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Extreme Hitze in Deutschland: Ist das Wetter oder die Klimakatastrophe?

Extreme Hitze in Deutschland  

Ist das Sommerwetter oder die Klimakatastrophe?

Von Jonas Schaible

26.06.2019, 22:17 Uhr
 (Quelle: Christian Ohde/imago images)
Wetter: Deutschland schwitzt bei über 40 Grad

Die neue Woche könnte an einigen Stellen Deutschlands für neue Hitzerekorde sorgen. Am Mittwoch wird im Rhein-Main-Gebiet voraussichtlich die 40-Grad-Marke geknackt. (Quelle: t-online.de)

Nach der Megahitze: Am Donnerstag und Freitag kann sich Deutschland erstmal ein wenig abkühlen. (Quelle: t-online.de)


In Deutschland wird ein Hitzerekord erwartet. In Indien drohen Straßen zu schmelzen: Liegt das an der Erderhitzung? Und kann man das überhaupt beantworten?

Manche Fragen, die sehr oft gestellt werden, nehmen eine ganz bestimmte Form an. Sie werden dann irgendwann immer auf die gleiche Art gestellt: "Willst du mit mir gehen (ja, nein, vielleicht)?", gehört zur Jugendzeit dazu. "Kann er Kanzler?", ohne weiteres Verb, gehört zum Politikjournalismus. Und "ist das noch Wetter oder schon Klima?" gehört zu jeder Hitzewelle, jeder Dürre, jedem Orkan.

Wenn Deutschland also wie im Juni 2019 mit mehr als 40 Grad Celsius rechnet, oder wenn in Indien und Pakistan mehr als 50 Grad Celsius erreicht werden, Affen tot umfallen und Straßen zu schmelzen drohen, dann stellt sich diese Frage mal wieder.

Man könnte argumentieren, dass die Frage unerheblich ist, weil es nur diese eine Welt gibt, die sich erhitzt, und dass insofern jedes Wetterphänomen ein Phänomen dieser erhitzten Welt ist. Andererseits hilft die Frage dabei, sich bewusst zu machen, die gravierend die Konsequenzen der Erderhitzung und wie hoch die Kosten für Menschen und Natur sind.

Liegt das wirklich an der Klimakatastrophe?

Darauf gibt es eine sehr grundsätzliche (aber leicht irreführende), eine sehr grobe (aber grundsätzlich richtige) und eine präzise (aber etwas technische) Antwort.

  • Die sehr grundsätzliche, aber etwas irreführende Antwort lautet: So, wie wir Wetter und Klima definiert haben, können wir diese Frage für ein einzelnes Wetterereignis prinzipiell nicht beantworten. Wetter ist Wetter, Klima ist Klima.
  • Die sehr grobe, aber im Großen und Ganzen richtige Antwort, lautet: Ja, es liegt meistens an der Erderhitzung.
  • Die präzise (aber etwas technische) Antwort heißt: Abschließend kann man es für ein Ereignis wie eine Hitzewelle nicht sagen, aber man kann ausrechnen, wie wahrscheinlicher sie wegen der Erderhitzung ist.

1. Grundsätzlich: Der Unterschied zwischen Wetter und Klima

Das Wetter ist, allgemein formuliert, der Zustand der Atmosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt. Anders gesagt: Das, was man sieht, wenn aus dem Fenster schaut, oder spürt, wenn man nach draußen geht. Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Wind – im Moment, in dem man vollgeregnet wird oder schwitzt, ist immer: Wetter. 

Das Klima dagegen ist ein abstrakteres Phänomen, es ist, nach Definition der Weltorganisaton für Meteorologie, die Statistik des Wetters über einen Zeitraum, der lang genug ist, um statistische Eigenschaften auch verlässlich bestimmen zu können.

Man kann aus den Temperaturwerten jedes Wochentags einer Woche eine Statistik bilden, aber weiß damit noch nichts über das Klima. Macht man es über einen langen Zeitraum, kann man das Klima beschreiben: Durchschnittstemperaturen, Niederschlag, Regentage, Sonnentage. Damit weiß man aber wiederum nichts über jeden einzelnen Punkt dieser Datenmasse, über einen Tag und Ort.

Das Klima zeigt Zusammenhänge auf

Wie im Fall aller Statistiken wird mit dem Klima ein Muster beschrieben, ein Zusammenhang sichtbar gemacht. Wenn es einmal 15 Grad sind, einmal 16 und einmal 20, dann waren es im Schnitt 17 Grad – aber an keinem einzigen Messpunkt waren es wirklich jemals 17 Grad. Wer raucht, lebt mit dem Risiko, Lungenkrebs zu bekommen, während kaum jemand Lungenkrebs bekommt, wer nicht raucht - aber ob ein spezifischer Tumor durchs Rauchen verursacht wurde, lässt sich nicht sagen. Wer einen Würfel entsprechend zinkt, würfelt häufiger eine "6" als normal, aber ob eine bestimmte "6" wegen des gezinkten Würfels gewürfelt wurde, lässt sich nicht sagen. Das eine sind Bestandteile (Messpunkte - Wetter), das andere das Ganze (Statistik - Klima).

Insofern kann man nie mit hunderprozentiger Sicherheit sagen, ob ein bestimmter Hurrikan oder ein heißer Dienstag ein Zufallsereignis sind oder verursacht durch die Erderhitzung.

Ein wenig irreführend ist diese richtige Antwort aber trotzdem, weil sie dazu verleiten kann, zu glauben, man könnte generell überhaupt keine Aussagen über den Zusammenhang von Wetter und Klima treffen. Das kann man aber. So wie man Aussagen über den Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs oder gezinkten Würfeln und Augenzahlen treffen kann.

2. Grob: Ja, es liegt an der Erderhitzung 

Jährliche Durchschnitsstemperaturen in Deutschland von 1881 bis 2018: Ein blauer Streifen zeigt ein kühleres Jahr an, ein roter ein warmes. (Quelle: showyourstripes.info/Deutscher Wetterdienst)Jährliche Durchschnitsstemperaturen in Deutschland von 1881 bis 2018: Ein blauer Streifen zeigt ein kühleres Jahr an, ein roter ein warmes. (Quelle: showyourstripes.info/Deutscher Wetterdienst)

Für die Erde als Ganzes und die meisten Orte der Welt (besonders dramatisch aber für die Arktis) zeigen sehr viele Messungen von sehr vielen Orten, in Luft und Wasser und Böden, dass sich die Durchschnittstemperatur konstant erhöht und dass sie sehr oft über dem Mittelwert der vergangenen Jahre liegt. 

Kurz gesagt: Es wird heißer.

Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ist die weltweite Temperatur schon zwischen 0,8 und 1,2 Grad gestiegen, stellt der Weltklimarat IPCC fest. Auch die Meere erwärmen sich, die Gletscher schmelzen. Die Ursache sind Treibhausgase, die durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden. Dass Wissenschaftler regelmäßig feststellen, dass wieder ein Monat hier oder dort der heißeste solche Monat überhaupt war – das ist genau die Veränderung des Weltklimas. Das auch Folgen für Extremwetterereignisse hat.

Der IPCC, für den alle paar Jahre Wissenschaftler aus der ganzen Welt Tausende Studien auswerten und das gesicherte Wissen zusammenfassen, hat in seinem aktuellen (dem fünften) Sachstandsbericht beispielsweise festgestellt: Es ist so gut wie garantiert, dass es fast überall auf dem Land häufiger extrem heiß und extrem kalt werden wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es häufiger und länger andauernde Hitzewellen geben wird. 

In einem Sonderbericht hat der IPCC versucht, die zu erwartenden Auswirkungen einer Erwärmung um 1,5 Grad und der um 2 Grad zu vergleichen. Darin werden die wahrscheinlichen Folgen für Hitze, Kälte, Niederschlag oder Dürren nach Regionen sehr detailliert aufgeführt. Eine Erkenntnis lautet: extreme Hitze in fast allen bewohnten Gebieten ist in einer um 2 Grad wärmeren Welt häufiger zu erwarten als in einer 1,5 Grad wärmeren Welt (und sowieso als heute oder vor einigen Jahren.)

Die im Detail falsche, aber im Großen und Ganzen richtige Antwort lautet also: Hitze, Trockenheit, Stürme, Regenfälle gibt es häufiger und in extremerer Form, weil sich die Erde aufheizt. Auch in Deutschland. Vielleicht wäre es auch ohne Klimakrise mal 40 Grad heiß geworden im Juni, aber wahrscheinlich nicht. Bisher ist es jedenfalls nicht vorgekommen.

3. Präzise: die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse

In der Wissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren ein Forschungszweig herausgebildet, für den die deutsche Physikerin und Philosophin Friederike Otto von der Universität Oxford bekannt ist: die Attributionsforschung, also Zuordnungsforschung. Sie versucht, die grundsätzliche, aber irreführende Antwort (man kann keinen Zusammenhang herstellen) mit der sehr groben, aber in der Tendenz richtigen (es liegt meistens an der Klimakrise) auf wissenschaftlich saubere Art zusammenzubringen.
 

 
Prinzipiell funktioniert das so: Man betrachtet die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Wettereignisse wie Hitzewellen in einer Region und vergleicht sie mit einem Modell davon, wie diese Wahrscheinlichkeit ohne die Klimakatastrophe aussähe. So rechnet man auf im Detail extrem komplexe Art aus, wie viel wahrscheinlicher etwa eine Hitzewelle oder extremer Regen oder eine Dürre wegen der Erderhitzung ist.


So hat Otto im vergangenen Juli in einer schnellen, nicht von Fachkollegen überprüften Analyse errechnet, dass der extrem heiße, extrem trockene Sommer durch die Klimakatastrophe etwa doppelt so wahrscheinlich wurde, wie er ohne Erderhitzung gewesen wäre. In anderen Fällen kommt ein noch stärkerer Einfluss heraus, in einigen wenigen zeigt sich auch, dass die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Ereignis durch die Erderhitzung nicht oder kaum gestiegen ist.

Solche Berechnungen erlauben eine bessere Bewertung eines bestimmten Ereignisses – man kann dann mit recht großer Sicherheit sagen, ob Hitze, Dürre oder Überschwemmung von der Erderhitzung verursacht wurden. Aber weil sich das grundsätzliche Verhältnis von Wetter und Klima (Statistik des Wetters) nicht ändert, bleibt es bei: Wahrscheinlichkeiten.

Ist es Ihnen aufgefallen? In unserer Berichterstattung wollen wir bei t-online.de den häufig verwendeten Begriff "Klimawandel" künftig weitgehend vermeiden. Warum? Das erfahren Sie im Tagesanbruch-Newsletter unseres Chefredakteurs Florian Harms vom 26.06.2019.

Verwendete Quellen:

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