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Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Von dpa
Aktualisiert am 14.05.2022Lesedauer: 5 Min.
Ein Uniformierter inspiziert einen Krater nach einem Luftangriff der russischen StreitkrÀfte in der Region Luhansk.
Ein Uniformierter inspiziert einen Krater nach einem Luftangriff der russischen StreitkrÀfte in der Region Luhansk. (Quelle: Leo Correa/AP/dpa./dpa)
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Kiew (dpa) - Knapp zweieinhalb Monate nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine hat der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj noch mehr Druck der internationalen Gemeinschaft auf Moskau gefordert.

"Mit jedem Tag des Krieges nehmen die globalen Bedrohungen zu, gibt es eine neue Gelegenheit fĂŒr Russland, InstabilitĂ€t in anderen Teilen der Welt zu provozieren, nicht nur hier in Europa", sagte Selenskyj in seiner tĂ€glichen Videoansprache. Derweil aber stĂŒrben in der Ukraine MĂ€nner und Frauen, "die ihr Bestes geben, damit alle Menschen frei leben können", sagte Selenskyj. "Daher ist viel mehr Druck auf Russland erforderlich."

Selenskyj kritisiert verweigerte Hilfe

Trotz der klare Lage gebe es LĂ€nder, in denen Sanktionen gegen Moskau zurĂŒckgehalten wĂŒrden oder Hilfe fĂŒr die Ukraine blockiert werde, kritisierte Selenskyj. Konkret nannte er jedoch kein Land beim Namen. Dabei sei inzwischen bekannt, dass Russlands Blockade ukrainischer HĂ€fen sowie der Krieg insgesamt eine große Nahrungsmittelkrise provozierten. "Und russische Beamte drohen der Welt auch offen, dass es in Dutzenden von LĂ€ndern Hungersnöte geben wird."

"TatsÀchlich kann heute niemand vorhersagen, wie lange dieser Krieg dauern wird", sagte Selenskyj. "Aber wir tun alles, um unser Land schnell zu befreien. Dazu brauche die Ukraine Hilfe ihrer Partner, "aus europÀischen LÀndern, aus den LÀndern der ganzen freien Welt".

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"Der Kreml ist sauer"
Russische Separatistenmilizen in Sjewjerodonezk: Aus der Stadt hat sich das ukrainische MilitĂ€r mittlerweile zurĂŒckgezogen.


Der Chef des ukrainischen MilitĂ€rgeheimdienstes dagegen sagte in einer ĂŒberaus optimistisch klingenden Prognose ein Ende des Kriegs mit einer russischen Niederlage bis Jahresende voraus. SpĂ€testens Mitte August komme es zu einer Wende an den Fronten, sagte Generalmajor Kyrylo Budanow dem britischen Sender Sky News. "Der Wendepunkt kommt in der zweiten AugusthĂ€lfte."

Bis zum Jahresende werde die Ukraine wieder die Kontrolle ĂŒber alle ihre Gebiete zurĂŒckerlangen, auch ĂŒber die Halbinsel Krim. Budanow erwartete zudem große Änderungen im Kreml. Seiner Ansicht nach sei ein Putsch gegen den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin bereits im Gang. Beweise fĂŒr seine Behauptungen legte er nicht vor.

Russland beschießt GefechtsstĂ€nde und Munitionslager

Bei neuen Luftangriffen in der Ukraine hat Russland nach eigenen Angaben mehrere GefechtsstĂ€nde und zwei Munitionslager im Gebiet Donezk beschossen. Im Zuge der SchlĂ€ge seien auch 23 Einheiten von MilitĂ€rtechnik außer Gefecht gesetzt und bis zu 100 ukrainische KĂ€mpfer "vernichtet" worden, sagte der Sprecher der russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Samstag in Moskau. Von unabhĂ€ngiger Seite ĂŒberprĂŒfbar waren diese Angaben zunĂ€chst nicht. Zu einem möglichen russischen Vormarsch auf ukrainischem Gebiet Ă€ußerte sich der MilitĂ€rsprecher nicht.

Außerdem seien in der Nacht zum Samstag 18 Kommandopunkte und 543 militĂ€rische Stellungen mit Raketen und Artillerie beschossen worden, sagte Konaschenkow. Die Schwerpunkte der Angriffe lagen demnach im Gebiet Donezk. Zerstört wurde demnach auch ein Munitionslager der ukrainischen StreitkrĂ€fte im Gebiet Cherson. Zuvor hatte Russland erklĂ€rt, die Kontrolle ĂŒber diese Region in der SĂŒdukraine zu haben. Die russische Luftabwehr habe außerdem in den östlichen Gebieten Charkiw, Luhansk und Donezk insgesamt 13 ukrainische Drohnen abgeschossen, sagte Konaschenkow.

Kiew sieht "dritte Phase" des Kriegs

Die ukrainische FĂŒhrung sieht den Beginn der "dritten Phase" des russischen Angriffskriegs und eines damit verbundenen langwierigen Kampfes. "Phase eins" sei der Versuch gewesen, die Ukraine "in wenigen Tagen" zu ĂŒberrollen, sagte Viktor Andrusyw, Berater im ukrainischen Innenministerium, im Fernsehen. In der zweiten Phase sollten die ukrainischen StreitkrĂ€fte in mehreren Kesseln eingekreist und zerschlagen werden. "Und auch das haben sie nicht geschafft."

In der neuen "dritten Phase" bereiteten die russischen MilitÀrs die Verteidigung der bisher erreichten GelÀndegewinne vor. "Das zeigt, dass sie einen langen Krieg daraus machen wollen", sagte Andrusyw. Offenbar denke die russische Regierung, dass sie so den Westen an den Verhandlungstisch und damit die Ukraine zum Einlenken zwingen könne.

Mariupol: Stahlwerk weiter unter Beschuss

Russland hat nach ukrainischen Angaben unabhĂ€ngig vom Ringen um eine Verhandlungslösung fĂŒr die KĂ€mpfer im Stahlwerk Azovstal in Mariupol erneut die Industriezone beschossen. Es gebe Angriffe aus der Luft und am Boden, teilte der Mariupoler Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko am Samstag im Nachrichtkanal Telegram mit. "Die Grausamkeit des Feindes nimmt zu", meinte er. Es wĂŒrden nicht nur die Verteidiger von Mariupol selbst angegriffen, sondern auch ihre Familien.

"Gestern haben die Besatzer in den sozialen Netzwerken die persönlichen Kontakte (Telefon, Profile) der Ehepartner ausfindig gemacht", sagte Andrjuschtschenko. Er veröffentliche bei Telegram auch ein Video, das Luftaufnahmen des Stahlwerks unter russischem Beschuss zeigen soll. Darauf sind auch schwere Explosionen zu sehen. Woher und von wann die Aufnahmen stammen, konnte zunĂ€chst nicht von unabhĂ€ngiger Seite ĂŒberprĂŒft werden.

Verhandlungen um Azovstal-Verteidiger schwierig

Die Verhandlungen um einen möglichen freien Abzug oder Teilabzug der im Stahlwerk eingekesselten ukrainischen Soldaten gestalten sich nach Darstellung Kiews "Ă€ußerst schwierig". Das sagte die fĂŒr die GesprĂ€che zustĂ€ndige ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk, wie die Agentur Unian berichtete.

"Ich teile die Angst und Sorge der Menschen, die den Verteidigern der Festung nahestehen", sagte sie. Doch es herrsche Krieg. "Und im Krieg geschehen keine Wunder, es gibt nur bittere RealitĂ€ten." Daher helfe in diesem Fall nur ein "nĂŒchternes und pragmatisches Herangehen".

Wereschtschuk bemĂŒht sich seit Tagen mit Hilfe der UN und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, mit der russischen Seite ĂŒber einen möglichen Ausweg fĂŒr die im Stahlwerk der Hafenstadt Mariupol verschanzten ukrainischen Truppen zu sprechen. "Aber die Verhandlungen mit dem Feind sind Ă€ußerst schwierig", sagte sie. "Möglicherweise wird der Ausgang nicht alle zufriedenstellen."

In die Verhandlungen um die Verteidiger von Azovstal hat sich auch die TĂŒrkei eingeschaltet. Das russische MilitĂ€r lehnt bisher jedes ZugestĂ€ndnis ab, fordert die Kapitulation der verschanzten Ukrainer. Nach ungenauen SchĂ€tzungen halten sich in dem weitlĂ€ufigen Werk noch rund 1000 ukrainische Soldaten auf, viele von ihnen verwundet. Ein Großteil von ihnen gehört dem Regiment "Asow" an, das von Russen als nationalistisch und rechtsextremistisch eingestuft wird.

In einer Videokonferenz mit Kiew berichtete der stellvertretende Kommandeur des Asow-Regiments, dass seine Einheit bisher rund 6000 russische Soldaten "vernichtet" habe. "Dazu noch 78 Panzer und etwa 100 gepanzerte Fahrzeuge", sagte Swjatoslaw Palamar." Die Angaben ließen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Ein weiterer Angehöriger des Regiments, David Chimik, berichtete von schwere KĂ€mpfen um das Stahlwerk. Dennoch gab er sich optimistisch. "Wir denken nicht daran, zu MĂ€rtyrern zu werden, wir kĂ€mpfen um unser Leben und warten auf UnterstĂŒtzung", wurde Chimik von der "Ukrajinska Prawda" zitiert.

London: Kreml strebte Kontrolle ĂŒber Großteil der Ukraine an

Moskau wollte nach Ansicht britischer Geheimdienstexperten mit seinem Angriffskrieg einen Großteil der Ukraine dauerhaft unter pro-russische Kontrolle bringen. Dazu sollten demnach mit großer Wahrscheinlichkeit manipulierte Referenden in dem Land ĂŒber die Eingliederung in die Russische Föderation abgehalten werden, hieß es am Samstag in einer Mitteilung des britischen Verteidigungsministeriums.

Bisher habe Russland aber lediglich in der sĂŒdukrainischen KĂŒstenstadt Cherson eine pro-russische Verwaltung installiert. Das zeige, wie die Invasion die politischen Ziele Moskaus verfehle. Die Verwaltung in Cherson habe angekĂŒndigt, die Angliederung an Russland voranzutreiben. "Sollte Russland ein Beitrittsreferendum in Cherson abhalten, wĂŒrde es die Ergebnisse beinahe sicher manipulieren, um eine klare Mehrheit fĂŒr die Loslösung von der Ukraine zu zeigen", hieß es in der Mitteilung weiter.

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