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So unterscheiden sich weibliche von männlichen Psychopathen

INTERVIEWSkrupellose Täter  

So unterscheiden sich weibliche von männlichen Psychopathen

02.02.2019, 08:55 Uhr
So unterscheiden sich weibliche von männlichen Psychopathen. Psychopath: Weibliche Psychopathen richten ihre kriminellen Taten häufiger gegen die eigene Familie. (Quelle: Tookapic, Pexels)

Psychopath: Weibliche Psychopathen richten ihre kriminellen Taten häufiger gegen die eigene Familie. (Quelle: Tookapic, Pexels)

Skrupellos, aggressiv, selbstverliebt – so werden Psychopathen häufig beschrieben. Weibliche Psychopathen zeichnen sich aber noch durch andere Charakterzüge aus, sagt eine Kriminalpsychologin.

Warum männliche und weibliche Psychopathen unterschiedlich agieren, erklärt Kriminalpsychologin Lydia Benecke im Interview mit t-online.de. Und sie fordert von Gesellschaft und Justiz, identische kriminelle Taten gleich zu bewerten – egal, ob sie von einer Frau oder von einem Mann begangen worden sind.

t-online.de: Der Psychologe Robert D. Hare hat eine Checkliste erstellt, anhand derer Psychopathen erkannt werden können. Sie sagen, diese könne man auf Frauen nicht ohne Weiteres übertragen. Was sind denn die charakteristischen Züge von Psychopathinnen?

Lydia Benecke: Frauen nutzen eher Beziehungen, um ihre Bedürfnisse zu stillen. Sie manipulieren also ihre Liebespartner, Freunde oder ihre Familie, um bestimmte Dinge zu erreichen. Dazu nutzen sie viel mehr soziale Kompetenzen als die Männer, um an ein Ziel zu kommen. Sie müssen dafür nicht eine Waffe ziehen oder körperliche Gewalt anwenden. Sie wenden eher manipulative und emotionale Gewalt an.

Kann man erklären, warum das so ist?

Wahrscheinlich gibt es ganz viele Faktoren, die da zusammenspielen. Um zwei zu nennen: Einerseits haben Männer mehr Testosteron als Frauen. Und Testosteron ist klassisch dafür bekannt, dass es unter bestimmten Bedingungen aggressives und gewalttätiges Verhalten fördert. Ein anderer Faktor ist das soziale Lernen. Während das kleine Mädchen in der Grundschule vielleicht lernt, dass es das Pausenbrot ihres Mitschülers bekommt, wenn es liebt guckt und sich ein bisschen hilflos darstellt, wird der kleine Junge hingegen merken, dass er mit Liebgucken nicht zwangsläufig das Pausenbrot seines Mitschülers bekommt. Stattdessen aber mit Drohungen und Prügeln. Menschen machen Erfahrungen, welche Strategie zu welchem Ergebnis führt.

Lydia Benecke, Jahrgang 1982, arbeitet als Psychologin mit Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Gewalt- und Sexualstraftaten. Sie hat mehrere kriminalpsychologische Bücher geschrieben. Als letztes erschien "Psychopathinnen: Die Psychologie des weiblichen Bösen".

Wie nutzen weibliche Psychopathen denn ihre eigene Familie zum Beispiel aus?

Frauen nutzen ja eher Beziehungen, um etwas zu bekommen. Da ist es naheliegend, wenn sie ihre Gewissenlosigkeit und ihren Bedürfnishunger auch auf ihre Familie richten. Es gab beispielsweise eine Mutter, die ihre zahlreichen Kinder als Arbeitssklaven eingesetzt hat. Später, als sie volljährig waren, fälschte sie ihre Unterschriften, um diverse Betrugsdelikte auf deren Namen zu begehen. Ihre Kinder mussten daraufhin hohe Summen zahlen. Die Mutter hat die Kinder unter Druck gesetzt: "Wenn ihr mich anzeigt, muss ich ins Gefängnis. Dann kommen eure kleinen Geschwister ins Heim und ihr seid Schuld daran."

Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung von identischen Straftaten – je nachdem, ob sie von einer Frau oder einem Mann begangen wurden?

Ja. Wenn Frauen sich gegenüber Kindern oder dem Partner sexuell übergriffig verhalten, dann wird das weniger ernst genommen. Als Beispiel: Wenn ein 14-jähriger Schüler von einer Lehrerin Anfang 30 missbraucht wird, dann steht in der Zeitung meist "verführt", nicht "missbraucht". Wenn aber eine 14-jährige Schülerin von einem Anfang 30-jährigen Lehrer missbraucht wird, lesen sie richtigerweise nicht verführt. Der Junge wird also in der öffentlichen Wahrnehmung verführt, das Mädchen wird missbraucht. In Wirklichkeit ist beides Missbrauch und das sollte auch endlich sowohl bei der Medienberichterstattung als auch in unserer Gesellschaft als Erkenntnis ankommen. Ähnlich ist die Wahrnehmung beim Thema Exhibitionismus.

Und zwar?

Exhibitionismus ist bei Frauen nicht strafbar. Das existiert für Frauen im deutschen Strafrecht nicht. In solchen Fällen könnte gegen eine Frau zwar wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" ermittelt werden, nicht aber wegen Exhibitionismus. Wenn eine Frau sich vor Minderjährigen exhibitioniert, dann könnte das als sexueller Missbrauch juristisch belangt werden. Aber das wird extrem selten zur Anzeige gebracht. Frauen und Männer sind da in der gesellschaftlichen wie auch juristischen Beurteilung nicht so ganz auf einer Stufe.

Lydia Benecke: Die Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind unter anderem Persönlichkeitsstörungen, abweichende sexuelle Vorlieben und Traumastörungen. (Quelle: Manfred Esser)Lydia Benecke: Die Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind unter anderem Persönlichkeitsstörungen, abweichende sexuelle Vorlieben und Traumastörungen. (Quelle: Manfred Esser)

Was ist die Begründung dafür?

Die Begründung ist: Frauen machen das ja fast nie. Dabei wissen wir gar nicht, wie oft Frauen tatsächlich derartige Verhaltensweisen zeigen, denn es gibt keine zuverlässigen Statistiken und es wird nur extrem selten angezeigt. Manche Schätzungen gehen von etwa halb so vielen exhibitionistisch agierenden Frauen wie Männern aus. Nur weil eine Personengruppe eine Straftat seltener begeht, ist diese für die Personengruppe nicht strafbar. Was ist das denn für eine Begründung? Ich denke, da gibt es noch ein bisschen was nachzuholen, auch wenn ich nicht infrage stellen will, dass Frauen zweifelsohne insgesamt deutlich seltener sexuell übergriffig agieren als Männer. Dennoch wäre es wichtig, auch diese Fälle in jedem Fall ernst zu nehmen. Sexuell übergriffiges Verhalten sollte sowohl bezogen auf die Opfer als auch auf die Täter ernst genommen werden – völlig unabhängig davon, ob das sexuell übergriffige Verhalten von einem Mann oder einer Frau gezeigt wird und ob das Opfer männlich oder weiblich ist.



Haben Sie da auch ein Beispiel aus Ihrer Arbeit als Therapeutin?

In meinen bisher zehn Jahren therapeutischer Arbeit mit Straftätern hatte ich mit so einigen zu tun, die als Kind oder Jugendlicher sexuell missbraucht wurden von einer Frau – die das aber gar nicht als Missbrauch begriffen haben. Das Konzept, dass eine Frau sexuell übergriffig sein kann, existiert bei vielen Menschen nämlich nicht in ihrer Vorstellungswelt. Es gab zum Beispiel jemanden, der mit zehn von einer 28-Jährigen in den Nebenraum gelockt wurde, wo sie gesagt hat: "Ich bringe dir jetzt einmal Zungenküssen bei." Oder ein anderer Mann, der im Grundschulalter von seiner jugendlichen Babysitterin zum "Flaschendrehen" animiert wurde, bis beide nackt waren und die Babysitterin dann sagte, sie wolle ihm nun zeigen, wie Sex funktioniere. Es wäre schon gut, wenn man mal darüber reden würde, dass, auch wenn Frauen seltener sexuell übergriffig sind, die Chance, dass sie damit durchkommen, unglaublich hoch ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Benecke.


Psychopathie-Checkliste nach Robert Hare
Die Checkliste dienst als Instrument zur Diagnose einer Psychopathie; sie unterscheidet zwei Dimensionen der Psychopathie:

Dimension 1: ausnützerisch
- sprachgewandter Blender, oberflächlicher Charme
- übersteigertes Selbstwertgefühl
- krankhaftes Lügen
- listig, betrügerisch, manipulativ
- fehlende Reue, fehlendes Schuldbewusstsein
- oberflächliche Gefühle
- Mangel an Empathie
- mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen

Dimension 2: impulsiv
- Stimulationsbedürfnis (Erlebnis-Hunger), Neigung zur Langeweile
- parasitärer Lebensstil
- unzureichende Verhaltenskontrolle
- promiskes Sexualverhalten
- frühere Verhaltensauffälligkeiten
- Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen
- Impulsivität
- Verantwortungslosigkeit
- Jugendkriminalität
- Verstoß gegen Bewährungsauflagen bei bedingter Haftentlassung
- viele kurzzeitige Beziehungen
- vielgestaltige Kriminalität


Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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