Sie sind hier: Home > Gesundheit > Coronavirus >

Coronavirus-Ausbruch: Warum uns die Lage in Irland Hoffnung macht

Infektionszahlen sinken  

Warum die Corona-Lage in Irland Hoffnung macht

Von Sandra Simonsen und Lars Wienand

01.11.2020, 16:05 Uhr
Coronavirus-Ausbruch: Warum uns die Lage in Irland Hoffnung macht. Lockdown in Dublin: Nach den strengen Einschränkungen sinkt in Irland jetzt die Zahl der Neuinfektionen.  (Quelle: imago images/Xinhua)

Lockdown in Dublin: Nach den strengen Einschränkungen sinkt in Irland jetzt die Zahl der Neuinfektionen. (Quelle: Xinhua/imago images)

Seit fast zwei Wochen befinden sich Irland und das Berchtesgadener Land erneut im Lockdown. Ab Montag gelten auch für ganz Deutschland wieder strengere Regeln: Was können wir von den Vorreitern lernen?

Nachdem die Infektionszahlen in Irland dramatisch gestiegen sind, hat das Land ab der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober einen erneuten Lockdown beschlossen. Und die strengen Maßnahmen scheinen knapp zwei Wochen nach der Entscheidung Wirkung zu zeigen. Fast zeitgleich wurde auch im Landkreis Berchtesgadener Land ein Lockdown verhängt. Ab Montag sollen die neuen Einschränkungen für ganz Deutschland gelten. Was an den Beispielen Hoffnung macht – und was Fragen hinterlässt. 

Wie sieht der Lockdown in Irland aus?

Obwohl es bereits Einschränkungen gab, stiegen die Infektionszahlen in Irland im Oktober weiter rasant an. Im Kampf gegen die Pandemie hat das Land deshalb ab dem 21. Oktober Einschränkungen beschlossen, die weiter gehen als die in Deutschland ab Montag, 2. November: Nur Läden zur Grundversorgung sind geöffnet, Textilien gelten nicht als lebensnotwendig, und die Bürger dürfen sich nur im Umkreis von fünf Kilometern um ihren Wohnort aufhalten. Mindestens bis zum 1. Dezember sind alle Einwohner dazu aufgerufen, ihr Haus nur noch zu verlassen, wenn sie beispielsweise einkaufen, einen Arzttermin haben oder auf dem Weg zur Arbeit sind.

Zusätzlich hat Irland die Kapazitäten der öffentlichen Verkehrsmittel auf 25 Prozent reduziert, zu Spitzenzeiten dürfen nur Angehörige systemrelevanter Berufe den ÖPNV nutzen. Wie in Deutschland dürfen Restaurants Essen nur noch zum Mitnehmen anbieten. Pubs, Nachtclubs und Bars, Museen und sonstige kulturelle und touristische Attraktionen wurden geschlossen. Schulen und Kindergärten bleiben auch in Irland zunächst geöffnet. 

Wie sieht der Lockdown im Berchtesgadener Land aus?

Was Irland unter den EU-Ländern war, ist das Berchtesgadener Land unter den deutschen Landkreisen: Am 20. Oktober traten dort Beschränkungen in Kraft, die strenger sind als die weitgehend vereinbarten deutschlandweiten Regeln ab Montag. In Berchtesgaden und Umgebung wurden auch Schulen und Kindergärten geschlossen. Am 19. Oktober hatten dort alle Alarmglocken geschrillt: Das Gesundheitsamt hatte 118 neue Infektionsfälle übers Wochenende gemeldet, der Kreis stand mit einer dort errechneten Sieben-Tage-Inzidenz von 252 Infizierten auf 100.000 Einwohner deutschlandweit an der Spitze. Deshalb mussten tags darauf bei goldenem Oktoberwetter die Urlaubsgäste die Region verlassen und Einheimische dürfen seither nur noch für triftige Gründe aus dem Haus. Geschäfte haben offen – aber begrüßen wenig Kunden.

Wie ist die aktuelle Lage im Lockdown-Land Irland? 

In Irland ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen am 31. Oktober bereits auf den niedrigsten Stand seit drei Wochen gefallen. Das Gesundheitsministerium zählte 416 neue Fälle bei fünf Toten. Vor dem Lockdown gab es bis zu fast 1.300 tägliche Neuinfektionen in Irland. Mittlerweile gab es in Irland laut irischer Regierung (Stand: 31. Oktober 2020) insgesamt 61.456 bestätigte Coronavirus-Infektionen. 1.913 Menschen starben an Covid-19.

Während es am 20. Oktober noch 1.269 Neuinfektionen und eine Sieben-Tages-Inzidenz von 165 in Irland gab, liegen die Neuinfektionen seit dem 25. Oktober täglich deutlich unter 1.000 und die Sieben-Tage-Inzidenz ist mittlerweile (Stand: 31. Oktober 2020) auf 109 gesunken. 

Wie ist die Lage im Lockdown-Landkreis Berchtesgadener Land? 

Zumindest ist der starke Anstieg gebremst. Seit Mittwoch, 28. Oktober, wurden auch mit jedem Tag weniger Neuinfizierte gemeldet, am Samstag waren es nur 15. Die Sieben-Tage-Inzidenz fällt, sie lag aber noch höher als zu Beginn des Quasi-Lockdowns. Betrachtet man allerdings einen kleineren Raum mit weniger Menschen, gibt es auch mehr Sondereffekte.   

In der vergangenen Woche starben drei Corona-Erkrankte im Kreis – sie waren 86 und 87 Jahre alt. Im einzigen Krankenhaus im Landkreis in Bad Reichenhall ist die Zahl der Corona-Erkrankten gestiegen. Die katholische Krankenhaus-Seelsorgerin Katharina Burgthaler berichtet dem "Merkur" von "Anspannung, aber trotzdem noch großer Gelassenheit. Selbst auf der Covid-Station, wo viel zu tun ist, überwiegt die Überzeugung: Wir schaffen das!"

Warum wurde auch für ganz Deutschland jetzt der Lockdown beschlossen?

Nachdem sich die Corona-Fallzahlen im August und Anfang September in Deutschland stabilisiert hatten, ist seit einigen Wochen ein starker Anstieg der Neuinfektionen zu sehen. Zudem nimmt auch der Anteil der Corona-Infektionen in der älteren Generation wieder zu, sodass auch wieder mehr schwere Verläufe und Todesfälle zu erwarten sind. Die Sieben-Tage-Inzidenz bei Personen ab 60 Jahren beträgt aktuell 71,6 Fälle pro 100.000 Einwohner.

Bereits seit Anfang Oktober liegt der R-Wert in Deutschland deutlich über 1. Bundesweit gibt es immer wieder Ausbrüche in verschiedenen Landkreisen, teilweise wegen privaten Feiern, aber auch im Arbeitskontext oder in Alten- und Pflegeheimen. Mittlerweile ist die Verbreitung immer diffuser und die Infektionsketten sind häufig nicht mehr eindeutig nachvollziehbar. 

"Aktuell ist eine zunehmende Beschleunigung der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten. Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert", schreibt das RKI deshalb in seinem täglichen Situationsbericht und verweist auf die Hygiene- und Abstandsregeln. 

Die Anzahl der Kreise mit einer hohen Sieben-Tage-Inzidenz steigt weiter an. Nur noch sieben Stadt- und Landkreise haben eine Sieben-Tage-Inzidenz unter 25. In 155 Kreisen hingegen liegt sie zwischen 50 und 100, in 186 Kreisen sogar bei mehr als 100. Hinzu kommen 19 Kreise mit einer Inzidenz über 200. Am 31. Oktober lagen Deutschland und Irland bei der Sieben-Tage-Inzidenz gleichauf, während die Zahlen in Irland jedoch sinken, steigen sie in Deutschland weiter an. 


Auch die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle hat sich in den vergangenen zwei Wochen von 730 Patienten am 17. Oktober auf 1.944 Patienten am 31. Oktober mehr als verdoppelt.

Wie sieht der Lockdown in Deutschland aus?

Bisher galten in Deutschland Einschränkungen beispielsweise bei privaten Feiern und Veranstaltungen, eine Maskenpflicht in Geschäften, dem öffentlichen Nahverkehr und teils auch auf öffentlichen Plätzen oder Straßen. Trotzdem sind die Infektionszahlen weiter stark angestiegen, sodass zum 2. November ein erneuter "Teil"-Lockdown beschlossen wurde.

Dann dürfen sich nur noch maximal zehn Personen aus zwei Hausständen treffen. Fitnessstudios, Schwimm- und Spaßbäder werden geschlossen und Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, werden deutschlandweit weitgehend untersagt. Dazu zählen Theaterbesuche, Kino oder Tanzveranstaltungen. Die Regelung betrifft auch den Freizeit- und Amateursportbetrieb, Individualsport bleibt davon ausgenommen. Zum Individualsport zählt beispielsweise Joggen, Schwimmen oder Golfspielen.


Bars und Gastronomie-Betriebe müssen bis zum Ende des Monats geschlossen bleiben. Davon ausgenommen sind die Lieferung und Abholung von Speisen für den Verzehr zu Hause, Kantinen bleiben offen.

Welche Wirkung kann ein Lockdown haben?

Im Berchtesgadener Land ist Landrat Bernhard Kern vorsichtig mit Erfolgsmeldungen von dort. Am Freitag sagte er zu t-online: "Es ist noch keine fundierte Bewertung möglich, in welchem Maße die Beschränkungen tatsächlich Auswirkung auf die Gesamtzahl der gemeldeten Neuinfektionen haben." Noch zurückhaltender äußert sich das bayerische Gesundheitsministerium. Ein Sprecher erklärt zu den Auswirkungen im Berchtesgadener Land nur: "Die Infektionszahlen zeigen, dass weitreichende Maßnahmen notwendig sind." Das gelte für den Landkreis Berchtesgadener Land wie auch für ganz Bayern.

Irland kann dagegen verkünden, den Trend umgekehrt zu haben. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist dort seit Samstag niedriger als in Deutschland. Der Gesundheitsberater der irischen Regierung, Tony Holohan, erklärte am Samstag: "Wir sollten die Zahlen als Hinweis darauf nehmen, dass unsere Bemühungen beginnen zu funktionieren."  Das Entscheidende sei jetzt aber, sie aufrechtzuerhalten. 

Viele Skeptiker kritisieren einerseits Kollateralschäden, weil ein Lockdown psychische Folgen hat und Menschen andere nötige Behandlungen trotz Appellen verschieben. Es gibt auch Stimmen, dass ein Lockdown wirtschaftlichen Schaden anrichtet, aber keinen pandemischen Nutzen hat. Da macht jedoch nicht nur Irland Hoffnung. Die aktuell am härtesten getroffenen europäischen Länder Belgien und Tschechien haben es geschafft, dass die Zahl neuer Fälle wieder sinkt. Israel war bereits zuvor ein Beispiel, dass ein Lockdown die Infektionszahlen deutlich drücken kann.

Das wird gestützt durch eine neue Studie im Fachjournal "The Lancet", auf die SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gerade hingewiesen hat.

131 Länder wurden dahingehend untersucht, welche Maßnahmen sie gegen die Ausbreitung des Coronavirus unternommen haben und welchen Einfluss diese Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen hatten. Dabei haben die Forscher insgesamt 790 Maßnahmen-Phasen betrachtet und mit dem R-Wert in Verbindung gesetzt. Beispielsweise wurde der R-Wert nach Schulschließungen, nach dem Verbot öffentlicher Veranstaltungen, nach Ausgangssperren und nach der Schließung von Arbeitsplätzen betrachtet.

Der R-Wert verringerte sich innerhalb von vier Wochen nach der Einführung der jeweiligen Maßnahmen um drei bis 24 Prozent. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass einige der Maßnahmen zwar die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verringern können, allerdings immer mit einer zeitlichen Verzögerung von ein bis drei Wochen. Irland belegt das, das Berchtesgadener Land hoffentlich auch bald. 


Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Media Markttchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: