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Mutmaßlicher Giftmischer war "auffällig unauffällig"

  • Dietmar Seher
Von Dietmar Seher

Aktualisiert am 28.06.2018Lesedauer: 6 Min.
Eine Serie von Sterbefällen und Mitarbeiter, der Kollegen Pulver auf Brötchen streut: Die Firma ARI Armaturen GmbH & Co. KG steht im Mittelpunkt eines Kriminalfalls, dessen Ausmaße noch nicht klar sind.
Eine Serie von Sterbefällen und Mitarbeiter, der Kollegen Pulver auf Brötchen streut: Die Firma ARI Armaturen GmbH & Co. KG steht im Mittelpunkt eines Kriminalfalls, dessen Ausmaße noch nicht klar sind. (Quelle: /dpa-bilder)
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Giftmord-Verdacht in einer westfälischen Armaturenfabrik: Warum strich ein 56-jähriger Mitarbeiter einem Kollegen Bleiacetat aufs Brot? 21 Todesfälle aus den letzten 18 Jahre werden untersucht. Giftmorde werden vielfach gar nicht oder sehr spät entdeckt.

Im als so ruhig bekannte Ostwestfalen ist es ein riesiger Fall. Die Polizeidirektionen von Bielefeld, Paderborn, G√ľtersloh und Lippe und das Landeskriminalamt (LKA) gehen seit Mai einem schlimmen Verdacht nach. Ist hier, im 27.000-Einwohner-St√§dtchen Schlo√ü Holte-Stukenbrock, seit zwei Jahrzehnten ein Serienm√∂rder unter der Belegschaft?

Die Firma Ari baut Armaturen f√ľr HighTech-Unternehmen in der ganzen Welt. Daf√ľr sorgen 700 Mitarbeiter in den Produktionshallen in der Mergelheide. Manche von ihnen sind schon sehr lange da - wie Klaus O., der hier seit 38 Jahren "auff√§llig unauff√§llig" t√§tig war, wie der Personalchef sagt.

In der heimischen K√ľche Gift gemischt?

Der Name Klaus O. macht der Belegschaft seit einigen Wochen Angst. Und das noch ein bisschen mehr, nachdem das LKA aus D√ľsseldorf einen besorgniserregenden und O. belastenden Bericht vorgelegt hat. Es k√∂nnte sein, dass der 56-J√§hrige seit langem versucht hat, Kollegen mit Gift zu t√∂ten.

Er k√∂nnte dazu in seiner heimischen K√ľche im Bielefelder Stadtteil Senne toxische chemische Stoffe wie Bleiacetat, Quecksilber oder Cadmium gemischt und den Bekannten am Arbeitsplatz auf die Pausenbrote gemischt haben.

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Folgen stellen sich schleichend ein

Was die potenziellen Opfer am meisten umtreibt: Die Substanz macht erst auf lange Sicht krank. Niemand muss sofort merken, dass ihm tödlicher Aufstrich ins Essen gepackt wurde.

Bisher ist kein Mord nachgewiesen. Aber nicht wenige der Kollegen raunen seit einiger Zeit, dass eine ungew√∂hnlich hohe Zahl von Mitarbeitern gestorben ist, die noch nicht einmal das Rentenalter erreicht hatten. Mindestens drei dieser Todesf√§lle hat man sich bei Ari √ľberhaupt nicht erkl√§ren k√∂nnen.

Das Landeskriminalamt denkt laut einer Erklärung der Bielefelder Polizei in eine ähnliche Richtung: "Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Aufklärung aller Todesfälle in der Firma seit dem Jahr 2000. Dabei werden 21 Fälle, in denen Mitarbeiter vor Eintritt in den Ruhestand verstorben sind, betrachtet". Bei diesen 21 Fällen "gab es aus der Sicht der Ermittlungsbehörden eine auffallend hohe Zahl von Herzinfarkten und Krebserkrankungen". Ursache könnten durchaus Schwermetallvergiftungen sein.

Mitarbeiter entdeckte weiße Substanz auf der Stulle

In drei anderen F√§llen ist der Verdacht auf Vergiftung bereits konkreter: Ein Belegschaftsmitglied liegt seit zwei Jahren im Koma, ein zweites wurde zum Dialysepatienten. Ein dritter Mann, erst 26 Jahre alt, hat den Anschlag auf seine Stulle in diesem Fr√ľhsommer rechtzeitig bemerkt. Ihm ist der Alarm zu verdanken.

700 Menschen arbeiten bei ARI Armaturen GmbH & Co. KG am Standort im ostwestfälischen Schloß Holte-Stukenbrock.
700 Menschen arbeiten bei ARI Armaturen GmbH & Co. KG am Standort im ostwestfälischen Schloß Holte-Stukenbrock. (Quelle: Guido Kirchner/dpa-bilder)

Anfang Mai: Der 26-J√§hrige will in sein Brot bei√üen, als er darauf eine merkw√ľrdige wei√üe Substanz entdeckt. Er r√ľhrt das Lebensmittel nicht an, wendet sich zun√§chst an den Betriebsrat des Unternehmens und erstattet Anzeige.

Zunächst glaubt man im Betrieb an einen schlechten Scherz, erinnert sich Personalleiter Tilo Blechinger. Doch als eine erste Analyse die mögliche Gefährlichkeit des Stoffes ergibt, installiert die Betriebsleitung eine Überwachungskamera im Pausenraum.

Tage sp√§ter schnappt die Falle zu. Am 16. Mai, dem Mittwoch vor Pfingsten, l√§uft O. ins Bild. Er macht sich an einer der Brotdosen zu schaffen. Noch am gleichen Tag wird er wegen des Verdachts auf versuchten Mord festgenommen und in die U-Haft in die Vollzugsanstalt Bielefeld-Sennestadt gebracht. Bei Durchsuchungen in der Wohnung des Verd√§chtigen finden die Fahnder eine Chemie-K√ľche mit einschl√§gigen hochgiftigen Substanzen vor, die t√∂dlich wirken k√∂nnen.

Exhumierungen werden gepr√ľft

Der Inhaftierte schweigt zum Vorwurf der Giftmischerei. Doch jetzt liegt der 15-k√∂pfigen "Mordkommission Mergel" das Gutachten des nordrhein-westf√§lischen Landeskriminalamtes vor. Es liefert einen zentralen Hinweis: "Auf den sichergestellten Pausenbroten war toxisches Bleiacetat in Mengen aufgebracht, welche geeignet waren, schwere Organsch√§den herbeizuf√ľhren".

Krankenakten werden gew√§lzt, ehemalige behandelnde √Ąrzte befragt, in Absprache mit Rechtsmedizinern seien Exhumierungen nicht ausgeschlossen, teilte die Bielefelder Polizei mit. Gifte k√∂nnen bei Exhumierungen noch nach langer Zeit identifiziert werden. War hier ein Serienkiller unterwegs? Welches Motiv k√∂nnte er gehabt haben? Hatte nie jemand etwas in den letzten Jahren bemerkt?

Giftmorde hatten im Mittelalter Hochkonjunktur

Morde von Giftmischern sind im Bewusstsein der √Ėffentlichkeit tats√§chlich eher eine Sache des sp√§ten Mittelalters. Gro√üe Adelsgeschlechter setzten Mitte des 16. Jahrhunderts Arsen ein, um gef√§hrliche Gegner oder Konkurrenten zu beseitigen. Auch P√§pste gaben den Auftrag zu Giftmorden ‚Äď oder kamen selbst auf diese Weise um. Die Gruften in den Kathedralen der italienischen Stadtstaaten unter den Borgias und Medicis sind voll von Opfern, die urpl√∂tzlich erkrankten und nach endlosen Qualen hinschieden.

"Erbfolge-Pulver" nannten Zeitgenossen die zunächst unauffällige, aber mörderische Waffe zynisch. Unter dem Begriff Aqua Tofana waren Mittelchen bekannt, mit dem Gattinnen und Gatten aus dem Weg geschafft wurden.

Doch auch die Zeiten der schnell nachweisbaren Giftstoffe Arsen und Zyankali sind vorbei. Selbst der bewusst herbeigef√ľhrte Tod per Gasleitung mit dem neuzeitlichen Kohlenmonoxid kommt heute kaum mehr vor. Gas ist l√§ngst ‚Äěentgiftet‚Äú worden. Die aktuellen chemischen Mordwaffen sind anderer Natur. Polonium geh√∂rt dazu, dessen Einsatz gegen Gegner russischen Geheimdiensten zugeordnet wird.

Pl√§ne f√ľr Anschlag mit Rizin aufgedeckt

Oder Rizin, ein Pressr√ľckstand des Rizinus√∂ls. Rizin kann schon in einer Dosis von einem Gramm 1000 Menschen umbringen. Ein mutma√ülicher Islamist hat den Mix gerade erst in seiner K√∂lner Bleibe hergestellt. Vielleicht zum Bau einer Bio-Bombe, wie der Verfassungsschutz vermutet.

Mitte Juni in K√∂ln: SEK-Beamte mit Atemschutzmasken und Schutzanz√ľgen stehen vor einem K√∂lner Wohnkomplex, in dem der Tunesier Sief Allah H. einen Terroranschlag vorbereitet haben soll.
Mitte Juni in K√∂ln: SEK-Beamte mit Atemschutzmasken und Schutzanz√ľgen stehen vor einem K√∂lner Wohnkomplex, in dem der Tunesier Sief Allah H. einen Terroranschlag vorbereitet haben soll. (Quelle: David Young/dpa-bilder)

Das Haus musste unter hohen Sicherheitsvorkehrungen ger√§umt werden. Auch diese Aufdeckung vor zwei Wochen war eine spektakul√§re Sache f√ľr das LKA in NRW. Nach dem Fall fordert der Direktor des Instituts f√ľr Toxikologie der Universit√§tsmedizin Mainz, Thomas Hofmann, eine Meldepflicht f√ľr Ausgangsstoffe zur Giftherstellung. Eine Expertenkommission solle alle schwer toxischen Stoffe und Pflanzen auf eine Liste setzen und f√ľr diese eine Regulierung festlegen.

Bleiacetat stammt nicht aus Ari-Beständen

Jetzt haben die Experten dort in den Labors am D√ľsseldorfer Rheinufer Bleiacetat auf den Pausenbroten aus Holte-Stukenbrock festgestellt. Das ist ein wei√ües Kristall, auch in Pulverform, das verschluckt √úbelkeit, Erbrechen, Verstopfungen und Magenkr√§mpfe hervorrufen kann.

Ziemlich bald nach der Einnahme greift es aber das Blut an und schädigt das zentrale Nervensystem. Herz und Kreislauf können in Mitleidenschaft geraten, eine Krebsentwicklung ist nicht ausgeschlossen. Vorbeugend hat die Chefetage von Ari versichert, das gefundene Gift stamme nicht aus dem Betrieb. Das bestätigt auch die Polizei. Woher Klaus O. es haben könnte? Es ist offen.

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Fälle unentdeckt durch zu wenige Rechtsmediziner

Rechtsmediziner glauben, dass viele T√∂tungsdelikte gar nicht erst entdeckt werden ‚Äď auch, weil rechtsmedizinische Institute personell unterbesetzt sind oder ganz aufgel√∂st wurden. Sie sch√§tzen die Zahl der nicht entdeckten Opfer auf bis zu 2000 im Jahr. Nicht wenige Gifttote k√∂nnten unter ihnen sein, zumal seit einiger Zeit ein sensibler Tatort Auff√§lligkeiten zeigt: Krankenh√§user. Im t√§glichen Betrieb kann dort kaum jemand den Einsatz aller n√∂tigen Arzneien genau √ľberwachen.

Pfleger Niels H. ist bereits wegen Doppelmordes verurteilt. Wegen fast 100 weiterer Fälle steht ihm ein weiterer Prozess bevor.
Pfleger Niels H. ist bereits wegen Doppelmordes verurteilt. Wegen fast 100 weiterer Fälle steht ihm ein weiterer Prozess bevor. (Quelle: /dpa-bilder)

Es war in Oldenburg so, wo der Krankenpfleger Niels H. mit schweren Medikamenten bis zu 100 Patienten get√∂tet haben k√∂nnte. Er ist wegen Doppelmordes verurteilt. Weiteren Verdachtsf√§lle f√ľhren dazu, dass die Akte nicht geschlossen wird, er ist wegen 97 weiterer F√§lle angeklagt.

Lebenslang hinter Gitter sitzt Stephan L. aus Sonthofen im Allg√§u. Dort im Krankenhaus hat er 28 Menschen auf √§hnliche Weise get√∂tet. ‚ÄěSelbstherrlich und wie am Flie√üband‚Äú, hie√ü es in der Anklage der Staatsanwaltschaft.

In M√ľnchen spritzte eine Hebamme vier Frauen lebensgef√§hrliche Blutverd√ľnner. Die Opfer konnten noch gerettet werden. Das Motiv? Unklar.

Nur wenige Gift-Fälle in der Statistik

Und erst vor einem Jahr deckte eine Cybereinheit der Kölner Polizei den Verkauf hochgiftiger Substanzen im Darknet auf. Drei Verdächtige aus Hamm in NRW und Mölln in Schleswig-Holstein wurden verhaftet. Auf der Shopping-Liste im Internet stand auch Carfentanyl. 200 Milligramm davon, eingeatmet durch die Haut, sind tödlich.

In der Kriminalstatistik hingegen taucht Gift ‚Äď anders als im sp√§ten Mittelalter - als Waffe kaum auf. Gemordet wird mit Schusswaffen, Messern, mit schweren Gegenst√§nden. Eine Untersuchung der Uni Bonn ergab f√ľr den Zeitraum von 1996 bis 2005 gerade 15 Giftmorde bei insgesamt 882 T√∂tungsdelikten. 1,7 Prozent.

In Ostwestfallen gab es auch Fanta-Mord

Dennoch ist ein Fall wie der des verd√§chtigen Klaus O. nicht ganz so selten. Dezember 2006. In Minden stirbt, nicht weit vom m√∂glichen Tatort in Holte-Stukenbrock und unter fast vergleichbaren Umst√§nden, der 44-J√§hrige Familienvater Johann Isaak in einem Werk des Chemiekonzerns BASF. Er hatte eine Flasche mit Fanta-Limonade in einem K√ľhlschrank des Pausenraums deponiert und daraus getrunken.

Die Fanta war mit Zyanid versetzt. Als nach dem Tod des Mannes Ermittler an die Arbeit gehen, kommen zwei von ihnen in Kontakt mit giftigen Dämpfen und werden verletzt. Auch noch eine zweite Flasche wird entdeckt, sie gehört einem Arbeitskollegen.

Bis heute ist der Mordfall Isaak ungeklärt. Die vage Spekulation: Möglicherweise handelte es sich um Rache eines entlassenen Mitarbeiters. BASF hatte damals 190 der 500 Vollzeitstellen abgebaut.

Was aber trieb den mutmaßlichen Giftmischer bei Ari? Der Vorgang ist voller Rätsel.

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