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Burnout: Wie Frauen und Männer unterschiedlich mit Erschöpfung umgehen

INTERVIEWExperte über Burnout  

Wie Frauen und Männer unterschiedlich mit Erschöpfung umgehen

Ann-Kathrin Landzettel

06.04.2021, 12:09 Uhr
Burnout: Wie Frauen und Männer unterschiedlich mit Erschöpfung umgehen. Young couple in relationship difficulties staying away from each other (Quelle: Mixmike)

Young couple in relationship difficulties staying away from each other (Quelle: Mixmike)

Hohe Ansprüche im Beruf, idealisierte Rollenbilder als Eltern und unrealistische Erwartungen an sich selbst führen dazu, dass sich immer mehr Menschen "ausgebrannt" fühlen, sie leiden am sogenannten Burnout-Syndrom. Doch Männern und Frauen gehen anders mit der emotionalen Erschöpfung um.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Burnout-Syndrom haben damit zu tun, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf Belastungen und Stress reagieren, sei es im Beruf oder in der Familie. Welche Ursachen dahinterstecken und wie Betroffene wieder ihr seelisches Gleichgewicht finden, erklärt Dr. Andreas Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Gespräch mit t-online.

t-online.de: Herr Dr. Hagemann, wie definieren Sie Burnout?

Dr. Andreas Hagemann: Wie der Name Burnout, also "Ausgebranntsein" schon andeutet, handelt es sich hierbei um einen tiefgreifenden psychischen und körperlichen Erschöpfungszustand. Ausgelöst wird dieser primär durch hohe, meist berufliche Anforderungen, also chronischen Stress über längere Zeit.  Unbehandelt kann ein Burnout bei ausgeprägten Symptomen in eine Depression übergehen.

 (Quelle: privat) (Quelle: privat)Dr. Andreas Hagemann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik in Eschweiler bei Aachen. Diese Privatklinik für Psychosomatik ist spezialisiert auf Angst- und Panikstörungen, chronische Schmerzen, Burnout und Depressionen.

Sind Burnout und Depression also zwei unterschiedliche Krankheitsbilder?

Ein Burnout und eine Depression ähneln sich in der Symptomatik, beispielsweise Antriebs-, Freud- und Mutlosigkeit, Energieverlust, innere und emotionale Leere. Deshalb sind sie schwer voneinander zu trennen. Aber beide Erkrankungen sind nicht dasselbe. Sie bedürfen unterschiedlicher Therapiemaßnahmen, der Fokus der Behandlung ist anders. Eine eigenständige Diagnose für ein Burnout existiert aktuell noch nicht.

Wer ist häufiger von einem Burnout betroffen – Frauen oder Männer?

5,2 Prozent aller Frauen erleiden in ihrem Leben ein Burnout. Bei Männern sind es laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lediglich 3,3 Prozent. Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass Frauen weitaus häufiger ihre Überforderungssituation thematisieren und früher professionelle Hilfe suchen. Dies führt natürlich auch dazu, dass bei ihnen vermehrt psychische Beschwerden wie ein Burnout diagnostiziert werden.

Welche Persönlichkeitstypen haben generell ein erhöhtes Burnout-Risiko?

Vielfach betroffen sind „selbstlose“, leistungsorientierte und verantwortungsbewusste Menschen sowie Perfektionisten. Es etwas gelassener angehen, nicht immer alles 150-prozentig machen wollen und mehr auf die eigenen Bedürfnisse hören – so lautet deshalb auch die grundlegende Vorsorge-Maßnahme. Wichtig ist es, sich selbst eigene Belastungsgrenzen klar zu machen und die eigenen Ansprüche und Erwartungen entsprechend zu korrigieren.

Haben Männer und Frauen meist gleiche Burnout-Ursachen?

Permanent hohe Anforderungen in der Arbeitswelt halten uns geschlechtsunabhängig regelrecht in Atem. Die wachsende Komplexität der täglichen Aufgaben, Digitalisierung und ständige Erreichbarkeit erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit und überfordern uns vielfach – insbesondere, wenn Arbeitsaufgaben ständig als nicht zu bewältigen oder unangenehm empfunden werden.

Was erhöht bei Frauen das Burnout-Risiko?

Viele Frauen werden durch die Mehrfachbelastung Kind, Haushalt und Beruf vor eine Fülle komplexer Aufgaben und Herausforderungen gestellt. 75 Prozent der Frauen empfinden den ständigen Zeitdruck als Belastung, sagt das Müttergenesungswerk. Die Mehrfachbelastung führt oftmals zu einer permanenten Überforderung. Das immer noch vorherrschende klassische Rollenbild der engagierten und stets aufopferungsbereiten Mutter – bei gleichzeitiger Erwartung zusätzlich beruflich engagiert und erfolgreich zu sein – erhöht vielfach den vorhandenen Leistungsdruck. Um diese Erwartungen erfüllen zu können, ordnen viele Frauen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnissen unter. Besonders belastet sind alleinstehende Mütter.

Wie sieht ein häufiges Überlastungsbild bei Männern aus?

Männer müssen von ihrem Selbstbild her immer stark und erfolgreich sein. Überforderung oder emotionale Regungen sind hinderlich und nicht im Selbstbild verankert: Durch übermäßigen beruflichen Einsatz zeige ich allen, dass ich „es drauf“ habe. Ich möchte alles perfekt machen, fühle mich für alles verantwortlich. Fehler sind was für andere und der nächste Karriereschritt schon eingeplant. Durch die hohe berufliche Identifikation und die dadurch oft gelingende Selbstwertstabilisierung kann es bei Männern lange dauern, bis es zu einem Burnout kommt. Oft wird dieses durch den Verlust der Identifikation mit der Arbeit ausgelöst, etwa durch einen Wechsel der Mitarbeiter oder der Vorgesetzen. Durch den Identifikations- und dadurch bedingten Selbstwertverlust schaffe ich es nicht mehr meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Welche Symptome deuten auf ein Burnout hin?

Immer mehr Menschen fühlen sich durch Hektik, Stress und Leistungsdruck überfordert und ausgepowert. Doch nur die wenigsten, die sich den zunehmenden Anforderungen nicht mehr gewachsen fühlen, sind an einem Burnout erkrankt.  Kritisch wird es, wenn Betroffene nicht mehr abschalten und regenerieren können, wenn die Arbeit Denken und Handeln dominiert. Das Dilemma dabei: Vor allem in der Anfangsphase zweifeln Erkrankte trotz ihrer Überaktivität immer stärker an ihrer Leistungsfähigkeit. Diesen Konflikt versuchen sie durch noch mehr Engagement und Einsatzbereitschaft auszugleichen.

Und es fehlt die Zeit, die Akkus wieder aufzuladen…

Genau. Es werden Dinge vernachlässigt, die Kraft und Energie spenden und die eigenen Ressourcen auffüllen. Selbst früher geschätzte Hobbys oder Treffen mit Familie und Freunden geraten mehr und mehr ins Hintertreffen. Dafür wird häufiger zum Alkohol oder zur Zigarette gegriffen, um „herunterzufahren“. Ein Gefühl von Misstrauen, Sinnlosigkeit und Verzweiflung macht sich zunehmend breit. Hinzu kommen vielfach Zynismus und einem Gefühl sich selber fremd zu sein.

Wann ist ein Burnout schon weit fortgeschritten?

Zuletzt ist es den Betroffenen aufgrund des tiefgehenden emotionalen, psychischen und körperlichen Erschöpfungszustandes vielfach kaum noch möglich, täglichen Verpflichtungen nachzukommen. Sozialer Rückzug und nachlassende Empathie sind weitere typische Folge-Symptome. Hinzu kommen in manchen Fällen körperliche Beschwerden wie etwa Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder Darmprobleme. Grundsätzlich unterscheiden sich die Beschwerden von Patient zu Patient.

Zeigen sich Burnout-Symptome bei Frauen und Männern unterschiedlich?

Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Vielfach ist bei Frauen jedoch die Emotionalität verändert und es kommt zu einer leichteren Kränkbarkeit. Bereits Kleinigkeiten führen zu einer überschießenden emotionalen Reaktion oder eine emotionale Anteilnahme bleibt aus. Hierdurch bedingt ziehen sie sich sozial eher zurück. Bei Männern hingegen kommt es zu einer reduzierten Stresstoleranz und dadurch zu einer vermehrten Reizbarkeit und aggressiverem Verhalten. Auch das Missbrauchspotential – insbesondere von Alkohol – ist bei Männern ausgeprägter als bei Frauen. Zudem flüchten sie häufig in exzessives Verhalten, etwa im Sport.

Wird ein Burn-out bei Männern und Frauen gleich behandelt?

Die Therapieziele bei Männern und Frauen bei vorliegendem Burnout sind gleich. Ziel der Therapie ist es, dem Patienten die Problematik bewusst zu machen und gemeinsam mit ihm einen Weg zu finden, um Stress besser bewältigen und sich vor negativen gesundheitlichen Folgen schützen zu können. Die Betroffenen lernen, wie sie sich von Ansprüchen und Anforderungen abgrenzen, die an sie herangetragen werden, die aber zum Beispiel nicht in ihr Aufgabengebiet fallen. Sie sollten lernen, auch einmal "Nein" zu sagen, sich selber wieder wahrnehmen zu können und in den Fokus zu setzen. Dabei werden insbesondere auch eigene Verhaltensmuster und Ansprüche reflektiert. Bei Patientinnen zählen dazu auch, wie bereits ausgeführt, die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft und die Mehrfachbelastung.

Wie sind die Heilungschancen bei Frauen und Männern mit Burnout?

Die Heilungschancen sind bei beiden Geschlechtern sehr gut. Über 90 Prozent aller Betroffenen ist es bei professioneller Hilfe wieder möglich, arbeiten zu gehen. Dabei ist es jedoch auch abhängig davon, wie früh sich Betroffene Hilfe hole beziehungsweise Hilfe zulassen. Oftmals stehen sie sich selber im Weg. Was bei hohen Ansprüchen und perfektionistischer Selbstwahrnehmung nur wenig verwunderlich ist.

Warum nehmen Männer seltener psychologische Hilfe beziehungsweise Hilfe im Allgemeinen an?

Psychische Erkrankungen beziehungsweise entsprechende Beschwerden werden von Männern immer noch relativ oft verschwiegen. Sie haben in der Regel eine höhere Schwelle, sich ihre seelischen Nöte einzugestehen und darüber zu sprechen. Diese widersprechen dem klassischen Bild des „starken Mannes“ und sind deshalb oft nach wie vor ein Tabu-Thema. Professionelle Hilfe wird von Männern dadurch weniger oder vielfach erst spät in Anspruch genommen.  

Herr Dr. Hagemann, vielen Dank für das Gespräch.


Verwendete Quellen:

  

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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