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"Wir machen jetzt nicht die gesamte Industrie dicht"

"Lanz" zum fehlenden Corona-Impfstoff  

"Wir machen jetzt nicht die gesamte Industrie dicht"

Von Nina Jerzy

22.01.2021, 06:50 Uhr
. Stephan Weil (SPD) (Archivbild): Bei "Markus Lanz" argumentierte Niedersachsens Ministerpräsident gegen "Zero Covid". (Quelle: dpa/Julian Stratenschulte)

Stephan Weil (SPD) (Archivbild): Bei "Markus Lanz" argumentierte Niedersachsens Ministerpräsident gegen "Zero Covid". (Quelle: Julian Stratenschulte/dpa)

Warum fehlt es an Corona-Impfstoff? Stephan Weil (SPD) macht der EU bei "Markus Lanz" herbe Vorwürfe: "Es wurde am falschen Ende gespart." Einem Shutdown für die Wirtschaft erteilt der Ministerpräsident aber eine Absage.

Kaum hat die Impfkampagne in Deutschland angefangen, gerät sie auch schon wieder ins Stocken. Wegen kurzfristig anberaumter Bauarbeiten in einem Abfüllwerk können Biontech und Pfizer deutlich weniger Impfstoff liefern. Deshalb müssen viele Bundesländer Immunisierungen aufschieben. Nordrhein-Westfalen verhängte gar einen Impfstopp. Wie kann das angehen?, fragte Markus Lanz am Donnerstagabend Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD). Der meinte: Die Europäische Union ist selber schuld, dass sie im Vergleich zu den USA, dem Vereinigten Königreich oder Israel schlechter mit Corona-Impfstoff versorgt ist.

"Es ist in der Tat so, dass man am falschen Ende gespart hat, dass man nicht rechtzeitig und auch aggressiv genug sehr große Mengen für sich reserviert hat", attestierte Weil der EU. Lanz' Gedanke, ob EU-Mitglieder Bestellungen von Herstellern aus anderen europäischen Ländern torpediert haben könnten, um heimische Pharmaunternehmen zu stärken, wies Weil als "Verschwörungstheorie" zurück. Für ihn ist der Grund für die Unterversorgung in Europa viel simpler, wenn auch nicht leichter zu verdauen: "Es ist schlichtweg zu wenig Geld mobilisiert worden, um sich in einem weltweiten Wettbewerb die entsprechenden Mengen zu sichern." Er setze nun alle Hoffnung in die Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca. Von dem solle Deutschland rund hundert Millionen Dosen erhalten, was für 50 Millionen Menschen reiche. "Das könnte wirklich ein Gamechanger sein", sagte Weil.

"Markus Lanz" zu "Zero Covid"

Bleibt nur die Frage: Wie soll die Pandemie bis dahin eingedämmt oder zumindest im Zaum gehalten werden? Seit rund einer Woche wird in Deutschland verstärkt über die "Zero Covid"-Kampagne diskutiert. Die Unterstützer, darunter namhafte Mediziner fordern, in einem letzten, radikalen Shutdown die Zahl der Neuinfektionen möglichst auf null zu drücken und Corona damit hoffentlich zu besiegen.

"Zeit Online"-Redakteurin Vanessa Vu hat den "Zero Covid"-Aufruf auf Twitter geteilt. Sie verwies auf erfolgreiche Anti-Corona-Strategien asiatischer Länder, darunter auch stabile Demokratien wie die Republik Korea. "Taiwan hat 'Zero Covid'", sagte die Journalistin. In Vietnam, der Heimat ihrer Eltern, sei das Coronavirus nur noch eine Erinnerung: "Das Leben geht ganz normal weiter. Die Clubs sind voll, Familien treffen sich." Klare Regeln mit flexiblen Nachbesserungen beim Datenschutz in Verbindung mit harten Quarantäneauflagen und drakonischen Strafen haben ihrer Ansicht nach in vielen asiatischen Ländern zum frühen und dauerhaften Erfolg gegen das Virus geführt. Zwar sei der Individualismus in Deutschland stärker ausgeprägt und niemand wolle, dass "hart durchregiert" werde. Aber Föderalismus-Kleinstaaterei und der Verweis auf die Eigenverantwortung jedes Einzelnen bringe Deutschland erkennbar nicht weiter.


Da war Weil völlig anderer Meinung als Vu oder auch Lanz. Während die für bundeseinheitliche Vorgaben plädierten (Vu: "In einer Pandemie können wir es uns nicht leisten, die Leute zu verwirren"), fand Weil es nicht schlimm, wenn Kommunen unterschiedlich über Luftfilteranlagen in Schulen entscheiden oder dass in seinem Bundesland Eltern am Ende bestimmen, ob ihr Kind in die Schule geht oder nicht. Damit werde doch die Verantwortung auf die Eltern abgewälzt, kritisierte der Moderator. "Da haben wir eine völlig andere Auffassung", meinte Weil. Eltern wüssten schließlich am besten, was für ihr Kind gut sei. "Da bin ich ganz anderer Meinung", konterte Lanz.

Weil wies auch Vus Behauptung zurück, dass "Zero Covid" unter Wissenschaftlern weitgehend einhellig auf Zustimmung stößt. Insbesondere Epidemiologen würden dieses Szenario bei einem dicht besiedelten Land wie Deutschland mit vielen Außengrenzen für eine Illusion halten. Außerdem hätten andere europäische Länder nach einem sehr harten Lockdown kurze Zeit später wieder steigende Infektionszahlen verzeichnet. "Als Laie lässt mich das zweifeln, ob diese These von 'Zero Covid' wirklich eine realistische Grundlage ist", sagte Weil, der auffallend häufig darauf bestand, seinen Status als vermeintlichen Corona-Laien hervorzuheben.

Weil lehnt Wirtschafts-Shutdown ab

Lanz' Frage, ob es sich Deutschland angesichts geschlossener Schulen nicht leisten könne, auch die Wirtschaft für drei Wochen runterzufahren, stieß dementsprechend bei dem niedersächsischen Ministerpräsidenten auf keine Gegenliebe. Große Teile der Wirtschaft seien bereits geschlossen oder de facto am Boden, sagte Weil mit Verweis auf Gastronomie, Veranstaltungswirtschaft, Reisebranche und Einzelhandel: "Man kann nicht wirklich sagen, dass um die Wirtschaft ein Bogen gemacht wurde." Zwar sei es "nicht akzeptabel und auch nicht wirklich begründbar", warum im ersten Lockdown deutlich mehr Menschen im Homeoffice gearbeitet hätten, als das jetzt der Fall sei. Bei einem pauschalen Produktionsverbot seien aber die gesellschaftlichen Kosten viel zu hoch, warnte Weil und winkte ab: "Wir machen jetzt nicht die gesamte deutsche Industrie dicht."

Der Versorgungsengpass beim Corona-Impfstoff ist gerade aktuell. Ansonsten aber wurden in der Talkshow wie meistens die immer gleichen Debatten geführt. Vu etwa hat bereits Ende November bei "Anne Will" fast exakt dieselben Argumente vorgebracht und Lanz' Verweis auf die Überlegenheit der finnischen Anti-Corona-Strategie können Zuschauer vermutlich schon mitsprechen. Da ging leider ausgerechnet die andere Stimme des Abends unter. Palliativmedizinerin Wiebke Nehls begleitet seit über zehn Jahren sterbende Menschen am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin. Sie kam bei Lanz nur zweimal zu Wort, das erste Mal auch nur auf eigene Initiative. Ihr Appell hallte trotzdem nach.

Natürlich sei es wichtig, über Auswege aus der Pandemie zu beraten, sagte die Medizinerin. Darüber würde aber häufig die Betroffenen im Hier und Jetzt vergessen – etwa jene alte Dame, die sich drei Stunden vor ihrem Tod nur per Videokonferenz von ihrer in Quarantäne gefangenen Tochter verabschieden konnte. "Wir müssen eine größere Aufmerksamkeit haben, wie wir uns da drin verhalten", anstatt nur über das "da raus" zu streiten und "wie wir jetzt, heute den Menschen gut gerecht werden", verlangte die Ärztin.

Verwendete Quellen:

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