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WM 2022 – nachhaltig? So wollen Fifa und Katar die Welt für dumm verkaufen


Wie die Fifa und Katar die Welt für dumm verkaufen wollen

  • Sonja Eichert
Von Sonja Eichert

Aktualisiert am 27.11.2022Lesedauer: 5 Min.
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Fans vor dem Stadion 974 in Doha: Die Arena ist aus 974 Schiffscontainern zusammengebaut und soll besonders nachhaltig sein. (Quelle: Maja Hitij/FIFA/Getty Images)
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Nachhaltigkeit sei ein zentraler Aspekt der WM, sagt Katar. Der Wüstenstaat und die Fifa haben ein klimaneutrales Turnier ausgerufen. Kann das wirklich sein?

Es ist warm in Katar, obwohl es Winter ist. Um die 30 Grad sind es in Doha – jedenfalls dort, wo es keine Klimaanlagen gibt. Das allerdings ist fast überall der Fall, selbst im Freien sind einige Bereiche mit Kühlsystemen ausgestattet. Rund 60 Prozent der katarischen Energie werden für die Klimatisierung verbraucht, quasi ausschließlich erzeugt aus Öl und Gas.

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Die diesjährige WM soll klimaneutral werden. Im Vorfeld berechnete eine Schweizer Agentur im Auftrag der Fifa: 3,6 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente verursache das Turnier, hauptsächlich durch Reisen, den Bau von Stadien, Trainingsanlagen und Unterkünften. Strom und Kühlung hingegen sollen für gerade einmal ein Prozent der Emissionen verantwortlich sein – glaubt man der Fifa. Doch kann man dem Weltfußballverband und dem Staat Katar bei seinen Klimaberechnungen überhaupt glauben?

Diese 3,6 Millionen Tonnen Treibhausgase sollen vollständig ausgeglichen werden, durch die Förderung von Projekten für den Klimaschutz an anderer Stelle. Abgewickelt wird dies über Zertifikate – eines pro Tonne soll gekauft werden. Doch hier fangen die Probleme an.

Was heißt "klimaneutral"?

Klimaneutralität bezeichnet ein Gleichgewicht aus Emissionen und aus der Atmosphäre entnommenen Treibhausgasen. Konkret heißt das: Verursachte Emissionen werden ausgeglichen, indem etwa in Projekte für den Klimaschutz investiert wird. Klimaschützer weisen jedoch darauf hin, dass die Vermeidung von Emissionen an erster Stelle stehen sollte – die Kompensation sei nur für den nicht vermeidbaren Rest eine Lösung.

Klimakompensation "made in Qatar"

Die katarischen WM-Organisatoren wollen die Hälfte des errechneten Gesamtbedarfs vom Global Carbon Council erwerben. Dieser wurde 2016 in Katar gegründet – mithilfe der Regierung. Als Klimaschutzprojekte genehmigt wurden bislang unter anderem eine Wasserkraftanlage in der Türkei und ein Windpark in Serbien.

Doch derartige Projekte für die CO₂-Kompensation zu nutzen wird kritisiert. Denn sie sind wirtschaftlich rentabel und hätten daher auch ohne die finanzielle Förderung entstehen können. Dadurch erhalten Klimaschutzprojekte, die tatsächlich auf diese Fördermittel angewiesen sind, weniger Geld. Andere Zertifikat-Organisationen verzichten aus diesen Gründen darauf, wirtschaftlich rentable Projekte zu fördern.

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Wie unabhängig ist der Global Carbon Council?

Dazu kommt: Nach Recherchen des BR spielen zwei Mitglieder des Global Carbon Council fragwürdige Doppelrollen. Die Firma "Energy Changes", die den Windpark in Serbien betreibt, soll etwa mit veralteten Daten geworben haben. Tatsächlich soll der Anteil an der gesamten serbischen Windkraft aber höher sein als angegeben. Somit hätte der Park für die Förderung auch nach den Regeln des Global Carbon Council nicht infrage kommen dürfen.

Ebenfalls Fragen wirft die Rolle des österreichischen "Energy-Changes"-Geschäftsführers Clemens Plöchel auf. Dem BR zufolge sitzt er auch im Lenkungsausschuss des Global Carbon Council – dem Förderer seines Windparks. Dort ebenfalls anzutreffen: der Deutsche Werner Betzenbichler, der sich als Zweitgutachter mit dem Windpark befasst hat. Beide weisen Vorwürfe, ihre Doppelrolle ausgenutzt zu haben, von sich – doch ein bitterer Beigeschmack bleibt.

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Die Fifa teilte auf Anfrage des BR mit, im Gegensatz zu Katar bei Global Carbon Council keine Zertifikate kaufen zu wollen. Doch fallen dem Verband und der Veranstalterorganisation Q22 nur 10 Prozent der Emissionen zu. Die restlichen 90 Prozent soll Katar kompensieren. Auf kritische Nachfragen antwortet das katarische Organisationskomitee lediglich mit allgemeinen Nachhaltigkeits-Beteuerungen.

200.000 Tonnen CO2 – oder 1,4 Millionen?

Ohnehin scheint die Berechnung, nach welcher unter dem Strich null Emissionen stehen sollen, Augenwischerei. Die Brüsseler NGO Carbon Market Watch kritisiert beispielsweise die veranschlagten Emissionen für den Neubau der Stadien. 200.000 Tonnen CO₂ sollen dadurch entstanden sein, so der Fifa-Bericht. Tatsächlich könnte der CO₂-Fußabdruck wohl achtmal höher sein, berichtet die Organisation. 1,4 Millionen Tonnen seien unterschlagen worden.

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Klimatisierung im Khalifa-Stadion in Doha: Sieben der acht Stadien verfügen über modernste Kühltechnologie – die auch dafür sorgt, dass die kühle Luft auch ohne Dach auf dem Spielfeld und den Zuschauerrängen bleibt.
Klimatisierung im Khalifa-Stadion in Doha: Sieben der acht Stadien verfügen über modernste Kühltechnologie – die auch dafür sorgt, dass die kühle Luft auch ohne Dach auf dem Spielfeld und den Zuschauerrängen bleibt. (Quelle: Carl Recine/Reuters)

Sechs der acht Stadien in Katar wurden für die WM neu gebaut, zwei renoviert, eines der sechs neuen aus Schiffscontainern temporär errichtet. Für die sieben permanenten Stadien legt die Fifa die Emissionen jedoch auf 60 Jahre um – und nur 70 Tage davon (die WM plus zwei Klub-Weltmeisterschaften) fließen in die WM-Bilanz mit ein. Das Argument: Die Spielstätten würden danach weiter genutzt. Doch ohne die Weltmeisterschaft hätte das Land mit nur rund 2,7 Millionen Einwohnern und ohne größere einheimische Fußballtradition wohl nie derart viele derart große Stadien gebaut.

Stadion für ein Team ohne Spiele

Und auch die Weiternutzung scheint fraglich. So soll beispielsweise das 40.000 WM-Fans fassende Stadion in Education City nach der WM auf 20.000 Sitzplätze zurückgebaut werden und unter anderem als Heimstadion der katarischen Frauen-Nationalmannschaft dienen. Nach kurzer Euphorie, die passend zur WM-Bewerbung 2010 begann, wurde es jedoch ruhig um den Frauenfußball in Katar – so ruhig, dass man die Mannschaft auf der Weltrangliste der Fifa mittlerweile vergeblich sucht.


So sehen die WM-Stadien in Katar aus

Education City Stadion (ar-Rayyan): 40.000 Plätze. Der FC Bayern hat an diese Arena gute Erinnerungen, denn hier gewannen die Münchner im Februar 2021 das Finale der Klub-WM. Dabei wurde das Stadion erst im Juni 2020 eröffnet.
Hier finden sechs Gruppenspiele, ein Achtel- und ein Viertelfinale statt.
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Andere Stadien sollen komplett umgebaut werden: Für das Finalstadion in Lusial ist beispielsweise eine Nutzung als Gemeindezentrum mit Schulen, Geschäften und Arztpraxen im Gespräch. Und für das temporäre Stadion 974, errichtet aus 974 Schiffscontainern, ist bis heute unklar, wo es eigentlich zur Zweitverwendung wieder aufgebaut werden soll. Abbau, Transport und Wiederaufbau verursachen zudem neue Emissionen – dass es wiederverwendbar und somit nachhaltiger sei, betont die Fifa allerdings gern.

Und mit dem Neubau von Stadien ist es nicht getan: Mit Lusail wurde eine ganze Planstadt in den Himmel gezogen, die Hauptstadt Doha bekam ein neues U-Bahn-System, das bis in die Nachbarstädte führt – natürlich voll klimatisiert. Aus einspurigen Straßen wurden fünfspurige, wie ein einheimischer Taxifahrer erzählt. Und in Doha und der Nachbarstadt Ar-Rayyan wurde im Dezember 2021 und Anfang November je ein Park fertiggestellt, der über klimatisierte Joggingstrecken verfügt.

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Anfeuern in Doha, schlafen in Dubai

Doch trotz der zahlreichen Neubauprojekte reichen die Unterkünfte in dem Wüstenstaat, der etwa halb so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern, für die 1,2 Millionen erwarteten Fans nicht aus. Die Lösung der Organisatoren: Pendelflüge aus den Nachbarstaaten, etwa aus Kuwait, dem Oman oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Aus Dubai beträgt die Flugzeit circa 45 Minuten.

Bis zu 160 solcher Shuttle-Flüge soll es täglich geben. In den Berechnungen von Fifa und Katar kommen sie allerdings nicht vor. Erst Mitte November versprach Katars Umweltminister Scheich Faleh bin Nasser bin Ahmed bin Ali Al Thani gegenüber der Nachrichtenagentur AP, sie in der Bilanz nach dem Turnier zu berücksichtigen.

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Die bisherige Berechnung der Organisatoren ist also Schönmalerei. Klimaforscher Mike Berners-Lee von der Universität Lancaster sagte in der britischen BBC, er und sein Team hielten 10 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente für wahrscheinlicher. "Also dreimal mehr, mindestens."

Kommt die Klage aus Deutschland?

Aus Deutschland drohen dem Weltfußballverband unterdessen rechtliche Konsequenzen. Der Verbraucherzentrale-Bundesverband (vzbv) mahnte die Fifa vor Start des Turniers wegen Greenwashing, also dem Vortäuschen von Nachhaltigkeit, ab. "Wir zeigen der Fifa die Rote Karte, was Greenwashing angeht, denn es handelt sich um die bewusste Täuschung der Fußballfans und der Öffentlichkeit", begründete vzbv-Chefin Ramona Pop in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Fifa solle entsprechende Werbeaussagen zurücknehmen und eine Unterlassungserklärung abgeben.

Ramona Pop: "Wir zeigen der FIFA die Rote Karte."
Ramona Pop: "Wir zeigen der Fifa die Rote Karte." (Quelle: Christian Ditsch/epd/imago images)

Die Frist für eine Reaktion sei noch nicht abgelaufen, teilt der vzbv auf t-online-Anfrage mit. Sollte der Weltfußballverband sich nicht rühren, behalte man sich den Gang vor Gericht vor. Die Fifa aber streitet bislang jegliche Vorwürfe ab und verweist auf eine Neuberechnung der Klimabilanz nach Ende der WM.

"Dieses Turnier ist eine absolute Katastrophe"

Mittlerweile sind jedoch auch einige Fußballspieler zu dem Schluss gekommen, dass an den schönen Versprechen von Fifa und Gastgeberland Katar nicht viel dran ist. Sie haben sich unter der Führung von Morten Thorsby (Union Berlin), der mit seiner norwegischen Mannschaft nicht für die WM qualifiziert ist, in einem offenen Brief an die Fifa gewandt. "Dieses Turnier ist eine absolute Katastrophe, was seinen ökologischen Fußabdruck angeht", heißt es darin. Die Fifa solle ihr Versprechen der Klimaneutralität für Katar aufgeben und im Hinblick auf kommende Turniere neue Ansätze erarbeiten.

Dass das zu einem echten Umdenken führt, unwahrscheinlich. Die nächste WM in vier Jahren findet in Mexiko, den USA und Kanada statt. Das Turnier erstreckt sich somit über einen ganzen Kontinent – lange Flugreisen zwischen Spiel- und Trainingsstätten inklusive. Diesen einen Vorteil hat Katar: Um von einem Ort zum nächsten zu kommen, reicht in vielen Fällen die Metro. Die Klimabilanz rettet das allerdings nicht.

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Verwendete Quellen
  • Beobachtungen von t-online-Reporter Benjamin Zurmühl in Katar
  • Anfrage an den Verbraucherzentrale-Bundesverband
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