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Physik-Nobelpreisträger Laughlin: Was uns in den kommenden 200 Jahren erwartet

Physik-Nobelpreisträger Laughlin  

Kampf um die Welt von morgen

Von Christian Kreutzer

28.04.2012, 11:37 Uhr
Physik-Nobelpreisträger Laughlin: Was uns in den kommenden 200 Jahren erwartet. US-Soldat vor einer brennenden Ölquelle im Irak: Bereits heute gibt es Kriege um das Öl.  (Quelle: dpa)

US-Soldat vor einer brennenden Ölquelle im Irak: Bereits heute gibt es Kriege um das Öl. (Quelle: dpa)

Das Interview führte Christian Kreutzer

Die Welt in 200 Jahren: Öl, Kohle und Gas sind aufgebraucht. Manche Völker führen noch Kriege um die letzten Reserven. Andere haben sich schon umgestellt und gewinnen Energie aus Licht, Wind und Gezeiten, aber auch aus Müll und Kernkraft sowie aus unterseeischen Anlagen, die von Robotern betrieben werden. Es sind faszinierende, oft düstere Szenarien, die der amerikanische Physik-Nobelpreisträger Robert Laughlin (62) für die Ära nach den fossilen Brennstoffen entwirft. "Die Energiekrise wird kommen", prophezeit Laughlin, "und sie wird schrecklich sein." Sorgen ums Klima würden dann keine große Rolle mehr spielen. t-online.de sprach mit dem Forscher über sein neues Buch "Der Letzte macht das Licht aus" (auf Deutsch erschienen im Piper-Verlag).

t-online.de: Professor Laughlin, würden sie in der Zukunft leben wollen, die Sie beschrieben haben?

Laughlin: Ja.

Das ist eine relativ überraschende Antwort.

Diese Zeit wird sich von der heutigen nicht sehr stark unterscheiden.

In Ihrem Buch klingt das aber anders.

In dem Buch geht es darum, durchzudenken, was vermutlich passieren wird, denn man kann eine Menge vorhersagen. Am Ende dieses Denkprozesses habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass das Leben in 200 Jahren dem heutigen stark ähneln dürfte.  

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Physik-Nobelpreisträger Laughlin: "Die Energiekrise wird kommen und sie wird schrecklich sein." (Quelle: dpa)Physik-Nobelpreisträger Laughlin: "Die Energiekrise wird kommen und sie wird schrecklich sein." (Quelle: dpa) Sie sagen eine "schreckliche Krise" voraus.

Richtig, denn auf dem Weg in diese glückliche Zukunft wird es vermutlich Ärger geben: Da gibt es die Umstellung der Energieversorgung und der damit zusammenhängenden Wirtschaft. Das kann friedlich über die Bühne gehen, oder mit viel Gewalt. In der neueren Geschichte hat es immer genug Öl und Gas gegeben, sogar im Zweiten Weltkrieg. Dass gar nichts mehr da ist, ist noch nie vorgekommen. Das macht diesen Vorgang historisch zwar einzigartig, aber Geschichte und Lebenserfahrung lehren mich Folgendes: Wenn viele Menschen beisammen sind und etwas Lebenswichtiges nicht ausreichend vorhanden ist, dann fangen sie an, darum zu kämpfen.  

Sie sprechen in Ihrem Buch vom "Wintereinbruch bei einem Volk, das nur den Sommer gekannt hat".

Eine Analogie auf den Hunger: Viele werden nicht wissen, wie sie sich in diesen harten Zeiten wappnen sollen. Alles Wissen, das uns zur Verfügung steht, stammt nämlich noch aus glücklichen Tagen. Die meisten Menschen glauben ja bisher, dass diese Zeit nie kommen wird.

Wie wird sich die Krise wohl ankündigen?

Als erstes wird der Ölpreis wohl sehr instabil werden und auf manchen Märkten in irrsinnige Höhen klettern, während er auf anderen niedrig bleibt. Manche werden letztlich Öl bekommen und andere nicht und man wird nach Alternativen suchen. Es wird eine Zeit sein, die allen große Anstrengungen abverlangt. Solche Zeiten sind naturgemäß sehr instabil.

Aber am Ende wird uns allen das Öl ausgehen.

Ja, das ist die Botschaft. Auch wenn manche das Gegenteil behaupten: Es wird zur Neige gehen. Vielleicht nicht, solange Sie und ich noch leben, aber in ein oder zwei Generationen bestimmt. Irgendwann im nächsten Jahrhundert wird es vermutlich übel mit der Ölversorgung.

Es gibt viele Schätzungen darüber, wie lange es noch Öl gibt. Was glauben Sie?

Nach meiner Einschätzung wird das Öl in etwa 100 Jahren ausgehen. Aber das ist nicht so wichtig. Wenn andere 300 Jahre für realistischer halten, soll es mir auch recht sein. Gemessen an den Erdzeitaltern werden wir die fossilen Brennstoffe ohnehin in einem einzigen kurzen Augenblick verbraucht haben. Danach ist eben Schluss.

Wäre das nicht ein Grund, voll auf grüne Energie zu setzen?

Darüber denken wir natürlich alle nach, aber ich will hier gar nicht für oder gegen grüne Energie predigen. Wenn diese Krise vorübergeht, wird grüne Energie definitiv ein Faktor sein. Ein ganz anderer Faktor ist der menschliche Bedarf: Bei meinen Vorträgen frage ich die Zuhörer immer, ob sie glauben, dass die Menschen in der Zeit dieser Krise noch Autos fahren werden. Etwa 75 Prozent gehen meistens davon aus, dass es so sein wird. Wenn ich frage, warum sie glauben, dass die Menschen ihre Autos behalten werden, kommen die tollsten Antworten, aber irgendwann sagt jemand - meistens ist es eine junge Frau - aus dem Publikum: "Weil sie Autos haben wollen." Ich schreie dann immer: Ja! Denn genauso ist es: So vieles von dem was in der menschlichen Geschichte passiert, geschieht aus Antrieb und Verlangen, also letztlich eher aus wirtschaftlichen als aus technischen Gründen. Nach der Sache mit den Autos frage ich meine Zuhörer und Studenten, ob sie glauben, dass wir dann auch noch mit Flugzeugen fliegen und Strom aus der Steckdose haben und drei Viertel antworten ebenfalls mit Ja.

Autofahren und Fliegen ohne Erdöl?

Ja, denn es gibt dann keine fossilen Brennstoffe mehr. Hätten meine Studenten aber trotzdem Recht, würde das Folgendes bedeuten: Wenn es dann kein Öl, kein Gas und womöglich auch keine Kohle mehr gibt, muss sich eine ganz neue Industrie entwickeln, die aus dem, was da ist, Treibstoffe herstellt. Treibstoffe, die beispielsweise die ganz besonderen Eigenschaften von Kerosin oder Diesel haben. Hitler-Deutschland hat mit solchen Ersatzstoffen schon im Zweiten Weltkrieg experimentiert. Heute gibt es dazu noch viel weiter gehende Versuche. Und das ist noch lange nicht alles, denn wie auch immer die künftigen Treibstoffe, die sehr teuer sein werden, aussehen: Man wird Kohlenstoff brauchen, um sie zu verdichten. Der wird bis dahin – leider – reichlich in Form von Kohlendioxid-Molekülen in der Luft sein.

Und wie kommt man da ran?

Genau dabei bietet sich eine interessante Lösung an: Ich gehe nämlich davon aus, dass Pflanzen – die das bekanntlich am besten können – speziell zu dem Zweck gezüchtet werden, um den nötigen Kohlenstoff aus der Luft einzufangen. Das wiederum wird der Landwirtschaft eine ganz neue Bedeutung verleihen. Und der Kohlenstoff, den die Farmen verkaufen,  wird ebenfalls teuer sein, weil er umständlich gewonnen werden muss. Das Kohlendioxid-Problem wird dadurch natürlich auch nicht gelöst, denn der Kohlenstoff wird ja danach wieder in die Luft geblasen.

Und wo sollen die neuen Kraftstoffe letztlich herkommen?

Ob beispielsweise aus Algen oder anderen Pflanzen - das ist im Detail vor allem eine wirtschaftliche Frage. Im Hintergrund wird es aber definitiv Kernkraftwerke geben.

Sie meinen, die Kernkraftwerke bleiben uns erhalten?

Im Moment kann man sie hier in Deutschland oder anderswo durchaus abschaffen. Sie können sie beispielsweise durch Gaskraftwerke ersetzen, die mit russischem Erdgas beliefert werden. Solange die Russen gute Geschäftspartner bleiben, ist das eine feine Sache, denn sie haben viel davon, das sie nicht brauchen und Gaskraftwerke sind preiswert im Unterhalt.

Aber das Gas geht ja dann auch zur Neige, wie wir jetzt wissen.

Eben. Dann sieht die Rechnung ganz anders aus, denn der Strom wird danach sehr teuer werden. Und so wird daraus schnell eine politische Frage. Ein Beispiel: Im Jahr 2000 hat ein großer Stromausfall die kalifornische Regierung zu Fall gebracht, die gar nichts dafür konnte. Danach wurde Arnold Schwarzenegger Gouverneur - quasi als Strafe. Eine kaum noch bezahlbare oder gar hin und wieder versagende Stromversorgung  ist eine hochsensible Angelegenheit. Für so etwas werden Politiker gefeuert, denn die Wähler halten billige Energie für ihr gutes Recht und Kernkraft ist relativ billig. Was machen Regierungen also? Nun, Menschen sind schwach und passen sich den Gegebenheiten an. Deshalb ist es so gut wie sicher, dass in dieser Krise irgendwann jemand kommt und einfach behauptet: "Die Atomkraftgegner haben sich getäuscht, wir wissen es heute besser."

Und dann kommt die Kernkraft zurück?

Ich denke schon. Notfalls werden Begründungen erfunden und frühere Erkenntnisse als fehlgeleitete "Ideologien" abgetan. Es geht schließlich ums Geld. Und wenn ich auch nicht weiß welche Energiequellen es genau geben wird und wie teuer sie sein werden, ist aber eines sicher: Teurer als Atomkraft dürfen sie nicht sein, sonst kommt die in einem Preiskrieg wieder zum Einsatz.

In Ihrem Buch schreiben Sie, das zentrale Problem bei all dem sei die menschliche Natur.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich von einem Problem sprechen würde. Sie ist aber der zentrale Tatbestand, mit dem wir rechnen müssen.

Wie würden Sie die beschreiben?

Ich spreche da von etwas ganz Bestimmtem: Menschen die arm sind, sind damit unzufrieden. Und viele dieser Armen sind sehr clever - cleverer als ich. Nichts wird diese Leute davon abhalten ihrem Traum vom besseren Leben für sich und ihre Kinder nachzujagen. Und besseres Leben bedeutet: mehr Autos, mehr Elektrizität, mehr Energieverbrauch. Wir im Westen wünschen uns, die Schwellenländer würden ihre Entwicklung etwas langsamer angehen lassen, weil wir sie missverstehen. Die Menschen in den reichen Ländern hätten sich seinerzeit auch nicht aufhalten lassen. Die haben höchstens langsam genug und vergessen, dass die meisten Völker beim Wohlstand hinter ihnen liegen. Die wollen aber aufholen.

So wie China.

Genau. Als ich vor einiger Zeit mit meinem Sohn durch Peking fuhr, stand an einer Ampel ein Radfahrer neben uns. "Was dem wohl gerade durch den Kopf geht?", fragte ich meinen Sohn und bekam zur Antwort: "Er denkt: Ich wünschte, ich hätte ein Auto." Chinesische Zuhörer brechen an dieser Stelle immer in Gelächter aus, denn genauso ist es.

Der bekannte australische Virologe Frank Fenner hat anlässlich seines 95. Geburtstags erklärt, in spätestens 100 Jahren habe sich die Menschheit selbst ausgerottet. In Ihrem Buch schätzen Sie diese Möglichkeit als eher gering ein. Warum eigentlich?

Das hat einen einfachen Grund: Die Menschen sind sehr einfallsreiche Geschöpfe. Man muss sie schon alle umbringen, sonst regenerieren sie sich wieder. Was sich aber drohend am Horizont erhebt, sind militärische Konflikte. Es wird Probleme geben, die gemanagt werden müssen. Wahrscheinlich sollte man früh damit anfangen. Die Frage ist, ob man das tut und ob man das Geld dafür ausgeben will, oder ob man es einfach geschehen lässt. Wir sprechen hier über solche heiligen Fragen wie: "Was wird aus den Kindern meiner Kinder meiner Kinder?". Die Antwort lautet: Sie werden kämpfen, denn das machen Menschen, wenn ihre Familie in Gefahr ist. Sie beschützen sie. Sie werden um die Ressourcen kämpfen. Was das angeht, bin ich pessimistisch. Jeder sollte das durchdenken und sich dann überlegen, was getan werden muss: Ob man denen helfen will, die noch nicht geboren sind. Vielleicht lösen sie das Problem ja auch so. Jedenfalls wird das ein oder zwei Jahrhunderte andauern. Aber ja: Die Menschheit wird überleben.

Wir sprechen über die Zeit in 200 Jahren. Setzen wir zum Schluss noch einen drauf: Wie könnte das Leben in 2000 Jahren aussehen? Auch so ähnlich wie heute?

Ja. Die Krise von der wir sprechen wird ein wirklich bedeutsames, vermutlich einzigartiges historisches Ereignis werden. Die Wirtschaftsordnung, die daraus entsteht, wird viele tausend Jahre überleben. Die Lebensweise der Menschen – vor allem bezogen auf die Art von Arbeit, die sie dann verrichten müssen wird natürlich sehr unterschiedlich sein. Vermutlich wird man dann eher Roboter steuern, als selbst zu arbeiten. Eines kann ich speziell Ihnen als Deutschem aber mit ziemlicher Sicherheit sagen: Atomkraft wird es in 2000 Jahren nicht mehr geben, weil dann kein Uran mehr übrig ist.

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