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Nawalnys Trauerfeier | Mehr als 100 Festnahmen bei Beisetzung des Kremlkritikers


Kremlkritiker beerdigt
Bericht: Mehr als 100 Festnahmen während Nawalny-Beerdigung


Aktualisiert am 01.03.2024Lesedauer: 4 Min.
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Hunderte Menschen skandierten Nawalnys Namen: Während der gesamten Bestattungsprozedur kam es zu emotionalen Szenen – und Festnahmen. (Quelle: t-online)

Zu den Trauerfeierlichkeiten des Kremlkritikers Alexej Nawalny kamen Tausende von Menschen. Der Kreml stand dem mit einem Großaufgebot von Soldaten entgegen. Es kam zu Festnahmen.

Tausende Menschen drängten sich vor die Absperrungen an der Kirche zu Ehren der Gottesmutterikone "Lindere meine Trauer" im südöstlichen Bezirk Marjino in Moskau. Hier fand die Trauerfeier für den Kremlkritiker Alexej Nawalny statt. Das Gelände war weitreichend mit Zäunen abgesperrt. An verschiedenen Stationen standen bewaffnete Soldaten neben Metalldetektoren. Sie kontrollierten die Menschen, die auf den Vorplatz der Kirche gelassen wurden.

Die Bürgerrechtsplattform OWD-Info schrieb am Freitagabend von 128 Festnahmen in 19 Städten. "In jedem Polizeirevier können mehr Festgenommene sein als in den veröffentlichten Listen", heißt es zudem. In den meisten Fällen wurden die Betroffenen nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die meisten Festnahmen gab es demnach in der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk. Dort seien mindestens 31 Personen in Gewahrsam genommen worden, berichtet OWD-Info. In der Ural-Metropole Jekaterinburg hat die Polizei weitere 19 Menschen festgenommen. In Moskau sollen es 17 Personen sein, davon müssten drei die Nacht auf dem Revier verbringen, heißt es.

Einige der Trauernden, die sich vor der Kirche versammelten, hatten Blumen dabei. "Wir haben keine Politiker wie ihn mehr, und niemand weiß, wann wir wieder welche haben werden", sagte die 55-jährige Maria der Nachrichtenagentur AFP. Sie empfinde "Angst und Trauer". Der 43-jährige Maxim sagte, er sehe "nichts Illegales daran, sich von einem großen Mann zu verabschieden".

"Du hattest keine Angst, und wir haben keine Angst"

Unter lautem Applaus empfingen die Anwesenden den Leichenwagen, in dem sich Nawalnys Sarg befand. Die Menge rief seinen Namen oder "Danke". Trotz der Drohkulisse der Soldaten riefen sie: "Du hattest keine Angst, und wir haben keine Angst".

Später schlagen die Trauerbekundungen zwischenzeitlich sogar in offene Anti-Kreml-Proteste und Anti-Kriegs-Proteste um – es sind die ersten derartigen Kundgebung seit langer Zeit in diesem Ausmaß. "Russland ohne Putin", "Putin ist ein Mörder" und "Nein zum Krieg", sind nur einige von ihnen. Die Polizei bringt sich mit zahlreichen Gefangenentransportern in Stellung, lässt die Demonstranten aber erst einmal gewähren. Mitunter wirken die Beamten regelrecht überfordert angesichts der riesigen Menschenmenge.

In die Kirche selbst durften nur Familienmitglieder und enge Freunde. Laut Medienberichten nahmen etwa 300 Menschen an dem Gottesdienst teil. Auf dem abgesperrten Vorplatz der Kirche warteten Reporter und Politiker – bewacht von Soldaten. Auch der deutsche Botschafter Alexander Graf Lambsdorff, sein französischer Kollege und die US-Botschafterin sowie die russischen Oppositionspolitiker Jewgeni Roisman, Boris Nadeschdin und Jekaterina Dunzowa waren vor Ort.

Familie nahm Abschied von Nawalny

Bilder aus der Kirche zeigten, wie die Familie von Putins größtem Kritiker um seinen Sarg sitzt. Er war gebettet in einen braunen Sarg, auf einem weißen Tuch. Der Sarg war während der Zeremonie offen und Nawalny mit vielen Blumen bedeckt. Die Trauergäste verabschiedeten sich von ihm, hielten seine Hand, seine Mutter und andere Familienmitglieder küssten sein Gesicht. Die Zeremonie sollte Berichten zufolge so schnell wie möglich abgehalten werden. Zu groß war scheinbar die Angst, dass der Gottesdienst zu einem Massenereignis wird, heißt es vom Team des Kremlkritikers.

Nach dem Trauergottesdienst wurde Nawalnys Sarg zum Friedhof gebracht. Tausende pilgerten rund eine halbe Stunde von der Kirche zum letzten Ruheort des Kremlkritikers. Menschen, die in der Nähe standen, warfen eine Handvoll Erde in das Grab. Im Hintergrund lief die Titelmusik der Terminator-Filme. Laut einem Mitarbeiter von Nawalny, Leonid Wolkow, hatte dieser Terminator 2 oft als "den größten Film aller Zeiten" bezeichnet.

Verschiedene Liveübertragungen von Medienhäusern und Nawalnys Team brachen immer wieder ab. Das Team des Oppositionellen meldete bereits am Vormittag, dass das Mobilfunknetz eingeschränkt sei. In sozialen Medien wurde spekuliert, ob Fahrzeuge mit Antennen, die vor dem Gelände standen, das Netz destabilisierten. Belege hierfür gibt es jedoch bislang nicht.

Seine Frau und sein Bruder waren nicht anwesend

Weder Julija Nawalnaja noch seine Kinder und sein Bruder Oleg konnten bei der Beerdigung anwesend sein. Sie leben im Exil. Ihnen droht eine Verhaftung, wenn sie nach Russland zurückkehren sollten. Darum verabschiedeten sie sich auf ihren Instagram-Kanälen von Alexej Nawalny.

Nawalnaja, Nawalnys Witwe, postete auf Instagram eine emotionale Botschaft an ihren verstorbenen Mann. "Ljoscha, ich danke dir für 26 Jahre absolutes Glück. Ja, sogar für die letzten drei Jahre des Glücks. Für die Liebe, dafür, dass du mich immer unterstützt hast, dass du mich sogar im Gefängnis zum Lachen gebracht hast, dass du immer an mich gedacht hast", schrieb sie. Mehr dazu lesen Sie hier.

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Bundeskanzler Olaf Scholz schrieb auf der Plattform X: "Alexej Nawalny hat seinen Kampf für Demokratie und Freiheit mit dem Leben bezahlt." Mutige Russinnen und Russen würden sein Vermächtnis nun weitertragen. Sie seien mit dem Besuch der Beerdigung ein großes Risiko eingegangen.

Die Trauerfeier hatte um zwölf Uhr deutscher Zeit (14 Uhr Ortszeit) begonnen, zwei Stunden später wurde der Kremlkritiker beigesetzt. Allerdings kam es zu kleinen Verzögerungen.

Die Beerdigung wurde streng bewacht. Der Kreml hatte vor Beginn vor der Teilnahme an "nicht genehmigten" Versammlungen gewarnt. Wer an einer solchen Kundgebung teilnehme, werde "gemäß dem geltenden Recht zur Verantwortung gezogen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Tass. Trotzdem waren viele Menschen zu der Beisetzung gekommen. Die "Moscow Times" berichtete, die Schlange vor der Kirche sei rund 1,5 Kilometer lang gewesen.

Nawalny war nach Angaben der russischen Behörden am 16. Februar in einer russischen Strafkolonie in der Arktis gestorben, wo er eine 19-jährige Haftstrafe absaß. Den Angaben zufolge starb er eines "natürlichen Todes", die genauen Umstände sind allerdings weiter unklar.

Verwendete Quellen
  • Livestream der Nachrichtenagentur Reuters
  • Livestream von Nawalnys Team
  • Mit Informationen der Nachrichtenagenturen dpa und AFP
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