Sie sind hier: Home > Politik > Ausland >

Afghanistan: Peitschenhiebe und Exekutionen – Wie Taliban Schrecken verbreiten

Peitschenhiebe und Exekutionen  

Wie die Taliban Schrecken in Afghanistan verbreiten

Von Lisa Becke

16.08.2021, 16:38 Uhr
 (Quelle: Euronews German)
Kabul: Video zeigt Taliban in Präsidentenpalast

Die USA, Deutschland, Großbritannien und viele andere Staaten haben begonnen, ihr Botschaftspersonal außer Landes zu bringen. Am internationalen Flughafen von Kabul herrschte am Sonntag Chaos. (Quelle: Euronews German)

Machtübernahme in Kabul: Ein Video zeigt Talibankämpfer im Präsidentenpalast der afghanischen Hauptstadt. (Quelle: Euronews German)


Die Taliban kehren zurück an die Macht – auch ihre grausamen Bestrafungsmethoden drohen zurückzukommen. Anzeichen dafür gibt es zuhauf. Das zeigen Videos in den sozialen Medien und Berichte von vor Ort.

Als die Talibankämpfer am Sonntag die afghanische Hauptstadt Kabul eingekreist hatten und kurz vor der De-facto-Machtübernahme standen, gab der Taliban-Sprecher Suhail Shaheen dem britischen Rundfunksender BBC ein Interview. "Wir sichern den Menschen, besonders in der Stadt Kabul, zu, dass ihr Besitz, ihre Leben sicher sind", sagte er.

Im selben Gespräch wurde jedoch auch klar: Verstümmelungen, Steinigungen, Hinrichtungen könnten in Afghanistan unter Taliban-Herrschaft an der Tagesordnung stehen. Denn: Als die BBC-Moderatorin den Taliban-Sprecher spezifisch danach fragte, antwortete dieser: "Das kann ich momentan nicht sagen. Das hängt von den Gerichten und den Richtern und den Gesetzen ab."



Schon jetzt zeigen Videos in den sozialen Medien und Schilderungen von vor Ort genau dies: grausame Bestrafungen, basierend auf der Auslegung der Scharia-Gesetze der radikalislamischen Miliz.

Mit Stricken um den Hals durch die Stadt geführt

So berichtete die "Bild"-Zeitung von einem Video aus Kabul, das am Sonntag, dem Tag des Falls der afghanischen Hauptstadt, entstanden sein soll. Darauf zu sehen: Zwei aneinandergefesselte Männer, angeblich des Diebstahls bezichtigt. Umringt von einer Horde Männer, die die beiden auspeitschen.

Ein anderes Video vom Freitag soll eine Szene in der Stadt Herat zeigen – die radikalislamische Miliz hatte die drittgrößte Stadt des Landes am Donnerstag erobert. Der afghanische Journalist Bilal Sarwary hatte die Bilder geteilt und kommentiert, der Vorfall habe sich nach dem Freitagsgebet zugetragen. Darauf sollen ebenfalls zwei des Diebstahls beschuldigte Männer zu sehen sein. Ihre Gesichter waren schwarz beschmiert – mit Stricken um den Hals wurden sie mutmaßlich von Talibankämpfern durch die Stadt geführt.

Auch zuvor gab es bereits vereinzelt Berichte, dass die Taliban in den von ihnen eroberten Gebieten wie während ihrer früheren Herrschaft von 1996 bis 2001 erneut unmenschliche und drakonische Strafen verhängen. 

Die Taliban-Herrschaft in den 1990ern sei von "systematischen Verletzungen" gegen Frauen und Mädchen gekennzeichnet gewesen, so Human Rights Watch. Außerdem an der Tagesordnung: grausame körperliche Bestrafungen, Exekutionen und extreme Unterdrückung der Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Bildungsfreiheit.

Taliban-Richter: Wenn jemand gestohlen hat, müssen Hände abgehackt werden

So scheint es auch jetzt wieder zu sein: Die "New York Times" berichtete Ende Juli, dass Taliban in einer Stadt nördlich von Laschkargah zwei Männer für alle sichtbar am Eingangstor zur Stadt gehängt hätten. Sie seien beschuldigt worden, Kinder entführt zu haben.

Berichte aus der Stadt Balkh geben weitere Einblicke: Eine Frau soll aufgrund "unanständiger Kleidung" getötet worden sein. Ein Mann sei offenbar gezwungen worden, so lange barfuß weiterzulaufen, bis er ohnmächtig geworden sei – weil er "nicht-islamische" Musik gehört habe. So berichtet es die BBC.

Ein Richter der Taliban, Haji Badruddin, verteidigt diese brutalen Strafen. Einem BBC-Journalisten sagte er: "In unserer Scharia ist es sehr klar: Diejenigen, die unverheiratet Sex haben, sei es ein Mädchen oder ein Junge, werden mit 100 Peitschenhieben in der Öffentlichkeit bestraft. Derjenige, der verheiratet ist, muss gesteinigt werden. Wenn es bewiesen ist, dass jemand gestohlen hat, müssen seine Hände abgehackt werden."

Abbildungen von unverschleierten Frauen wurden übermalt

Ein besonderes Augenmerk gilt der drohenden Verschlechterung der Situation von Frauen in dem Land. Die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai zeigte sich "vollkommen geschockt" über den Vormarsch der Taliban in Afghanistan. "Ich bin in tiefer Sorge um die Frauen, Minderheiten und Menschenrechtsaktivisten", schrieb sie am Sonntag auf Twitter.

Im Oktober 2012 überlebte die Aktivistin selbst im Alter von 15 Jahren ein Attentat, bei dem Talibankämpfer im Norden Pakistans ihren Schulbus gestoppt und ihr in den Kopf geschossen hatten.

Die Rechte von Frauen würden respektiert – das versicherte der Taliban-Sprecher Suhail Shaheen am Sonntag. Sie würden Zugang zu Bildung haben und auch arbeiten sowie alleine das Haus verlassen dürfen. 

Doch daran ist zu zweifeln. Schon zuvor waren unter Taliban-Herrschaft Frauen fast gänzlich vom öffentlichen Leben ausgeschlossen worden. Und Fotos aus der Stadt Kabul am Sonntag zeigen: Offenbar wurden noch am selben Tag Bilder von unverschleierten Frauen übermalt.

In der Stadt Kandahar, der zweitgrößten Stadt Afghanistans, sollen Talibankämpfer nach der Eroberung der Stadt am vergangenen Freitag in eine lokale Bank marschiert sein und neun weibliche Angestellte fortgeschickt haben. So berichtet es die britische Zeitung "The Independent". Männer sollen ihre Stellen übernommen haben.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Madeleinetchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: