Sie sind hier: Home > Panorama >

Brückeneinsturz in Genua: Und plötzlich war da einfach nichts mehr

Genua und die Brücke  

Und plötzlich war da einfach nichts mehr

16.08.2018, 08:36 Uhr | Fabian Nitschmann und Lena Klimkeit, dpa

Aufräumarbeiten nach Brückeneinsturz in Genua (Quelle: Reuters)
Ursachensuche und Aufräumarbeiten in Genua

Nach dem Brücken-Einsturz in Genua wird weiter nach der Ursache gesucht. Derweil laufen die Bergungs- und Aufräumarbeiten. (Quelle: t-online.de)

Brücken-Katastrophe: Ursachensuche und Aufräumarbeiten in Genua. (Quelle: t-online.de)


Die Blicke wandern immer wieder zu den Resten der Brücke hinauf. Die Genueser sind fassungslos. Während die Helfer fieberhaft um jedes Leben kämpfen, wächst die Sorge vor dem großen Chaos.

Innerhalb weniger Sekunden kann sich ein ganz normaler Tag in einen Alptraum verwandeln. "Ich war hier um die Ecke im Sportgeschäft einkaufen, ich habe Bälle für meine Kinder geholt", sagt Gianni. Einen Tag nach dem Brückeneinsturz in Genua ist er am Mittwoch wieder zur Unglücksstelle gekommen. Viel mehr als die Trümmerberge sehen kann er von hier aus nicht. Die Polizei hat das Gebiet gut abgeriegelt.

Sein Blick fällt daher auf den grün-blauen Lastwagen, der in schwindelerregender Höhe nur wenige Meter vor dem Abgrund anhalten konnte und noch immer auf der Brücke steht. "Der hatte wohl das meiste Glück gestern", sagt Gianni – und muss in diesen traurigen Tagen doch kurz lächeln.

Der Zustand von Brücken auf Bundesautobahnen und Bundesstraßen in Deutschland.  (Quelle: Statista)Der Zustand von Brücken auf Bundesautobahnen und Bundesstraßen in Deutschland. (Quelle: Statista)

Gianni erzählt, wie er den Laden verließ und zu seinem Auto ging. Dann habe er zur Brücke geschaut. Und nichts mehr gesehen. "Da war einfach nichts mehr. Das ist doch wirklich unglaublich, wie im Film." Immer wieder fragt er die Journalisten nach der aktuellen Zahl der Todesopfer. Vor allem die toten Kinder und Jugendlichen scheinen ihn sehr zu bedrücken. Mehr als 40 Menschen sind beim Einsturz des Polcevera-Viadukts gestorben, der aus dem Alltag so vieler Genuesen nicht wegzudenken ist.

Er verbindet die Stadt mit dem Meer, dem Hafen – dem Logistikzentrum der Region. "Wir stehen hier wahrlich vor einer Katastrophe", sagt Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli an der Unglücksstelle, wo die Helfer weiter nach Vermissten unter den massiven Betonblöcken suchen. Die Opferzahl könnte weiter steigen. Eigentlich rechnen alle damit.

Die Hoffnung lebt: Mühsam arbeiten sich die Helfer durch die tonnenschweren Betontrümmer. (Quelle: dpa/Zheng Huansong/XinHua)Die Hoffnung lebt: Mühsam arbeiten sich die Helfer durch die tonnenschweren Betontrümmer. (Quelle: Zheng Huansong/XinHua/dpa)

Helfer geben nicht auf

Die Wahrscheinlichkeit, Überlebende zu finden, sinkt mit jeder Minute. In der Nacht seien noch Stimmen zu hören gewesen, berichten zwei Polizistinnen im italienischen Fernsehen. Mittlerweile seien sie verstummt.

Federica Bornelli war am Vormittag selbst für das italienische Rote Kreuz an der Unglücksstellle. Sie will Hoffnung machen, doch ihre Erschöpfung und ihr ungutes Gefühl für den weiteren Einsatz kann sie nicht verbergen. "Die Arbeit ist in mentaler und psychischer Hinsicht sehr anstrengend", sagt die junge Frau. Auch wegen der Sicherheitsrisiken ist die Arbeit mühselig, langwierig. Ein einziges Auto zu bergen, habe am Morgen vier bis fünf Stunden gedauert, erzählt sie. "Unser Job ist es, so zu arbeiten, als wären da noch Überlebende in den Trümmern", ergänzt Feuerwehrmann Emanuele Gissi. 

Der Zusammenhalt in Italien ist in dieser schweren Stunde jedenfalls groß, die Zahl der Helfer lässt sich nur schätzen. Allein die italienische Hilfsorganisation Anpas hat seit Dienstagabend nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Helfer mit Essen versorgt. Am frühen Nachmittag kommt eine Familie mit literweise Wasser und Gebäck, um die Retter zu stärken.

Blumen für die Opfer: Bei dem Unglück in Genua kamen mehr als 40 Menschen ums Leben. (Quelle: dpa/Fabian Nitschmann)Blumen für die Opfer: Bei dem Unglück in Genua kamen mehr als 40 Menschen ums Leben. (Quelle: Fabian Nitschmann/dpa)

Staunen und Kopfschütteln weichen Wut

Ein paar Hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt sammeln sich den ganzen Tag über Passanten, unter die sich auch Journalisten mischen. Immer lauter wird über die Ursachen diskutiert. Während in der Nacht die meisten Menschen noch staunend, fassungslos, schweigend und immer wieder kopfschüttelnd zwischen den Trümmern und den abgebrochenen Enden der Brücke umherschauten, haben die Italiener inzwischen ihre Sprache wiedergefunden.

Erst fassungslos, dann wütend: Nahe der Unglücksstelle warten evakuierte Einwohner und diskutieren. (Quelle: dpa/Nicola Marfisi/AP)Erst fassungslos, dann wütend: Nahe der Unglücksstelle warten evakuierte Einwohner und diskutieren. (Quelle: Nicola Marfisi/AP/dpa)

"Es gab immer, immer Bauarbeiten. Immer. Nachts, tagsüber, sie haben immer ausgebessert", sagt eine Frau namens Irina. Die Umstehenden nicken zustimmend. "Immer gab es Arbeiten, es gab immer Arbeiten. Leider ist es trotzdem passiert", sagt der 22 Jahre alte Dario auf einem Parkplatz, von dem aus man den eingestürzten Viadukt sieht. Die Brücke ist aus der Stadt schwer wegzudenken, auch wenn es immer wieder Diskussionen darum gab.

Genua wartet auf das Chaos

"Bisher wurde so viel Geld in die Reparaturen gesteckt, wie ein kompletter Neubau gekostet hätte", sagt Antonio Brencich, ein Experte der örtlichen Universität. Bereits vor zwei Jahren hat der Fachmann ein Interview gegeben und zum Neubau der Morandi-Brücke aufgerufen. "Wir sollten es wie bei einem Auto betrachten: Wenn man es regelmäßig reparieren muss, dann sollte man sich ein neues kaufen."

Während sich das ganze Land um marode Brücken im Land sorgt, sind die Genuesen nun vor allem auf die nächsten Tage gespannt. Am Mittwoch ist in Italien Feiertag, auf den Straßen ist wenig los. Spätestens ab Donnerstag wird nicht nur die Brücke, es werden auch die anderen gesperrten Straßen fehlen. Fast alle Passanten betonen an der Unglücksstelle immer wieder, wie oft sie über den Polcevera-Viadukt gefahren sind. Die meisten rechnen mit einem großen Chaos.

Verwendete Quellen:
  • dpa

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
HUAWEI Mate20 Pro für 9,95 € im Tarif MagentaMobil M
zur Telekom
Anzeige
Erstellen Sie jetzt 250 Visiten- karten schon ab 11,99 €
von vistaprint.de
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal