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Wie viel wusste Papst Benedikt XVI. vom Missbrauch?

Von afp, t-online, MaM

Aktualisiert am 19.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Wie viel der 94-J├Ąhrige von den Missbrauchsf├Ąllen wusste, soll in dem Gutachten gekl├Ąrt werden.
Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Wie viel der 94-J├Ąhrige von den Missbrauchsf├Ąllen wusste, soll in dem Gutachten gekl├Ąrt werden. (Quelle: UPI Photo/imago-images-bilder)
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Das Gutachten zum sexuellen Kindesmissbrauch im M├╝nchner Erzbistum soll am Donnerstag vorgestellt werden. Besonders ein Fall k├Ânnte dem sp├Ąteren Papst Benedikt XVI. zum Verh├Ąngnis werden.

Am Donnerstag soll das Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum M├╝nchen und Freising ver├Âffentlicht werden. Es arbeitet unter anderem auch einen Fall auf, der als beispielhaft f├╝r den fahrl├Ąssigen Umgang der katholischen Kirche mit Kindesmissbrauch gilt: Der Priester Peter H. wurde 30 Jahre lang in immer neuen Gemeinden eingesetzt, obwohl Vorgesetzte von seiner P├Ądophilie wussten. H. kam 1980 unter dem Erzbischof Joseph Ratzinger nach M├╝nchen. Viele fragen sich, ob der sp├Ątere Papst Benedikt XVI. seine Vorgeschichte kannte ÔÇô und damit Mitverantwortung tr├Ągt.

Der inzwischen aus dem Priesteramt entbundene H. fiel erstmals Ende der 70er-Jahre als junger Kaplan im Bistum Essen durch P├Ądophilie auf. Dem elfj├Ąhrigen Opfer gab er Alkohol und missbrauchte den Jungen wiederholt. Es war nicht der einzige Fall in Nordrhein-Westfalen, wie inzwischen bekannt ist. Der aktuelle Essener Bischof Franz-Josef Overbeck gab die Gesamtzahl der Opfer in dem Bistum vor zwei Jahren im ZDF mit mindestens acht an. Dazu k├Ąmen f├╝nf weitere F├Ąlle, bei denen Missbrauch nach Aktenlage zu vermuten sei.

M├╝nchen und Freising: Priester zeigte Kindern Pornos

Statt den Priester strafrechtlich zu belangen, versetzte ihn die katholische Kirche 1980 jedoch zur Therapie ins bayerische Erzbistum M├╝nchen und Freising, wo damals Ratzinger Erzbischof war. Bereits nach kurzer Zeit wurde H. wieder als Priester in Pfarrgemeinden eingesetzt und missbrauchte in den Folgejahren wiederholt Jungen.

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1986 erhielt er als einziges strafrechtliches Urteil eine Bew├Ąhrungsstrafe, weil er Ministranten Alkohol gegeben, ihnen Pornofilme gezeigt und vor ihnen onaniert hatte. Trotz der Verurteilung blieb H. Priester und weiter in Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Nach Angaben des Rechercheverbunds Correctiv geht aus Kirchenakten hervor, dass H. mindestens 23 Jungen zwischen acht und 16 Jahren sexuell missbrauchte.

Wusste Ratzinger von H.s Taten?

Eine zentrale Frage ist, ob Ratzinger etwas von der Vorgeschichte wusste und trotzdem nichts gegen den Einsatz von H. als Priester unternahm. Die Wochenzeitung "Die Zeit" zitierte zu Jahresbeginn aus einem internen Kirchendokument einen Satz, der dies vermuten l├Ąsst: "Der damalige Erzbischof Joseph Kardinal Ratzinger und sein Ordinariatsrat waren in Kenntnis der Sachlage zur Aufnahme des Priesters H. bereit", hei├čt es in dem au├čergerichtlichen Dekret aus dem Jahr 2016. Benedikt selbst lie├č dies als falsch zur├╝ckweisen.

Papst Josef Ratzinger Benedikt XVI. (Archivbild): Der 94-J├Ąhrige hat eine 82 Seiten lange Stellungnahme zu den Vorw├╝rfen gegen ihn verfasst.
Papst Josef Ratzinger Benedikt XVI. (Archivbild): Der 94-J├Ąhrige hat eine 82 Seiten lange Stellungnahme zu den Vorw├╝rfen gegen ihn verfasst. (Quelle: UPI Photo/imago-images-bilder)

Aus der Zeit des Bekanntwerdens des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche in Deutschland im Jahr 2010 gibt es zentrale Aussagen zu dem Fall. Das Erzbistum teilte damals mit, dass 1980 beschlossen worden sei, "H. Unterkunft in einem Pfarrhaus zu gew├Ąhren, damit er die Therapie wahrnehmen k├Ânne. Diesen Beschluss hat der damalige Erzbischof mit gefasst". Demnach wusste Ratzinger zumindest, dass H. eine Therapie bekommen sollte.

Gutachten soll Aufschluss ├╝ber Ratzingers Rolle geben

Zwei Aussagen aus dem Jahr 2010 unterst├╝tzen Ratzingers, sp├Ąter Papst Benedikts XVI. Darstellung, nichts von der P├Ądophilie des Priesters gewusst zu haben. Der damals 32-j├Ąhrige Priester H. wurde ab 1980 von dem Psychiater Werner Huth betreut. 2010 sagte Huth der "S├╝ddeutschen Zeitung": "Soweit ich das beurteilen kann, war Joseph Ratzinger mit dem Fall nicht befasst".

Im selben Jahr sagte der ehemalige M├╝nchner Generalvikar Gerhard Gruber, Ratzinger habe nichts von der Vorgeschichte von H. gewusst. Gruber hatte 2010 die Verantwortung f├╝r den Fall des Priesters ├╝bernommen und war zur├╝ckgetreten. Das erwartete Gutachten gibt wom├Âglich Aufkl├Ąrung dar├╝ber, ob die Verantwortung tats├Ąchlich bei Gruber lag ÔÇô oder ob auch Ratzinger welche tr├Ągt. Dieser scheint um seinen Ruf zu f├╝rchten, denn der mittlerweile 94-j├Ąhrige emeritierte Papst hat f├╝r das Gutachten eine 82 Seiten lange Stellungnahme bereitgestellt.

Kardinal Reinhard Marx (Archivbild): Er hatte Papst Franziskus seinen R├╝cktritt angeboten, welchen dieser jedoch ablehnte.
Kardinal Reinhard Marx (Archivbild): Er hatte Papst Franziskus seinen R├╝cktritt angeboten, welchen dieser jedoch ablehnte. (Quelle: smith/imago-images-bilder)

Auch k├Ânnte es wohl ├╝ber ein erneutes R├╝cktrittsgesuch des amtierenden M├╝nchner Kardinals Reinhard Marx entscheiden. Dieser war schon im Mai vergangenen Jahres in die Schlagzeilen geraten, da er Papst Franziskus seinen R├╝cktritt anbot. Dabei betonte er ausdr├╝cklich Verfehlungen im Missbrauchsskandal. Franziskus lehnte Marx' R├╝cktritt damals ab. Ein erneutes R├╝cktrittsgesuch schloss Marx jedoch nicht aus.

Wissenschaftlerin: "Erzbistum M├╝nchen hat uns die Akteneinsicht verweigert"

Die Sozialwissenschaftlerin Helga Dill vom Institut f├╝r Praxisforschung und Projektberatung (IPP) kritisiert das Erzbistum M├╝nchen-Freising f├╝r die fehlende Kooperationsbereitschaft in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. "Das Erzbistum hat eine Zusammenarbeit abgelehnt", sagte sie der "Zeit". Dill und das IPP untersuchen im Fall des Bistums Essen sexualisierte Gewalt von 1958 bis heute. Dabei ist der Fall des Priesters Peter H. ein Schwerpunkt. Die Studie f├╝r das Ruhrbistum soll im Herbst dieses Jahres erscheinen. Zudem steht der Fall im Zentrum eines Gutachtens der M├╝nchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW).

"Das Erzbistum M├╝nchen hat uns im Herbst vergangenen Jahres die Akteneinsicht verweigert", sagte Dill. "Dies ist umso bedauerlicher, da das Bistum Essen den M├╝nchnern eine Zusammenfassung der Essener Personalakten zur Verf├╝gung gestellt hat". Angeblich sollten Parallelstrukturen zur Aufarbeitung durch die Kanzlei WSW vermieden werden.

Dill fordert hohe Kleriker zur Zusammenarbeit bei der Studie auf. Sie wolle mit allen sprechen, die seit 1980 mit dem Fall in M├╝nchen zu tun h├Ątten. "Was Marx anbelangt, hoffen wir sehr auf ein Gespr├Ąch", so die Sozialwissenschaftlerin. Auch den ehemaligen M├╝nchner Erzbischof und Kardinal Friedrich Wetter, sowie Felix Genn, fr├╝her Bischof von Essen und heute Bischof von M├╝nster, wolle sie gern befragen. Ein Zeitzeugeninterview mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. sei ebenso w├╝nschenswert.

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Von Patrick Mayer
Benedikt XVI.Katholische KircheKindesmissbrauchPapst FranziskusZDF

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