auf Substanz. Wer den Text liest, stellt sich unweigerlich die Frage, wie die Amerikaner vor vier Jahren einem solchen Taugenichts auf den Leim gehen konnten. Ich werde mich hüten, Ihnen meine Gedanken dazu heute Morgen noch mal auszubreiten, sonst wird der Tagesanbruch wieder viel zu lang. Sie kennen sie ja eh schon.

Was soll also stattdessen die Pointe dieses Themas sein? Nur eine schlichte Erkenntnis: Es ist tatsächlich möglich, einen Artikel über Donald Trump zu schreiben, ohne dabei ein Bild von Donald Trump zu zeigen. So sehr es in den vergangenen vier Jahren angebracht gewesen ist, ausführlich über ihn zu berichten, weil er nun mal der mächtigste Babo auf Erden war, so sehr ist es nun an der Zeit, wieder mehr über vernünftige und konstruktive Menschen zu schreiben. In diesem Sinne: Genießen Sie diesen Tagesanbruch ohne Donald-Bildchen, lieber Leser aus Kelheim (und alle anderen ebenso)!

______________________________

WAS STEHT AN?




Die Kneipen zu, die Straßen leer, kaum Kontakt zu Freunden und Verwandten: So wird das nun also noch bis kurz vor Weihnachten weitergehen. Die verschärften Regeln gegen die Corona-Ausbreitung, auf die Frau Merkel sich gestern mit den Ministerpräsidenten geeinigt hat, sind hart (hier die Übersicht). Hoffen wir, dass sie die Zahl der Infektionen und vor allem der Todesfälle reduzieren. Heute Vormittag gibt die Kanzlerin im Bundestag eine Regierungserklärung zur Pandemie ab. Sie wird wohl an alle Bürger appellieren, noch ein paar Wochen lang Disziplin zu zeigen, nach ihrem bewährten Motto: Wir schaffen das!

______________________________

Im Bundestags-Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal müssen heute die Wirtschaftsprüfer von KPMG und EY aussagen. Die Abgeordneten wollen wissen, ob sie ihre Pflichten verletzt und die Betrügerbande zu nachlässig behandelt haben.

______________________________

WAS LESEN?

Dank der Impfstoffe hoffen viele Menschen auf ein baldiges Ende der Pandemie. Der Virologe Alexander Kekulé tritt auf die Bremse: Im Interview mit meinen Kolleginnen Nicole Sagener und Melanie Weiner erklärt er, wie lang sich die Krise nach Beginn der ersten Impfungen wohl noch hinziehen wird.

______________________________

Der thüringische Landkreis Hildburghausen hat Deutschlands höchste Corona-Infektionszahl, seit gestern gelten dort noch schärfere Regeln. Trotzdem zogen am Abend rund 400 Menschen singend durch die Kreisstadt. Nicht nur der Bürgermeister ist fassungslos, wie mein Kollege Lars Wienand berichtet. 

______________________________

In Corona-Zeiten verändert sich der Beruf von Journalisten, besonders von Politikreportern. Der "Spiegel"-Kollege Florian Gathmann erzählt auf dem Medienportal "Übermedien", wie er an exklusive Informationen gelangt.

______________________________

Drei deutsche Forscher, die Großes leisten. (Quelle: Deutscher Zukunftspreis)Drei deutsche Forscher, die Großes leisten. (Quelle: Deutscher Zukunftspreis)

Es heißt oft, die deutsche Forschung sei abgehängt, die Amis und die Chinesen seien uns längst Lichtjahre voraus. Die Wissenschaftler Peter Kürz, Michael Kösters und Sergiy Yulin aus Oberkochen, Ditzingen und Jena beweisen, dass das nicht richtig ist. Sie haben eine Lichttechnologie entwickelt, mit der sich besonders leistungsfähige Mikrochips günstig und energieeffizient herstellen lassen. Die Erfindung wird bereits weltweit eingesetzt und könnte sich in der Informationstechnik als neuer Standard etablieren. Das ist preiswürdig. Gestern Abend hat Bundespräsident Steinmeier den drei Erfindern den Deutschen Zukunftspreis verliehen. "Die Projekte belegen, welch herausragende Innovationskraft in Deutschland steckt", sagt das Staatsoberhaupt. Hier erfahren Sie mehr.

______________________________

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in den Augen vieler Menschen das Land, das zwar hart von Corona getroffen ist, aber nun endlich wieder einen anständigen Präsidenten bekommt und vor allem unermesslichen Reichtum besitzt. Was viele nicht wissen: Die USA sind auch ein Land, in dem immer mehr Menschen Hunger leiden. Nicht Hunderte, nicht Tausende, sondern Millionen. Die "Washington Post" erklärt uns die Hintergründe dieses Dramas.


______________________________


WAS AMÜSIERT MICH?

Maradona war ein Fußballgott, nun kickt er weiter oben. Da freut sich auch der echte Gott.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen stets ein gutes Händchen. 

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den täglichen Newsletter von Florian Harms hier abonnieren.

Alle Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier.
Alle Nachrichten lesen Sie hier.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal