Analyse zum Supercup

Was der FC Bayern dem BVB in dieser Saison voraus hat

Von Constantin Eckner

01.10.2020, 10:46 Uhr

Der FC Bayern freut sich über den Gewinn des Supercups. (Quelle: Poolfoto/imago images)

Mit dem nationalen Supercup gewann der FC Bayern am Mittwochabend seinen fünften Titel des Jahres. Dabei waren die Münchner nicht immer souverän – aber am Ende eben den einen Tick besser.

Die Bayern haben nach dem Europäischen nun auch den Deutschen Supercup gewonnen und ihre Vormachtstellung einmal mehr unterstrichen. Allerdings musste sich der Rekordmeister im Duell mit Erzrivale Borussia Dortmund arg strecken. 

Über die Aussagekraft des Supercups darf gewiss gestritten werden, aber das Aufeinandertreffen zwischen Bayern und Dortmund zu solch einem frühen Zeitpunkt in der Saison vermag erste Einblicke in den Leistungsstand beider Teams zu geben.

FC Bayern in der Einzelkritik: Lewandowski enttäuscht – aber ein Juwel überragt

Es ist vollbracht! Der FC Bayern München hat den deutschen Supercup 3:2 (2:1) gegen Herausforderer Borussia Dortmund gewonnen und damit den fünften Titel in Serie geholt. Neben der Trophäe gab es aber eine Erkenntnis, die nachdenklich stimmte: Die Münchner wirkten angesichts ihres Mammutprogramms der vergangenen Wochen müde und ausgepumpt – allen voran Torgarant Robert Lewandowski. Am Ende war es wieder einmal ein DFB-Star, der den Unterschied ausmachte – der FC Bayern in der Einzelkritik. (Quelle: Reuters)

Manuel Neuer: "Zeit, Zeit, Zeit!" Der Weltmeister war im ganzen Stadion zu hören. Unpräziser Flankenball auf Felix Passlack, gefährliches Zuspiel auf Mahmoud Dahoud (24.) – der Bayern-Kapitän wirkte in der Spieleröffnung nicht immer souverän. Weltklasse im Eins-gegen-eins gegen Erling Haaland. Note 3 (Quelle: RHR-Foto/imago images)

Benjamin Pavard: Schenkte dem BVB vor dem Anschlusstor den Ball (39.). Bekam den quirligen, aber nicht sonderlich zweikampfstarken Julian Brandt nie ganz in den Griff. Nach vorne kam ob der defensiv taktischen Ausrichtung von Coach Hansi Flick wenig. NOTE 4 (Quelle: ActionPictures/imago images)

Niklas Süle: Ließ sich nicht aus der Ruhe bringen – selbst nicht in arger Bedrängnis durch Norwegen-Kante Haaland (50.). Wurde beim 2:2 dennoch vom 20-jährigen BVB-Angreifer düpiert. War in der Sturm- und Drangphase der Dortmunder ein Ruhepol in der Hintermannschaft. NOTE 3 (Quelle: Philippe Ruiz/imago images)

Lucas Hernández: Schlug einen Pass ohne Not ins Seiten-Aus (7.). War gegen BVB-Kapitän Marco Reus dann in höchster Not zur Stelle (18.). Beim Ausgleich durch Haaland nicht auf der Höhe, aber bemerkenswert kopfballstark bei hohen Bällen. Note 3 (Quelle: imago images)

Alphonso Davies: "Klärte" den Ball im eigenen Sechzehner Thomas Meunier genau in die Füße. Offensiv ein Aktivposten, bearbeitete die rechte Abwehrseite des BVB unermüdlich – und bereitete das 2:0 durch Müller mit einer herrlich getimten Flanke vor. Nachlässig nur in der Rückwärtsbewegung. Note 2 (Quelle: Poolfoto/imago images)

Joshua Kimmich: Kreuzte wie ein Stratege zwischen den Linien, lange, ohne dem Spiel der Münchner seine übliche Note zu geben. Der Schwabe wirkte in seinen Aktionen nicht immer spritzig. Ging nach dem Ausgleich aber vorbildlich voran – und sicherte dem FC Bayern durch sein kurioses Stolpertor (82.) den fünften Titel in Serie. Note 2 (Quelle: Sven Simon/imago images)

Javi Martinez: Klärte nach fünf Minuten stark in der Box gegen den einschussbereiten Marco Reus. Dreiecksspiel, Ballstafetten, Kopfballduelle – der Baske arbeitete, als spiele er um einen neuen Vertrag. Nach der Pause lief der Routinier dem gnadenlosen BVB-Pressing meist hinterher, überzeugte aber als Lautsprecher. Note 3 (Quelle: Poolfoto/imago images)

Corentin Tolisso: Erzwang die Führung für den Rekordmeister regelrecht und schaltete sich immer wieder energisch offensiv ein. Doch: Nach dem Seitenwechsel war vom Franzosen kaum noch was zu sehen. Ein Spielmacher war er auch diesmal nicht – im Gegensatz zum abgewanderten Thiago. Note 4 (Quelle: Thomas Frey/imago images)

Thomas Müller: "Ballbesitz, Javi, Ballbesitz!" Der Weltmeister gab von Beginn an den Taktgeber. Leitete das 1:0 durch Tolisso mit viel Übersicht ein und vollstreckte beim 2:0 unnachgiebig per Kopf. Hatte noch Zeit für Späße, als er einen missglückten Chipball von Martinez kommentierte: "Javi, war nicht toll, aber okay." Note 2 (Quelle: ActionPictures/imago images)

Kingsley Coman: Vergab bei einem Express-Konter kurz vor dem Dortmunder Anschlusstreffer das mögliche 3:0 (38.) – und damit eine frühe Vorentscheidung. Sprints? Sehr viele! Torgefahr? Überschaubar! Verließ kurz nach der Pause ausgepumpt für Serge Gnabry den Platz. Note 4 (Quelle: Poolfoto/imago images)

Robert Lewandowski: Die personifizierte Torgefahr tauchte mit lädiertem Zeh gegen den einstigen Arbeitgeber (2010 – 14) weitgehend ab. Verlor vor dem Ausgleich durch Haaland (55.) den Ball auf Höhe der Mittellinie. War am Ende völlig platt. Note 4 (Quelle: MIS/imago images)

Serge Gnabry (ab 53.): Nahm sich nach seiner Einwechslung viele Bälle. Arbeitete nur widerwillig nach hinten mit, vorne versprach der Tempodribbler mit dem eingebauten Turbo aber immer Gefahr. Beschäftigte die Dortmunder Abwehr damit ausreichend. Note 3 (Quelle: MIS/imago images)

Chris Richards: In der 76. Minute eingewechselt. Ohne Note. (Quelle: ActionPictures/imago images)

Joshua Zirkzee: Kam in der 83. Minute für Robert Lewandowski. Ohne Note. (Quelle: ActionPictures/imago images)

Jamal Musiala: In der 84. Minute eingewechselt. Ohne Note. (Quelle: MIS/imago images)

Die Trainer nahmen den Supercup ernst

Den Aufstellungen der Trainer war zu entnehmen, dass sie den Supercup mit einer gewissen Ernsthaftigkeit angingen, aber auch das eine oder andere Experiment nicht scheuten. Auf Seiten der Dortmunder durften sich die Reservisten Mahmoud Dahoud und Thomas Delaney im zentralen Mittelfeld beweisen. Auf Seiten der Münchner griff Hansi Flick auf das 4-3-3-Alternativsystem zurück, um Corentin Tolisso im Zentrum spielen zu lassen, während Thomas Müller in dieser Partie vornehmlich vom Flügel kam.

Die Dortmunder waren von der gegnerischen Aufstellung überrascht, weil sie vermuteten, dass die Bayern im 4-2-3-1 auftreten würden und Tolisso vor der Abwehr spielen würde. Als vorm Anpfiff etwa Emre Can auf die andere Seite blickte, war seine Verwunderung ob der Anordnung der Münchener nicht zu übersehen.

  Der FC Bayern gegen Borussia Dortmund im Supercup: Die Grundformationen beider Teams.(Quelle: t-online)Der FC Bayern gegen Borussia Dortmund im Supercup: Die Grundformationen beider Teams. (Quelle: t-online)

Eine Pressingschlacht

Der Supercup war insofern eine Werbung für den deutschen Spitzenfußball, weil einmal mehr unter Beweis gestellt wurde, wie gut das Pressing hierzulande ist. Bayern und Dortmund ließen sich gegenseitig nahezu keine Luft zum Atmen, wenn der andere den Ball in der eigenen Spielhälfte hatte. Aus diesem Grund gab es viele Umschalt- und Kontersituationen. Beide Mannschaften verbuchten zusammen 17 Balleroberungen; hinzu kamen 38 weitere Ballbesitzwechsel, die oftmals die Folge von intensivem Pressing und Verteidigen waren.

BVB agierte mit kompakten ballorientierten Raumdeckung

Die konkreten Abläufe im Pressing unterschieden sich vor allem im Detail. Die Bayern stellten mit einer Eins-gegen-Eins-Zuordnung die Dortmunder Dreierabwehr sowie die beiden zentralen Mittelfeldspieler unmittelbar am BVB-Strafraum zu. Zumeist ließen Joshua Kimmich und Corentin Tolisso ihren Gegenspielern im Mittelfeld zunächst ein paar Meter Platz, um sie anschließend mit mehr Dynamik zu attackieren, sollte der Ball in ihre Richtung gespielt werden.

Der BVB wiederum spielte weniger mit einer direkten Manndeckung, als vielmehr mit einer kompakten ballorientierten Raumdeckung. Lediglich Kimmich, jener Münchener, der sich erfahrungsgemäß am ehesten mit seinen Dribblings aus Pressingsituationen befreien kann, wurde in enge Manndeckung genommen. Die Dortmunder wussten, dass der Rekordmeister den Spielaufbau über die linke Seite leiten würde, sollte Kimmich aus dem Spiel genommen werden. Interessanterweise waren es die beiden zentralen Mittelfeldspieler der Borussen, die extrem weit zum Flügel verschoben, um etwa Linksverteidiger Alphonso Davies unter Druck zu setzen.

  Im Supercup: So sah das hohe Pressing beider Teams aus – links das des BVB, rechts das der Bayern. (Quelle: t-online)Im Supercup: So sah das hohe Pressing beider Teams aus – links das des BVB, rechts das der Bayern. (Quelle: t-online)

Das aggressive Pressing der Dortmunder und das damit verbundene weite Vorrücken der beiden Mittelfeldakteure war insofern überraschend, weil es mit einem hohen Risiko verbunden war. Der BVB gab viel Raum vor der Abwehr auf, war aber mehrfach erfolgreich mit seinen Pressingattacken. Immerhin verloren die Bayern den Ball allein zehnmal, bevor sie die Mittellinie überqueren konnten. Beide Dortmunder Treffer fielen infolge von erfolgreichen Pressingattacken in der bayerischen Hälfte, während das entscheidende 3:2 der Bayern auch das Resultat von hartem Nachsetzen unmittelbar nach einem Aufbaupass war.

Der feine Unterschied

Der feine Unterschied zwischen beiden Mannschaften liegt weiterhin in der offensiven Durchschlagskraft. Wenn Dortmund keinen Erfolg mit dem eigenen Pressing hat, ist es im Angriff – gerade in Abwesenheit von Jadon Sancho – eine Ein-Mann-Show von Erling Haaland, der sich gerne auch mal gegen zwei oder drei Verteidiger zu behaupten weiß. Die Bayern besitzen jedoch mehr Offensivwaffen und auch ihre zweite Welle kann Tore vorbereiten oder erzielen.

Zum Vergleich: Beim BVB spielten Thomas Meunier und – aufgrund von Verletzungen – Felix Passlack auf den Flügeln. Beide blieben offensiv weitestgehend blass. Meunier, der sich als größte Schwachstelle der Dortmunder mit und ohne Ball entpuppte, hatte sogar in der zweiten Halbzeit die Chance eine schnelle Umschaltsituation in einen Torerfolg umzumünzen. Während sein Vorgänger Achraf Hakimi diese Möglichkeit wahrscheinlich genutzt hätte, schoss Meunier den Ball in Richtung der menschenleeren Tribüne der Allianz Arena.

Die Bayern jedoch besitzen mit Davies sowie seinen offensiven Teamkollegen vielmehr Qualität auf den für sie so wichtigen Außenbahnen, was sie offensiv variabler und damit weniger ausrechenbar macht. 

Verwendete Quellen:
  • Analyse von Constantin Eckner
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