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Wird aus Großbritannien bald Kleinengland?

Von dpa
Aktualisiert am 15.05.2022Lesedauer: 3 Min.
Boris Johnson: Niemand im Vereinigten Königreich steht so fĂŒr den EU-Ausstieg wie der britische Premier.
Boris Johnson: Niemand im Vereinigten Königreich steht so fĂŒr den EU-Ausstieg wie der britische Premier. (Quelle: Zuma Wire/imago-images-bilder)
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Nicht nur in Nordirland lassen sich mit UnabhĂ€ngigkeitsbestrebungen Wahlen gewinnen – auch in Wales und Schottland wĂ€chst die Distanz zu London. Steht das Vereinigte Königreich langfristig vor dem Aus?

Die Wahlergebnisse waren erst wenige Stunden bekannt, da legte die schottische Regierungschefin schon den Finger in die Wunde: "Es wĂ€chst das GefĂŒhl, dass das Vereinigte Königreich in seinem derzeitigen Zustand die BedĂŒrfnisse von Schottland, Wales, Nordirland oder vielleicht sogar England nicht angemessen erfĂŒllt", sagte Nicola Sturgeon.

Dass die Galionsfigur der schottischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung sich die Spitze nicht verkneifen konnte, liegt auf der Hand. Doch tatsĂ€chlich folgen die jĂŒngsten Abstimmungen im Vereinigten Königreich der Tendenz, dass sich immer mehr Menschen von London abwenden. Wird Großbritannien zu Kleinengland?

Historische Wahl in Nordirland

Der kleinste Landesteil erlebte bei der Wahl zum Regionalparlament Historisches. Erstmals stellt mit Sinn Féin eine Partei die meisten Abgeordneten, deren erklÀrtes Ziel die Wiedervereinigung mit dem EU-Mitglied Republik Irland ist.

Michelle O'Neill (Mitte l), Spitzenkandidatin der nordirischen Partei Sinn FĂ©in: Die Partei konnte bei der Wahl zum nordirischen Parlament erstmals gewinnen.
Michelle O'Neill (Mitte l), Spitzenkandidatin der nordirischen Partei Sinn FĂ©in: Die Partei konnte bei der Wahl zum nordirischen Parlament erstmals gewinnen. (Quelle: Peter Morrison/AP/dpa-bilder)

Bis dahin dĂŒrfte es zwar ein weiter Weg sein, nicht nur wegen des fein austarierten MachtgefĂŒges in der ehemaligen BĂŒrgerkriegsregion. Umfragen zufolge sprechen sich derzeit rund 30 Prozent der Nordiren fĂŒr einen Zusammenschluss mit Irland aus. 2014 waren es lediglich 6 Prozent.

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Zudem haben die BefĂŒrworter die Demografie auf ihrer Seite: Mittlerweile leben in Nordirland SchĂ€tzungen zufolge mehr Katholiken, aus deren Reihen die AnhĂ€nger einer Wiedervereinigung stammen, als Protestanten, die mit großer Mehrheit die Union mit Großbritannien unterstĂŒtzen. Doch auch in den Reihen der Loyalisten bröckelt die UnterstĂŒtzung. Viele, vor allem junge Leute, sehen seit dem Brexit im EU-Staat Irland bessere Zukunftschancen.

Schottland strebt erneutes Referendum an

Die Schottische Nationalpartei (SNP) von Regierungschefin Sturgeon konnte bei der Kommunalwahl die Zahl ihrer Sitze erneut ausbauen, auch in Unionsbastionen. FĂŒr Ende 2023 peilt Sturgeon ein UnabhĂ€ngigkeitsreferendum an. Die nötige Gesetzgebung wolle sie bald auf den Weg bringen, kĂŒndigte sie nach der Kommunalwahl an.

Nicola Sturgeon (r.) und Boris Johnson (l.): FĂŒr ein UnabhĂ€ngigkeitsreferendum wĂŒrde die schottische Regierungschefin die Zustimmung aus London benötigen.
Nicola Sturgeon (r.) und Boris Johnson (l.): FĂŒr ein UnabhĂ€ngigkeitsreferendum wĂŒrde die schottische Regierungschefin die Zustimmung aus London benötigen. (Quelle: Russell Cheyne/Reuters-bilder)

FĂŒr eine Volksabstimmung ist allerdings die Zustimmung des britischen Premierministers Boris Johnson nötig – der das bisher ablehnt. 2014 votierten die Schotten fĂŒr den Verbleib in der Union. Sturgeon argumentiert nun, der Brexit habe die Lage verĂ€ndert, und mit den SNP-Wahlsiegen 2021 und 2022 habe sie ein klares Mandat. Am Ende werden wohl Gerichte entscheiden.

In Wales wÀchst das Nationalbewussstsein

Im Gegensatz zu Nordirland und Schottland stimmte hier eine Mehrheit 2016 fĂŒr den Brexit. Doch die Umsetzung hat viele abgeschreckt. UnterstĂŒtzten 2014 nur 5 Prozent eine UnabhĂ€ngigkeit, sind es derzeit bis zu 30 Prozent. Bei den Kommunalwahlen zĂ€hlten die GrĂŒnen, die fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit eintreten, zu den Gewinnern.

Kampagne der "Wales Green Party": Bei den Kommunalwahlen im FrĂŒhjahr 2022 konnte sich die GrĂŒne Partei, die sich auch fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit Wales' einsetzt, deutlich verbessern.
Kampagne der "Wales Green Party": Bei den Kommunalwahlen im FrĂŒhjahr 2022 konnte sich die GrĂŒne Partei, die sich auch fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit Wales' einsetzt, deutlich verbessern. (Quelle: Dan Kitwood/getty-images-bilder)

Immer mehr Menschen identifizieren sich zudem als Waliser, wie der Politologe Richard Wyn Jones herausgefunden hat. Ihre Zahl stieg seit dem Brexit-Votum von 24 auf 30 Prozent. Die Zahl derer, die sich als Briten und Waliser sehen, sank indes von 27 auf 19 Prozent.

Es sei deutlich geworden, dass der Brexit ein nationales Projekt sei, um ein bestimmtes VerstÀndnis der Vergangenheit einer Nation sowie einer möglichen Zukunft zu verankern und voranzutreiben, schrieb Jones. Sprich: Der Brexit ist vor allem eine englische Angelegenheit.

"Populistischer, johnsoniaschier Kult"

Niemand im Vereinigten Königreich steht so fĂŒr den EU-Ausstieg wie Premier Johnson. Auch deshalb wird der 57-JĂ€hrige in weiten Teilen des Landes gehasst. Seine Konservativen wurden in Schottland und Wales, aber auch in London von den WĂ€hlern abgestraft und verloren etliche Sitze.

Johnsons Hochburg ist das lĂ€ndliche England. Deshalb richte sich seine Politik und Rhetorik immer stĂ€rker an die dortige englisch-nationale WĂ€hlerschaft, sind Experten sicher. Der frĂŒhere Tory-GeneralsekretĂ€r Chris Patten urteilte ĂŒber seine eigene Partei: "Ein Teil hat sich in einen englischen, nationalistischen, populistischen, johnsonianischen Kult verwandelt."

Demonstration der UnabhĂ€ngigkeitsbewegung Schottland (2021, Archiv): Die schottische Regierung strebt weiterhin ein Referendum ĂŒber die Abspaltung von Großbritannien an.
Demonstration der UnabhĂ€ngigkeitsbewegung Schottland (2021, Archiv): Die schottische Regierung strebt weiterhin ein Referendum ĂŒber die Abspaltung von Großbritannien an. (Quelle: NurPhoto/imago-images-bilder)

Doch reicht das, um das Vereinigte Königreich tatsĂ€chlich mittelfristig zu zerreißen? Die politischen Bedingungen in Nordirland sind eine HĂŒrde fĂŒr ein Grenzreferendum. Viele Schotten haben Angst, die UnabhĂ€ngigkeit werde zu einer wirtschaftlichen Katastrophe fĂŒhren. In Wales schließlich regiert ungefĂ€hrdet die pro-britische Labour-Partei, die es geschafft hat, Nationalismus und Unionismus miteinander zu verbinden.

Doch Tendenzen sind zu erkennen. "Die Wahlen vergangene Woche waren ein weiterer Schritt auf einem Weg, den wir bereits gegangen sind", kommentierte die Nachrichtenseite "Open Democracy". Zwar sei es nicht unvermeidlich, dass die Menschen in Wales, Schottland und Nordirland ihn wirklich weiter beschreiten. "Aber Johnsons Regierung unternimmt nichts, um uns zu einer Umkehr zu ermutigen." Dem Premier droht ein Domino-Spiel: FÀllt ein Stein, könnten alle fallen.

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