Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Omikron wird brutal

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 16.12.2021Lesedauer: 6 Min.
Menschen dicht gedrÀngt auf dem Weihnachtsmarkt: Mit der neuen Corona-Variante Omikron kommt eine Ansteckungswelle auf Deutschland zu.
Menschen dicht gedrÀngt auf dem Weihnachtsmarkt: Mit der neuen Corona-Variante Omikron kommt eine Ansteckungswelle auf Deutschland zu. (Quelle: Christian Schroedter/Archivbild/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

unter Wissenschaftlern herrscht in diesen Tagen eine NervositĂ€t wie zum Auftakt der Pandemie vor fast zwei Jahren. Kein Wunder. Die Virusvariante Omikron verbreitet sich mit beispielloser Wucht. Schneller als die "britische Variante", die inzwischen Alpha heißt und uns das letzte Weihnachtsfest verhagelt hat. Schneller als deren Nachfolgerin Delta, die uns im Herbst ĂŒberrumpelt hat. Virologen und Epidemiologen hat die Ignoranz vieler Politiker an den Rand der Verzweiflung getrieben, aber ĂŒberrascht hat die AggressivitĂ€t des Coronavirus' die Profis nicht. Alles bekannt, alles vorhergesagt. Aber jetzt kommt etwas herangerauscht, bei dem auch den Experten die Muffe geht.

Loading...
Symbolbild fĂŒr eingebettete Inhalte

Embed

Anderswo hat Omikron bereits zugeschlagen. In SĂŒdafrika, Schottland, England oder DĂ€nemark sieht der Anstieg der Infektionszahlen aus, als habe jemand eine AufwĂ€rtskurve zeichnen wollen und sei mit der Hand plötzlich nach oben weggerutscht. Die Omikron-Infektionen sind keine anschwellende Welle, sondern eine vertikale Wand. Exponentielles Wachstum – aber schneller als je zuvor. Es stockt einem der Atem.

Atemberaubend ist eigentlich alles verlaufen, seitdem die neue Variante in Botswana und SĂŒdafrika zum ersten Mal aufgefallen ist. Noch nie zuvor hat eine ungewöhnliche Beobachtung im Labor so schnell einen weltweiten Katastrophenalarm ausgelöst. Seit drei Wochen jagen Wissenschaftler unter Hochdruck neuen Erkenntnissen hinterher. Forschungsergebnisse und Studien prasseln im Stundentakt auf Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit ein. Der Wissensstand verĂ€ndert sich rasant.

Das ist gut, birgt aber zugleich ein Risiko: FrĂŒhe, noch wenig gesicherte Erkenntnisse verankern sich trĂŒgerisch im kollektiven Bewusstsein. Wie sich das anhört, wĂ€hrend man in der Familie, mit Freunden oder Kollegen ĂŒber Corona spricht, kommt Ihnen vielleicht vertraut vor: "Omikron ist doch irgendwie harmloser, hab ich gehört." Oder: "Soll jetzt ja schlimmer fĂŒr die Kinder sein." Ja, es stimmt, das schwirrte alles so herum. Dass diese Feststellungen inzwischen ein paar Fußnoten bekommen haben, hat sich leider noch nicht ĂŒberall herumgesprochen.

An dieser Stelle ist es Zeit fĂŒr etwas Erfreuliches. Aus SĂŒdafrika haben wir erfahren, dass seit Beginn des Omikron-Ausbruchs jĂŒngere Kinder hĂ€ufiger mit Covid im Krankenhaus behandelt werden. Das klingt nicht gut und sieht in der Statistik besorgniserregend aus. Aus den Kliniken ist aber noch etwas anderes zu hören: eine "anekdotische Evidenz", also das, was die Ärzte berichten, ohne dass es statistisch erfasst wird. Ein erheblicher Teil der Kinder kommt demnach nicht wegen Corona ins Krankenhaus, sondern wegen anderer Malaisen – und beim routinemĂ€ĂŸigen Test fĂ€llt die Covid-Infektion nebenbei auf. Der Anstieg der Kinder-Hospitalisierungen mit Covid ist deshalb nicht unbedingt ein Zeichen grĂ¶ĂŸerer Gefahr fĂŒr die Kleinen. Sondern eher ein Signal, dass der Erreger draußen vor dem Hospital rasant grassiert. Entsprechend viele Kinder gelangen in die Statistik, sobald sie ins Krankenhaus kommen – egal, weswegen. Das ist eine gute Nachricht, und es gibt gleich noch eine dazu: Die absolute Zahl der Covid-hospitalisierten Kinder ist trotz dieses Anstiegs gering.

Also alles halb so schlimm? Auch diese Information erreicht uns aus SĂŒdafrika: Es gibt zwar unfassbar viele Infektionen, aber auf den Covid-Stationen geht es vergleichsweise undramatisch zu. Kurze Aufenthalte, schnelle Entlassungen, weniger Menschen am BeatmungsgerĂ€t. Auch der Anteil der Infizierten, die ins Krankenhaus mĂŒssen, ist niedriger als bei Delta – trotz nach wie vor niedriger Impfquote, und auch dann noch, wenn man berĂŒcksichtigt, dass die sĂŒdafrikanische Gesellschaft jĂŒnger und deshalb weniger gefĂ€hrdet ist als die europĂ€ische. Der Grund liegt im menschlichen Immunsystem: In den betroffenen Regionen SĂŒdafrikas haben die meisten Menschen bereits eine Covid-Infektion durchgemacht, mitunter auch zwei. Und obwohl es inzwischen sicher ist, dass Omikron sich an der Immunabwehr der Genesenen zunĂ€chst vorbeimogeln kann, reicht das in der Regel nicht fĂŒr einen dramatischen Verlauf. Genesen oder geimpft hat man Omikron eine spĂŒrbare Abwehr entgegenzusetzen.

Doch die Risiken sind gewachsen. Eine der grĂ¶ĂŸten Krankenversicherungen SĂŒdafrikas hat ihren Datenschatz durchforstet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass mit zwei Impfungen der Schutz vor schwerer Krankheit auf 70 Prozent zurĂŒckgegangen ist. Das ist wieder eine dieser frĂŒhen, unsicheren Erkenntnisse, die sich noch verĂ€ndern werden, aber immerhin ein erster Anker fĂŒr unsere Erwartungen. Und damit die Zahl nicht zu MissverstĂ€ndnissen fĂŒhrt: Sie bedeutet nicht, dass man im Fall einer Infektion mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit ungeschoren davonkommt, zu 30 Prozent aber in der Notaufnahme landet. Das wĂ€re schlimm und ist nicht so.

Wirksamkeit bedeutet: Einen Ungeimpften erwartet nach der Infektion, abhĂ€ngig vom Alter, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das Krankenhaus, aber fĂŒr einen vergleichbaren Geimpften fĂ€llt dieses Risiko um 70 Prozent geringer aus. Das hört sich gleich viel besser an, und deshalb ist die reduzierte Wirksamkeit kein Grund zur Panik (wenn man geimpft ist). Aber zugegeben, der Schutz fiel vorher besser aus. Zum GlĂŒck lĂ€sst sich der Mangel beheben: Die dritte Spritze bringt die Sache wieder ins Lot. WĂ€hrend Delta uns zum Boostern noch gedrĂ€ngelt hat, brĂŒllt Omikron uns die Botschaft jetzt direkt ins Ohr: schnellstens impfen!

Eines allerdings kann selbst die dritte Impfdosis wahrscheinlich nicht aus der Welt schaffen: Omikron ist so ansteckend, dass die Welle der Infektionen mit Impfen allein nicht aufzuhalten sein wird. Auch Geimpfte werden sich massenhaft gegenseitig anstecken. Auf lĂ€ngere Sicht ist das egal. Mit einem Mix aus Impfungen und Viruskontakt baut sich landauf, landab eine ImmunitĂ€t auf, die eine Erkrankung fĂŒr die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit wohl lĂ€stig, möglicherweise auch unangenehm, aber aller Voraussicht nach nicht gefĂ€hrlich verlaufen lĂ€sst. Die Voraussetzung dafĂŒr sind drei Impfungen. FĂŒr jeden. FĂŒr alle. So sieht der Weg aus der Pandemie aus.

Vorher aber laufen wir noch einmal in eine Welle der Ansteckungen, die sich auftĂŒrmt wie eine Wand. Eine harte Phase, in der sehr viele Menschen sehr schnell nacheinander krank werden – die nicht hinreichend Geimpften zum Teil auch schwer. Und das in einer Zeit, in der die Intensivstationen ohnehin ĂŒberlastet sind. Angesichts dieser Aussichten muss man kein Wahrsager sein: Um infernalische Szenen in den Kliniken abzuwenden, wird es ohne harte KontaktbeschrĂ€nkungen nicht gehen –egal, was die Politiker gerade sagen. Wir mĂŒssen damit rechnen, dass die Welle schnell kommt. Schlagartig und brutal.

Loading...
Loading...
Loading...
Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

Erhalten Sie jeden Morgen einen Überblick ĂŒber die Themen des Tages als Newsletter.

Ich möchte Ihnen keine Angst machen, ich wĂŒrde mich wirklich gern irren. Den Satz habe ich ĂŒbrigens von den Wissenschaftlern gelernt. Die sagen ihn gerade auch stĂ€ndig. Sie wirken dabei nur ganz schön nervös.


Die Hektik wÀchst

AllmĂ€hlich beginnt auch die Politik die GrĂ¶ĂŸe der Omikron-Gefahr zu begreifen. Umso heikler, dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit einer verwirrenden Bemerkung ĂŒber angeblich zu wenig bestellten Impfstoff die Verunsicherung vieler BĂŒrger vergrĂ¶ĂŸert hat (mehr dazu in diesem Text unserer Reporter Johannes Bebermeier und Sebastian SpĂ€th). Heute Nachmittag muss der Neu-Minister gemeinsam mit RKI-PrĂ€sident Lothar Wieler in der Bundespressekonferenz Rede und Antwort stehen. Sein Chef Olaf Scholz ist derweil zum Treffen der Staats- und Regierungschefs nach BrĂŒssel gejettet. Auch da geht es neben den Dauerbrennern Energiepreise, Belarus und Russland vor allem um, genau: Omikron.


Urteil zur Amokfahrt

Das Motiv kennt bis heute nur der TĂ€ter: Am 24. Februar 2020 fuhr ein damals 29-jĂ€hriger Deutscher mit dem Auto absichtlich in den Rosenmontagsumzug im nordhessischen Volkmarsen. 90 Menschen erlitten teils schwere Verletzungen, darunter viele Kinder. Im Prozess vor dem Landgericht Kassel fordert die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft fĂŒr den Angeklagten Maurice P. Heute wird das Urteil erwartet.


Meister der Musik

Camille Saint-SaĂ«ns zĂ€hlt zu den grĂ¶ĂŸten Komponisten.
Camille Saint-SaĂ«ns zĂ€hlt zu den grĂ¶ĂŸten Komponisten.

Wir normale Menschen hören schöne Musik und sagen: "Oh, schöne Musik!" Etwas weniger normale Menschen können die schöne Musik sogar selbst spielen. Aber nur außergewöhnliche Menschen können sie auch komponieren. Und dann gibt es noch die Genies. Sie schaffen KlĂ€nge, die Zuhörer verzĂŒcken. Die uns in Traumwelten entfĂŒhren, zu GlĂŒckstrĂ€nen rĂŒhren, unsere Seelen streicheln. So einer war Camille Saint-SaĂ«ns. Sagenhafte 600 MusikstĂŒcke hat er geschaffen: Opern, Sinfonien, Konzerte fĂŒr Klavier, Cello und Violine, Orchester und natĂŒrlich den "Karneval der Tiere". Er produziere Werke so wie ein Apfelbaum Äpfel hervorbringt, hat er mal ĂŒber sich selbst gesagt. Heute vor 100 Jahren ist der französische Tausendsassa auf einer Nordafrikareise gestorben. Das ist doch eine Gelegenheit, dem grĂ¶ĂŸten seiner großen Werke zu lauschen: dem Weihnachtsoratorium. Schöneres ist wohl niemals komponiert worden.


Den Lichtblick des Tages 



 liefert uns die Wikipedia. Wenn ich die Online-EnzyklopĂ€die richtig verstehe, werden die Tage ab jetzt wieder lĂ€nger – und nicht erst, wie alle glauben, am 22. Dezember. "Der spĂ€teste Sonnenuntergang fĂ€llt wegen der Zeitgleichung nicht mit der Sommersonnenwende zusammen, sondern tritt erst um den 25. Juni ein. Analog erfolgt der frĂŒheste Sonnenuntergang in Norddeutschland bereits etwa am 14. Dezember, also eine Woche vor der Wintersonnenwende, in der Schweiz schon um den 11. Dezember", heißt es dort. Ab jetzt wird es heller!

Mehr aus dem Ressort
Ein Scholz gegen die Katerstimmung von Davos
Bundeskanzler Olaf Scholz (l.) traf mit seiner Abschlussrede in Davos den richtigen Ton.



Was lesen?

Die russische Regierung hat einen Mord in Berlin in Auftrag gegeben. Nun muss die Geduld der deutschen Politiker mit Putin ein Ende haben, fordert mein Kollege Jonas Mueller-Töwe.


Horrende Infektionszahlen, wĂŒste Corona-Proteste: Die Stimmung in Sachsen ist vielerorts mies. Was engagierte BĂŒrger dagegen tun, hat meine Kollegin Liesa Wölm aufgeschrieben.


Die Preise steigen immer schneller. Lange haben die Zentralbanken nichts gegen die Inflation unternommen – jetzt könnte sich das Ă€ndern, berichtet mein Kollege Florian Schmidt.


Was amĂŒsiert mich?

Die Scholz-Regierung geht nach dem Auftragsmord im Berliner Tiergarten richtig hart gegen Putin vor und hat 
 Àh 
 zwei russische Diplomaten ausgewiesen.

(Quelle: Mario Lars)

Ich wĂŒnsche Ihnen einen energiegeladenen Tag. Herzliche GrĂŒĂŸe,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den tÀglichen Tagesanbruch-Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren.

Alle Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier.

Alle Nachrichten lesen Sie hier.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Camilla Kohrs
Von Camilla Kohrs
DeutschlandDĂ€nemarkOmikronSchottlandSĂŒdafrika
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website