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Kohler: "Kann doch nicht sein, dass Bayern zum zehnten Mal Meister wird!"

INTERVIEWKlartext von Kohler  

"Kann nicht sein, dass Bayern zum zehnten Mal Meister wird!"

Von Alexander Kohne

03.12.2021, 17:22 Uhr
Kohler: "Kann doch nicht sein, dass Bayern zum zehnten Mal Meister wird!". Jürgen Kohler: Der Ex-Profi absolvierte 250 Pflichtspiele für Dortmund und 73 für den FC Bayern. (Quelle: imago images/DeFodi)

Jürgen Kohler: Der Ex-Profi absolvierte 250 Pflichtspiele für Dortmund und 73 für den FC Bayern. (Quelle: DeFodi/imago images)

Ganz Fußballdeutschland freut sich auf den Kracher BVB gegen Bayern – auch Weltmeister Jürgen Kohler, der für beide Teams gespielt hat. Vor dem Prestigeduell analysiert er beide Teams und kommt zu einem klaren Ergebnis.

Weltmeister 1990, Europameister 1996, Fußballer des Jahres und Champions-League-Sieger 1997 – Jürgen Kohler hat als Fußballer so ziemlich alles gewonnen. Da verwundert es kaum, dass er für die beiden erfolgreichsten deutschen Vereine der letzten drei Jahrzehnte am Ball war: Borussia Dortmund (1995-2002) und den FC Bayern München (1989-1991).

Am Samstag treffen sich beide Teams im Dortmunder Stadion zum absoluten Topspiel der bisherigen Bundesligasaison (ab 18.30 Uhr im Liveticker von t-online). Bei t-online wirft Kohler einen Blick voraus.

t-online: Herr Kohler, Sie sind am vergangenen Wochenende in die Hall of Fame des deutschen Fußballs aufgenommen worden. Was bedeutet das für Sie?

Jürgen Kohler: Das ist eine große Auszeichnung, über die ich mich natürlich sehr gefreut habe. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, hat mich gewundert, dass es so spät gekommen ist.

Hätten Sie mit der Aufnahme schon ein paar Jahre vorher gerechnet?

Nein, das nicht unbedingt. Allerdings habe ich fast alle Titel, die es gibt, gewonnen und bin dazu in die Elf des Jahrhunderts gewählt worden. Bei so einer Wahl gibt es aber immer unterschiedliche Auffassungen. Da sitzt ein Expertenteam, das entscheidet. Und ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass ich dort aufgenommen wurde – nur aus meiner Sicht vielleicht ein kleines bisschen verspätet (lacht).

Am Wochenende kommt es zum Bundesligatopspiel zwischen BVB und FC Bayern. Sie haben für beide Teams gespielt. Was war das intensivste Duell, das Sie dabei erlebt haben?

Da fallen mir zwei ein – und zwar beide zu BVB-Zeiten. 1999 gab es in Dortmund ein 2:2, bei dem Oliver Kahn mit gestrecktem Bein auf Stéphane Chapuisat zugesprungen ist. Das war ein extrem intensives Spiel – wie auch das 1:1 im April 2001 ebenfalls in Dortmund, als bei den Bayern Stefan Effenberg und Bixente Lizarazu vom Platz geflogen sind. Dazu gab es zehn Gelbe Karten. Da war richtig was los.

Der damalige Bayern-Torwart Oliver Kahn (r.) verlor beim 2:2 in Dortmund im April 1999 die Beherrschung und sprang mit gestrecktem Bein Richtung Stéphane Chapuisat. Er traf den BVB-Stürmer allerdings nicht. (Quelle: imago images/Team 2)Der damalige Bayern-Torwart Oliver Kahn (r.) verlor beim 2:2 in Dortmund im April 1999 die Beherrschung und sprang mit gestrecktem Bein Richtung Stéphane Chapuisat. Er traf den BVB-Stürmer allerdings nicht. (Quelle: Team 2/imago images)

Bei den Bayern oder beim BVB – wo hat es Ihnen denn besser gefallen?

Das kann ich gar nicht sagen (lacht). Beide sind Topvereine, die mich und meine Karriere geprägt haben. In München habe ich gelernt, dass der zweite Platz im Prinzip ein Verliererplatz ist – dieses Selbstverständnis, als Leistungssportler unbedingt Titel gewinnen zu wollen. Ganz wichtig war dabei ein persönliches Gespräch mit Uli Hoeneß, als ich etwa 22 oder 23 Jahre alt war. Dafür bin ich ihm immer noch dankbar. Und natürlich hatte ich sieben überragende Jahre in Dortmund mit vielen tollen Spielen und einem sensationellen Publikum – Menschen, die dich einfach mögen, nicht verbiegen wollen und nehmen, wie du bist.

Bayern und Dortmund trennt an der Tabellenspitze der Bundesliga nur ein Punkt. Der Dritte Leverkusen liegt bereits deutlich dahinter. Machen die beiden die Meisterschaft unter sich aus?

Ehrlich gesagt hoffe ich, dass das nicht der Fall sein wird. Damit es oben noch spannender wird. In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass Teams wie Leverkusen, Wolfsburg oder Leipzig ihre Ansprüche noch offensiver formulieren und die Meisterschaft als Ziel ausgeben. Das würde der Liga guttun. Auch wenn viele Beobachter dazu neigen, so eine Aussage negativ auszulegen, wenn es dann nicht so läuft.

Vor zwei Jahren hat auch der BVB die Meisterschaft ganz klar als Ziel genannt. Zuletzt hielt sich der Klub mit solchen Ansagen zurück. Hätte Dortmund aus Ihrer Sicht vor dieser Saison den Titel als Ziel ausgeben sollen?

Es ist einfach wichtig, dass Spieler wissen, warum sie zum BVB kommen. Nämlich nicht nur, damit sie sich entwickeln können und damit man sie teuer weiterverkaufen kann, sondern vor allem, um Titel zu gewinnen. Darum geht es! Von daher sollte der BVB klar sagen: "Ja, wir wollen Meister werden." Der BVB muss mutiger werden und seine Ansprüche offensiver formulieren. Es kann doch nicht sein, dass Bayern jetzt vom zehnten Mal hintereinander Meister wird! Da läuft doch etwas verkehrt in der Liga.

Erling Haaland: Der Dortmunder erzielte in seinem ersten Spiel nach mehrwöchiger Verletzungspause in Wolfsburg direkt einen Treffer beim 3:1-Sieg. (Quelle: imago images/camera4+)Erling Haaland: Der Dortmunder erzielte in seinem ersten Spiel nach mehrwöchiger Verletzungspause in Wolfsburg direkt einen Treffer beim 3:1-Sieg. (Quelle: camera4+/imago images)

Wer hat am Samstag die besseren Karten?

Ich sehe einen leichten Vorteil für Bayern und würde die Chancen auf 60:40 taxieren. Wenn es drauf ankommt, können die Bayern den Schalter umlegen. Das haben die einfach drauf. Und auch für Trainer Julian Nagelsmann ist es ein besonderes Spiel, denn es ist die erste ganz große Bewährungsprobe. Da wird man sehen, ob die Mannschaft dem Druck standhält. Beim BVB bin ich besonders auf die Rückkehr von Erling Haaland gespannt, der im ersten Spiel nach seiner Verletzungspause direkt wieder zugeschlagen hat. Dass dieser Unterschiedsspieler zurück ist, ist für die Dortmunder immens wichtig.

Nach dem BVB-Aus in der Champions League in Lissabon haben Sie in Bezug auf den BVB-Kader die Qualitätsfrage gestellt. Wie sehen Sie diese im Vergleich zu den Bayern?

Haaland ist der einzige Unterschiedsspieler, den der BVB hat. Das ist in der Spitze aber zu wenig. Besonders beim Ausscheiden in der Champions League hat man gesehen, dass die Dortmunder in engen Spielen diese Topspieler brauchen. Und leider hat der BVB davon nicht so viele.

Robert Lewandowski (r.) führt die Torschützenliste der Bundesliga mit 14 Toren an. Auf Platz zwei folgt Erling Haaland mit zehn Treffern. (Quelle: imago images/Sven Simon)Robert Lewandowski (r.) führt die Torschützenliste der Bundesliga mit 14 Toren an. Auf Platz zwei folgt Erling Haaland mit zehn Treffern. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Das ist bei Bayern ein bisschen anders. Die haben mit Manuel Neuer und Robert Lewandowski diese absoluten Unterschiedsspieler und dazu mit Thomas Müller, Kingsley Coman, Serge Gnabry oder Joshua Kimmich, der allerdings am Samstag nicht dabei sein wird, weitere Spieler, die eine Partie entscheiden können. Wenn ich nach solchen Profis bei Dortmund suche, muss ich schlichtweg feststellen: Da gibt es nicht so viele. Das sind alles gute Spieler, meist auch junge Spieler, die noch eine Entwicklung vor sich haben – nur dafür kann sich der BVB im Hinblick auf das Spiel gegen Bayern nichts kaufen.

Sie hatten auch kritisiert, dass viele erfahrene BVB-Akteure in wichtigen Spielen unauffällig bleiben. Wer muss nun Führungsverantwortung übernehmen?

Wenn Haaland von Beginn an spielt, wird er das sowieso machen. Dazu noch Axel Witsel, der das aufgrund seiner Klasse und seiner bisherigen Stationen auch könnte. Und Mats Hummels normalerweise. Dann Emre Can und Marco Reus, wenn er topfit ist. Da gibt es schon fünf, sechs Spieler. Aber diese sogenannten Führungsspieler sind in den letzten Jahren in den entscheidenden Spielen immer abgetaucht. Abgesehen vom Pokalendspiel im letzten Jahr vielleicht.

Nochmal zu Haaland. Sehen Sie ihn bereits auf einer Stufe mit Lewandowski?

Nein. Weil Lewandowski einfach der komplettere Stürmer ist und dazu viel abgeklärter spielt. Haaland ist aber auch erst 21 Jahre alt, von daher kann er natürlich noch nicht so viel Erfahrung wie Lewandowski haben. Lewandowski weiß ganz genau, was er in solchen Spielen wie dem am Samstag machen muss. Er ist technisch versierter, beidfüßig und dazu deutlich gefährlicher im Kopfball.

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Den Ballon d'Or hat Lewandowski in der vergangenen Woche aber nicht gewonnen. Der ging an Lionel Messi. Was halten Sie von der Entscheidung?

Das ist für mich null nachvollziehbar. Lewandowski war in diesem Jahr deutlich stärker als Messi. Messi hatte mit vielen Problemen zu tun, mit Barcelona eine katastrophale Saison gespielt und ist in der Champions League früh rausgeflogen. Die Entscheidung zeigt, dass solche Auszeichnungen manchmal gar nichts mit Leistung zu tun haben, sondern mit anderen Faktoren. In der engeren Auswahl waren für mich auch Mohamed Salah und Karim Benzema. Ihre Wahl hätte ich nachvollziehen können. Aber dass die Entscheidung auf Messi gefallen ist, kann ich – bei aller Wertschätzung für seine tollen Leistungen in den vergangenen Jahrzehnten – nicht verstehen.

Nochmal zum Spitzenspiel: Die neue Bayern-Führungsriege um Oliver Kahn stand zuletzt unter Druck – ob aufgrund des Eklats um das Katar-Sponsoring bei der Jahreshauptversammlung oder der Impfdiskussion um Kimmich. Der BVB gibt ein ganz anderes Bild ab. Haben die Dortmunder aktuell die bessere Führungsebene?

Das würde ich so nicht sagen. Die Probleme, die Bayern momentan hat, hätten sie beim BVB sicher gerne, wenn sie dafür Titel gewinnen würden. Das ist immer eine Frage der Betrachtungsweise. Bei Bayern gäbe es ja gar keine Unruhe, wenn das Katar-Thema nicht aufgekommen und dieser Antrag bei der Jahreshauptversammlung gestellt worden wäre. Ich glaube nicht, dass das auf die Partie am Samstag Einfluss haben wird. Die Bayern-Spieler werden sich davon überhaupt nicht beeinflussen lassen.

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Besonders Oliver Kahn steht in diesem Zusammenhang aber unter erheblicher Beobachtung. Kritiker attestieren ihm Schwächen im öffentlichen Auftreten. Sehen Sie die auch?

Nein, überhaupt nicht. Olli ist ja ein sehr ruhiger und besonnener Typ – also gar nicht so, wie man ihn damals auf dem Platz erlebt hat. Wir kennen uns ja schon lange.

Er macht aus meiner Sicht bisher einen guten Job, hat dabei aber eine andere Herangehensweise als seine Vorgänger Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Er ist einfach nicht so der Lautsprecher.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Jürgen Kohler

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