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WM 2022: Saudi-Arabien plant Großes – der Neid des Kronprinzen


Der Neid des Kronprinzen

Von Benjamin Zurmühl, Doha

Aktualisiert am 08.12.2022Lesedauer: 4 Min.
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Scheich Tamir bin Hamad bin Khalifa Al-Thani (l.) neben Gianni Infantino (m.) und Kronprinz Mohammed bin Salman: Die Lage zwischen Katar und Saudi-Arabien hat sich verändert.
Scheich Tamir bin Hamad bin Khalifa al-Thani (l.) neben Gianni Infantino (M.) und Kronprinz Mohammed bin Salman: Die Lage zwischen Katar und Saudi-Arabien hat sich verändert. (Quelle: IMAGO/ULMER/Markus Ulmer)
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Vier Jahre lang blockierte Saudi-Arabien sein Nachbarland Katar. Erst vor knapp zwei Jahren endete die Blockade. Bei der WM ist davon nichts zu spüren.

Den Staat Katar gibt es erst seit 51 Jahren. Dementsprechend neu sind die meisten Gebäude in Doha und Umgebung. Um den Besuchern die eigene Geschichte und Lebensart zu präsentieren, errichtet Katar im Norden der Hauptstadt das "Kulturdorf" Katara. Dort gibt es Museen, einen Hafen mit Ständen und zur WM auch Public Viewing.

In einer Gasse am Rande des Hafens verkaufen Männer gemalte Bilder. Auf den meisten Werken sind berühmte Fußballer in ungewohnten Rollen zu sehen – als gehörten sie zur katarischen Kultur. Neben Cristiano Ronaldo im Thawb, dem traditionellen weißen Gewand, oder Diego Maradona als Kameltreiber ist aber auch ein Gemälde ausgestellt, das mit Fußball nur wenig zu tun hat. Es zeigt den Emir von Katar, Scheich Tamir bin Hamad bin Khalifa al-Thani, neben dem saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Sie lächeln, schütteln sich die Hände, und das saudische Oberhaupt trägt einen WM-Schal in den Farben Katars um den Hals.

Das Gemälde mit Scheich Tamir bin Hamad bin Khalifa Al-Thani (l.) und Kronprinz Mohammed bin Salman neben Kameltreiber Diego Maradona.
Das Gemälde mit Scheich Tamir bin Hamad bin Khalifa al-Thani (l.) und Kronprinz Mohammed bin Salman neben "Kameltreiber" Diego Maradona.

Ein Bild, das es so bis vor zwei Jahren wohl nicht gegeben hätte. Zumindest nicht im Sinne von Katars Regierung. Denn Saudi-Arabien hatte den WM-Ausrichter zusammen mit drei anderen Nationen blockiert.

Katar tanzt aus der Reihe

Vor fünf Jahren, im Juni 2017, erhielt Katar eine richtungsweisende Nachricht, erklärt der Politikwissenschaftler Nicolas Fromm von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg im Gespräch mit t-online: "Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten taten sich zusammen, um das Land komplett zu isolieren. Insbesondere Saudi-Arabien und die VAE störten sich seit Jahren an der unangepassten Außenpolitik ihres Nachbarn Katar."

Denn Katar hatte seit einigen Jahren viel Geld in die Hand genommen und in verschiedene Bereiche investiert, intensive Kontakte zu Ländern wie den USA und Frankreich gepflegt und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit mit erfolgreichen Bewerbungen wie der Handball-WM, der Leichtathletik-WM oder der Fußball-WM gesucht. Dem großen Nachbarn Saudi-Arabien, der in der Golfregion die größte Macht ist, gefiel das nicht.

Der deutsche Speerwerfer Johannes Vetter bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha.
Der deutsche Speerwerfer Johannes Vetter bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha. (Quelle: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON via www.imago-images.de)

Der Golfstaaten-Experte und Schriftsteller Robert Chatterjee vom Nahost-Magazin "Zenith" sagt dazu: "Saudi-Arabien sieht sich als Anführer dieser Region und Katar tanzt dort etwas aus der Reihe und boxt – so sieht es zumindest Saudi-Arabien – außerhalb der Gewichtsklasse."

Um Katar wieder einzufangen, wurde die Blockade ausgerufen. Die Grenzen wurden geschlossen, sowohl über den Landweg als auch über die Luft. Doch das war nicht die einzige Maßnahme der Blockierer, wie Nicolas Fromm erklärt: "Katar erhielt einen Forderungskatalog: Stellt eure unabhängige Außenpolitik ein, geht zurück auf die von Saudi-Arabien definierte außenpolitische Linie. Dazu gab es weitere Forderungen wie die Schließung des Senders al-Jazeera, der aus Sicht der Blockadestaaten zu kritisch berichtete."

Buchautor Chatterjee ("So eine WM gab es noch nie") vermutet hinter der Maßnahme aber noch mehr: "Vielleicht war Saudi-Arabien auch ein bisschen neidisch, dass die Katarer die großen Dinger ranholen. Schauen Sie sich mal an, welche Länder auf sportpolitischer Ebene aktiv waren. Da ist Katar den anderen meilenweit voraus. Katar ist bereits seit einigen Jahren bei Paris Saint-Germain drin oder arbeitet mit Bayern München. Saudi-Arabien versucht das alles in kurzer Zeit nachzuholen. Katar ist auch verlässlicher. Was sie ankündigen, setzen sie auch um. Da sind Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate durchaus weniger konstant."

Das Logo von "Qatar Airways" ist beim FC Bayern unter anderem auf den Ärmeln, Banden und den Sitzen der Trainerbank zu sehen.
Das Logo von "Qatar Airways" ist beim FC Bayern unter anderem auf den Ärmeln, Banden und den Sitzen der Trainerbank zu sehen. (Quelle: IMAGO/Michael Taeger)
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Wie Katar die Blockierer in die Knie zwang

Im Januar 2021 wurde die Blockade vonseiten der Blockierer aufgelöst. Katar hatte es mithilfe von Ländern wie der Türkei und dem Iran geschafft, die aufgekommenen Probleme zu umgehen. Katar importiert beispielsweise über 90 Prozent seiner Lebensmittel, was durch die Blockade erschwert wurde. Die Türkei half aus und schloss einen Großteil der Lücke.

Und der Iran ließ den Flugraum offen, sodass Qatar Airways seine Flüge mit einem kleinen Umweg fortsetzen konnte. Die Position von Saudi-Arabien, den VAE, Bahrain und Ägypten war schnell geschwächt. Katar musste auf die Forderungen nicht eingehen, um die Blockierer in die Knie zu zwingen.

Auch mit der WM im Hinterkopf wusste Katar, dass man am längeren Hebel sitzt. Denn Zehntausende Fans Saudi-Arabiens wollten die Spiele ihrer Mannschaft live sehen. Geschlossene Grenzen hätten das verhindert und für Unmut bei der Bevölkerung gesorgt.

"Die Golfstaaten verbindet mehr als sie trennt"

So ist knapp zwei Jahre nach dem Ende der Blockade nichts von Spannungen zu spüren. Der Emir von Katar und der Kronprinz Saudi-Arabiens sahen das Eröffnungsspiel der WM gemeinsam im Stadion neben Fifa-Chef Gianni Infantino. Nach dem Überraschungssieg der "Falken", so der Spitzname der Nationalelf Saudi-Arabiens, gegen Argentinien im ersten Gruppenspiel war auf einem der größeren Gebäude mit digitaler Fassade in Doha die Landesflagge zu sehen. Was bis vor Kurzem noch undenkbar schien, war nun Realität.

Eine der größten WM-Überraschungen: Saudi-Arabiens Sieg über Argentinien.
Eine der größten WM-Überraschungen: Saudi-Arabiens Sieg über Argentinien. (Quelle: IMAGO/Ayman Aref)

"Grundsätzlich haben alle Seiten auch kein Interesse daran, dass diese Gruppe von Monarchien auseinanderbricht. Im Endeffekt verbindet die Golfstaaten mehr als sie trennt. Die Herrscherfamilien kennen sich zum Teil seit der Kindheit, sind gut miteinander befreundet", erklärt Experte Chatterjee.

Auch unter den Menschen der Golfstaaten ist während der WM keine Feindseligkeit zu spüren. Der Fußballfan Rachid aus Katar sagt dazu: "Wir Golfstaaten haben die gleiche Religion und die gleiche Tradition. Wir Menschen sind gleich. Egal, was passiert ist. Es ist, als wären wir alle aus einem Land."

Saudi-Arabiens Plan für die WM 2030

Die Frage, die über all dem schwebt, ist: Wie ehrlich ist dieser Frieden? Dabei geht es weniger um das Verhältnis zwischen den Bürgern beider Länder, die für die Blockade nicht verantwortlich waren. Es geht um die Politik. Die allerorts präsentierte Einigkeit zwischen dem Emir von Katar und dem Kronprinzen Saudi-Arabiens ist nicht zu übersehen.

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Womöglich steckt dahinter ein größeres Kalkül. Denn Saudi-Arabien will mit Ägypten und Griechenland die WM 2030 austragen. Wohl auch deshalb ist Mohammed bin Salman seit Jahren im regelmäßigen Austausch mit Fifa-Präsident Infantino. Ein Treffen im März dieses Jahres wurde mit Fotos und einer Pressemitteilung des Fußball-Weltverbands öffentlichkeitswirksam verbreitet. Ein weiterer Schritt Richtung WM-Vergabe?

Fakt ist: Eine angespannte Lage in der Golfregion würde diesem Plan Saudi-Arabiens schaden. Daher ist die aktuelle Einigkeit mit Katar nötig. Und die Fifa kann behaupten, dass die WM einen Beitrag zum Frieden in der Region beigetragen hat. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen vor Ort
  • Gespräche mit Dr. Nicolas Fromm, Robert Chatterjee, Rachid
  • Buch: "So eine WM gab es noch nie"
  • fifa.com: "FIFA President meets Saudi government and federation" (engl.)
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