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Brexit-Kämpfer Boris Johnson durch "gruselige Aktion" ausgetrickst

"Gruselige Aktion"  

So wurde Brexit-Star Boris Johnson ausgetrickst

03.07.2016, 19:54 Uhr | ckr, t-online.de

Brexit-Kämpfer Boris Johnson durch "gruselige Aktion" ausgetrickst. Vom Freund zum Todfeind: Boris Johnson (links) mit seinem ehemaligen Helfer Michael Gove. (Quelle: dpa)

Vom Freund zum Todfeind: Boris Johnson (links) mit seinem ehemaligen Helfer Michael Gove. (Quelle: dpa)

Donnerstagmorgen, 11 Uhr, im Sankt Ermin's Hotel in der Londoner Innenstadt: Nur 25 ahnungslose Abgeordnete sind gekommen – statt der erhofften 97. Sie sitzen zwischen der Hauptstadtpresse und warten darauf, dass Brexit-Star Boris Johnson seine Kandidatur für das Amt des Premierministers erklärt. 

Nur wenige Minuten später schlägt die Bombe ein: Johnson kündigt überraschend an, aus dem Rennen auszusteigen. Sagt es und verschwindet durch den Notausgang, ohne Fragen zu beantworten. Allen verschlägt es die Sprache, manche brechen in Tränen aus, Eilmeldungen jagen durchs Internet. Was ist geschehen?

"House of Cards wirkt dagegen wie Teletubbies" 

Der britische "Telegraph" hat das Spiel um die Macht und den Sturz des mittlerweile wohl am meisten verachteten Politikers in Großbritannien und ganz Europa nachrecherchiert. Die Vergleiche reichen von Shakespeare’s "Julius Caesar", der von seinem Ziehsohn Brutus gemeuchelt wird, bis hin zu Vergleichen mit der Polit-Intrigen-Serie "House of Cards".

"House of Cards wirkt dagegen wie Teletubbies", wird der Abgeordnete Nigel Evans zitiert. Von einer "gruseligen Aktion" spricht ein Johnson-Unterstützer. Andere nennen es "Hochverrat".

Der Brutus in diesem Stück: Justizminister Michael Gove - ein Mann, der vielen als der Inbegriff der Intrige gilt. Zusammen mit seiner Frau, der "Daily Mail"-Journalistin Sarah Vine, soll er Johnson überhaupt erst zur Brexit-Kampagne überredet haben. Allerdings nur, um ihn nach dem Sieg abzusägen und selbst für das Amt des Premiers zu kandidieren. So sieht es zumindest mittlerweile aus.

Viele Konservative  sind strikt gegen den Brexit 

Die Geschichte beginnt mit einer Dinnerparty in Johnsons Haus am 16. Februar dieses Jahres: Dort soll der politische Rechtsausleger und EU-Feind Gove den vormals bekannten EU-Befürworter Johnson trickreich dazu überredet haben, die Seiten zu wechseln. 

Würde unter seiner Führung das Austritts-Referendum am 23. Juni gewonnen, so Gove, dann habe Johnson die "Schlüssel zu Downing Street 10" praktisch in der Tasche - also das Amt des nächsten Premierministers.

Es sagt vermutlich viel über Johnsons Charakter aus, dass er sich an diesem Abend überreden lässt und seine der EU zugeneigte Überzeugung mal eben ins Gegenteil verkehrt. Fortan jedenfalls wirbt Johnson wortreich - und gern an der Wahrheit vorbei - für den Brexit. Mit Erfolg: Am vergangenen Freitag stimmen 52 Prozent der Wähler für den Brexit. Damit scheint die Sache klar.

Doch nun beginnt das eigentliche Drama des Boris Johnson: 97 von 330 konservativen Abgeordneten haben sich bis zum Frühsommer auf seine Seite geschlagen. Keine sehr beeindruckende Zahl, aber immerhin: Andere werden folgen, so die Hoffnung der Johnson-Unterstützer. 

Was der Volkstribun Johnson übersieht, Gove aber immer auf dem Schirm hat: Viele Konservative sind strikt gegen den Brexit, halten die ganze Volksabstimmung für eine Schnapsidee. Nachdem das Referendum durch ist, hat sich Johnson zur Hassfigur vieler Torys gemausert.

Und für Gove, der womöglich von Anfang an ein falsches Spiel spielt, ist es demnach ein Leichtes gewesen, Johnson den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, wie es jetzt heißt.

Hier nun der dramatische Countdown in den Tagen nach der Volksabstimmung, bis zu Johnsons "Exit", wie ihn der "Telegraph" beschreibt:

Die Nacht auf Sonntag nach dem Referendum

Zwischen Boris Johnson und Michael Gove schien bisher kein Blatt zu passen. Jetzt telefonieren sie miteinander: Gove will das Amt des Schatzkanzlers. Als Stabschef fordert er von Johnson seinen alten Gefährten, den umstrittenen Dominic Cummings. Den lehnt Johnson ab.

Sonntagmorgen

Jetzt gibt das Gove-Lager plötzlich bekannt, George Osborne, bisheriger Schatzkanzler, solle auch in einem Kabinett Johnson britischer Finanzminister bleiben – offenbar ohne Absprache mit Johnson. Das Johnson-Lager dementiert. Die Presse ist irritiert.

Sonntagmittag

Einige Austrittbefürworter treffen sich zum Lunch bei Michael Gove. Irgendwie scheint die Presse Wind davon bekommen zu haben. Aber wie? "Es war Goves Frau, Sarah Vine", sagt einer der Journalisten. Doch Gove gibt anschließend brav zu Protokoll: "Ich habe nicht die nötigen Eigenschaften und Qualifikationen, um Premierminister zu werden." 

Montagmorgen

Johnson wird für die "Brexiteers" plötzlich zum "Softi", der sich vor dem Erfolg seiner eigenen Kampagne zu fürchten scheint: Großbritannien werde sehr wohl auch nach dem Brexit Teil des EU-Binnenmarktes bleiben, schreibt er in einem Beitrag für den "Daily Telegraph". Gove hat ihm dabei angeblich die Feder geführt. Hat er ihn mit Absicht aufs falsche Gleis geschoben, um seine Unterstützer-Front zu untergraben?

Dienstag

Die Stimmung ändert sich: Vor einem Treffen mit Johnson schreibt Sarah Vine eine Mail an ihren Mann Michael. Er solle vorsichtig sein und Johnson ganz konkrete Zusagen für seine Rolle in einer künftigen Regierung abringen. "Andernfalls kannst du ihm deine Hilfe nicht garantieren", warnt sie ihn. Die Mail geht an Gove und einige seiner Helfer. Aber nicht nur: "Aus Versehen" setzt Vine einen Empfänger zu viel in die Mail: Die Nachricht landet bei "Sky News" und wird öffentlich.

Mittwochmittag

Johnson trifft die Energieministerin und EU-Gegnerin Andrea Leadsom, die selbst Ambitionen auf das Amt der Premierministerin hat. Johnson kann sie scheinbar dazu überreden, sich ihm anzuschließen – ein wichtiger Sieg für den ehemaligen Londoner Bürgermeister, der immer stärker in der Kritik steht. Gemeinsam mit ihm und Gove soll sie am Donnerstag im St. Ermin‘s auftreten, wenn Johnson seine Kandidatur erklärt.

Mittwochabend

Die Konservativen feiern ihr jährliches Sommerfest. Johnson muss Kritik einstecken. Immer mehr konservative EU-Befürworter machen ihrem Ärger offen Luft. Johnson und seine Helfer spüren: Es wird sehr schwer werden, mehr als die bislang 97 Abgeordneten auf ihre Seite zu ziehen. Nach dem Ball empfangen die Goves bei sich zu Hause Wirtschaftsminister Nick Boles – bislang einer der wichtigsten Johnson-Befürworter. Sie besprechen bis tief in die Nacht, ob Johnson der Richtige für das Amt des Regierungschefs ist. Mittlerweile haben sie auch erfahren, dass Energieministerin Leadsom wieder abgesprungen ist.

Donnerstagmorgen:

Heute um 9:30 will Innenministerin Theresa May ihre Kandidatur erklären. Um 11:30 Uhr soll Johnson folgen. Da platzt die erste Bombe des Tages: Gove ruft Johnsons Wahlkampfleiter, Sir Lynton Crosby, an und sagt: "Ich kandidiere." "Du kandidierst wofür", fragt Crosby. "Ich kandidiere selbst für die Führung." 

Kurze Zeit später lässt Gove bekannt geben: "Ich bin, wenn auch zögernd, zu der Überzeugung gelangt, dass Boris nicht in der Lage ist, die Führung zu gewährleisten oder ein Team zusammenzustellen, dass den künftigen Aufgaben gewachsen ist." Später sagt er, Johnsons "Brexit-Lite"-Artikel im "Daily Telegraph" sowie das Abrücken von Ministerin Leadsom hätten ihn davon überzeugt, "dass Boris gestoppt werden muss".

Dann tritt Theresa May auf. Sie hat schon vor Johnson vom "Verrat" Goves erfahren und weiß, dass Johnson am Ende ist. Die Zahl seiner Unterstützer nimmt von Minute zu Minute ab: Von ehemals 97 bekennen sich am Donnerstag nur noch 47 zu ihm. May reißt vor der Presse Witze über Johnson: Ja, er habe auch internationale Erfahrung. Als Londoner Bürgermeister sei er von einem Deutschland-Besuch sogar mal mit "drei fast neuen Wasserwerfern zurückgekommen." 

11:30 Uhr: Johnson tritt auf. Er weiß seit rund zwei Stunden, dass er keine Chancen mehr auf die Nomierung als Premierminister hat. Nur 25 Abgeordnete sind überhaupt gekommen. Es sind die, die noch von nichts wissen. Das Drama nimmt seinen Lauf. Danach entschwindet Johnson. 

Heute überschlagen sich die Zeitungskommentatoren: "Wortgewandter Lackaffe", wird er genannt, "Dilettant" und "Spieler". Tory-Veteran Michael Heseltine sagt: Er "ist wie ein General, der seine Truppen in das Gewehrfeuer führt, um dann das Schlachtfeld zu verlassen. Mit dieser Schande muss er leben." 

Besonders bitter: Selbst Johnsons Vater, der frühere Abgeordnete und EU-Befürworter Stanley Johnson, hat mittlerweile öffentlich erklärt, er halte Gove für den besten Kandidaten. Sogar er scheint erkannt zu haben, dass sein Sohn bei einem verantwortungslosen Spiel um die Macht ganz einfach den Kürzeren gezogen hat. Das Kapitel Boris Johnson ist erledigt. Mitleid hat irgendwie niemand. 

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