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Die Jugend in der Pandemie ‚Äď eine verlorene Generation?

dpa, Heinemeyer, Kayser, Hanraths, Hollman, Trauner

Aktualisiert am 28.01.2022Lesedauer: 6 Min.
Corona: Seit Beginn der Pandemie hat sich viel in unserem Leben verändert.
Corona: Seit Beginn der Pandemie hat sich viel in unserem Leben verändert. (Quelle: Stefan Zeitz/imago-images-bilder)
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Das Coronavirus hat uns viel genommen: Manchen die Unbeschwertheit und das Vertrauen in die Politik, anderen die wirtschaftliche Existenz

Das Wichtigste im √úberblick


Seit zwei Jahren lebt Deutschland mit dem Coronavirus. Nach der ersten Best√§tigung eines Falles am 27. Januar 2020 bei einem Mann aus Bayern hat das Robert Koch-Institut (RKI) mehr als acht Millionen Corona-F√§lle registriert. Sars-CoV-2 hat das Land ver√§ndert. Dauergenervte Menschen w√ľnschen sich ein "normales Leben" zur√ľck. Vielen Menschen hat das Virus jedoch das Leben genommen.


Booster-Impfung: F√ľr wen sie besonders wichtig ist

Senior: √úber 80-J√§hrige sollten sich den dritten Piks abholen, weil bei ihnen die Immunantwort nach der Impfung oft nicht so stark ausf√§llt. Zudem z√§hlen sie generell zu den Risikogruppen f√ľr einen schweren Verlauf von Covid-19. (Symbolbild)
Tabletteneinnahme: Bestimmte Medikamente wie Immunsuppressiva f√ľhren zu einer Immunschw√§che. Diese wiederum kann die Wirkung der Corona-Impfung beeintr√§chtigen. Allen Personen mit Immunschw√§che wird deshalb eine Booster-Impfung empfohlen. (Symbolbild)
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Was wir durch das Virus verloren haben:

Verlust an Menschenleben

Rund 116.000 Menschen starben in Deutschland bislang an oder unter Beteiligung einer Infektion, ein Vielfaches an Menschen verlor Angeh√∂rige, Freunde oder gute Bekannte. Das Statistische Bundesamt spricht von einer √úbersterblichkeit durch Corona. "Von M√§rz 2020 bis Mitte November 2021 sind in Deutschland mehr Menschen verstorben, als unter Ber√ľcksichtigung der demografischen Entwicklung zu erwarten gewesen w√§re", sagte Destatis-Vizepr√§sident Christoph Unger Ende 2021.

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Der Anstieg sei nicht allein durch die Alterung der Bev√∂lkerung erkl√§rbar, sondern ma√ügeblich durch die Pandemie beeinflusst. Dass die Zahl der Todesf√§lle 2021 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg die Marke von einer Million √ľberschritt, liegt aber nur zum Teil an Corona. Weil es immer mehr alte Menschen gibt, steigen die j√§hrlichen Totenzahlen seit etwa 20 Jahren im Schnitt um ein bis zwei Prozent.

Kliniken und Heime verlieren Pflegekräfte

Die Pandemie hat die Personalengp√§sse in der Pflege versch√§rft. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft berichtete im j√ľngsten Krankenhaus-Barometer von 22.300 unbesetzten Stellen, dreimal so viel wie 2016. Viele Pflegekr√§fte arbeiten am Limit und f√ľhlen sich ausgebrannt.

Es gibt vielerorts K√ľndigungen, hier spielt auch die geplante berufsbezogene Impfpflicht eine Rolle. Fast 40 Prozent der Pflegenden erw√§gen einen Berufswechsel, wie eine j√ľngst publizierte Befragung der Alice Salomon Hochschule (ASH) Berlin unter rund 2.700 Pflegepersonen ergab.

Covid-19: Die Pandemie hat die Personalengpässe in der Pflege verschärft.
Covid-19: Die Pandemie hat die Personalengp√§sse in der Pflege versch√§rft. (Quelle: Jens B√ľttner/dpa-bilder)

Bildungsr√ľckst√§nde bei Sch√ľlern

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) spricht von "gro√üen Bildungsl√ľcken" durch die ersten Corona-Wellen, die mit Schulschlie√üungen und Wechselunterricht einhergingen. Vorg√§ngerin Anja Karliczek r√§umte schon im vergangenen Fr√ľhjahr ein, dass 20 bis 25 Prozent der Sch√ľler "vermutlich gro√üe Lernr√ľckst√§nde" aufwiesen.

Das Mitte 2021 gestartete "Aufholprogramm" bewerten Bildungs- und Lehrerverbände ein halbes Jahr später kritisch. Ziel der Bildungspolitik ist es, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten.

Die Jugend ‚Äď eine verlorene Generation?

Sport- und Musikveranstaltungen fielen weg, Treffen mit Freunden wurden eingeschr√§nkt, Klassen- und Abifahrten abgesagt, ein Studentenleben findet kaum statt. Die Betroffenen f√ľhlen sich maximal eingeschr√§nkt, sagt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Ralph Schliewenz. Es gebe das Gef√ľhl, dass T√ľren sich schl√∂ssen, statt sich zu √∂ffnen.

Dennoch r√§t der Pr√§sidiumsbeauftragte f√ľr Kindeswohl und Kinderrechte des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) zu Gelassenheit: Die Jugend sei ohnehin gepr√§gt von Ver√§nderungen. Zwar gebe es mehr Jugendliche mit Anpassungsproblemen, der Gro√üteil passe sich aber sehr gut an ‚Äď weshalb Schliewenz auch ausdr√ľcklich nicht von einer "verlorenen Generation" sprechen will.

Homeschooling: Während der Pandemie mussten viele Kinder von zu Hause aus am Schulunterricht teilnehmen.
Homeschooling: Während der Pandemie mussten viele Kinder von zu Hause aus am Schulunterricht teilnehmen. (Quelle: Fotostand/K.Schmitt/imago-images-bilder)

Drastischer sieht das Christine Freitag, Kinder- und Jugendpsychiaterin am Universit√§tsklinikum Frankfurt am Main. "Das Bildungsniveau ist schon vor der Pandemie deutlich zur√ľckgegangen", sagt Freitag, "das wird noch schlimmer werden".

Dies habe langfristig negative Folgen f√ľr die Gesellschaft. Kinder und Jugendliche m√ľssten sich ausprobieren, entwicklungspsychologisch seien sie auf das Lernen von anderen angewiesen und brauchten mehr Sozialkontakte als Erwachsene.

F√ľr die Entwicklung der eigenen Emotionalit√§t und der sozialen Kompetenz ben√∂tigten Kinder ein Gegen√ľber. In der Praxis sieht die Klinikdirektorin beispielsweise eine deutliche Zunahme an Essst√∂rungen, auch bei j√ľngeren Kindern.

Br√ľchiger Familienfrieden?

Homeoffice und Kinderbetreuung, häusliche Enge, womöglich Impfdiskussionen: Pandemiebedingte Probleme seien hier vorprogrammiert, da könne auch der Familienzusammenhalt bröckeln, sagt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Schliewenz.

Wichtig sei, ein soziales Netzwerk wie Freundschaften aufzubauen, um gegebenenfalls anderweitig Halt zu bekommen. Schliewenz geht aber davon aus, dass die Mehrheit den Alltag gut geregelt bekommt. Zur Wahrung des Familienfriedens rät er, insbesondere beim Thema Impfen keine Entscheidung gegen den Willen von Kindern zu fällen.

Ist der gesellschaftliche Zusammenhalt abhanden gekommen?

Nein, meint die Soziologin Claudia Diehl, Co-Sprecherin des Exzellenzclusters "Die politische Dimension von Ungleichheit" an der Universit√§t Konstanz. "Das Thema Corona ist im Alltag sehr pr√§sent, deshalb ist es so schwer, es zu umgehen. Wir kennen alle den Impfstatus unseres Gegen√ľbers."

Das Thema ber√ľhre zudem etwas Entscheidendes f√ľr die sozialen Beziehungen: "Impfbef√ľrworter argumentieren mit Solidarit√§t und dem Schutz f√ľr Alte und Kranke, in ihrer Wahrnehmung sind andere unsolidarisch, und das geht an die Grundsubstanz sozialer Beziehungen." Das gelte gerade zwischen sich nahestehenden Menschen.

Eine Spaltung der Gesellschaft sieht Diehl aber nicht. "Spaltung suggeriert in etwa gleich große Gruppen. Wir sehen in vielen Bereichen aber eigentlich eine zunehmende Übereinstimmung." Nur eine kleine Minderheit trage etwa im Zug keine Maske, die Erstimpfrate bei Erwachsenen sei sehr hoch, die 3G-Regel am Arbeitsplatz finde wachsende Zustimmung.

Verluste in der Corona-Pandemie: Das Virus hat den Menschen nicht nur den Handschlag genommen.
Verluste in der Corona-Pandemie: Das Virus hat den Menschen nicht nur den Handschlag genommen. (Quelle: vichie81/PantherMedia/imago-images-bilder)

Entscheidend sei das Vertrauen in den Staat, daher sehe man bei den Corona-Demonstrationen durchaus Probleme, die schon vorher da waren. "Diese Proteste spiegeln vor allem ein geringes Vertrauen in staatliche Akteure und leider auch eine zunehmende Allianzbildung mit Rechtsextremen wider."

Nach der Pandemie werde dieser Eindruck, Corona h√§tte die Gesellschaft gespalten, wieder nachlassen, glaubt die Soziologin. "Wir d√ľrfen nicht vergessen, dass Konflikte und Meinungsunterschiede zu einer Gesellschaft dazugeh√∂ren."

Riesige Löcher im Staatshaushalt, vernichtete Existenzen

F√ľr die Wirtschaft ging in der Krise vor allem viel Geld verloren ‚Äď wenn auch nicht bei allen Unternehmen. Viele Privatverm√∂gen blieben von der Krise verschont oder sind gewachsen, etwa durch den Verzicht auf teure Reisen. Die auch pandemiebedingt kr√§ftig gestiegene Inflation d√ľrfte sich hier in den kommenden Monaten jedoch eher negativ auswirken.

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Den Staatshaushalt kam die Krise teuer zu stehen. Von Beginn der Pandemie bis Ende 2021 summieren sich die verschiedenen Hilfeleistungen der Bundesregierung f√ľr die Wirtschaft laut Wirtschaftsministerium auf rund 130 Milliarden Euro. Bis zum Ende der Pandemie d√ľrften es noch einige Milliarden mehr werden.

Hinzu kommen mehr als 40 Milliarden Euro f√ľr Kurzarbeitergeld und damit verbundene Sozialleistungen, wie die Bundesagentur f√ľr Arbeit auff√ľhrt. Auch deswegen blieb ein gro√üer Jobverlust aus. In der Gastronomie etwa ging nach Destatis-Angaben fast jeder vierte Job verloren.

Die kurzzeitige Arbeitslosigkeit lag zuletzt sogar niedriger als vor der Pandemie, die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig wie nie seit der Wiedervereinigung. Andererseits war die Zahl der Langzeitarbeitslosen zuletzt fast doppelt so hoch wie vor der Krise.

Welche Bereiche hat die Pandemie besonders erwischt?

Unter den Branchen gibt es klare Verlierer. Nicht nur in der Gastronomie, auch im station√§ren Einzelhandel, im Tourismus und im Kulturbetrieb gingen durch die Pandemie Existenzen verloren. Andere Branchen profitierten hingegen ‚Äď zum Beispiel der Onlinehandel, IT-Firmen, Paketdienste, Pharmaunternehmen und der Fahrradhandel.

Covid-19 in Deutschland: Im stationären Einzelhandel, in der Gastronomie, im Tourismus oder im Kulturbetrieb gingen durch die Pandemie Existenzen verloren.
Covid-19 in Deutschland: Im stationären Einzelhandel, in der Gastronomie, im Tourismus oder im Kulturbetrieb gingen durch die Pandemie Existenzen verloren. (Quelle: Thomas Frey/dpa-bilder)

Von der ganz gro√üen Pleitewelle blieb die Wirtschaft verschont. Dank staatlicher Hilfsma√ünahmen und rechtlicher Sonderregelungen sank sogar die Zahl der Insolvenzen: Nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts lag sie in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres 13,5 Prozent unter dem Wert des gleichen Zeitraums 2020 ‚Äď und auch unter dem Vor-Corona-Niveau. Experten rechnen aber f√ľr 2022 mit einem Anstieg der Zahlen.

Sport auf der Verliererstraße

Verlieren geh√∂rt zum Sport dazu, Corona hat aber ganze Ligen zu Verlierern gemacht. Das trifft besonders die Fu√üball-Bundesliga mit ihren vollen Stadien. Die Verantwortlichen redeten sich √ľber Jahrzehnte ein, der Sport schaffe als letzte gro√üe Bastion in der Mitte der Gesellschaft Verbindungen, die abseits des Rasens nicht mehr m√∂glich seien. Und jetzt? Die Corona-Krise hat die Probleme des Fu√üballs auf dem Weg weg von den Fans mehr denn je offengelegt.

Wegen korrupter Funktion√§re und ausufernder Millionenvertr√§ge hatten sich ohnehin Frust und Widerstand aufgebaut, bevor Corona auch noch den Gang ins Stadion verhinderte. Nun waren die Profifu√üballer noch weiter weg. Ob die Wiederann√§herung nach der Pandemie gelingt, bleibt abzuwarten. "Wir m√ľssen den Fu√üball wieder mehr zum Strahlen bringen", sagte der Aufsichtsratschef der Deutschen Fu√üball Liga, Borussia Dortmunds Gesch√§ftsf√ľhrer Hans-Joachim Watzke.

√úber Monate wurde die Bundesliga aufgrund ihrer Popularit√§t auch zum Spielball der Politik. Entscheidungen √ľber die Fan-Pr√§senz im Stadion waren im Verh√§ltnis zu anderen Beschl√ľssen teils schwer nachzuvollziehen. Manche Forderung des Fu√üballs wiederum wirkte wie der Ruf nach Sonderrechten. Das Verst√§ndnis f√ľr Millionenverluste der Vereine ist angesichts teils exorbitanter Geh√§lter begrenzt.

Gerade die kleinen Sportvereine trifft es schwer

Im Amateursport sind die Sorgen seit zwei Jahren noch existenzieller. Im vergangenen Oktober hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) f√ľr das erste Corona-Jahr 2020 einen Schwund von 792.119 Mitgliedschaften bei seinen 87.600 Vereinen beklagt, ein R√ľckgang von 2,85 Prozent.

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Im Kinder- und Jugendbereich war die Quote noch gravierender. Corona verhindert Sport. Und der ist zudem angewiesen auf die Zehntausenden ehrenamtlichen Helfer, die auch erst wieder in die Hallen und auf die Pl√§tze zur√ľckgeholt werden m√ľssen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte √Ąrzte. Die Inhalte von t-online k√∂nnen und d√ľrfen nicht verwendet werden, um eigenst√§ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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