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Experte: "Depressive sprechen anders"

t-online, Ann-Kathrin Landzettel

Aktualisiert am 10.03.2022Lesedauer: 3 Min.
Menschen mit einer Depression können mutlos und traurig sein. Das spiegelt sich in ihren Formulierungen wider.
Menschen mit einer Depression können mutlos und traurig sein. Das spiegelt sich in ihren Formulierungen wider. (Quelle: Vladimir Vladimirov/getty-images-bilder)
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Depressionen wirken sich nicht nur auf das Verhalten der Erkrankten aus. Auch die Sprache kann wertvolle Hinweise auf die Krankheit geben. Bei diesen SÀtzen sollten Angehörige besonders aufmerksam hinhören.

Das Wichtigste im Überblick


2018 untersuchte ein Forscherteam von der University of Reading in Großbritannien mithilfe einer Computeranalyse die sprachlichen Unterschiede zwischen Menschen mit einer Depression und ohne. Insgesamt wurden BeitrĂ€ge von mehr als 6.000 Nutzern in ĂŒber 60 Onlineforen ausgewertet. Das Ergebnis: Depressive Menschen verwenden hĂ€ufiger Worte, mit denen sich negative GefĂŒhle und Stimmungen ausdrĂŒcken lassen.


Depressionen: Zehn populĂ€re IrrtĂŒmer

Irrtum Nr. 1: Zu viel Stress macht despressiv. Das kann man pauschal nicht sagen. Große Belastungen zum Beispiel im Job können eine Depression zwar verstĂ€rken, allerdings sind die GrĂŒnde dafĂŒr vielschichtiger. Oft ist die Neigung zur Depression biologisch bedingt und wird durch schlechte Erfahrungen, etwa in der Kindheit, verstĂ€rkt.
Irrtum Nr. 2: Wer depressiv ist, begeht Selbstmord: Das stimmt so nicht. Nicht jeder, der depressiv ist, ist potentiell suizid-gefÀhrdet. Das hÀngt vom Schweregrad der Depression ab. Dennoch verÀndert die Depression das Denken des Betroffenen und die Sicht auf die Welt und sollte daher sehr ernst genommen werden.
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Wo liegen die Ursachen einer Depression? Bei einer Depression liegt hĂ€ufig eine Stoffwechselstörung im Gehirn vor. Die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin werden dann nicht in ausreichender Menge produziert. Sie können folglich ihre Aufgabe bei der Regulation von GefĂŒhlen nicht richtig ausfĂŒhren. Auch hormonelle VerĂ€nderungen können eine Ursache der Krankheit sein. Die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Depressionen kann außerdem vererbt werden. Ein Hinweis darauf kann sein, dass die Erkrankung auch schon bei anderen Familienmitgliedern hĂ€ufiger auftrat.

Verbale Symptome: Diese Wörter können auf eine Depression hindeuten

HĂ€ufig werden Adjektive wie "einsam", "traurig" oder "miserabel" gebraucht. Auch absolute Wörter wie "immer", "nie" und "total" sind oft zu finden. Außerdem verwenden depressive Menschen deutlich hĂ€ufiger Pronomen in der ersten Person Singular, also "ich", "mein", "mir" und "mich". Den Wissenschaftlern zufolge liegt das daran, dass depressive Personen stark auf sich selbst fokussiert sind. Zudem fehlt ihnen hĂ€ufig der Kontakt zur Außenwelt.

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Dass eine Sprachanalyse dabei helfen kann, Depressionen zu erkennen, davon ist auch Armin Rösl ĂŒberzeugt. Der Sprecher der Deutschen Depressionsliga (DDL) erkrankte 2010 selbst an einer Depression – und erkennt sich rĂŒckblickend in den Forschungsergebnissen wieder: "Es liegt am Krankheitsbild der Depression, dass Betroffene mutlos und traurig sind. Das spiegelt sich in negativen Formulierungen wider. Bei Verdacht auf eine Depression lohnt es sich, genauer hinzuhören."

VerrÀterische SÀtze: Darauf sofort regieren

Neben der Verwendung negativer Begriffe artikulieren depressive Menschen zudem plötzlich Dinge, die sie vorher so noch nie oder nur selten gesagt haben. Und das nicht nur ein- oder zweimal, sondern immer wieder. "Es lĂ€uft sozusagen stets die gleiche Schallplatte", so Rösl. SĂ€tze wie "Ich mag nicht mehr", "Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist", "Ich bin sehr mĂŒde" oder "Ich bin nichts wert" seien fĂŒr die Erkrankung typisch.

Werden Suizidgedanken ausgesprochen, sollten Angehörige das sehr ernst nehmen. "Äußert das GegenĂŒber SĂ€tze wie 'Ich bringe mich um', 'Ich bin nichts mehr wert' oder 'Ich mag nicht mehr', benötigt der Betroffene dringend Hilfe und darf nicht allein gelassen werden", betont Rösl.

Depressive haben oft keine Kraft fĂŒr Kommunikation

HĂ€ufig verschließen sich Depressive gegenĂŒber Kommunikation komplett. Laut Rösl ziehen sich die Betroffenen zurĂŒck, weil fĂŒr sie jede Konversation mit großer Anstrengung verbunden ist. Sie möchten allein sein. "Betroffenen fĂ€llt es schwer, Kraft fĂŒr ĂŒberhaupt irgendetwas zu finden. Auch zum Sprechen. Insofern liegt die Studie schon richtig damit, dass Depressive eine andere Sprache benutzen", so Rösl.

AuffĂ€llig sei insbesondere, dass Betroffene anders sprechen als vor ihrer Erkrankung. Nicht nur viel Negatives, sondern mitunter auch Wirres, nicht Nachvollziehbares. Beispielsweise hĂ€tten viele Betroffene plötzlich Existenzangst und wĂŒrden formulieren, dass sie einen finanziellen Ruin befĂŒrchten – obwohl es hierfĂŒr ĂŒberhaupt keine Anzeichen gebe.

Verdacht auf Depression: Betroffene ansprechen

Doch wie geht man mit dem Verdacht Depression um? Rösl weiß aus Erfahrung, wie wertvoll GesprĂ€che sein können. Allerdings dĂŒrfe man den Kranken nicht ĂŒberfordern. Ein guter GesprĂ€chseinstieg sei beispielsweise: "Du, ich habe in den letzten Tagen beobachtet, dass du dich verĂ€ndert hast. Versuche doch mal, deine aktuellen GefĂŒhle zu beschreiben. Ich möchte versuchen, sie zu verstehen und nachzuvollziehen."

Am besten sei ein solches GesprĂ€ch außerhalb des alltĂ€glichen Ablaufes, etwa bei einem Spaziergang. "Der Betroffene muss aus seinem Schneckenhaus rauskommen, auch wenn er oder sie das eigentlich nicht möchte. Trotzdem: Unter den Arm nehmen und mitnehmen. Betroffene sollten immer das GefĂŒhl haben, dass sie mit ihrer Krankheit nicht allein gelassen sind. Dass ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird."

Depression: Körperpflege fÀllt oft schwer

Ein weiteres Anzeichen fĂŒr eine Depression kann fehlende körperliche Hygiene sein. "Das war auch bei mir in meiner schweren depressiven Phase der Fall: Ich hatte weder Lust noch Kraft, mich tĂ€glich zu rasieren, zu waschen, neue Kleidung anzuziehen. Außerdem habe ich versucht, Gesellschaft zu vermeiden. Betroffene wollen sich verstecken. Meistens im Bett, sie wollen nicht mehr aufstehen. Weil sie dazu auch nicht die Kraft haben, da sie nachts oft wach liegen und grĂŒbeln", sagt Rösl.

Behandlung: Wann Sie zum Arzt gehen sollten

Verbessert sich der Zustand des Betroffenen nach drei bis vier Wochen nicht, ist ein GesprĂ€ch mit einem Arzt ratsam. Nach erfolgter Diagnose kann dieser dem Patienten eine Psychotherapie empfehlen oder die Erkrankung mit Medikamenten (Antidepressiva) behandeln. Je nach Schweregrad kann auch beides miteinander kombiniert werden. Eine Lichttherapie und regelmĂ€ĂŸige Bewegung können ebenfalls Erfolg bei der Behandlung depressiver Menschen zeigen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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