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Legasthenie: Anzeichen, Diagnose, Therapie

 (Quelle: Archiv)

Lese- und Rechtschreibschwäche  

Sophie ist nicht dumm, sie hat Legasthenie

29.10.2018, 13:06 Uhr | Anja Speitel, t-online.de

Legasthenie: Anzeichen, Diagnose, Therapie. Legasthenie: Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung haben es oft schwer in der Schule. (Quelle: Getty Images/Chalabala/Symbolbild)

Legasthenie: Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung haben es oft schwer in der Schule. (Quelle: Chalabala/Symbolbild/Getty Images)

Legasthenie kann eine Belastung sein – nicht nur für die betroffenen Kinder, sondern auch für ihre Eltern. Welche Anzeichen auf eine Lese-Rechtschreib-Störung hindeuten und welche Fördermöglichkeiten es für Betroffene gibt, lesen Sie hier.

Sophie schreibt langsam ihren Namen. Erst fehlen das h und das e am Ende, beim nächsten Versuch schreibt die Achtjährige das h nach dem S. "Ist das so richtig?", fragt sie ihre Mutter Tina R. Geduldig schreibt ihr Tina den Namen noch einmal auf und erklärt, warum Sophie mit ph und nicht mit f oder v geschrieben wird.

"Früher wäre ich irgendwann genervt gewesen und hätte angefangen zu schimpfen", sagt Tina. Doch seit einem Test im Institut für Legasthenie in München und bei einem Kinder- und Jugendpsychiater weiß die Familie jetzt, dass Sophie Legasthenikerin ist.

Typische Legasthenie-Merkmale

Dem Mädchen steht ein nur unvollständiges Wortbild zur Verfügung. Trotz Übens schafft Sophie es nicht, ihren Namen und einfache Wörter richtig zu schreiben. Ein und dasselbe Wort wird immer wieder unterschiedlich falsch geschrieben, denn Sophie geht beim Schreiben danach, wie sie das Wort zu hören glaubt und versucht es schriftlich zu rekonstruieren, was ihr enorm viel Kraft abverlangt.

Die Drittklässlerin verdreht dabei Buchstaben, lässt ganze Silben aus, schreibt auch gern Buchstaben wie b oder d spiegelverkehrt. Auch Sophies Schreibbild ist typisch: Es ist unleserlich, sie kann kaum auf einer Linie schreiben, Groß- und Kleinschreibung, Druckbuchstaben und Schreibschrift benutzt sie abwechselnd. Doch nicht bei allen Legasthenikern treten die gleichen Fehler auf – Legasthenie kann viele Gesichter haben.

Definition: Legasthenie
Dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge liegt eine Lese- und Rechtschreibstörung vor, wenn anhaltende, eindeutige Schwächen im Lesen und Rechtschreiben nicht auf eine fehlende Beschulung, das Entwicklungsalter, eine unterdurchschnittliche Intelligenz, psychische Erkrankungen oder Hirnschäden zurückzuführen sind. Eine Rechtschreib- oder eine Lesestörung kann auch isoliert auftreten.

Mögliche Symptome von Legasthenie

Der Arbeitskreis Legasthenie Bayern nennt folgende Symptome für Legasthenie:

Das Kind

  • kann sich Wortbilder nicht gut merken.
  • kann gehörte Reize nicht gut unterscheiden (zum Beispiel klingen g und k für das Kind gleich).
  • kann gesehene Reize nicht gut unterscheiden (zum Beispiel sehen n und m für das Kind gleich aus).
  • kann nur schwer unterscheiden, in welche Richtung Teile eines Buchstabens zeigen (zum Beispiel, ob der Bauch des b nach links oder rechts zeigt)
  • hat ein schlechtes Leseverständnis, das von einem langsamen, fehlerhaften und stockenden Lesen begleitet wird.
  • kann die seriellen Abläufe von Worten nur schwer erfassen.
  • hat ein stark schwankendes Leistungs- und Aufmerksamkeitsniveau.
  • hat große Lese- und Schreibunlust.
  • vergisst immer wieder Rechtschreibregeln und kann diese nicht anwenden.
  • hat feinmotorische Schwierigkeiten, die sich in einer unruhigen Schrift zeigen.
  • kann unter Stress noch schlechter lesen und schreiben.

Legasthenie ist eine anerkannte Behinderung

Legasthenie ist eine Teilleistungsstörung. Die WHO kategorisiert Legasthenie – auch als Lese-Rechtschreib-Störung oder "Wortblindheit" bezeichnet – deshalb als Behinderung. Bei Sophie zeichnete sie sich in der zweiten Klasse ab. Trotz intensiven Schreibtrainings und einer individuellen Betreuung in einer Münchner Montessori-Schule schrieb sie sehr auffällig: "Lange kamen nur Einwortsätze auf dem Papier zustande, manchmal ließ Sophie einfach die Hälfte eines Worts weg. Oder Wörter verschmolzen ohne jegliche Trennungen zu einer unlesbaren Aneinanderreihung von Buchstaben", erinnert sich die Mutter. Sie sprach Sophies Lehrerin darauf an, doch die versuchte die Mutter nur zu beruhigen. Manche Kinder bräuchten eben länger, war das Argument. Man solle Sophie einfach noch Zeit geben. Doch am Ende der zweiten Klasse beschlossen die Eltern, Sophie auf Legasthenie testen zu lassen.

Test zeigt, ob Kind Legastheniker ist

Das Institut für Legasthenie in München testet rund 60 Kinder im Monat auf Lese-Rechtschreib-Störungen. Auf dem Flur ist Hochbetrieb, der Andrang ist enorm, die Wartelisten für die Tests sind lang – denn rein rechnerisch sitzt in jeder Schulklasse mindestens ein Legastheniker.

Dass sich viele Eltern wegen Auffälligkeiten ihrer Kinder an solche Einrichtungen wenden, begrüßen die Experten sehr. Denn die psychischen Folgen einer Lese-Rechtschreib-Störung, die nicht therapiert wird, können schwerwiegend sein: "Die Kinder stehen unter Dauerstress, wollen alles richtig schreiben, üben und üben, können es aber von allein nicht schaffen, besser zu werden. Es hagelt schlechte Noten – nicht nur in Deutsch, denn eine Lese-Rechtschreib-Schwäche beeinträchtigt die Leistungen des Kindes in allen Fächern", weiß die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Anja Winning, wissenschaftliche Leiterin am Institut für Legasthenie in München.

"Wird einem legasthenischen Kind nicht geholfen, kann das Auswirkungen auf seinen gesamten Lebensweg haben. Viele Kinder zeigen Ängste vor der Schule und Klassenarbeiten, ziehen sich von Schulfreunden und der Familie zurück, weil sie sich schämen oder gar ausgegrenzt werden. Sie zeigen auch oft ein aggressives Verhalten. Das sind klare Alarmzeichen, dass das Kind bereits psychisch leidet und womöglich Schaden nehmen könnte", warnt die Expertin.

Bei Sophie ist das nicht der Fall, auch wenn das Testergebnis ihr eine schwere Rechtschreibstörung bescheinigt: Sie hatte nur zwei von 100 Prozentpunkten. "98 Prozent aller Kinder im gleichen Alter schreiben besser", steht auf dem Bewertungsbogen. Im Lesen jedoch schneidet Sophie durchschnittlich wie andere Kinder ihres Alters ab. Trotz des Ergebnisses im Schreiben sind die Eltern erleichtert: "Das Lesen ist das Tor zum Wissen", findet die Mutter.

Legasthenie: Wenn ein Kind Wörter immer und immer wieder falsch schreibt, kann das auf eine Rechtschreibstörung hindeuten. (Quelle: Getty Images/3quarks)Legasthenie: Wenn ein Kind Wörter immer und immer wieder falsch schreibt, kann das auf eine Rechtschreibstörung hindeuten. (Quelle: 3quarks/Getty Images)

Therapien sollten auf den Betroffenen abgestimmt sein

Bei jedem Legastheniker liegen die Problemfelder woanders, der Test zeigt bei jedem Kind ein anderes Ergebnis. Deshalb muss die Einzeltherapie auch individuell auf das Kind zugeschnitten sein. Eine Therapie kann einen Legastheniker zwar nicht von seiner Störung befreien. Ein Legastheniker bleibt ein Leben lang ein Legastheniker. Doch erleichtert sie den Umgang mit den Buchstaben, Silben, Wörtern und Sätzen. "Sophie wird sicher nie lernen, perfekt zu schreiben, aber sie soll es durch die Therapie einfacher haben", sagt die Mutter.

Es gibt etliche Ansätze in der Therapie. Was für das jeweilige Kind das Beste ist, muss herausgefunden werden. Sophies Mutter Tina hatte sich an den Landesverband der Legastheniker gewandt. Eine Therapeutin kommt jetzt einmal die Woche zu der Familie nach Hause. In den 50 Minuten erfolgt keine Nachhilfe, sondern ein auf Sophie abgestimmtes Lernaufbau-Programm mit speziellen Spielen und Ansätzen, die alle Problemfelder von Sophie ansprechen und ihr weiterhelfen, mit ihrer Schwäche im Rechtschreiben besser umzugehen. Sophie hat zudem ein spezielles Online-Lernprogramm für Legastheniker, das Buchstaben mit Farben und Tönen kombiniert und ihr so das Lernen mit allen Sinnen erleichtert.

Manchmal übernehmen die Kommunen einen Teil der Kosten für eine Legasthenie-Therapie. Um darauf einen Antrag stellen zu können, muss aber eine seelische Belastung der Kinder durch ein psychiatrisches Gutachten nachgewiesen werden. Oder aber, dass eine seelische Behinderung beziehungsweise die Nicht-Integration in die Gesellschaft in der Zukunft droht. 

Eltern sollten Kinder nicht kritisieren

Die Mutter ist froh über die Unterstützung der Therapeutin. "Ich bin weder Pädagoge, noch Psychologe. Ich würde beim Lernen mit meiner Tochter eher etwas Falsches machen, was ihr nicht weiterhilft und kontraproduktiv ist. Ohne ein Verständnis der Legasthenie und eine fachmännische Anleitung macht das sture Üben nach dem üblichen Schema eher wenig Sinn", hat die Mutter erkannt.

Therapeutin Anja Winning pflichtet ihr bei: "Für eine gute Legasthenie-Therapie sollte zunächst ein detaillierter Behandlungsplan erstellt werden, um die individuelle Ausprägung der Probleme und deren Schwerpunkte zu erfassen. Erst danach ist es möglich, die individuellen Defizite des Kindes Schritt für Schritt zu behandeln. Die Lernerfolge sollten für das Kind als Resultat seiner eigenen Anstrengung erkennbar sein." So wird dem Kind in der Legasthenie-Therapie auf seine Probleme bezogen erklärt, wie es Fortschritte erzielen kann.

Die Eltern können es darüber hinaus unterstützen, indem sie es ermutigen, weiter zu schreiben – und ihm sagen, dass es dabei ruhig Fehler machen darf. So lernt das Kind, sich auszudrücken und vergrößert seinen Wortschatz. Wenn sie die Geschichte dann zusammen mit dem Kind lesen, sollten sie nicht auf den Fehlern herumreiten. "Besser, das Kind hat Freude am Schreiben, als dass es sagt: Ich mag das nicht mehr, weil ich so viele Fehler mache", gibt Anja Winning zu bedenken. Die Korrektur von Fehlern sollte nur unter fachmännischer Anleitung stattfinden.

Legasthenie ist auch ein Problem der Sinneswahrnehmung

Tina R. hat sich zudem an das Freiburger Blicklabor gewandt. Die Wissenschaftler der Universität Freiburg sind davon überzeugt, dass sowohl ADHS als auch Legasthenie ein Problem der Sinneswahrnehmung sind. Mit speziellen Testverfahren können sie erkennen, ob ein Kind Probleme beim Fixieren von Punkten oder auch beim Blicksprung von einem Punkt zum anderen hat.

Das würde erklären, warum gerade Legastheniker-Kinder darüber klagen, dass die Buchstaben vor den Augen tanzen und dass sie Probleme beim Zeilensprung haben, beim Lesen von einer Zeile zur anderen, oder gar beim Erkennen von Wörtern. Bei Sophie ist das der Fall. Sie hat deshalb ein Trainingsgerät vom Blicklabor bekommen. Nach mehreren Wochen täglichen Blicktrainings hat sich ihre Lesefähigkeit verbessert, auch kann sie Wörter inzwischen getrennt schreiben. Ein Riesensprung, finden die Eltern.

Legastheniker sind alles andere als dumm

Früher wurden legasthene Kinder oft als dumm abgestempelt. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall. Bei sehr vielen der Kinder mit Legasthenie wird eine hohe Intelligenz festgestellt. Auch Sophie wurde getestet. Sie hat einen IQ über 120 – "normal" ist um die 100; von "hochbegabt" spricht man ab 130.

Dass Legastheniker es trotz ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche sehr weit bringen können, zeigt ein Blick in die Geschichte: Prominente Legastheniker sind etwa Albert Einstein oder der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy. Bemerkenswert ist auch, dass selbst unter berühmten Autoren Legastheniker zu finden sind: Märchenschreiber Hans Christian Andersen, Bestsellerautor John Irving oder Krimiautorin Agatha Christie hatten Lese- und Rechtschreib-Störungen. Das zeigt: Auch wenn die Welt der Buchstaben für legasthene Kinder schwer durchschaubar ist, so ist die Welt der Fantasie, Logik oder des Sprachgefühls für sie nicht verschlossen.

Das macht auch den Eltern und besonders der kleinen Sophie Hoffnung: "Bei der Intelligenz von Sophie und ihren persönlichen Anlagen sehe ich kein Hindernis, dass sie nicht das Gymnasium besuchen kann. Man sollte allerdings keinen sprachorientierten Gymnasialzweig besuchen. Alles ist noch möglich", sagt Expertin Anja Winning. Die Eltern der Drittklässlerin haben bereits weiterführende Schulen speziell für Legastheniker ausfindig gemacht.

Das Kinderkrankheiten-Lexikon bietet einen Überblick über die häufigsten Kinderkrankheiten. Eltern erfahren, bei welchen Anzeichen das Kind schnell zum Arzt muss und bei welchen Krankheiten auch Hausmittel helfen können. Manchen Kinderkrankheiten kann man durch Impfung vorbeugen. Einen Überblick über die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen bietet ergänzend unser Impfkalender.

Nachteilsausgleich hilft Kindern mit Lese-Rechtschreib-Störung

Auch auf "normalen" staatlichen oder städtischen Schulen haben es Legastheniker durch den inzwischen gesetzlich verankerten Nachteilsausgleich leichter: Kinder wie Sophie werden von der Schulbenotung der Rechtschreibung befreit, wenn ein Legasthenie-Gutachten vorgelegt wird. Gemeinsam mit Schulpsychologen und Lehrern wird dann besprochen, wie die bestroffenen Kinder in der Schule entlastet werden können, etwa durch etwas mehr Zeit für Klassenarbeiten. "Für Sophie, die mittlerweile von der Montessorischule auf eine städtische Grundschule gewechselt ist, haben wir solche Vereinbarungen treffen können", berichtet die Mutter. "Das entlastet sie sehr, was sich auch in ihren Noten widerspiegelt. Wir sind uns sicher, dass Sophie ihren Weg finden wird."

Verwendete Quellen:


Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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