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Kiew probt trotz tiefer Kriegswunden wieder die NormalitÀt

Von dpa
26.05.2022Lesedauer: 4 Min.
An einer Metrostation in Kiew sollen SandsĂ€cke die GebĂ€ude schĂŒtze - mit der Parole "Putin chuilo" (etwa: "Putin ist ein Schwanzgesicht").
An einer Metrostation in Kiew sollen SandsĂ€cke die GebĂ€ude schĂŒtze - mit der Parole "Putin chuilo" (etwa: "Putin ist ein Schwanzgesicht"). (Quelle: Ulf Mauder/dpa./dpa)
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Kiew (dpa) - Der Einschlag einer russischen Rakete in einem 22-geschossigen Wohnhaus im Schewtschenko-Stadtviertel von Kiew hat in den unteren Etagen ganze Wohnungen weggesprengt. Bauarbeiter rĂ€umen an einem frĂŒhlingshaften Mai-Tag TrĂŒmmer beiseite, in den Etagen darĂŒber ist die Fassade intakt.

Die Fensterscheiben fehlen. Unklar ist, ob die Statik hÀlt. "Das wird schon", meint GebÀudeverwalter Jan. Die Rakete schlug am 28. April gegen 20.00 Uhr ein - als auch UN-GeneralsekretÀr António Guterres in der Stadt war.

"Ich hatte um 19.00 Uhr mein BĂŒro im dritten Stock verlassen, eine Stunde spĂ€ter kam der Anruf: Es gab eine Explosion", erinnert sich der Verwalter. Viele Wohnungen sind nicht mehr bewohnbar, in einigen leben aber wieder Menschen. "Vor allem Frauen kommen zurĂŒck", sagt Jan. "Einige waren nach ihrer Flucht zu Kriegsbeginn gerade erst wieder zurĂŒckgekehrt in die Wohnung, als die Rakete einschlug."

Der Schock bleibt

Mehrere Menschen wurden an dem Tag Ende April verletzt. Die ukrainische Journalistin Wira Hyrytsch wurde tot aus den TrĂŒmmern geborgen. Auch einen Monat danach sitzt der Schock bei vielen tief. "Die Russen hassen uns, wollen uns und alles vernichten", sagt die 47 Jahre alte Tanja, die in die Wohnung im 21. Stockwerk will. "Dort sind nur die Fenster zerborsten, die wir jetzt auswechseln mĂŒssen", erklĂ€rt ihr Jan. Bezahlen muss sie das selbst.

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Die private Unternehmerin erzĂ€hlt, dass die Wohnung gerade renoviert werden sollte, deshalb sei niemand dort gewesen beim Raketenangriff. Sie schĂŒttet ihr Herz aus: Mutter und Vater seien Russen, sie wohne mit der Mutter (77) und dem 52 Jahre alten Bruder, dem die Wohnung im Hochhaus gehört, in der NĂ€he. "Er kommt nach einer Covid-Erkrankung nicht auf die Beine. Ich weiß manchmal nicht, wie es weitergeht", sagt Tanja. Ihre Augen werden feucht. Vor allem vor dem Winter fĂŒrchtet sie sich, davor, dass Russland den Gashahn abdrehen könnte und die Menschen erfrieren lĂ€sst.

"Am schlimmsten ist, dass die Familie zerrissen ist. Mein Onkel in St. Petersburg, meine Freundin in Moskau, sie wollen nicht glauben, dass wir hier vom russischen MilitĂ€r beschossen werden mit Raketen, dass sie Verbrechen begehen, Frauen vergewaltigen, morden und plĂŒndern. Sie halten das fĂŒr MĂ€rchen." Niemand dort frage mal, wie es ihnen geht. "Kein Kontakt mehr."

Beschuss auf zivile statt militÀrische Objekte

TatsĂ€chlich berichtet das russische MilitĂ€r tĂ€glich, es wĂŒrden nur militĂ€rische Objekte mit "HochprĂ€zisionswaffen" beschossen. Aber oft treffen sie in Wirklichkeit zivile Infrastruktur - wie hier. GegenĂŒber liegt das ebenfalls von einer Rakete getroffene FabrikgebĂ€ude des Raketenherstellers "Artem". Das Dach ist zertrĂŒmmert, die Scheiben sind herausgeplatzt. Das Haus steht direkt an einem belebten Markt an der Metrostation Lukjaniwska. Russland hat den Luftschlag eingerĂ€umt.

Überall in der Stadt sind an Stationen und öffentlichen GebĂ€uden zum Schutz SandsĂ€cke aufgestapelt. Tanja meint, es werde nichts helfen: "Viele haben das Land verlassen. Wir sind vielleicht noch 20 Millionen, sie sind 140 Millionen und werden uns einfach plattwalzen." Die Gefahr ist auch in Kiew gegenwĂ€rtig - wo Luftalarm fast tĂ€glich daran erinnert, dass Raketen einschlagen können. Viele HauptstĂ€dter ignorieren den Alarm. Gehortet wird aber, wo es geht, das knappe Benzin, um notfalls mit dem Auto zu flĂŒchten.

Am Hauptbahnhof von Kiew kommen inzwischen tĂ€glich mehrere ZĂŒge mit rĂŒckkehrenden GeflĂŒchteten an. Einige sagen, sie wollten nach dem Rechten sehen, Dinge erledigen und dann vorerst wieder ins Ausland fahren, bis das Leben hier wieder sicher ist. Aber viele kommen, um zu bleiben - auch wenn BĂŒrgermeister Vitali Klitschko dazu rĂ€t, lieber dort zu bleiben, wo keine Gefahr droht.

Volle ZĂŒge, Busse und U-Bahnen

Noch immer sind einige GeschĂ€fte und etwa auch die Schnellrestaurants der US-Kette McDonald's geschlossen. Doch die Straßen, Busse und ZĂŒge werden immer voller. WĂ€hrend die KĂ€mpfe vor allem im Osten der Ukraine weiter mit großer HĂ€rte toben, drĂ€ngen sich die Menschen in Kiew wieder in den Metrowaggons, um zur Arbeit und nach Hause zu kommen. Die U-Bahn dient zwar weiter als Bunker, wenig erinnert aber daran, dass das Land schon fast 100 Tage im Kriegszustand ist.

Auf dem Hauptbahnhof ist aus Czernowitz in der Westukraine die Seniorin Olga nach mehr als zweieinhalb Monaten auf der Flucht angekommen. "Ich möchte wieder mein altes Leben zurĂŒck", sagt sie. Nach dem Einmarsch der russischen Truppen sei sie weg aus ihrem Stadtteil Obolon, als dort ein Panzer ein Auto zerdrĂŒckte. "Ich bin sogar drei Wochen lang vom Russischen ins Ukrainische gewechselt." Inzwischen ist sie wieder bei ihrer Muttersprache.

"Niemand hier muss unsere russische Sprache schĂŒtzen, wir sprechen sie und lassen uns das auch nicht verbieten", sagt sie mit Blick darauf, dass Kremlchef Wladimir Putin seinen Angriff nicht zuletzt damit begrĂŒndet, er wolle die von der ukrainischen Regierung zurĂŒckgedrĂ€ngte russische Sprache schĂŒtzen. "Die da im Kreml sollen uns einfach in Ruhe lassen. Wir wollen unseren Weg gehen in Richtung Europa. In Russland ist nichts als Hass", sagt Olga.

Hass gegen Putin

Das Schimpfwort "Putin chuilo" - auf Deutsch etwa: "Putin ist ein Schwanzgesicht" - ist an vielen Orten in Kiew zu lesen. Der Hass richtet sich gegen den Kremlchef, aber auch gegen Russland insgesamt. Nirgends in der Hauptstadt wird das deutlicher als auf dem Maidan, wo das Herz der ukrainischen UnabhĂ€ngigkeit schlĂ€gt. Da stehen sie noch trotzig, die Panzersperren auf dem Platz der UnabhĂ€ngigkeit, wo 2014 die proeuropĂ€ische Revolution den Weg vorgab. Ein Denkmal erinnert an die toten Helden der "Himmlischen Hundertschaft", die damals den russlandfreundlichen Staatschef Viktor Janukowitsch stĂŒrzten.

Kleine, blau-gelbe FĂ€hnchen mit den Namen der Toten des russischen Angriffskrieges stecken im Rasen. Doch ein paar Meter weiter, auf der Prachtmeile Chreschtschatyk, ist an diesem frĂŒhlingshaften Mai-Tag vieles so wie vor dem Krieg - Menschen essen, trinken, lachen auf Terrassen in CafĂ©s und Restaurants. Nur abends kehrt schlagartig Ruhe ein, wenn die Sperrstunde ruft - und sich wegen der Gefahr neuer russischer RaketenschlĂ€ge niemand mehr draußen aufhalten soll.

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