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Hier soll Polens atomare Zukunft entstehen

dpa, Von Doris Heimann

05.09.2021Lesedauer: 3 Min.
Bauruine des Atomkraftwerks Zarnowiec etwa 70 Kilometer nordwestlich von Gdansk: Sp├Ątestens 2026 soll der Bau eines neuen Reaktors beginnen.
Bauruine des Atomkraftwerks Zarnowiec etwa 70 Kilometer nordwestlich von Gdansk: Sp├Ątestens 2026 soll der Bau eines neuen Reaktors beginnen. (Quelle: imago-images-bilder)
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Die Katastrophe von Tschernobyl 1986 brachte die Atomkraft auch in Polen in Verruf. Der Bau eines Reaktors an der Ostsee wurde 1990 beendet. Jetzt plant die rechtskonservative Regierung dort den Wiedereinstieg.

Ein Schild am braunen Eisentor warnt: "Baugel├Ąnde. Betreten verboten." Doch auf dem Zufahrtsweg dahinter wuchert ein Wald aus hohen Kiefern ÔÇô gebaut wird hier schon lange nicht mehr. In Zarnowiec, nur wenige Kilometer von der Ostseek├╝ste entfernt, sollte in kommunistischer Zeit Polens erstes Atomkraftwerk entstehen.

Heute wirkt die riesige Bauruine wie das Symbol einer gescheiterten Epoche: Rostige Stahlgitter ragen aus verwitterten Betonkl├Âtzen, an der Plattform eines Metallmasts h├Ąngen noch Flutlichter. Der in den 1980er-Jahren begonnene Prestige-Bau wurde 1990 aufgeben. Auch in Polen wuchs nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 der Widerstand gegen die Atomkraft.

Doch jetzt plant Polens nationalkonservative PiS-Regierung den massiven Einstieg in die Atomenergie. In Deutschland wird das mit Sorge verfolgt. Die beiden favorisierten Standorte liegen in der N├Ąhe der Ostsee: Erneut Zarnowiec und ganz in der N├Ąhe Lubiatowo-Kopalino, beide etwa 70 Kilometer von Gdansk und 450 Kilometer von Berlin entfernt.

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Polen: 80 Prozent Energie aus Kohle

Sp├Ątestens 2026 soll mit dem Bau des ersten Reaktorblocks begonnen werden, der 2033 ans Netz gehen soll, hei├čt es im Strategiepapier "Polens Energiepolitik bis 2040". Bis zum Jahr 2043 sollen f├╝nf weitere Reaktorbl├Âcke folgen. Die Atomkraftwerke (AKW) sollen Polen beim Ausstieg aus der Kohle helfen: Gegenw├Ąrtig gewinnt das Land fast 80 Prozent seiner Energie aus Steinkohle und Braunkohle.

"Die Beispiele von hoch industrialisierten und hoch entwickelten L├Ąndern und Regionen wie Frankreich, Schweden und der kanadischen Provinz Ontario beweisen, dass die Atomenergie zur effizienten, schnellen und tiefgreifenden Dekarbonisierung der Elektroenergetik beitr├Ągt", wirbt die Regierung in einem weiteren Papier von 2020 zu ihrer Atompolitik. AKW seien die "billigste Energiequelle unter Ber├╝cksichtigung der Gesamtkostenbilanz und der Betriebszeit" und k├Ânnten die "energetische Sicherheit des Landes" absichern.

Im Oktober 2020 schloss Polen bereits ein Abkommen mit den USA ├╝ber nukleare Zusammenarbeit. Der US-Konzern Westinghouse soll an den Modellstudien beteiligt werden.

Gr├╝ne kritisieren Polens Atompl├Ąne

Laut einer aktuellen Umfrage lehnen 45 Prozent der Polen den Bau von Atomkraftwerken ab, 39 Prozent sind daf├╝r. Trotzdem gebe es in der Region um Gdansk bislang keine Organisation, die gegen die AKW-Pl├Ąne mobil mache, sagt der Abgeordnete der polnischen Gr├╝nen, Tomasz Anisko. Daf├╝r w├Ąchst das Unbehagen in Deutschland.

Polens Pl├Ąne seien r├╝ckw├Ąrtsgewandt, sagt Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Gr├╝nen-Bundestagsfraktion. "Die polnische Entscheidung ist ├Âkonomisch nicht klug und nimmt Risiken auf sich, die heute v├Âllig ├╝berfl├╝ssig sind." Ein Gutachten, das ihre Fraktion bei f├╝nf renommierten Umwelt- und Nuklearexperten in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Schluss: Bei einem Unfall in einem polnischen AKW w├Ąre Deutschland bei Betrachtung aller Wind- und Wetterm├Âglichkeiten mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent betroffen. "Im schlimmsten Fall w├Ąren 1,8 Millionen Deutsche einer Strahlung ausgesetzt, bei der evakuiert wird", sagt Kotting-Uhl.

Die Gr├╝nenabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl: "Im schlimmsten Fall w├Ąren 1,8 Millionen Deutsche einer Strahlung ausgesetzt, bei der evakuiert wird".
Die Gr├╝nenabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl: "Im schlimmsten Fall w├Ąren 1,8 Millionen Deutsche einer Strahlung ausgesetzt, bei der evakuiert wird". (Quelle: S. Gabsch/imago-images-bilder)

Bundesregierung sieht Pl├Ąne skeptisch

Auch die Bundesregierung hat reagiert. Ende M├Ąrz schickte sie der Regierung in Warschau eine Stellungnahme mit vielen offenen Fragen zum polnischen Energieprogramm 2040. Berlin fordert die Einbindung in die AKW-Planung, weil potenziell erhebliche negative grenz├╝berschreitende Umweltauswirkungen auf Deutschland nicht ausgeschlossen werden k├Ânnten, hei├čt es darin. Auch stamme die Umweltvertr├Ąglichkeitspr├╝fung f├╝r die AKW-Standorte von 2010 und sei veraltet. Ungekl├Ąrte Fragen aus deutscher Sicht betreffen zudem den Aufbau einer polnischen Atomaufsichtsbeh├Ârde sowie die Zwischen- und Endlager f├╝r verbrauchte Brennelemente.

Zum weiteren Verlauf des Dialogs mit dem Nachbarland gibt sich das Bundeswirtschaftsministerium zugekn├Âpft. "Mit R├╝cksicht auf die bilaterale Zusammenarbeit" wolle man keine Einzelheiten zur Kommunikation mit der polnischen Regierung nennen, teilte eine Sprecherin mit. Im Warschauer Ministerium f├╝r Klima und Umwelt hei├čt es dazu lediglich, man habe Anfang Mai auf die Fragen der Bundesregierung geantwortet und auf die entsprechenden Beschl├╝sse der polnischen Regierung verwiesen.

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Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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Studie: Zahl der Nuklearsprengk├Âpfe steigt "besorgniserregend"
  • Marc von L├╝pke-Schwarz
Von Marc von L├╝pke
BundesregierungDeutschlandOstseePolenTschernobyl

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