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Attentat auf Ex-Spion löst internationale Krise aus

  • Jonas Mueller-Töwe
Von Jonas Mueller-Töwe

Aktualisiert am 13.03.2018Lesedauer: 3 Min.
Der Spion Sergei Skripal hinter Gittern: Zwölf Jahre nach seinem Prozess ist er in Großbritannien vergiftet worden.
Der Spion Sergei Skripal hinter Gittern: Zwölf Jahre nach seinem Prozess ist er in Großbritannien vergiftet worden. (Quelle: imago-images-bilder)
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Nach dem Giftanschlag auf einen russischen Ex-Spion in Großbritannien deuten alle Indizien auf Russland als Auftraggeber. Der Westen und Russland sind auf Eiszeit-Kurs.

Der Ton zwischen Moskau und London wird rauer. Lächerlich seien die Anschuldigungen, Russland habe etwas mit dem Attentat auf einen russischen Ex-Spion in Großbritannien zu tun. "Das ist eine Zirkus-Nummer im britischen Parlament", ließ das russische Außenministerium am Montagabend mitteilen. Eine "politische Kampagne" sei das. Ein "Märchen". Sein Land sei "unschuldig" an dem Attentat, legte Außenminister Sergej Lawrow am Dienstag persönlich nach.

"Willkürlicher und schamloser Angriff"

Da hatte die britische Premierministerin Theresa May soeben den russischen Botschafter einbestellt und vor Abgeordneten verkündet, es sei "höchstwahrscheinlich", dass Russland hinter dem Anschlag stecke. Offizielle Stellen dort hätten den Mordversuch in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht. Bis Dienstagabend müsse sich Moskau zu dem "willkürlichen und schamlosen Angriff auf das Vereinigte Königreich" äußern. Sonst drohten "Gegenmaßnahmen". Als ersten Schritt drohte die britische Medienaufsicht, dem TV-Sender "Russia Today" die Lizenz zu entziehen.

Der Spion Sergei Skripal hinter Gittern: Zwölf Jahre nach seinem Prozess ist er in Großbritannien vergiftet worden.
Der Spion Sergei Skripal hinter Gittern: Zwölf Jahre nach seinem Prozess ist er in Großbritannien vergiftet worden. (Quelle: imago-images-bilder)
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Der ehemalige Geheimdienst-Oberst Sergei Skripal und seine 33-jährige Tochter waren am 4. März vor einem Supermarkt im englischen Salisbury zusammengebrochen und liegen seitdem im Koma – offenbar in Folge einer Attacke mit einem äußerst tödlichen und seltenen Nervengift. Weitere 19 Menschen wurden verletzt. Ein Polizist lag ebenfalls mehrere Tage im Koma. Der Vorfall leitet eine diplomatische Eiszeit ein, die an den Kalten Krieg erinnert.

Spur führt auch in anderen Fällen nach Russland

Denn das hoch entwickelte Gift, fanden Ermittler heraus, entstammt sowjetischer Produktion. Es habe "militärische Qualität". Sowohl Geheimdienst- als auch Chemiewaffenexperten halten Szenarien, in denen Russland nicht in die Tat verwickelt ist, für äußerst unwahrscheinlich. Zumal im ähnlich gelagerten Fall des ermordeten Ex-KGB-Agenten Alexander Litwinenko sowohl Scotland Yard als auch ein Gericht die Spur zu russischen Tatverdächtigen zurückverfolgten – ihrer aber nicht habhaft werden konnten, weil Russland sie nicht auslieferte. Auch damals hielten Ermittler für wahrscheinlich, dass der russische Präsident Wladimir Putin hinter der Tat steckte.

Premierministerin Theresa May im Parlament: Sie macht Russland für den Anschlag verantwortlich – und droht mit Vergeltung.
Premierministerin Theresa May im Parlament: Sie macht Russland für den Anschlag verantwortlich – und droht mit Vergeltung. (Quelle: dpa-bilder)

Auch aus diesem Grund will im Westen niemand mehr so recht an die Unschuldsbeteuerungen der russischen Regierung glauben. Die habe nämlich eine Geschichte "staatlicher Auftragsmorde", sagte May in ihrer Rede. Tags darauf gab das britische Innenministerium bekannt, es werde eine Reihe mysteriöser Todesfälle neu aufrollen, über die das Nachrichtenportal "BuzzFeed" berichtet hatte – insgesamt sollen allein in Großbritannien möglicherweise 15 Morde auf das Konto russischer Geheimdienste gehen.

Experten halten russische Behauptungen für unglaubhaft

Im Fall Skripals hält der britische Historiker Mark Galeotti die Indizienlage für erdrückend – auch aufgrund des verwendeten Giftes. Er forscht und lehrt seit Jahrzehnten zu organisierter Kriminalität und Geheimdiensten in Russland. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Russlands Regierung die Kontrolle über Novichok-Bestände verloren hat, und dass es von irgendwelchen mörderischen Rebellen verwendet wurde, um Skripal anzugreifen, sind minimal", schreibt Galeotti auf Twitter. Es sei Zeit, sehr unwahrscheinliche Möglichkeiten auszuschließen, um Zweideutigkeiten zu vermeiden. Zuvor hatte ein ehemaliger russischer Geheimdienstchef ins Spiel gebracht, auch andere ehemalige Sowjetrepubliken könnten über Bestände des Gifts verfügen.

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Mehrere europäische Staaten stellten sich derweil demonstrativ auf die Seite Großbritanniens. Der EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans forderte eine europaweite Reaktion auf den Anschlag. Europa müsse "eindeutige, unerschütterliche und sehr starke" Solidarität zeigen. "Sollte Russland dahinterstecken, wäre das ein sehr ernster Vorgang", sagte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel. Auch US-Präsident Donald Trump vermutete am Dienstag Russland hinter dem Attentat. "Für mich sieht es danach aus, dass es Russland gewesen sein könnte", sagte Trump. Da hatte er soeben seinen Außenminister Rex Tillerson entlassen.

Moskau bleibt hart – doch die Börse zittert

Die russische Regierung blieb am Dienstag jedoch bei ihrer Version – und lehnte Mays Aufforderung zur Stellungnahme rundheraus ab. "Bevor uns jemand Ultimaten stellt, sollte er seine eigenen Verpflichtungen gemäß dem internationalen Recht erfüllen", sagte Außenminister Lawrow in Moskau. Man habe Beweise und eine Probe des Gifts verlangt – der Antrag sei aber abgelehnt worden. Also werde man sich vorerst nicht weiter äußern. Russland hatte seinerseits den britischen Botschafter einbestellt. Angedrohte Sanktionen würden "nicht unbeantwortet bleiben".

Da waren die ersten Folgen der diplomatischen Spannungen allerdings bereits spürbar geworden. Der russische Rubel zitterte zeitweise und auch der Ölpreis und die Leitindizes der Moskauer Börse gaben vorübergehend nach. Vor allem der Ruf nach weiteren Sanktionen durch Großbritannien mache Anleger nervös, schrieben Analysten der Rosbank in einem Kommentar. Es könnten die ersten Ausläufer einer handfesten internationalen Krise sein.

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  • Rahel Zahlmann
Von Rahel Zahlmann
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