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Konfliktforscherin klärt auf: Wie Salafisten Deutsche für den IS radikalisierten

INTERVIEWKonfliktforscherin klärt auf  

Wie Salafisten Deutsche für den IS radikalisierten

28.02.2020, 14:31 Uhr
Konfliktforscherin klärt auf: Wie Salafisten Deutsche für den IS radikalisierten. Die "Lies"-Kampagne: Die Koran-Verteilung wurden von Salafisten organisiert und ist mittlerweile in Deutschland verboten.  (Quelle: imago images/IPON)

Die "Lies"-Kampagne: Die Koran-Verteilung wurden von Salafisten organisiert und ist mittlerweile in Deutschland verboten. (Quelle: IPON/imago images)

Für die Terrormiliz IS suchten Salafisten in Deutschland auch im Internet nach Rekruten. Im Interview erklärt Expertin Kerstin Eppert, wie die Extremisten Nutzer im Netz radikalisierten und wie sie sich derzeit in Deutschland neu organisieren.

Knapp 12.000 Salafisten gibt es in Deutschland. Sie sind Anhänger einer radikalen islamischen Sekte, die eine Gemeinschaft nach Regeln der Scharia anstrebt, warnt der Verfassungsschutz. Um Mitglieder zu werben, setzen Salafisten immer stärker auch auf das Internet. So versuchten sie etwa in den vergangenen Jahren, Kämpfer für die Terrormiliz IS zu finden. Insgesamt sollen laut Verfassungsschutz bis 2019 bis zu 1.050 Menschen nach Syrien und in den Irak gereist sein. Mindestens die Hälfte davon soll auf Seiten des IS oder nahestehenden Terrorgruppen gekämpft haben.

Wie genau Salafisten bei ihren Rekrutierungsmaßnahmen vorgegangen sind, hat Konfliktforscherin Kerstin Eppert vom interdisziplinären Forschungsverbund X-Sonar untersucht. Im Interview erklärt sie, welche Mittel Salafisten für ihre Propaganda nutzten und wie sich Islamisten nach Ende des Kalifats des IS in Deutschland neu organisieren werden.

t-online.de: Frau Eppert, laut Verfassungsschutz sind Hunderte Deutsche nach Syrien und den Irak gereist, um für die Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen. Wie bringt man vor allem junge Menschen dazu, für eine Religion ihr Leben zu gefährden?

Kerstin Eppert: Aus unserer Forschung können wir sagen: Für viele dieser jungen Menschen geschieht die Ausreise in einer Phase, in der sie sich über die Hinwendung zu einer streng religiösen Gruppierung Orientierung verschaffen. Die Suche nach der eigenen Wirksamkeit und der eigenen sozialen und politischen Kraft spielt meist eine ebenso große Rolle, wie das Gefühl, einen Ort der Zugehörigkeit gefunden zu haben. Um diese jungen Menschen zu erreichen und als mögliche Mitglieder zu werben, haben salafistische Gruppierungen verschiedene Strategien genutzt. Ein sehr effektiver Weg war die – mittlerweile verbotene – "Lies"-Kampagne, bei der Salafisten Korane auf der Straße verteilten. Wir haben festgestellt, dass viele Ausreisende bei dieser Kampagne mitgemacht haben. So konnten Kontakte mit lokalen religiösen Gruppierungen hergestellt werden, in denen die – zumeist jungen Männer – Anschluss fanden. Wir von der Universität Bielefeld haben im Rahmen des Forschungsprojekts X-Sonar vor allem die Radikalisierung von Islamisten im Netz analysiert.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Wir haben uns dazu Profile auf sozialen Medien angeschaut und analysiert, wie diese miteinander vernetzt sind und wie sich Inhalte verbreiten. Das Ganze haben wir mit sichergestellten Daten aus Gerichtsaktenanalysen von Tätern verglichen – wie Chatprotokollen oder Daten auf Handys. Wichtig waren uns dabei Plattformen wie YouTube und Facebook. Wir untersuchten aber auch Plattformen für Muslime, die sich mit Kultur- oder Lifestyleberatung beschäftigen – ähnlich wie Instagram. Daneben infiltrierten Islamisten Foren, auf denen Nutzer Fragen zum Islam stellen können. Wir haben festgestellt, dass insbesondere über Konversionsaufrufe und entsprechende Websites eine Schnittstelle von der Onlinewelt in die Lebenswelt offline geschaffen wird. So stellen Aktivisten zum Beispiel ihre Handynummern ins Netz und bieten an, dass man sie anrufen kann, wenn man Fragen hat.

Sie erwähnten YouTube und Facebook. Wie gingen die Salafisten auf diesen Plattformen vor?

Insbesondere auf YouTube wurden zwischen 2011 und 2017 Bilder über den Krieg in Syrien verbreitet und mit Propaganda des IS beziehungsweise anderen Organisationen vor Ort versehen.

Was war das für Propaganda?

Die Videos verbreiteten die Botschaft: Unsere Brüder und Schwestern in Syrien leiden. Wer selbst in irgendeiner Form religiös oder kulturell mit den muslimischen Völkern verbunden ist, muss aktiv werden. Diese Kopplung von politischer und emotionaler Botschaft sowie der Appell, mitzuwirken, haben eine unglaubliche Strahlkraft gehabt. Bedingt durch die klare Geschlechtertrennung in islamistischen Ideologien wurden vor allem junge Männer zum Kampf aufgerufen: Sie bekamen die Möglichkeit, das Leiden und vor allem Assad zu bekämpfen und so eine gewisse Rolle als Mann einzunehmen.

Die Universität Bielefeld (Symbolbild): Kerstin Eppert ist studierte Soziologin und derzeit als Konfliktforscherin tätigt. Sie leitet zusammen mit dem Konfliktforscher Andreas Zick das Verbundsprojekt X-Sonar, am dem mehrere Institutionen beteiligt sind. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.  (Quelle: Universität Bielefeld)Die Universität Bielefeld (Symbolbild): Kerstin Eppert ist studierte Soziologin und derzeit als Konfliktforscherin tätigt. Sie leitet zusammen mit dem Konfliktforscher Andreas Zick das Verbundsprojekt X-Sonar, am dem mehrere Institutionen beteiligt sind. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. (Quelle: Universität Bielefeld)

Gab es für Frauen auch eine Rolle?

Für Frauen versteckten die Macher eine zusätzliche Botschaft in den Videos: Die betonte, wie gut und wichtig die Arbeit der Kämpfer sei und wie sich Märtyrer für die Gemeinschaft und das Gute aufopfern würden. Es liege hier an den Frauen, die Männer zu unterstützen. Die Achtung der Frau gründet sich praktisch auf ihrer ideellen Erhöhung und aus der Funktion, die sie damit als "Kern" der Familie einnimmt. Das hatte insbesondere auf junge Mädchen und Frauen einen starken Reiz. Denn ihnen wurde hier ein politischer Handlungsraum eröffnet, der konkret mit Weiblichkeit und dem sozialen Raum der Frauen zusammenhing.

Sie sprechen von jungen Frauen und jungen Männern. Waren vor allem also junge Menschen für die Propaganda anfällig?

Die Bilder aus Syrien haben generell eine große Betroffenheit geschaffen. Junge Menschen haben ein großes Unrechtsbewusstsein und sind deshalb natürlich in einer dafür besonders empfänglichen Lebensphase. Über die religiöse Identifizierung und den emotionalen Druck, etwas tun zu müssen, wird das noch einmal gesteigert. Wir haben in den untersuchten Akten einige Konvertiten. Und wir wissen von Personen, die auch mit der rechtsextremen Szene in Kontakt waren und wieder ausgestiegen sind. So ein "Szenenwechsel" zwischen extremen und extremistischen Szenen ist auch schon aus anderen Zusammenhängen bekannt. Zu einem gewissen Zeitpunkt ist die Ausrichtung des ideologischen Angebots zweitranging. Wichtiger ist dann eher, dass jemand sagt: "Bei uns ist Platz für dich, du kannst kommen."

Was passiert dann? Werden die ausgesuchten Personen zu Gewalttaten angestachelt?

Das kann man pauschal nicht sagen. Zum einen muss man festhalten, dass auch konkrete Unterstützungshandlungen strafbar sind, bei denen die Schädigung oder gar der Tod Dritter billigend in Kauf genommen wird. Für den Großteil der von uns analysierten Fälle können wir sagen, dass die Personen, die eine Gewalttat begehen, zumeist eine Art Mentor oder psychologischen Unterstützer hatten. Man muss also zur Kenntnis nehmen, dass oft ein Austausch stattfindet und die wenigsten sich im stillen Kämmerlein radikalisieren.

Ihre Forschungsgruppe hat ja auch die rechtsextreme Szene untersucht. Gibt es da Parallelen in der Vorgehensweise im Vergleich zu salafistischen Gruppen?

Viele Semantiken sind austauschbar. Ich würde aber sagen, dass die islamistische Szene sich teilweise strategischer verhält als die rechtsextreme. Das liegt daran, dass sie vorsichtiger und selbstschützender agiert. Auch ist sie vergleichsweise kleiner. Man hat tatsächlich einen überschaubaren Kreis an hochpolitischen und gewaltbereiten Akteuren, die fast alle bekannt sind. Dann gibt es einen Dunstkreis von Personen, die extrem und radikal, aber nicht gewaltbereit sind. Die führen aber neue Interessenten der Szene zu und sorgen für einen Austausch. Und es gibt Personen, die sich mit extremistischen Ideen und Gruppierungen identifizieren und potenziell gewaltbereit sind, die aber nicht in irgendeiner Form auffällig geworden sind.

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Nun ist der IS im Syrienkrieg weitgehend geschlagen, die Zahl der nach Syrien ausreisenden deutschen Islamisten ist laut Verfassungsschutz zurückgegangen. Viele kehren in die Bundesrepublik zurück. Organisieren sich die Salafisten in Deutschland jetzt neu?

Die Aktivisten in Deutschland werden sich nun neu organisieren. Zum einen werden sie weitestgehend versuchen, an die Rückkehrer und Rückkehrerinnen aus Syrien heranzukommen. Die Rückkehrer werden sich zum Teil vor Gericht verantworten müssen. In der Szene besteht ein Interesse, zu verhindern, dass sich Rückkehrer abwenden und aussteigen. Zudem müssen sich die Extremisten mit dem vorläufigen Niedergang des IS und mit den militärischen Erfolgen Assads um ein neues Narrativ bemühen, um die Feindbilder neu abzustecken und ihre Gemeinschaft zusammenzuhalten. Die Gerichtsprozesse sind da ein Weg. Es wird berichtet, dass die Rückkehrerinnen und Rückkehrer zu Unrecht kriminalisiert werden und sie allein deshalb vor Gericht stehen, weil sie Muslime sind. Auf die Taten der Personen in Syrien wird kaum oder nur in sehr verklärter Weise eingegangen.

Für wie gefährlich halten Sie denn die Salafisten in Deutschland derzeit?

Ehrlich gesagt würde ich mir mehr Sorgen um die rechtsextreme Szene machen. Denn die hat einen direkten Zugang in demokratische Institutionen. Die islamistische Szene stößt da mehr auf gesellschaftlichen Widerstand, weil sie als fremder wahrgenommen wird. Aber natürlich müssen wir auch die islamistische Szene im Blick behalten.

Frau Eppert, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:

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