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Überbevölkerung: "Der Countdown fürs Überleben läuft"

US-Journalist Weisman im Interview  

"Der Countdown fürs Überleben läuft"

12.11.2013, 16:33 Uhr | Die Fragen stellte Evelyn Bongiorno-Schielke, t-online.de

Überbevölkerung: "Der Countdown fürs Überleben läuft". Problem Überbevölkerung: Menschen in Massen können der Erde zum Verhängnis werden (Quelle: dpa)

Problem Überbevölkerung: Menschen in Massen können der Erde zum Verhängnis werden (Quelle: dpa)

Unsere Welt platzt aus allen Nähten: Momentan bevölkern 6,7 Milliarden Menschen den Planeten und jährlich kommen 80 Millionen neue dazu. Wir verbrauchen Unmengen an Wasser, Nahrung und Energie, produzieren gigantische Müllberge und zerstören so unaufhaltsam unsere Umwelt. "Der Countdown fürs Überleben läuft", prophezeit der amerikanische Journalist Alan Weisman. Bald werde ein brutaler Verteilungskampf um die knappen Ressourcen entbrennen. Die Menschen, so Weisman, können den Wettlauf gegen die Zeit nur auf eine Weise gewinnen: indem sie weniger werden.

Herr Weisman, wie viele Menschen kann die Erde ertragen, ohne zu kollabieren?

Rund 1,5 bis maximal drei Milliarden Menschen wäre eine sichere Anzahl. Das empfehlen die meisten Wissenschaftler. Es geht um die Frage, wie viel Land wir brauchen, um unsere Nahrungsmittel anzubauen. Momentan nutzen wir 40 Prozent der Erdoberfläche, für den Anbau oder um Tiere weiden zu lassen. Wir nutzen sie nur dazu, eine Art - nämlich uns Menschen - zu ernähren. Das hat die Natur nicht vorgesehen. Als Folge davon verlieren wir jede Menge andere Arten. Das ist sehr gefährlich, weil unser Ökosystem diese Arten braucht.

Wir produzieren Nahrungsmittel sehr energieintensiv: Wir benutzen künstliche Düngemittel, die unsere Umwelt belasten. 40 Prozent von uns wären nicht hier, wenn es diese Art der Nahrungsmittelproduktion nicht gäbe. Aber sie verursacht große Probleme: sie zerstört unsere Böden, unseren Wasserkreislauf und lässt die Ozeane sterben; auch der CO2-Ausstoß ist enorm angewachsen. So können wir nicht weitermachen.

Wie viele Kinder darf ich höchstens in die Welt setzen, wenn die Menschheit überleben soll?

Wenn jeder zwei Kinder oder eins hätte, dann kämen wir in den nächsten zwei Generationen zu einer tragfähigen Bevölkerungsgröße. Viele Leute entscheiden sich heute bereits, nur ein Kind zu haben.

Und wenn man den Wunsch nach einer großen Familie hat?

Auch das ist möglich: Wir haben weltweit so viele Kinder, die ein Zuhause brauchen. Adoption wäre ein guter Weg, den auch viele schon praktizieren. In Europa, in den USA, aber auch in Kanada und Australien sieht man viele junge, chinesische Gesichter.

Brauchen wir ein neues Konzept von Familie?

Vermutlich. Als ich in China war, habe ich mit 400 sehr intelligenten Studenten diskutiert. Aufgrund der strikten Ein-Kind-Politik sind sie alle Einzelkinder. Wir im Westen denken ja oft, dass es psychische Schäden hinterlässt, wenn man keine Geschwister hat. Ich habe die Studenten gefragt, warum sie trotzdem so gesund wirken. Sie sagten mir, sie hätten quasi die Familie neu erfunden, indem ihre Cousins und Freunde zu Brüdern und Schwestern geworden sind.

Menschen sind sehr flexibel. Wir werden auch weiter Familien haben. Aber vielleicht ändern wir unsere Art, darüber zu denken.

Chinas Ein-Kind-Politik scheint effektiv, aber auch radikal und brutal. Ist sie dennoch nicht der richtige Weg?

Die meisten Länder und Kulturen mögen sie nicht. Auch die Chinesen selbst nicht. Im Iran, aber auch in Thailand und Europa setzt man hingegen auf Freiwilligkeit, und die meisten Eltern beschränken sich von selbst auf zwei Kinder.

Wie bringt man die Menschen dazu?

Die meisten Frauen in diesen Ländern sind gut ausgebildet. Sie möchten etwas Interessantes in ihrem Leben machen und zum finanziellen Auskommen ihrer Familie beitragen. Sie möchten Mütter sein, aber es ist hart, gleichzeitig zu arbeiten und sieben Kinder großzuziehen. Darum entscheiden sie sich, nur zwei Kinder zu haben oder eins. Bildung für Frauen ist das beste Verhütungsmittel, das es gibt.

Ein demographisches Institut in Wien hat Folgendes herausgefunden: Wenn jede Frau in der Welt Zugang zu Bildung hätte, wären wir im Jahr 2050 eine Milliarde Menschen weniger.

Sie loben das ehemalige iranische Modell der Geburtenkontrolle?

Im Iran hat man nicht wie in China die Kinderzahl begrenzt. Man hat vielmehr Paaren vor der Heirat Informationskurse darüber angeboten, was es kostet, ein Kind großzuziehen und auszubilden. Außerdem hat man kostenlos Verhütungsmittel verteilt. Und nicht zuletzt hat man Frauen in die Universitäten gebracht. Heute sind 60 Prozent der Studenten im Iran Frauen.

In Ihrem Buch kommen Sie ja zu dem Schluss, dass die Gleichberechtigung der Frauen eine Schlüsselrolle spielt.

Man muss Frauen nur gut auszubilden und ihnen Verhütungsmittel zur Verfügung stellen und das Problem löst sich von selbst.

Hinzu kommt, dass heute die Hälfte der Menschen in Städten lebt. In ländlichen Gegenden dienen Kinder als kostenlose Arbeitskräfte, aber in den Städten sind Kinder eher ein Kostenfaktor. Es ist übrigens durchaus möglich, allen Verhütungsmittel zur Verfügung zu stellen. Es kostet im Jahr schätzungsweise acht Milliarden US-Dollar.

In Deutschland ist die Geburtenrate so niedrig, dass wir die Überalterung der Gesellschaft fürchten. Alle Appelle hier lauten: Frauen, bekommt mehr Babys. Ist das der richtige Weg?

Die Deutschen sollten die sinkende Geburtenrate positiv sehen. Anders als in Japan gibt es hier auch viele Immigranten. Auf lange Sicht wird sich das Verhältnis von jungen und alten Leuten ausbalancieren. Auch die befürchtete große Generation alter Menschen kann etwas Positives haben. Aufgrund des medizinischen Fortschritts werden die länger leistungsfähig sein und länger arbeiten können.

Aber reicht es denn, das Bevölkerungswachstum zu stoppen, wenn der hemmungslose Konsum weitergeht?

Nein, das reicht nicht. Aber das Bevölkerungswachstum aufzuhalten, ist der erste und einfachste Schritt. Je mehr Menschen hier leben, desto mehr wird auch konsumiert.

Im Moment ist unser Wirtschaftssystem vollständig auf Expansion ausgerichtet. Können wir überhaupt lernen, uns einzuschränken?

Wir müssen es lernen. Die Ökonomen und Kapitalisten lieben große Bevölkerungen, weil es so viele billige Arbeitskräfte gibt. Außerdem lässt sich so die Versorgung der Älteren besser finanzieren. Wenn wir aber so weitermachen, fügen wir der Umwelt großen Schaden zu. Extreme Wetterphänomene häufen sich, wie zum Beispiel der Taifun gerade auf den Philippinen zeigt. Und es wird noch schlimmer werden.

Wir müssen also umdenken?

Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass die Wirtschaft permanent wachsen muss und dass konstantes Wachsen ein Zeichen von Gesundheit ist. Reichtum kann auch bedeuten, ein erfülltes Leben zu führen, Zeit zu haben, weniger zu arbeiten und nicht nur immer neue Sachen zu kaufen.

Fühlen Sie sich nach der Arbeit an diesem Buch deprimiert oder haben sie noch Hoffnung?

Ich habe in der Tat mehr Hoffnung als vorher. Wir können uns in den nächsten zwei bis drei Generationen auf weniger Kinder beschränken. Das ist etwas, was wir wissen und was wir tun können. Wir können diesen Wandel nicht morgen schaffen, aber in den nächsten paar Jahrzehnten.

Wenn wir Schritt für Schritt eine tragfähige Größe erreichen, wird sich auch die Wirtschaft anpassen. Ich bin überzeugt: Wir gehen bereits in die richtige Richtung.

Alan Weisman ist Autor des Weltbestsellers "Die Welt ohne uns" und vielfach ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist. Für seine großen Reportagen bereiste er die ganze Welt. Er lebt mit seiner Frau im Westen von Massachusetts. Soeben ist sein Buch "Countdown - Hat die Erde eine Zukunft" im Piper Verlag erschienen.

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