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Vulkanisches Inferno schafft neuen Ozean in Afrika

Von Axel Bojanowski

Aktualisiert am 21.01.2011Lesedauer: 5 Min.
Seit einigen Monaten registrieren Forscher im Nordosten Afrikas eine enorme vulkanische Aktivit├Ąt
Seit einigen Monaten registrieren Forscher im Nordosten Afrikas eine enorme vulkanische Aktivit├Ąt (Quelle: University of Bristol/Lorraine Field)
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Nordostafrika ist im Umbruch, im geologischen Eiltempo entsteht dort ein neuer Ozean. Der ganze Kontinent beginnt zu zerbrechen. Wissenschaftler wurden nun Zeugen verst├Ąrkter Aktivit├Ąt: Es bebt, Vulkane brodeln, die Erde bricht auf, das Meer dringt vor. Schon bildet sich Tiefseeboden - mitten in der W├╝ste.

Die Geologin Cynthia Ebinger von der University of Rochester in den USA konnte kaum glauben, was ihr der Anrufer aus der W├╝ste ├äthiopiens berichtete. Unerh├Ârtes spiele sich ab, berichtete der Angestellte einer Mineralogenfirma: Der ber├╝hmte Vulkan Erta Ale breche aus. Ebinger staunte, sie erforscht den Vulkan seit langem. Stets hatte im Krater des Erta Ale eine silbrig-schwarze Lavasuppe geblubbert - doch ausgebrochen war der Vulkan seit Jahrzehnten nicht.

Das war Mitte November. Umgehend flog Ebinger damals zusammen mit Kollegen in die W├╝ste ├äthiopiens. Und tats├Ąchlich: "Der Vulkan brodelte, er lief ├╝ber; flammenrote Lavafont├Ąnen schossen in den Himmel", erz├Ąhlt die Wissenschaftlerin. Gegen├╝ber Spiegel Online berichten die Geologen jetzt erstmals ├╝ber die dramatischen Ereignisse der vergangenen Monate in der abgelegenen Region.

In Nordostafrika ist nichts mehr, wie es war. Die Erde ist im Umbruch. Der W├╝stenboden bebt und bricht, Vulkane brodeln; das Meer dringt vor - es bildet sich ein neuer Ozean. Afrika beginnt, entzwei zu brechen. Ein erster Riss ist in den vergangenen Jahrmillionen entstanden, ihn f├╝llen das Rote Meer und der Golf von Aden. Nun ├Âffnet sich auch die Erde von ├äthiopien bis in den S├╝den nach Mosambik. Zahlreiche Vulkane s├Ąumen den Ostafrikanischen Grabenbruch. In einigen Millionen Jahren wird ein Ozean die Kluft f├╝llen.

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Im Norden in der Danakilsenke kann der Vorsto├č des Meeres schon bald passieren: Dort blockieren lediglich 25 Meter flache H├╝gel die Fluten des Roten Meeres. Das Land dahinter hat sich bereits Dutzende Meter abgesenkt. Wei├če Salzkrusten auf dem Sandboden zeugen von einstigen Vorst├Â├čen des Ozeans. Doch Lava hatte dem Meer bald wieder den Zugang abgeschnitten.

Wann flutet das Meer die W├╝ste?

Wann flutet das Meer endg├╝ltig die W├╝ste? Das wei├č niemand - doch klar ist, dass es schnell gehen k├Ânnte: "Binnen Tagen k├Ânnten die H├╝gel einsinken", erl├Ąutert Tim Wright von der Universit├Ąt Leeds in Gro├čbritannien. Dann w├╝rde das Meer die Danakilsenke fluten.

Seit f├╝nf Jahren habe sich die Ozeanentstehung in Nordostafrika "unglaublich beschleunigt", sagt Wright. Alles gehe viel schneller, als man es sich vorgestellt habe. Bislang ma├čen Forscher in Nordostafrika ein paar Millimeter Dehnung des Bodens pro Jahr. "Doch nun ├Âffnet sich die Erde meterweise", berichtet Cynthia Ebinger.

Bebend ├Âffneten sich tiefe Schluchten im W├╝stenboden. Die Erde Ostafrikas ist zersprungen wie eine kaputte Glasscheibe. Zuletzt registrierten die Forscher im Golf von Tadjourah vor der K├╝ste Dschibutis ein Trommelfeuer von Erdst├Â├čen. "Die Beben ereigneten sich am Mittelozeanischen R├╝cken", berichtet Ebinger.

Magma presst den Boden auseinander

An solchen untermeerischen Gebirgen entsteht stetig neue Erdkruste: Lava quillt aus Spalten und h├Ąrtet zu frischem Meeresgrund. Das aufstr├Âmende Magma dr├╝ckt beidseitig den Meeresboden auseinander, wobei sich die Erdplatten in Bewegung setzen; dabei ruckelt der Boden.

Die Beben im Golf von Tadjourah sind in den vergangenen Monaten der K├╝ste immer n├Ąher gekommen. Die Meeresbodenspaltung springe allm├Ąhlich aufs Land ├╝ber, erl├Ąutert Ebinger. Entlang mancher Erdrisse in der ├Ąthiopischen W├╝ste ist es schon passiert. Dort ereignete sich das sonst in der Tiefsee ablaufende Spektakel an der Erdoberfl├Ąche - eine geologische Sensation.

Auch das Muster der Erdbeben beweise die Verwandlung der W├╝stenlandschaft zu Tiefseeboden, berichten die Geologen Zhaohui Yang und Wang-Ping von der Universit├Ąt Illinois in Urbana, USA im Fachblatt "Journal of Geophysical Research": Wie sonst nur in der Tiefsee an Mittelozeanischen R├╝cken registrierten die Forscher in Nordostafrika viele starke Erdbeben in geringer Tiefe - eine Folge der Bodenspaltung.

Der Boden wellt sich wie hei├čer Asphalt

In den vergangenen Monaten registrierten die Forscher eine Zunahme vulkanischer Aktivit├Ąt: An 22 Stellen im Afar-Dreieck im Nordosten Afrikas entdeckten die Geologen unterirdische Vulkanausbr├╝che nahe der Erdoberfl├Ąche. Magma habe bis zu acht Meter breite Kl├╝fte in den Boden gebrochen, berichtet Derek Keir von der Universit├Ąt Leeds. Das meiste Magma blieb im Untergrund stecken, im Erta Ale aber beispielsweise gelangte es an die Oberfl├Ąche.

Auch die Art des Magmas l├Ąsst die Wissenschaftler staunen: Es ist von jener Sorte, die sonst nur in der Tiefsee an Mittelozeanischen R├╝cken vorkommt. Charakteristisch ist sein geringer Anteil an Kiesels├Ąure. Das Magma des Erta Ale ist von seiner Chemie her das eines Tiefseevulkans. Die Region ├Ąhnelt immer mehr einem Meeresboden auf dem nur das Wasser fehlt.

Der neue Aktivit├Ątsschub begann 2005, als in der Afar-Senke pl├Âtzlich auf 60 Kilometer L├Ąnge der W├╝stenboden aufriss. Seither seien 3,5 Kubikkilometer Magma aufgequollen, sagt Tim Wright. Damit lie├če sich ganz London menschenhoch mit Magma bedecken.

In geologischem Eiltempo dringt das Magma vor: Mit bis zu 30 Meter pro Minute habe es sich seinen Weg durch das Gestein gebahnt, berichtet Eric Jacques vom Institut de Physique du Globe in Paris. Radarmessungen von Satelliten bezeugten die Folgen: Auf einer Strecke von 200 Kilometern wellte sich ├╝ber dem Magma der Boden wie hei├čer Asphalt im Sommer. Auch unter dem Dabbahu-Vulkan im Norden ├äthiopiens sammelte sich Magma, berichtete Lorraine Field von der Uni Bristol im Dezember auf einer Tagung der Amerikanischen Geophysikalischen Gesellschaft (AGU) in San Francisco.

Die Magmakammer l├Ądt nach

Die Satellitendaten zeigten, dass die Region derzeit auf viel gr├Â├čerem Gebiet aufrei├če als bislang angenommen, sagt David Keir. Selbst im Osten ├ägyptens habe sich der Boden durch unterirdische Magmastr├Âme stark aufgeheizt, schreiben Geoforscher um Hesham Hussein vom Nationalen Forschungsinstitut f├╝r Astronomie und Geophysik in Helwan, ├ägypten, jetzt im Fachblatt "Seismological Research Letters". Den W├╝stenboden der Karonga-Region in Malawi habe ein Magmaausbruch gar auf 17 Kilometer L├Ąnge aufgeschlitzt, berichtete James Gaherty von der Columbia Universit├Ąt auf der AGU-Tagung. Der Druck des Magmas habe den Boden zudem einen halben Meter angehoben.

Die heftigste Magma-Aufwallung der letzten Jahre ereignete sich an unerwarteter Stelle: Im Mai 2009 brach in Saudi-Arabien ein unterirdischer Vulkan aus. Nach einem heftigen Beben der St├Ąrke 5,7 und Zehntausenden leichten Ersch├╝tterungen mussten 30.000 Anwohner in Sicherheit gebracht werden. In einem Gebiet, das so gro├č ist wie Berlin und Hamburg zusammen, quoll Magma aus der Tiefe, berichtet Sigurjon Jonsson von der King Abdullah University of Science and Technology in Saudi Arabien auf der AGU-Tagung. Die Eruption ereignete sich 200 Kilometer entfernt von der Nordafrikanischen Bruchzone - "das hat uns sehr erstaunt", sagt Cynthia Ebinger. Die gr├Â├čte Baustelle des Planeten wird immer gr├Â├čer. Magma dringe verst├Ąrkt aus dem Untergrund, best├Ątigt Manahloh Belachew von der Uni Rochester: "Die Magmakammer l├Ądt nach".

David Ferguson von der Universit├Ąt Oxford sagt f├╝r die n├Ąchsten zehn Jahre noch deutlich mehr Vulkanausbr├╝che und Erdbeben in der Region voraus. "Die Aktivit├Ąt", meint der Forscher, "wird noch deutlich zunehmen".

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