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Interview
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Der Gespr├Ąchspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschlie├čend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Man muss den Leuten sagen, dass apokalyptische Zust├Ąnde auf sie zukommen"

Ein Interview von Jonas Schaible

Aktualisiert am 01.06.2019Lesedauer: 9 Min.
Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler demonstrieren in Frankfurt f├╝r Klimaschutz: Mehr als 300.000 Menschen gingen am Freitag vor der Europawahl auf die Stra├če.
Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler demonstrieren in Frankfurt f├╝r Klimaschutz: Mehr als 300.000 Menschen gingen am Freitag vor der Europawahl auf die Stra├če. (Quelle: Michael Schick/imago)
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"Fridays for Future", Rezo, Europawahl: Die J├╝ngeren fordern mehr Klimaschutz. Aber wie? Ein Streitgespr├Ąch zwischen Lisa Badum (Gr├╝ne) und Lukas K├Âhler (FDP).

Es hat Jahrzehnte gedauert, aber jetzt ist die Erderhitzung im kollektiven Bewusstsein angekommen. Am Freitag vor der Europawahl gingen allein in Deutschland wohl mehr als 300.000 Menschen f├╝r mehr Klimaschutz auf die Stra├če. Mehr als 80 YouTuber sprachen wegen der Klimapolitik Union, SPD und sowieso der AfD das Misstrauen aus. Greta Thunberg, die Initiatorin der #fridaysforfuture-Proteste ist zum Politikstar geworden ÔÇô selbst in China hat sie eine einsame Nachahmerin gefunden. F├╝r 48 Prozent der deutschen W├Ąhlerinnen und W├Ąhler war einer Umfrage zufolge Klimaschutz das entscheidende Thema f├╝r die Europawahl.

Die Frage ist nur: Wie l├Ąsst sich das Klima eigentlich am besten sch├╝tzen? Wie lassen sich Treibhausgasemissionen verringern ÔÇô und zwar schnell?

Lisa Badum (35) von den Gr├╝nen und Lukas K├Âhler (32) von der FDP sind die klimapolitischen Sprecher ihrer Fraktionen. Sie m├╝ssen erkl├Ąren, was ihre Parteien wollen. Die beiden kennen sich gut, duzen sich. In vielem sind sie sich einig ÔÇô in den Details nicht. Im Interview diskutieren sie, wie sie CO2 teurer machen wollen und ob das gen├╝gt.

Lukas K├Âhler (FDP) und Lisa Badum (Gr├╝ne) sind klimapolitische Sprecher ihrer Fraktionen: In der Analyse sind sie sich einig.
Lukas K├Âhler (FDP) und Lisa Badum (Gr├╝ne) sind klimapolitische Sprecher ihrer Fraktionen: In der Analyse sind sie sich einig. (Quelle: photothek/imago/Lisa Badum)
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Frau Badum, Herr K├Âhler, Sie beide sind klimapolitische Sprecher Ihrer Fraktionen. Denen, die eindringlicher vor der Klimaerw├Ąrmung warnen, wird gern Panikmache vorgeworfen: Wie ernst ist es?

Badum: Man muss den Leuten sagen, dass apokalyptische Zust├Ąnde auf sie zukommen, worunter bereits Menschen in Subsahara-Afrika, auf den Pazifikinseln, in S├╝dostasien leiden. Das ist sehr ungerecht, weil die Menschen nicht so viel zur Klimakrise beigetragen haben. Aber auch Europa wird keine Insel der Seligen bleiben. Gleichzeitig m├╝ssen wir den Optimismus erhalten, dass wir etwas gegen die Klimakrise tun k├Ânnen.

K├Âhler: Panikmache ist der falsche Ansatz. Aber wenn wir weiter warten, wird die Anpassung unglaublich hart und ungerecht. Das m├╝ssen wir vermeiden, alles andere w├Ąre dumm.

Sind die deutschen Klimaziele ambitioniert genug?

K├Âhler: Nein, die deutschen Klimaziele f├╝hren nicht zu CO2-Neutralit├Ąt 2050. Das muss aber unser Beitrag zum Erreichen des Ziels sein, die Erw├Ąrmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad ├╝ber dem vorindustriellen Zustand zu begrenzen.

Badum: Genau, die deutschen Klimaziele passen nicht zum Pariser Abkommen. Und es gibt sogar eine neue Studie, wonach Deutschland schon zwischen 2030 und 2040 auf Null sein muss.

Im Pariser Abkommen von 2015 verpflichten sich fast alle Staaten der Erde (die USA sind unter Donald Trump wieder ausgetreten), den Aussto├č von CO2 massiv zu mindern (wenn von CO2 die Rede ist, sind immer alle Treibhausgase gemeint, die der Einfachheit halber in CO2-├äquivalente umgerechnet werden). Ziel ist es, den globalen Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts verglichen mit der vorindustriellen Zeit auf deutlich unter 2 Grad zu halten, am besten auf 1,5 Grad (1 Grad ist jetzt schon erreicht). Dieser Plan wird in Nationale Klimaschutzpl├Ąne (NDC) ├╝bersetzt ÔÇô die aber nicht ausreichen, um den Anstieg zu begrenzen. Auch der deutsche Plan nicht.

Sie beide sind sich auch einig, dass CO2 einen Preis haben sollte. Dann unterscheiden sich Ihre Ideen. Die FDP will den EU-Emissionshandel ausweiten. Aktuell sind davon rund 45 Prozent der EU-Emissionen erfasst, vor allem die Industrie. Warum wollen sie das ausbauen, Herr K├Âhler?

K├Âhler: Wir wollen die Gesamtmenge an Treibhausgasen vorgeben, die wir laut Pariser Abkommen noch verbrauchen d├╝rfen, und sie auf Zertifikate aufteilen. Jeder, der eine Tonne CO2 emittiert, muss dann ein Zertifikat nachweisen. Der Vorteil: Wir geben ganz klar die Menge vor. Und es wird dort reduziert, wo es am g├╝nstigsten ist.

Aktuell unterliegen etwa 45 Prozent der Emissionen dem Emissionshandel. Wie viele w├Ąren es in Ihrem Modell?

K├Âhler: Rund zwei Drittel, bestenfalls 72 Prozent. Verkehr und W├Ąrme k├Ânnte man integrieren. Ein Drittel des Aussto├čes kommt aus der Landwirtschaft, dem internationalen Schiffsverkehr, der extrem schwierig zu regeln ist, dem internationalen Flugverkehr und kleineren Bereichen. Bei der Berechnung der Emissionen in der Landwirtschaft gibt es ehrlicherweise Unsicherheiten, deshalb w├╝rde die vorerst au├čen vor bleiben.

Ein Flugzeug startet vom Flughafen Tegel in Berlin: Fliegen oder nicht? F├╝r viele Menschen ist das eine der greifbarsten Entscheidungen mit Folgen f├╝r den Klimaschutz im Alltag.
Ein Flugzeug startet vom Flughafen Tegel in Berlin: Fliegen oder nicht? F├╝r viele Menschen ist das eine der greifbarsten Entscheidungen mit Folgen f├╝r den Klimaschutz im Alltag. (Quelle: Florian Gaertner/imago/photothek)

Wenn man Fl├╝ge und Schifffahrt da nicht einbeziehen kann ÔÇô kann man sie ├╝berhaupt kontrollieren?

Badum: Das ist ehrlicherweise sehr schwierig. Ein Problem ist, dass sich beide aus dem Pariser Abkommen herausgezogen haben und jetzt eigene Regeln machen, die nicht ausreichen. Der internationale Flugverkehr erzeugt etwa 2 bis 5 Prozent der weltweiten EmissionenÔÇŽ

K├Âhler: ÔÇŽ und Schiffsverkehr 5 bis 8 Prozent, je nach Rechnung.

Badum: Man k├Ânnte sagen: Schiffe d├╝rfen bestimmte Grenzwerte nicht ├╝berschreiten oder m├╝ssen mit bestimmten Kraftstoffen fahren, sonst d├╝rfen sie nicht in die EU einfahren. Aber einfache L├Âsungen gibt es nicht.

K├Âhler: W├╝rde man die 24 weltweiten Emissionshandelssysteme verbinden, k├Ânnte man viel abdecken. Aber das dauert. Und vorher? In den aktuellen Schiffsflotten gibt es quasi keine Schiffe, die mit Erdgas fahren, die man ├╝berhaupt auf gr├╝nen Wasserstoff umstellen k├Ânnte. Das ist ein Problem. Die internationale Luftfahrt verpflichtet sich im System Corsia darauf, alle zus├Ątzlichen Emissionen ├╝ber den Stand heute hinaus zu kompensieren. Aber Lisa hat recht: Es w├Ąre gelogen, wenn ich eine einfache Antwort verspr├Ąche.

Der internationale Flugverkehr ist nicht Teil des Pariser Klimaabkommens. Die UN-Luftfahrtorganisation ICAO beschloss im Jahr 2016 Corsia ("Carbon Ofessting and Reduction Scheme for International Aviation"). Darin ist festgelegt, dass alle Treibhausgasemissionen aus dem internationalen Flugverkehr, die jetzt noch durch Wachstum zus├Ątzlich entstehen, k├╝nftig kompensiert werden, zum Beispiel durch Aufforstung oder die F├Ârderung von Erneuerbaren Energien. Ziel ist also nur CO2-neutrales Wachstum; der aktuelle Aussto├č bleibt. Das Abkommen beginnt auch erst 2021 als Test und ist bis 2026 komplett freiwillig.

Gleichzeitig ist das der Punkt, an dem es im Alltag emotional und unmittelbar wird: Darf ich noch in den Urlaub fliegen? In Rechnern f├╝r den CO2-Abdruck sind Fl├╝ge oft der gr├Â├čte Posten.

Badum: Auch der internationale Flugverkehr muss Teil des internationalen Klimaschutzabkommens werden. Daran f├╝hrt kein Weg vorbei. Wir k├Ânnen aber vorangehen. Je mehr Zugverbindungen wir haben, je besser das Nachtz├╝genetz ist, desto unattraktiver werden Inlandsfl├╝ge.

K├Âhler: Der innereurop├Ąische Flugverkehr ist im Emissionshandel und insofern CO2-neutral, als er Zertifikate kauft, die anderswo nicht verbraucht werden. Gar nicht fliegen wird nicht klappen. Also m├╝ssen wir entweder Kerosin durch Biokerosin ersetzen. Oder wir stellen die Technik um, da kenne ich aber keine gute Antwort.

Wenn fossile Energietr├Ąger wie ├ľl verbrannt werden, werden Stoffe freigesetzt, die zuvor seit Millionen Jahren im ├ľl gebunden waren. Sie erh├Âhen den Anteil von Treibhausgasen wie CO2 in der Atmosph├Ąre. Andere Kraftstoffe setzen zwar Treibhausgase frei, sie erh├Âhen aber nicht deren Gesamtmenge und gelten deswegen als CO2-neutral. Das geht auf zwei Arten: Entweder man stellt Kraftstoffe aus Biomasse wie Pflanzen her, die w├Ąhrend ihres Wachstums CO2 aus der Atmosph├Ąre gebunden haben, das ist die Idee von Biokerosin. Dann gibt es noch E-Fuels, die unter Nutzung von Strom hergestellt werden und so auch CO2 aus der Atmosph├Ąre binden; wenn der Strom erneuerbar hergestellt wird, gelten auch sie als CO2-neutral.

Wie schnell k├Ânnte man die anderen Bereiche ├╝ber den EU-Emissionshandel regeln? Der funktioniert ├╝ber Handelsperioden. Die n├Ąchste startet 2021, die danach erst 2030. Das w├Ąre ganz sch├Ân sp├Ąt.

K├Âhler: Bis dahin sollten wir nicht warten. Wir haben aber auch keine Zeit f├╝r ineffiziente Ma├čnahmen wie eine CO2-Steuer. Wir wollen eine Koalition der Vern├╝nftigen schmieden, mit Frankreich und den Beneluxstaaten, und zusammen den Emissionshandel ausweiten. Wenn das nicht gelingt, w├╝rden wir Artikel 24 der EU-Handelsrichtlinie anwenden und einseitig die Ausweitung f├╝r Deutschland vornehmen.

Badum: Die Diagnose stimmt. Wir Gr├╝nen glauben nur, dass wir schneller vorankommen, wenn wir ├╝ber eine Anpassung der Abgaben auf CO2 gehen.

K├Âhler: Wie soll das schneller gehen? Meinen Vorschlag k├Ânnte man in sieben Monaten umsetzen. Wir k├Ânnen das Konzept in einem Monat beschlie├čen, vielleicht zwei, weil wir noch mit Frankreich verhandeln m├╝ssen. Dann muss die EU-Kommission die Ausweitung sechs Monate pr├╝fen. Fertig.

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Badum: Wenn es durchgeht. Was keiner wei├č. Einem Rechtsgutachten des Umweltministeriums zufolge ist es nicht m├Âglich, Raffinerien und Verkehrsbetriebe zu verpflichten, diese Zertifikate zu kaufen. Damit ist dein Plan im Eimer.

Damit nicht jeder Autofahrer f├╝r sein Benzin Zertifikate nachweisen muss, m├╝sste das schon bei der Herstellung zum Beispiel in Raffinerien passieren.

K├Âhler: Dass das Umweltministerium, das selbst eine CO2-Steuer fordert, zum Ergebnis kommt, dass der FDP-Vorschlag nicht geht, ├╝berrascht mich nicht. Aber ja, wir m├╝ssen ausdiskutieren, ob das alles so geht.

Das ist ja aber eine entscheidende Frage. Wenn das Gutachten Sie nicht ├╝berzeugt ÔÇô wer k├Ânnte es kl├Ąren?

K├Âhler: Am einfachsten w├Ąre es, es einfach umzusetzen. Dann w├╝ssten wir in sieben Monaten Bescheid.

Badum: Pr├╝fen gern, aber wir haben keine sieben Monate zu vergeuden! Einen CO2-Preis k├Ânnten wir sofort einf├╝hren, indem wir die Energiesteuern ver├Ąndern. Das machen ├╝brigens etliche europ├Ąische Staaten, w├Ąhrend die Ausweitung des Emissionshandels ein Alleingang w├Ąre.

K├Âhler: F├╝r eine echte CO2-Steuer m├╝ssten wir das Grundgesetz ├Ąndern, weil es keine Verbrauchssteuer w├Ąre, sondern eine Emissionssteuer. Das w├╝rde dauern. Wir k├Ânnten zwar Energiesteuern anpassen, haben aber eh schon eines der kompliziertesten Steuersysteme der Welt. Auch eine komplette Neuausrichtung w├╝rde ewig dauern.

Badum: Ja, eine komplette Reform des Abgabensystems schon. Deshalb wollen wir eine CO2-Komponente auf derzeitige Energiesteuern aufschlagen. Aktuell ist Strom stark von Steuern belastet, Heiz├Âl wenig. Das k├Ânnte man mit einem CO2-Anteil an den Energiesteuern ├Ąndern.

Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler demonstrieren in Frankfurt f├╝r Klimaschutz: Mehr als 300.000 Menschen gingen am Freitag vor der Europawahl auf die Stra├če.
Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler demonstrieren in Frankfurt f├╝r Klimaschutz: Mehr als 300.000 Menschen gingen am Freitag vor der Europawahl auf die Stra├če. (Quelle: Michael Schick/imago)

Frau Badum, wie viele CO2-Emissionen w├╝rden durch einen Zuschlag auf Energiesteuern verteuert? Die Landwirtschaft w├Ąre ja wohl auch bei Ihnen ausgenommen?

Badum: Ja, das ist nicht trivial, man kann nicht genau messen, was in der Landwirtschaft emittiert wird.

K├Âhler: Also nur Treibstoffe. Wie teuer willst Du sie machen?

Badum: Wir denken an einen Einstiegspreis von 40 Euro pro Tonne CO2.

K├Âhler: Sorry, aber dann hast Du keinen Effekt. Das sieht man in anderen Staaten.

Badum: Deshalb muss er nach und nach steigen. Und ├╝brigens: Bei euch muss es ja auch teurer werden.

K├Âhler: Im Emissionshandel muss nicht alles extrem teuer werden ÔÇô weil nicht ├╝berall gleichzeitig gespart wird, sondern dort gespart werden kann, wo es am g├╝nstigsten ist.

Das w├╝rde darauf hinauslaufen, dass der Verkehr mehr Zeit bekommt, weil anderswo einfacher eingespart werden kann. Nur: Wie gro├č ist die Gefahr, dass dann wieder 20 Jahre lang nichts passiert?

K├Âhler: Wir m├╝ssen die Autoindustrie darauf hinweisen, dass ├änderungen unausweichlich sind, aber wir m├╝ssen auch eine Reihe von flankierenden Ma├čnahmen ergreifen. Wir m├╝ssen gr├╝nen Wasserstoff f├Ârdern und eine Versorgung mit synthetischen Kraftstoffen schaffen. Wir leben nicht in einer idealen Welt, deshalb ist es sogar in Ordnung, wenn zum Beispiel Flottengrenzwerte nicht abgeschafft werden.

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Noch einmal grunds├Ątzlich: Die ausgesto├čene Menge festzusetzen ÔÇô also zu verbieten, mehr als die Menge X auszusto├čen ÔÇô was finden Sie daran nicht sinnvoll, Frau Badum?

Badum: Die Idee ist in einer idealen Welt sehr sinnvoll, aber in der Wirklichkeit haben wir zu viele Zertifikate im Markt und Unternehmen bekommen sie kostenlos nachgeworfen. Die Preise sind volatil. Unternehmen haben keine Planungssicherheit. Kurz: Es funktioniert nicht.

Die Preise sind bisher zu niedrig, das stimmt ÔÇô aber k├Ânnte man das grunds├Ątzlich politisch steuern?

K├Âhler: Ja und das passiert ja gerade schon. Die Marktstabilit├Ątsreserve fischt unn├Âtige ├ťbersch├╝sse weg. Im Jahr 2013 wurde entschieden, Zertifikate aus dem Markt zu nehmen.

Badum: Nur reicht das immer noch nicht.

Glauben Sie, dass die Verknappung der Zertifikate generell nicht funktionieren kann, Frau Badum?

Badum: Ich kann es mir nicht vorstellen. Und ich verstehe nicht, warum man einen komplizierten Weg gehen will, wenn eine einfache L├Âsung auf dem Tisch liegt. Ein CO2-Preis ist notwendig, reicht aber nicht. Wir brauchen zus├Ątzliches Ordnungsrecht. Nat├╝rlich brauchen wir ein Aus des Verbrenners 2030, sowie den Kohleausstieg bis sp├Ątestens 2030 oder ein Verbot von ├ľlheizungen.

K├Âhler: Ich glaube nicht, dass wir das brauchen und dass wir den Verbrenner verbieten m├╝ssen.

Badum: Ein neues Auto f├Ąhrt 10 oder 15 Jahre, da muss man einfach sagen, ab diesem oder jenem Punkt gibt es keine Verbrenner mehr. Anders geht es nicht. Selbst 2030 ist schon total moderat.

K├Âhler: Das ist ├╝berhaupt nicht moderat, das ist v├Âllig absurd. Investieren wir doch lieber, damit E-Fuels g├╝nstiger werden. Damit erhalten wir den Verbrenner. Wenn am Ende trotzdem alle E-Autos kaufen, weil die g├╝nstiger und besser sind, gern.

Badum: So funktioniert es in der Praxis nicht. Autohersteller wissen nicht, in welche Richtung sie gehen sollen. Alle warten auf eine politische Entscheidung.

Ein Feuerwehrauto im August 2018 in der N├Ąhe von Treuenbrietzen in Brandenburg: Der Waldbrand war in Berlin zu riechen.
Ein Feuerwehrauto im August 2018 in der N├Ąhe von Treuenbrietzen in Brandenburg: Der Waldbrand war in Berlin zu riechen. (Quelle: Marius Schwarz/imago)

Die FDP pl├Ądiert f├╝r absolute Technologieoffenheit. Doch Solarenergie w├Ąre nicht so g├╝nstig, h├Ątte die rot-gr├╝ne Bundesregierung sie nicht politisch gef├Ârdert.

K├Âhler: Der Staat muss das Ziel vorgeben: CO2-Neutralit├Ąt 2050, er muss einen Senkungspfad vorgeben, dann wissen alle Unternehmen, dass CO2 ab 2030 viel teurer wird. Er kann gern Forschung und Entwicklung anreizen, auch bis zur Marktreife. Aber er darf keine Technologie vorgeben.

Badum: Ich glaube Lukas sogar, dass es ihm ernst ist, aber andere verstecken sich leider oft hinter dem Schlagwort Technologieoffenheit und meinen, dass es so weitergehen soll wie bisher.

In Ihren beiden Modellen steigen Preise, dadurch verschwinden Technologien, neue werden entwickelt, so sinken Emissionen. Was passiert jeweils, wenn die Erfolge ausbleiben?

Badum: An dieser Stelle greift klares Ordnungsrecht. Wenn der CO2-Preis auf Heiz├Âl existiert, ich als Mieter aber keinen Einfluss auf meine Heizung nehmen kann, braucht es Vorgaben f├╝r Vermieter. In Neubauten zum Beispiel darf keine ├ľlheizung mehr verbaut werden.

K├Âhler: Wir geben die Gesamtmenge an Emissionen vor. Wer zu viel emittiert, zahlt extrem hohe Strafen. Aktuell zus├Ątzlich rund 100 Euro pro Tonne. Das ist so unwirtschaftlich, das macht keiner.

Stellen wir uns ein energieintensives Unternehmen vor: Es kann sich nicht schnell genug anpassen, es muss Strafen zahlen ÔÇô sagen Sie dann: Pech gehabt, ab in die Insolvenz?

K├Âhler: Ja, das ist Teil der Marktwirtschaft. Aber in unserem Modell ist planbar, wie viele Zertifikate 2030 noch am Markt sein werden. Ein Unternehmen, das in Strafzahlungen rennt, ist schon vorher pleite, weil Investoren nur Geld geben werden, wenn sie klare Vorschl├Ąge zur CO2-Reduktion vorgelegt bekommen.

Niedrigwasser im Rhein und nahe bei Bingen, Rheinland-Pfalz: Im Sommer 2018 lag der Rhein eine Weile fast ganz trocken. Die Einschr├Ąnkung der Schifffahrt kostete die deutsche Wirtschaft Milliarden.
Niedrigwasser im Rhein und nahe bei Bingen, Rheinland-Pfalz: Im Sommer 2018 lag der Rhein eine Weile fast ganz trocken. Die Einschr├Ąnkung der Schifffahrt kostete die deutsche Wirtschaft Milliarden. (Quelle: Ralph Peters/imago)

Gleichzeitig hat Christian Lindner gesagt: Ein Preis von 180 Euro pro Tonne, wie ihn die "Fridays for Future" als Steuer fordern, sei zu hoch. Also k├Ânnen Unternehmen doch damit rechnen, dass Sie eine Obergrenze vorgeben?

K├Âhler: Nein, nat├╝rlich werden die Preise steigen. Womit Lindner aber recht hat: Wenn wir mit unserer CO2-Reduktion die Wirtschaft abw├╝rgen, folgt uns keiner und es ist gar nichts gewonnen. Wir m├╝ssen die Wirtschaft wachsen lassen und so Zukunftstechnologien entwickeln. Aber nat├╝rlich wird Klimaschutz kosten.

Badum: Ich w├╝rde es ganz anders formulieren: Klimazerst├Ârung kostet Geld. Man rechnet mit Folgekosten von bis zu 180 Euro pro Tonne CO2-├äquivalent. Die werden aktuell von der ganzen Gesellschaft ├╝bernommen. Die Kosten kommen nicht auf uns zu, wir zahlen alle l├Ąngst. Wir m├╝ssen die Kosten nur anders verteilen.

W├╝rden zus├Ątzliche Einnahmen durch einen CO2-Preis in Ihren Modellen eigentlich den Menschen zur├╝ckgezahlt?

Badum: Ja, wir w├╝rden die Mehreinnahmen pro Kopf auszahlen. Wer wenig verbraucht, profitiert.

K├Âhler: Nein, das Geld w├╝rde bei euch in den Bundeshaushalt flie├čen, w├Ąre also nicht zweckgebunden. Wei├čt Du, was dann passiert? Dann stopft der Finanzminister damit seine Haushaltsl├Âcher.


Das kann sein ÔÇô aber das l├Ąsst sich nat├╝rlich gegen alles einwenden. Politische Sabotage ist immer m├Âglich.

K├Âhler: Aber bei uns w├Ąre die Gefahr viel kleiner. Wir k├Ânnen die Stromsteuer auf den niedrigsten Satz und auch die Mineral├Âlsteuer senken. Dadurch w├╝rden Menschen Geld sparen. Was der Staat durch die Zertifikate einnimmt, kommt in den Energie- und Klimafonds und steht f├╝r R├╝ckerstattungen pro Kopf zur Verf├╝gung.

Badum: Also wie bei uns. Nur dass ihr dem Staat misstraut und wir nicht.

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