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Greta Thunberg und die Deutsche Bahn: Diese fünf Dinge müssen sich ändern

Debatte um Greta-Thunberg-Bild  

Fünf Dinge, die die Deutsche Bahn dringend ändern muss

Eine Analyse von Tim Blumenstein, Nathalie Rippich

16.12.2019, 22:20 Uhr
Twitter-Schlacht um Greta: Ihre Zugfahrt durch Deutschland

Viereinhalb Monate ist es her, dass Greta Thunberg ihrer Heimat den Rücken zugekehrt hat, um für den Klimaschutz zu streiten. Nun ist sie auf dem Weg zurück nach Schweden - unter anderem auf dem Fußboden eines deutschen ICE. (Quelle: dpa)

Twitter-Schlacht: Um das von Greta Thunberg veröffentlichte Foto aus einem überfüllten ICE entwickelte sich eine hitzige Debatte im Netz. (Quelle: dpa)


Zugausfälle, volle Züge – nicht erst durch das Bild von Umweltaktivistin Greta Thunberg ist klar, dass die Deutsche Bahn Probleme hat. Damit sich das ändert, muss einiges passieren. 

Die Kontroverse um die Umweltaktivistin Greta Thunberg, die in einem überfüllten ICE durch Deutschland reiste, hat eine Debatte um die Qualität der Deutschen Bahn ausgelöst. In den sozialen Netzwerken wird viel Hohn und Spott über das Unternehmen ausgekippt. Die Reaktionen zeigen, dass bei der Bahn einiges im Argen liegt. Diese fünf Dinge müssen sich ändern, damit es bei der Bahn besser läuft.

1. Die Deutsche Bahn braucht einen Taktfahrplan 

Eine Fernreise mit der Bahn gleicht mitunter einem Lotteriespiel: Kommt mein ICE auch pünktlich? Was, wenn ich meinen Anschlusszug verpasse? Die Pünktlichkeit der Bahn wird oft kritisiert. Ein Blick in die Statistik zeigt: In 2018 kamen zwar durchschnittlich 93,5 Prozent der Züge pünktlich an. In diesem Wert sind aber sowohl Fern- als auch Nahverkehrsverbindungen eingerechnet. Schaut man nur auf die Fernzüge, sieht es nicht mehr ganz so gut aus. Gerade einmal 74,9 Prozent der Verbindungen waren pünktlich – und das, obwohl bei der Deutschen Bahn ein Zug mit unter sechs Minuten Verspätung noch als pünktlich gilt.

Im Ausland funktioniert das besser. In Japan, dem Land mit den zuverlässigsten Zügen der Welt, werden Verspätungen nicht in Minuten, sondern in Sekunden gemessen. Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen hatte 2018 eine durchschnittliche Verspätung von 42 Sekunden – Verspätungen durch Unwetter und Erdbeben bereits eingerechnet. Auch die Schweiz zeigt, wie es besser funktionieren kann. Hier existiert seit über 30 Jahren ein Taktfahrplan, durch den die Züge zu jeder Stunde gleich verkehren – so wie beim S-Bahnverkehr in den Städten. Dadurch kann man sich die Abfahrtszeiten einfacher merken und die Anschlussverbindungen sind aufeinander abgestimmt. 

Die Bahn selbst weiß um das Problem und gelobt Besserung: ab 2030 sollen an den großen Umsteigebahnhöfen alle Züge immer zu den gleichen Zeiten eintreffen und abfahren – Deutschland-Takt nennt das die Bahn. Diese Regelung soll auch für den Regionalverkehr gelten, wodurch lange Umstiegszeiten vermieden und die ländlichen Gebiete besser eingebunden werden sollen. Außerdem plant die Bahn, zwischen den 30 größten deutschen Städten Züge im 30-Minuten-Takt verkehren zu lassen. Die ersten Fernzüge sollen in zwei Jahren auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg nach dem neuen Plan verkehren. Ein riesiges Vorhaben.

2. Die Bahn muss in Infrastruktur, Züge und Personal investieren

Zwölf Milliarden Euro – so viel will die Deutsche Bahn bis 2026 allein in die Modernisierung der eigenen Zugflotte stecken. 8,5 Milliarden Euro davon sollen mit der Anschaffung von neuen ICEs, Eurocity-Zügen und Doppelstock-Intercitys bis 2025 in den Fernverkehr fließen. Weitere 2,7 Milliarden Euro sollen in den Regionalverkehr investiert werden. Personenverkehrsvorstand Berthold Huber sprach von einer "Rekordsumme in der Geschichte der Deutschen Bahn" und versprach, dass jeder Euro für mehr Schienen und moderne Züge gut investiert sei. Doch allein mit neuen Zügen ist es noch nicht getan.

Damit die neuen Züge auch pünktlich zum Ziel kommen, braucht die Bahn eine gesunde Infrastruktur. Bis 2030 will die Bahn mit 260 Millionen Fahrten pro Jahr doppelt so viele Fahrgäste wie heute transportieren. Ohne ein zuverlässiges Schienennetz wird das nicht möglich sein. Allein aus dem Klimapaket der Bundesregierung fließen 20 Milliarden Euro an die Bahn. Zusammen mit eigenem Geld könnte der Konzern bis 2030 insgesamt 156 Milliarden Euro in die Schieneninfrastruktur stecken. Damit die Projekte auch innerhalb der nächsten zehn Jahre sinnvoll geplant und umgesetzt werden können, braucht die Bahn auch neues Personal. Mit knapp 900 neuen Mitarbeitern allein im technischen Bereich rechnet etwa Bahnvorstand Ronald Pofalla

3. Sechs Minuten sind zu viel – es braucht strengere Vorgaben

Die Deutsche Bahn bezeichnet ihre Züge als pünktlich, wenn sie nicht mehr als sechs Minuten Verspätung haben. In einer weiteren Statistik werden auch Fahrten als pünktlich gewertet, die nicht mehr als 16 Minuten verspätet sind. Damit erreicht das Unternehmen für den gesamten Personenverkehr, der Nah- und Fernverkehr beinhaltet, für 2019 eine Pünktlichkeitsquote von stets über 98 Prozent bis einschließlich November. Selbst bei der Vorgabe von maximal sechs Minuten Verspätung erreicht das Unternehmen noch Werte über 90 Prozent. Wird nur der Fernverkehr betrachtet, liegt die Sache deutlich anders: Bisher wurden in keinem Monat 2019 mehr als 80 Prozent Pünktlichkeit erreicht. Am schlimmsten war es im Juni – mehr als ein Drittel der Züge kam mehr als sechs Minuten zu spät. 14 Prozent der Züge kamen über 15 Minuten zu spät. 

Die Deutsche Bahn bezeichnet Züge, die nicht mehr als sechs Minuten Verspätung haben als pünktlich. Die Deutsche Bahn bezeichnet Züge, die nicht mehr als sechs Minuten Verspätung haben als pünktlich.

Die Zeitvorgaben in Deutschland sind großzügig. In Japan, das in Sachen Bahnverkehr zu einem der weltweiten Vorreiter gehört, beträgt die Toleranz nur fünf Sekunden. Das ist extrem, doch auch in Europa sind die Ziele vielerorts ambitionierter. So gelten Schweizer Züge als pünktlich, wenn sie maximal drei Minuten zu spät kommen. Und die Schweizer Pünktlichkeitsquote liegt über der Deutschen – es geht also auch so. Zwar hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zu Beginn des Jahres gesagt, er halte nichts von strikten Vorgaben für Pünktlichkeitsquoten, doch nur so ist eine transparente Auseinandersetzung mit der Qualität möglich. Und nur so kann gezielt an der Pünktlichkeit der Züge gearbeitet werden. 

4. Fahrgäste müssen viel schneller entschädigt werden

Trotz ambitionierter Ziele kann immer etwas schiefgehen. Das Verständnis für Verspätungen oder gar Zugausfälle dürfte steigen, wenn Fahrgäste in Deutschland schneller und einfacher entschädigt würden. Zurzeit bekommt 25 Prozent Nachlass, wer über eine Stunde Verspätung am Zielbahnhof hat. Den halben Fahrtpreis erstattet bekommen Fahrgäste, die ihr Ziel über zwei Stunden zu spät erreichen. Nur wenn sich bereits vor Fahrtantritt abzeichnet, dass ein Zug mehr als eine Stunde zu spät am Ziel eintreffen wird, kann der Fahrgast bei voller Erstattung von der Reise zurücktreten.

In den Niederlanden bekommen Fahrgäste bereits ab einer Verspätung von 15 Minuten eine Entschädigung, ab einer Stunde Verspätung wird der gesamte Fahrtpreis erstattet. Mit über 90 Prozent Pünktlichkeit liegt auch die Quote in diesem Nachbarland über der deutschen. Auch in Deutschland müssen die Fahrgäste schneller entschädigt werden. 

5. Das Image der Bahn muss dringend aufpoliert werden 

Verspätungen, Zugausfälle, mangelhafter Service und schlechte Kommunikation: Der Ruf der Deutschen Bahn ist nicht der Beste. Daran muss das Unternehmen dringend arbeiten. Denn nur wenn die Fahrgäste verstehen, warum Züge sich verspäten und was die Bahn dagegen unternimmt, kann Vertrauen zurückgewonnen werden. Eine gute Gelegenheit für die Bahn wäre der Tweet von Greta Thunberg gewesen. Ein Foto zeigte die weltbekannte Klimaaktivistin auf dem Fußboden eines ICE sitzend. Dazu schrieb sie: "Reisen in überfüllten Zügen durch Deutschland. Und ich bin endlich auf dem Heimweg!"

Anstatt die Vorlage für eine gute PR in eigener Sache zu nutzen, reagierte die Bahn beleidigt und erntete damit Häme und Spott im Internet. Dabei beweist etwa die Berliner BVG mit ihrer "Weil wir dich lieben"-Strategie, dass man auch mit Pannen und Kritik selbstkritisch und humorvoll umgehen kann und so zu einem positiven Image beitragen kann. 

All diese Maßnahmen müssen ineinander greifen, damit sich die Qualität des Personenbahnverkehrs in Deutschland deutlich verbessert.

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