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Die Befreiung von Charkiw gelang nur mit westlichen Waffen


Ukrainische Gegenoffensive
Die Befreiung von Charkiw gelang nur mit westlichen Waffen

  • Daniel Mützel
Von Daniel Mützel und Konstantin Chernichkin

Aktualisiert am 13.05.2022Lesedauer: 8 Min.
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Leid und Zerstörung: Unser Reporter trifft Soldaten und Zivilisten in der von Angriffen gezeichneten Stadt Charkiw. (Quelle: t-online)

Während deutsche Intellektuelle Kiew de facto zur Kapitulation aufrufen, erobert die ukrainische Armee bei Charkiw ein Dorf nach dem anderen. In den befreiten Orten berichten Menschen vom täglichen Bombenterror – und der Achillesferse der russischen Armee.

Die ganze Gewalt und Brutalität eines Krieges zeigt sich manchmal in einem winzigen Augenblick.

"Ich bin jetzt im Himmel. Aber ich komme aus der Hölle."

Svetlana zittert, blickt nach unten und wischt sich eine Träne aus dem Auge. Die Angst, die sie immer noch hat, man spürt sie beim Zuhören.

Der Himmel hat viel zu kleine Stühle, an den Wänden kleben bunte Schmetterlinge, und überall liegt Lego. Ihr Flüchtlingsheim war bis vor Kurzem noch ein Kindergarten, die 58-Jährige teilt sich die engen Räumlichkeiten mit 90 anderen Geflohenen. Doch die Unterkunft im ostukrainischen Charkiw ist vor allem eines: relativ sicher.

Svetlana ist dem Bombenterror in Ruska Losowa entkommen, einer Siedlung nördlich der Millionenstadt. Zwei Monate lang hauste sie in einem Keller, ohne Strom und fließend Wasser, während die russische Artillerie ihren Ort sturmreif schoss.

"Als ich eines Tages herauskroch, sah ich, wie das ganze Dorf brannte. Ich kannte so etwas nur aus Büchern. Wie ein schlimmes Märchen."

Der Albtraum endete für Svetlana vor knapp zwei Wochen, als die ukrainische Armee Ruska Losowa befreite. Während russische Truppen im Rückzug weiter auf das Dorf feuerten, sammelten Helfer Überlebende ein und brachten sie zu Evakuierungsbussen. Svetlana erinnert sich noch genau daran, wie sie nach ihrer Rettung erstmals seit Wochen Brot sah. "Ich hörte nicht mehr auf zu essen."

Erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive

Die Befreiung von Ruska Losowa ist nur ein Glied in einer ganzen Kette militärischer Erfolge um Charkiw, die die ukrainischen Streitkräfte errungen haben: Vergangenes Wochenende zählte der ukrainische Generalstab ein halbes Dutzend befreiter Orte, am Dienstag weitere vier. An manchen Punkten der Front sind es nur noch wenige Kilometer bis zur russischen Grenze.

Die ukrainischen Erfolge gegen die stärkste Atommacht der Welt dürfte es eigentlich gar nicht geben – zumindest nach der Logik einiger deutscher Intellektueller. Prominente Denker um die Feministin Alice Schwarzer forderten jüngst in einem offenen Brief, die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine einzustellen. Auch Kiew müsse den Kurs ändern: Die ukrainische "Gegenwehr" gegen die russische Aggression habe mittlerweile zu viele Opfer produziert, ein Waffenstillstand müsse nun umgehend erzielt werden, auch wenn – das steckt nur implizit in dem Brief – dies einer Kapitulation gleichkäme. "Eine Atommacht kann man nicht besiegen", erklärte der Sozialpsychologe und Mitunterzeichner Harald Welzer neulich bei "Anne Will" – und vergaß dabei die Kriege in Vietnam und Afghanistan.

Doch die Realität in der Ukraine mag sich den theoretischen Ableitungen und Angstkurven deutscher Denker nicht beugen. Derzeit findet das Gegenteil statt: Ukrainische Truppen besiegen russische Truppen mit konventionellen Mitteln, ohne dass Putin mit nuklearen Säbeln rasselt. Ukrainische Soldaten berichten t-online, sie würden damit rechnen, schon in den nächsten Tagen und Wochen das Gebiet um die zweitgrößte Stadt Charkiw vollständig zu befreien und die Angreifer bis an die Grenze nahe Belgorod zu drücken.

Nach der Befreiung von Kiew wäre es der zweite signifikante Erfolg auf dem Schlachtfeld gegen Russland.

Der feine Unterschied

"Es geht nur mit Alkohol", sagt Bogdan und malt mit zwei Fingern ein Glas in die Luft. "50 Milliliter Schnaps sind meine Dosis. Das nimmt mir die Angst." Wie bestellt ertönt aus der Ferne ein dumpfes Grollen. Artilleriebeschuss gehört hier seit Wochen zum Alltag. Ein infernalischer Sound, den man vielleicht gehört haben muss, um zu verstehen, wie es die Menschen hier psychisch kaputtmacht. Ein fortwährendes Donnern, dunkel und mächtig, es sagt: Ich kann jederzeit bei dir sein.

Samstag, 7. Mai. Während Bogdan durch die Trümmer seines Viertels Saltiwka an der Nordspitze Charkiws schlendert, liefern sich ukrainische und russische Truppen fünf Kilometer weiter eine entscheidende Schlacht. Das Dorf Zyrkuny am nördlichen Stadtrand hat eine strategische Bedeutung: Von hier aus wurde Charkiw und insbesondere Saltiwka wochenlang terrorisiert – mit allem, was die russische Armee an Grausamkeiten zu bieten hat: Grad-Raketen, Mörsergranaten, Marschflugkörper.

Wenn die Artillerieschläge lauter werden, bleibt er stehen und winkt in einen Hauseingang. "Ich kann hören, aus welcher Richtung sie kommen." Der feine Unterschied. Hier entscheidet er über Leben und Tod.

Bogdans Tour durch die Ruinenlandschaft führt durch das Gitter einer ehemaligen Schule in einen Keller. Es ist stockfinster, erst nach und nach schälen sich Gestalten aus der Dunkelheit. Manche tragen Leuchten am Kopf, andere scheinen sich mit Katzenaugen zurechtzufinden.

"Ich lebe seit 73 Tagen hier unten", sagt Lara. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, oft auch ohne Licht. Wenn es Sprit gibt, können sie den Generator anwerfen, erzählt die 51-Jährige. Heute gibt es keinen Sprit. In den Kartons lagern Vorratsdosen mit "Erasco"-Nudelsuppe, Kartoffelsuppe, insgesamt sehr viel Suppe.

Die Bunkermenschen sind scheu, aber freundlich. Lara überprüfte bis vor Kurzem noch Stromzähler in Wohnungen. Doch heute gibt es weder Strom noch Wohnungen, in denen man wohnen könnte. Was die Artillerie nicht zu Asche verwandelt hat, holen sich die Plünderer. "Wir führen zwei Kriege: gegen Russland und gegen Plünderer", sagt die 51-Jährige. Bei ihr seien sie auch schon eingestiegen, "dabei besitze ich nur Bücher".

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Man stolpert über Kisten und Menschen und rennt gegen riesige Rohre, die mitten durch den Keller verlaufen. Es ist ein surrealer Ort, ein Paralleluniversum, geschmiedet aus Angst und Beton und der Hoffnung, irgendwie zu überleben, irgendwann wieder ein normales Leben führen zu können.

Wenn man es bei irgendjemandem verstehen könnte, sich ergeben zu wollen, die Regierung zur Aufgabe zu drängen und Putin einfach zu geben, was er will – dann wohl bei diesen Menschen. Aber selbst hier findet man noch Widerstandsgeist. "Saltiwka ist mein Bezirk. Ich bleibe hier", sagt Yevgeny, ein Politikstudent, der hier früher zur Schule gegangen ist. Es ist eine Mischung aus Trotz und Alternativlosigkeit, die Bogdan und die Bunkermenschen an diesem Ort hält.

"Ich zeige Ihnen, was der Freund von Angela Merkel uns angetan hat"

Von Trotz kann Mikhail eine Menge erzählen. Der 72-Jährige trägt zwei leere Wasserkanister durch die Frühlingssonne Charkiws, um sie an einem Brunnen aufzufüllen. Er macht einen gemütlichen Eindruck, feuert aber rhetorisch aus allen Rohren. "Ich zeige Ihnen, was der Freund von Angela Merkel uns angetan hat", sagt er und spaziert gemächlich voraus.

Auch er wohnt in Saltiwka und hat den Bombenterror der letzten Wochen überlebt. Seine Nachbarschaft gleicht einem Schlachtfeld. Eine Gasexplosion hat eine ganze Straßenecke eingeäschert. Eine postapokalyptische Szene.

Der Asphalt ist übersät von Stromkabeln, Granathülsen und Steinbrocken, die aus Wohnhäusern gesprengt wurden. Es knackt, wenn man darüber läuft. Mikhail zeigt auf eine Gruppe grauer Plattenbauten. "Hier wohnen noch acht Menschen, da keiner mehr und im linken noch vier. Da wohne ich."

Das 16-stöckige Haus ist lebensfeindliches Terrain. Einschusslöcher auf allen Seiten, Balkone, die halb herunterhängen, ein Garten aus Splittern und Schrapnell. Auch das Fundament wurde an der Nordseite von einer Rakete beschädigt. "Wir dachten erst, das ganze Haus stürzt ein", sagt Mikhail. Und jetzt? "Es steht noch."

Beim Betrachten dieser Kriegsruine ertappt man sich bei der naiven Frage, was wohl in dem Menschen vorgegangen ist, der ein paar Kilometer weiter Mikhails Wohnhaus als Ziel auswählte und den Befehl zum Feuern gab. Für den Rentner keine relevante Frage. "Putler will uns vernichten."

Zusammen mit seiner Frau Olga und dem blinden (und zahnlosen) Hund Isja wohnt der 72-Jährige im 12. Stock. Von hier aus kann man fast bis zur Front sehen. Während des massiven Beschusses im April saßen die drei hier wie auf dem Präsentierteller – ein leichtes Ziel für russische Geschütze. Sie blieben trotzdem.

"Als die erste Rakete einschlug, hat das ganze Haus gezittert. Die Wände, der Boden, einfach alles", sagt Olga und legt ihre Hand wie zur Demonstration auf den bröckelnden Putz im Flur. Isja, der arme Hund, sei wild aufgesprungen und habe sich in der Nachbarwohnung verkrochen. Die erste Rakete habe viel verändert. "Ich bin ängstlicher geworden. Seitdem schrecke ich schon zusammen, wenn der Wind die Tür zuschlägt", sagt Olga.

Woanders hinzuziehen, bis der Krieg vorbei ist, komme dennoch nicht in die Tüte. Dann hätte Russland gewonnen, sagt Mikhail. Der Rentner hat eine bessere Lösung: "Putin und Lawrow in Zwangsjacken stecken und in die Psychiatrie einweisen."

"Charkiw wurde mithilfe westlicher Waffen befreit"

Der massive Beschuss in Charkiw ist für den Moment gestoppt, doch auch befreite Orte sind nicht sicher. Am Mittwoch feuerte die russische Armee Brandbomben auf Zyrkuny. Für eine echte Waffenruhe müssen die Angreifer weiter zurückgedrängt werden, braucht die Ukraine weitere taktische Siege. Aus Sicht der meisten westlichen Sicherheitsexperten muss Putin erst signifikante Verluste erleiden, bevor er zu ernsthaften Kompromissen mit Kiew bereit ist. Die Fortsetzung des Kriegs müsse teurer sein als ein Rückzug, heißt es.

Für das Zufügen militärischer Verluste ist Oleg Supereka zuständig. Der 53-Jährige dient seit Kurzem in der berüchtigten "Kraken"-Spezialeinheit, die dem ukrainischen Verteidigungsministerium unterstellt ist und aus dem nationalistischen Asow-Regiment hervorging. Seine Truppe hat bei der Befreiung der Orte nördlich von Charkiw eine entscheidende Rolle gespielt. Einfach sei es nicht gewesen, erzählt der frühere Fotograf Supereka: "Die Russen laufen nicht weg. Sie kämpfen."

Supereka lädt zum Mittagessen in eine Armeekantine ein, deren genauer Standort geheim bleiben soll. Handys müssen vor dem Betreten ausgeschaltet werden. Es gibt Eintopf mit Kartoffelstücken und Huhn, geviertelte Grapefruits und Kaffee. Der "Kraken"-Mann isst im Stehen und ausschließlich Äpfel. Es knackt, wenn er reinbeißt. Sobald er mit dem einen fertig ist, holt er sich den nächsten.

Die ukrainische Armee sei gut organisiert und verfüge über kluge Offiziere. Ein weiterer Vorteil: "Die Russen haben keine Taktik." Sie glauben, sie würden durch bloße Übermacht gewinnen und verheizen ihre Soldaten einfach. Trotzdem braucht die Ukraine vor allem mehr Waffen aus dem Westen: "Kiew wurde mithilfe westlicher Waffen befreit, Charkiw wurde mithilfe westlicher Waffen befreit. Auch deutschen", sagt er und meint das Weltkriegsmaschinengewehr vom Typ MG 42.

Um die restlichen Gebiete zu befreien, brauche man mehr davon und vor allem eines: Artillerie und Drohnen.

Chinesische Drohnen enttarnen russische Stellungen

Wie effektiv das Zusammenspiel aus den leisen Spähern in der Luft und schwerem Gerät im Hinterland ist, lässt sich an Mala Rohan studieren. Der kleine Ort östlich von Charkiw wurde Anfang März von ukrainischen Kräften eingenommen. Die Angreifer machten es ihnen nicht leicht: Russische Truppen hatten sich auf einem nahe gelegenen Hügel eingegraben und ihre Panzer mit Decken getarnt. Von dort aus beschossen sie Mala Rohan und Charkiw mit Artillerie und Kampfpanzern.

Die ukrainischen Verteidiger brauchten eine Weile, bis sie die russischen Stellungen entdeckten, so eine Armeesprecherin gegenüber t-online. Neben Militärdrohnen halfen auch zivile Drohnen des chinesischen Herstellers DJI dabei, russische Stellungen zu enttarnen und die ukrainische Artillerie präzise auszurichten. Offiziell hat der chinesische Produzent seine Geschäfte in Russland und der Ukraine Ende April eingestellt. Kiew wirft dem Unternehmen vor, Daten über ukrainische Operationen zu leaken. Doch in Mala Rohan hat es offenbar auch den Verteidigern geholfen.

Es war ein Blutbad, erzählt ein ukrainischer Soldat t-online. Fast 50 russische Angreifer fanden auf dem Hügel den Tod. Zwei von ihnen liegen noch heute dort, mit aufgerissenen Wunden an Brust und Schulter. Es riecht nach Verwesung.

"Kein Wunder", kommentiert Alexander das damalige Massaker auf dem Hügel. Viele russische Soldaten verfügten nicht einmal über ordentliche Schutzkleidung, starben daher wohl auch an vermeidbaren Verletzungen, vermutet der Dorfbewohner. Nachdem die Besatzer Mala Rohan verlassen hatten, habe er sich das zurückgelassene Equipment genau angesehen. "Statt Kevlar-Platten war in vielen Schutzwesten nur Karton drin." Auch einen Helm habe er gefunden, der viel zu dünn gewesen sei. "Wie eine Dose."

Der Ex-Soldat lebte mehrere Wochen unter russischer Besatzung. Wenn es etwas zu besprechen gab, etwa wenn jemand Brot im Nachbardorf besorgen wollte, ging er zu den Besatzern und fragte um Erlaubnis. "Ich wusste, wie ich mit ihnen reden muss", so der 37-Jährige.

Durch die vielen Besuche wurde ihm klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die ukrainische Armee den Ort zurückerobern würde. Im Camp herrschte meist schlechte Laune, erzählt er. Die Soldaten saßen in der Nässe, froren oder betranken sich. "Sie waren überhaupt nicht motiviert und fürchteten sich vor Gegenangriffen. Ich glaube, sie wollten nur nach Hause."

Für Alexander hat sich das Image der angeblich zweitstärksten Armee der Welt endgültig zerschlagen. Für Deutschland hat er eine klare Botschaft: "Habt nicht so viel Angst. Russland ist nicht so furchterregend." Er tritt gegen die Kette eines ausgebrannten russischen T-72, als wolle er sagen: Seht her, geht doch.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • Text: Daniel Mützel
  • Fotos/Video: Konstantin Chernichkin
  • Videoredaktion: Rahel Zahlmann
  • Schnitt: Axel Krüger
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