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Weltklimarat: Es geht um das Überleben der Menschheit

Von dpa
28.02.2022Lesedauer: 4 Min.
Ein Mann beobachtet, wie sich WaldbrÀnde dem Strand von Kochyli in der NÀhe des Dorfes Limni auf der Insel Evia (Griechenland) nÀhern.
Ein Mann beobachtet, wie sich WaldbrÀnde dem Strand von Kochyli in der NÀhe des Dorfes Limni auf der Insel Evia (Griechenland) nÀhern. (Quelle: Thodoris Nikolaou/AP/dpa./dpa)
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Berlin/Genf (dpa) - Die Erderhitzung fĂŒhrt nach dem neuen Bericht des Weltklimarats (IPCC) bereits zu gefĂ€hrlichen VerĂ€nderungen der Natur und Milliarden Menschen leiden immer stĂ€rker darunter.

"Die Auswirkungen, die wir heute sehen, treten viel schneller auf und sind zerstörerischer und weitreichender als vor 20 Jahren erwartet", berichtete die IPCC-Arbeitsgruppe am Montag zu den Folgen des Klimawandels. Das erhöhe Armut und Ungleichheit und werde mehr Menschen, die in ihrer Heimat kein Auskommen mehr haben, zur Migration zwingen. Selbst wenn es gelingt, die ErwĂ€rmung auf 1,5 Grad ĂŒber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, muss die Menschheit schon in den nĂ€chsten 20 Jahren erhebliche Auswirkungen verkraften. Die Regierungen tĂ€ten noch lange nicht genug, um die schlimmsten Gefahren abzuwenden.

Experte: Auch Deutschland muss mehr tun

"Wir haben ein schrumpfendes Zeitfenster", warnte der Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe, der deutsche Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner. Der Bundesregierung gibt er fĂŒr ihre Klimapolitik teils schlechte Noten: "FĂŒr die Ambitionen kriegt sie eine Drei und fĂŒr die Umsetzung eine Vier minus bisher", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Folgen sind schon jetzt in allen Teilen der Welt sichtbar: Es gibt verheerende WaldbrĂ€nde wie im Mittelmeerraum und im Westen der USA, Überschwemmungen wie in der Region Ahr und Erft im Juli 2021, Hitzewellen wie in Sibirien.

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30 bis 50 Prozent der ErdoberflĂ€che mĂŒsse fĂŒr NaturrĂ€ume zur VerfĂŒgung gehalten werden. Diese RĂ€ume könnten durchaus genutzt werden, aber nur in einem nachhaltigen Miteinander von Mensch und Natur. "Dieses Denken ist in der Politik noch nicht so richtig angekommen", sagte Pörtner vor Journalisten.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine werfe die KlimaschutzbemĂŒhungen zurĂŒck. "Dieser Konflikt fĂŒhlt sich an wie aus der Zeit gefallen, wenn man sich ĂŒberlegt, welche existenziellen Nöte die Menschheit eigentlich hat im Kontext der Auswirkungen des Klimawandels und des BiodiversitĂ€tsverlustes." Die Kosten zur BewĂ€ltigung der Folgen des Klimawandels und fĂŒr Anpassungsmaßnahmen seien unterschĂ€tzt worden.

Kipppunkte in Sichtweite

Noch nĂ€hmen Ökosysteme mehr Treibhausgase auf als sie selbst verursachten, heißt es in den IPCC-Dokumenten. Das Ă€ndere sich aber, wenn Urwald abgeholzt oder Torfmoorgebiete trockengelegt werden oder der arktische Permafrost schmilzt. "Dieser und andere Trends können noch umgekehrt werden, wenn Ökosysteme instandgesetzt, wieder aufgebaut und gestĂ€rkt und nachhaltig bewirtschaftet werden", schreiben die Wissenschaftler. "Gesunde Ökosysteme und eine reiche Artenvielfalt sind die Grundlage fĂŒr das Überleben der Menschheit."

"Steigende Temperaturen und extreme Ereignisse wie DĂŒrren, Überschwemmungen und Hitzewellen setzen Pflanzen und Tiere klimatischen Bedingungen aus, die sie seit Zehntausenden Jahren nicht mehr erlebt haben."

Die globale ErwĂ€rmung treffe mit anderen Herausforderungen zusammen, so der Weltklimarat. Er zĂ€hlt die wachsende Weltbevölkerung auf, die Migration der Menschen in StĂ€dte, zu hohen Konsum, wachsende Armut und Ungleichheit, Umweltverschmutzung, Überfischung und jĂŒngst die Coronavirus-Pandemie. Krankheitsrisiken nĂ€hmen weiter zu, das Dengue-Fieber werde sich ausbreiten, auch nach Europa.

Schon jetzt enorme Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere

Hitze und Extremwetter trieben Pflanzen und Tiere an Land und in den Ozeanen Richtung Pole, in tiefere GewĂ€sser oder höhere Lagen. Meerespflanzen und -tiere bewegten sich wegen der steigenden Wassertemperaturen im Durchschnitt um 59 Kilometer pro Jahrzehnt Richtung Nord- und SĂŒdpol. Viele Arten erreichten bei der Anpassung an den Klimawandel Grenzen und seien vom Aussterben bedroht. Bei einer globalen ErwĂ€rmung von zwei Grad ĂŒber dem vorindustriellen Niveau seien 18 Prozent der heutigen an Land befindlichen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, bei vier Grad 50 Prozent.

"Der Zeitpunkt wichtiger biologischer Ereignisse wie Fortpflanzung oder BlĂŒte verĂ€ndert sich", berichten die Wissenschaftler. Beispiel sei die VerfĂŒgbarkeit von Insekten zur Zeit der Vogelbrut. Bis Ende des Jahrzehnts könnten Fischer in den tropischen Regionen Afrikas bis zu 41 Prozent weniger fangen. In Afrika sei Fisch fĂŒr ein Drittel der Menschen die Hauptproteinquelle. Wenn die ErwĂ€rmung 2,1 Grad erreiche, dĂŒrften in Afrika bis 2050 zusĂ€tzlich 1,4 Millionen Kinder wegen UnterernĂ€hrung in ihrer Entwicklung fĂŒr immer zurĂŒckbleiben.

Es seien fundamentale gesellschaftliche VerĂ€nderungen nötig. Die Energie mĂŒsse sauber, die WegwerfmentalitĂ€t beseitigt werden. StĂ€dte und Landwirtschaft mĂŒssten nachhaltig und die MobilitĂ€t verĂ€ndert werden: mehr Rad- statt Autofahren, mehr Zugfahren statt Fliegen. Wichtig sei, die gesamte Bevölkerung mitzunehmen, mahnte die Klimaforscherin und Mitautorin Daniela Schmidt: "Wenn wir wunderbare grĂŒne StĂ€dte haben, können sich Leute, die da jetzt leben, das vielleicht dann nicht mehr leisten", sagte sie.

Der Weltklimarat wurde 1988 gegrĂŒndet. Der neue Report ist Teil zwei seines 6. Sachstandsberichts zum Klimawandel. Der erste Teil ĂŒber die wissenschaftlichen Grundlagen kam im August 2021 heraus. Der dritte Teil befasst sich mit Möglichkeiten, den Klimawandel zu mindern. Er wird im April erwartet. Laut Weltklimarat lag die globale Durchschnittstemperatur im Zeitraum 2010 bis 2019 durch die vom Menschen verursachten Treibhausgase rund 1,1 Grad höher als in vorindustrieller Zeit (1850-1900). Allein seit dem 5. Sachstandsbericht 2014 war sie um 0,2 Grad gestiegen.

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