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Diese Medikamente machen Diabetikern Hoffnung

Ein Interview von Andrea Goesch

Aktualisiert am 18.09.2020Lesedauer: 3 Min.
Blutzuckersenkende Tabletten und Insulintherapie gehören zwar immer noch zum Standard der Diabetes-Therapie. Doch es gibt bereits viele Alternativen.
Blutzuckersenkende Tabletten und Insulintherapie gehören zwar immer noch zum Standard der Diabetes-Therapie. Doch es gibt bereits viele Alternativen. (Quelle: turk_stock_photographer/getty-images-bilder)
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Dank neuer Medikamente hat sich die Therapie von Patienten mit Typ-2-Diabetes in den vergangenen Jahren stÀndig verbessert. Einige der neuen Wirkstoffe könnten in Deutschland wahrscheinlich bald in Tablettenform eingenommen werden. Andere reduzieren die HÀufigkeit des Spritzens und helfen sogar bei der Gewichtsreduktion.

Die Rede ist von den so genannten GLP-1-Agonisten und den SGLT-2-Hemmern, die neben der klassischen Insulintherapie bei der Behandlung von Diabetes-Typ-2 eingesetzt werden.

Im Interview erklĂ€rt der Berliner Diabetologe Dr. Martin Scherwinski, fĂŒr wen die Behandlungsmethoden geeignet sind und welche Therapien zukĂŒnftig bei Diabetes sonst noch eine Rolle spielen könnten.

t-online.de: Medikamente mit neuartigen Wirkmechanismen wie die GLP-1-Analoga konnten die Therapie der Stoffwechselerkrankung erheblich verbessern. Können Sie beschreiben, wie sie wirken?

Dr. Martin Scherwinski: Die Diabetes-Behandlung fĂŒr Typ 2 hat in den vergangenen zehn Jahren tatsĂ€chlich große Fortschritte gemacht. Die Inkretin-Analoga sind gerade Gegenstand intensiver Forschung, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Im Einsatz an Patienten befindet sich derzeit ausschließlich ein Inkretin, die GLP-1-Analoga.

Inkretine und Inkretin-Analoga:
Inkretine sind Hormone, die im Darm gebildet werden und den Blutzucker unter anderem durch die Stimulierung der Insulin-AusschĂŒttung in der BauchspeicheldrĂŒse regulieren. Wichtige Vertreter sind das Glucagon-like-Peptid 1 (GLP1) und das Glucose-dependent insulinotropic peptide (GIP). Inkretin-Analoga dagegen sind Medikamente, die in der Diabetes-Therapie eingesetzt werden. Sie ahmen die Wirkung des natĂŒrlichen Inkretinhormons GLP-1 nach und senken auf diese Weise den Blutzucker ohne Gefahr der Unterzuckerung.

Interessant ist, dass die Inkretin-Analoga neben ihrem blutzuckersenkenden Effekt eine zusĂ€tzliche positive Wirkung fĂŒr den Patienten haben. So konnte in den Zulassungsstudien gezeigt werden, dass die Patienten Gewicht verlieren. Außerdem konnte in dem fĂŒr Patienten wichtigen Feld der kardiovaskulĂ€ren Erkrankungen eine Senkung der Erkrankungs- und Sterbezahlen gezeigt werden.

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Was ist anders im Vergleich zur herkömmlichen Insulintherapie?

Angenehm fĂŒr die Patienten ist, dass viele GLP-1-Analoga nur einmal wöchentlich gespritzt werden mĂŒssen. Im Gegensatz zum Insulin, dass hĂ€ufig bis zu viermal am Tag gespritzt werden muss. Eine Substanz aus den GLP-1-Analoga wurde sogar soweit entwickelt, dass sie als Tablette eingenommen werden kann. Diese ist aktuell in Deutschland noch nicht erhĂ€ltlich, schĂ€tzungsweise aber 2021. Beide Formen sind fĂŒr alle Diabetes-2-Patienten geeignet.

Doch es wurden noch weitere Medikamente mit neuen Wirkstoffklassen entwickelt. Welche sind das?

Die DPP-4-Hemmer sind Ă€ltere Medikamente und den GLP-1 in ihrer Wirkung und ihrem Zusatznutzen deutlich unterlegen. Die SGLT-2-Hemmer sind eine Substanz, die die Glukoseausscheidung mit dem Urin deutlich erhöhen. Durch den verbesserten Zuckerstoffwechsel profitieren die Patienten natĂŒrlich enorm. Auch die SGLT-Hemmer sind fĂŒr alle Diabetes Typ2-Patienten geeignet.

Können die SGLT-2 Hemmer SpÀtschÀden und Folgeerkrankungen besser verhindern?

In den Studien zeigte sich ĂŒberraschend eine deutliche Senkung von Herzinfarkten, Herzinsuffizienz und GefĂ€ĂŸerkrankungen bei den Patienten. Und ganz wichtig: Die Einnahme des Medikamentes verlangsamte auch das Fortschreiten einer NierenschwĂ€che, eine der hĂ€ufigen Komplikationen der Diabetes-Erkrankung.

(Quelle: privat)


Dr. Martin Scherwinski ist Facharzt fĂŒr Diabetologie und Allgemeinmedizin. Er ist unter anderem Mitglied der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und im Bundesverband Niedergelassener Diabetologen (BVND).

Wie beurteilen Sie die Chancen von GLP-Agonisten zur UnterstĂŒtzung des Gewichtsmanagements bei Menschen ohne Diabetes-Erkrankung?

Ein GLP-1-Agonist hat bereits eine Zulassung zum Einsatz bei adipösen Menschen. Weitere werden aktuell in dieser Indikation geprĂŒft. Der Einsatz von GLP-Agonisten erscheint mir eine vernĂŒnftige Option, da das Nebenwirkungsprofil der GLP-Agonisten inzwischen gut bekannt ist und bei Beachtung der Kontraindikationen von einer sehr sicheren Therapie ausgegangen werden kann. Allerdings wird aller Voraussicht nach der Patient die Kosten fĂŒr das Arzneimittel auch in Zukunft selber tragen mĂŒssen.

Muss trotzdem weiterhin tÀglich Blutzucker gemessen werden?

Nein, das ist dann oft ĂŒberflĂŒssig. Das ist aber immer eine Einzelfallentscheidung und wird in Abstimmung mit dem Gesamtbehandlungskonzept und dem Patienten besprochen.

Ist das Ende der Insulintherapie in Sicht?

Beim Diabetes Typ-2 wird das nicht in absehbarer Zeit der Fall sein. Den Beginn einer Insulintherapie wird man aus meiner Sicht aber durch ein besseres Gewichtsmanagement hinauszögern und oft auch ganz verhindern können.

Oft können Patienten durch eine Umstellung ihres Lebensstils ihre Blutzuckerwerte in den Griff bekommen. In welchen FÀllen ist das möglich?

Bei den meisten Patienten, die gerade ihre Diabetes-Diagnose bekommen haben, wĂ€re es ohne grĂ¶ĂŸere Probleme möglich, durch ein verĂ€ndertes ErnĂ€hrungs- und Bewegungsverhalten den Diabetes wieder verschwinden zu lassen. Deshalb sehe ich als Diabetologe es als meine Aufgabe an, das Gewichtsmanagement meiner Patienten durch Schulungen und die Wahl geeigneter Medikamente zu unterstĂŒtzen.

Stichwort "inhalierbares Insulin" und "Stammzellentherapie": Wie ist der Stand der Forschung?

Das Thema "inhalierbares Insulin" ist meines Erachtens durch. Es wird keine bedeutende Rolle spielen, weil die Dosierung und die Anwendung deutlich schwieriger sind als bei der Insulintherapie. Die Stammzellentherapie ist da schon spannender, sie spielt bislang eher bei Diabetes Typ-1 eine Rolle. Die Fortschritte der vergangenen Jahre lassen hoffen, dass wir in Zukunft aus Stammzellen insulinproduzierende Betazellen herstellen können, die auch lĂ€ngerfristig die Injektion von Insulin ĂŒberflĂŒssig machen.

Glauben Sie, dass Diabetes Typ-2 eines Tages heilbar ist?

In den nĂ€chsten Jahren vermutlich nicht. Allerdings haben Patienten mit Diabetes Typ-2 durch die Anpassung ihres Lebensstils gute Chancen, den Diabetes wieder loszuwerden. Das erfordert Disziplin und Willen, aber möglich ist es durchaus und dabei kann meiner Meinung nach der Patient auch zunehmend besser medikamentös unterstĂŒtzt werden.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch, Dr. Scherwinski.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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