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"Als Fan wĂŒrde ich mir verschaukelt vorkommen"

Eine Kolumne von Berti Vogts

Aktualisiert am 10.10.2020Lesedauer: 3 Min.
KapitĂ€n Julian Draxler (2.v.l.) jubelt mit seinen Teamkollegen: In Paris saß der Offensivmann zuletzt meist auf der Bank.
KapitĂ€n Julian Draxler (2.v.l.) jubelt mit seinen Teamkollegen: In Paris saß der Offensivmann zuletzt meist auf der Bank. (Quelle: Herbert Bucco/imago-images-bilder)
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Das LĂ€nderspiel gegen die TĂŒrkei hatte mehrere Tiefpunkte, aber auch ein paar positive Aspekte. FĂŒr die Zuschauer blieben ein paar Fragen offen – und geben Bundestrainer Löw mehrere Aufgaben.

NatĂŒrlich habe ich am Mittwochabend den Fernseher eingeschaltet, um das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die TĂŒrkei zu verfolgen. Allerdings muss ich offen zugeben, dass die Partie bei mir im Wohnzimmer nur so nebenbei lief. Denn wirklich gefesselt hat mich das Gekicke trotz der sechs Tore nicht.


Deutschland - TĂŒrkei: Das DFB-Team in der Einzelkritik

Gegen die TĂŒrkei bekamen etliche DFB-Spieler, die Chance sich zu zeigen. Nicht alle konnten sie nutzen, doch gleich drei Akteure ragten besonders heraus. Die Nationalspieler in der Einzelkritik.
Bernd Leno: Der Arsenal-Torwart konnte in Abwesenheit des verletzten Marc-AndrĂ© ter Stegen sowie des geschonten Manuel Neuer in der ersten Halbzeit wenig glĂ€nzen. Nach der Pause dann bei den Gegentoren machtlos, parierte einmal gut gegen Tufan. Als Nummer drei fĂŒr die EM gut genug. Note 3
+16

Was mich daran störte? In Köln liefen nicht etwa die besten elf Spieler Deutschlands auf, sondern die, die noch ĂŒbrig waren. Das entspricht nicht dem, was ich mir unter einem LĂ€nderspiel der deutschen Nationalmannschaft vorstelle.

Was sollen die Zuschauer denn denken?

Bitte nicht falsch verstehen: Man kann solche Partien gerne weiterhin organisieren, nur sollten diese dann auch klar als DFB-Testspiel deklariert werden. Denn ein offizielles LĂ€nderspiel ist fĂŒr mich etwas anderes. In einem echten LĂ€nderspiel treten die besten Akteure gegeneinander an. Ein Reservespieler eines Vereins hat dabei in der DFB-Startformation nichts zu suchen. Was sollen die Zuschauer denn denken? Als Fußballfan wĂŒrde ich mir beim Blick auf das TĂŒrkei-Spiel verschaukelt vorkommen. Wo waren die Stars? Wo der unbedingte Wille? Was ist aus dem besonderen Flair eines LĂ€nderspiels geworden?

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FrĂŒher war solch eine Partie fĂŒr alle Beteiligten etwas ganz Besonderes. Die Fans freuten sich auf die Duelle gegen England, Italien oder Spanien. FĂŒr die Spieler – auch fĂŒr die Topstars – war es eine riesige Ehre auf dem Platz zu stehen. Und heute? Da bleiben die Bayern-Spieler zu Hause, um sich zu schonen. Hallo? Das hĂ€tte man Nationalspielern wie Franz Beckenbauer oder mir damals mal sagen sollen! HĂ€tte uns unser Trainer Helmut Schön schonen wollen, wĂ€ren wir an die Decke gegangen. Ich hĂ€tte ihn sofort am Telefon gefragt, ob er etwas gegen mich hat oder er mit meiner Leistung in der Liga nicht zufrieden ist.

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Aber okay. Der Fußball hat sich eben verĂ€ndert. Und trotzdem glaube ich, dass es uns guttun wĂŒrde, wenn man ein paar LĂ€nderspiele weniger macht, und dafĂŒr in den restlichen Partien gegen Topnationen antritt – und zwar immer mit den besten Spielern, die einem zur VerfĂŒgung stehen.

DFB-Spieler im Ausland

Doch auch gegen die TĂŒrkei war nicht alles schlecht. Schauen wir doch einmal genauer auf den Kader. AuffĂ€llig ist, wie viele Spieler der deutschen Auswahl inzwischen im Ausland unter Vertrag stehen. Allein gegen die TĂŒrkei waren fĂŒnf Akteure in der DFB-Startformation, die nicht in der Bundesliga spielen. Draxler lebt in Paris, Waldschmidt in Lissabon, RĂŒdiger, Leno und Havertz in London. Obwohl zwei Spieler dieses Quintetts bei ihren Vereinen meist nur auf der Bank sitzen, werden uns die LegionĂ€re des erweiterten DFB-Kaders in den kommenden Jahren helfen. Denn Profis, die Stammspieler in der englischen Premier League – fĂŒr mich die stĂ€rkste Liga der Welt – sind, werden ihre wertvolle Auslandserfahrung auch in die Nationalmannschaft tragen.

Ich erinnere mich gerne zurĂŒck. Als ich 1990 Bundestrainer wurde, standen viele meiner Nationalspieler wie Lothar MatthĂ€us oder JĂŒrgen Klinsmann in Italien, der damals besten Liga der Welt, unter Vertrag. Das war ein Riesenvorteil fĂŒr uns. Sie reiften dort fußballerisch, aber vor allem auch menschlich.

Inter-Trainer Trapattoni (M.) mit MatthĂ€us, Brehme und Klinsmann (v. l.) 1989: Die drei Spieler bildeten das GerĂŒst der spĂ€teren deutschen Weltmeister-Elf.
Inter-Trainer Trapattoni (M.) mit MatthĂ€us, Brehme und Klinsmann (v. l.) 1989: Die drei Spieler bildeten das GerĂŒst der spĂ€teren deutschen Weltmeister-Elf. (Quelle: WEREK/imago-images-bilder)

Den Austausch der LegionĂ€re bei der Nationalmannschaft mit den Bundesliga-Spielern beobachtete ich mit großer Freude. Niemand stand nach dem FrĂŒhstĂŒck einfach auf und ging auf sein Zimmer. Das Team blieb sitzen. Alle lauschten den Geschichten aus Mailand oder Rom. Sowas schweißt eine Mannschaft zusammen – und deshalb hoffe ich, dass auch das Team von Bundestrainer Jogi Löw davon zukĂŒnftig profitieren wird.

Götzes Wechsel nach Eindhoven

Der vielleicht spannendste Auslandswechsel eines Deutschen hat aktuell allerdings wenig mit der deutschen Nationalmannschaft zu tun.


Unser 28-jĂ€hriger WM-Held Mario Götze spielt kĂŒnftig fĂŒr die PSV Eindhoven. Ein ĂŒberraschender Transfer. Und trotzdem glaube ich, dass es Mario guttun wird, in einer anderen Liga aufzulaufen. Endlich entflieht er der deutschen Neidkultur und dem Spott, dem er in der Bundesliga zuletzt ausgesetzt war – denn diese Kultur gibt es in Holland nicht.

Ich wĂŒnsche ihm, dass er in Eindhoven zurĂŒck zu seiner alten Form findet und sich so vielleicht sogar fĂŒr eine RĂŒckkehr in die Nationalmannschaft empfehlen kann. Denn wenn ich eines als Bundestrainer gelernt habe, dann das: Das Alter eines Fußballers ist nicht wichtig. Es geht nur um Leistung. Und wenn Mario endlich so spielt, wie er es eigentlich kann, kommt er auch fĂŒr Löw wieder infrage.

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